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Jüdische Zeitung · 1909-04-30 · 18 (30.4.1909) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr ,18 Die VIII. Landeskonferenz der galizischen Zionisten : in Lemberg, i"'! (Von unserem Spezialberichterstatter.) ' .; Der zweite Verhandlungstag wurde durch das Palästinareferat des Gg. Dr. M. Pacht mann aus Drohobycz eingeleitet. Der Referent unterbreitete der Konferenz einen Vorschlag zur Schaffung einer besonderen Organisation für die Palästinaarbeit in Galizien. Der Referent gab einen detaillierten Motivenbericht zu dem unterbreiteten Vorschlag, befürwortetedie Grüudung eines Informatiönsbureaus für Auswanderer nach Palästina und forderte das zu wählende Z.-K. auf, die Privatinitiative zur Begründung von - Industrien in Erez-Israel und zur Kolonisation Palästinas zu wecken. -'..Mn der darauffolgenden Debatte wurden weniger gegen das Sachliche des Vorschlages als gegen die Schaffung einer besonderen Palästinaorganisation Einwände erhoben. Die Mehrzahl der Delegierten. war der Meinung, daß eine separate Palästinaorganisation eine Spaltung in der galizi^ sehen ■Partei hervorrufen werde. Besonders scharf traten diesem Vorschlag die Gesinnungsgenossen Dr. Schreiber und Dr. Waldmann entgegen, welche darin den Versuch einer Teilung der galizischen Organisation in eine „zionistische“ und eine „palästinensische“ Fraktion erblickten. - Während der Debatte betrat Gg. Franz Oppenheimer den Saal. Er wurde von den Versammelten stürmisch begrüßt. Dr. Oppenheimer erbat sich sofort das Wort und dankte für den herzlichen Empfang. „Ich bin“, sprach er, „jahrelang als kritischer Beobachter abseits gestanden. Ich habe der zionistischen Organisation wenig genützt. Ihr liebevoller Empfang hat mich tief gerührt. Nehmen Sie die Versicherung entgegen, daß ich meine Kräfte anstrengen werde, ihre Liebe zu verdienen und zu erhalten.“ Am Nachmittage erstattete Gg. Dr. O. Thon das Referat über „Kulturarbeit“. Dr. Thon bezeichnete als richtigste Kulturarbeit im Golus: die Europäisierung der jüdischen Masse. Er schlug die Gründung von Toynbeehallen, Bibliotheken, Analphabetenkursen und hebräischen Schulen vor. Er macht besonders auf die „Haschachar“-Organisationen, das sind die Bachurimvereine, aufmerksam. Die zionistischen Bachurim berechtigen, seiner Ansicht nach, zu den besten Hoffnungen. Sie haben Fühlung mit der Masse undsind daher imstande, auch die fanatischesten Kreise für unsere Bewegung zu gewinnen. Zum Schlüsse gedachte er der Kulturinstitute in Palästina — hebräisches Gymnasium, ©ezalel und Nationalbibliothek — und ersuchte um .Förderung dieser Stätten der neujüdischen Kultur. Das Referat und die Vorschläge Gg. Dr. Thon fanden allseits Zustimmung. In der Debatte wurde vom Delegierten Besen darauf hingewiesen, daß die jüdischen Studenten sich leider von der Masse entfernen und daß ihr Eifer in der Agitation und in der Aufklärungsarbeit unter der jüdischen Masse nachgelassen habe. Er führt die unermüdliche Arbeit der ruthenischen Studenten als nachahmenswertes Beispiel an. Das Referat über „Organisation und Presse“ erstattete Gg. W a s c h i t z. Er schlägt der Konferenz die Annahme eines Organisationsstatuts vor, welches im wesentlichen dem Statute des westösterreichischen Z. K. gleicht. Er stellt schließlich den Antrag, daß außer dem vom Plenum gewählten und von D. K. entsandten Mitgliedern, im Z. K. auch die Chefredakteure der Parteiblätter Sitz und Stimme haben. Nach dem Referate des Gg. Waschitz schritt man zuerst zu den Neuwahlen für das Z. K., deren Ergebnis wir in der vorigen Nummer mitgeteilt haben und hernach zur Abstimmung über die eingebrachten Anträge und Vorschläge. Der Vorschlag Dr. Pachtmann wurde einer Kommission zugewiesen. Die endgütige Entscheidung über diesen Vorschlag ist einer in sechs Monaten einzuberufenden Vertrauensmännerkonferenz überlassen worden. Der Antrag Waschitz, betreffend die Zugehörigkeit der Redakteure der Parteiblätter zum Z. K. wurde angenommen. Außerdem JÜDISCHE ZEITUNG. wurden einige Vorschläge zur Ehrung des scheidenden Obmanne des Z. K. Dr. Markus Braude, welcher nach Lodz (Rußland) auf den Posten eines Predigers berufen wurde und Galizien verläßt, angenommen. . Der Vizepräsident des zion. Zentralkomitees für Galizien, Herr Dr. M. Ringel ersucht uns richtigzustellen, daß vom Aktionskomitee in Köln zur Landeskonferenz ein in herzlichsten Worten abgefaßtes Begrüßungsschreiben eingelangt ist. Durch Verschulden der Post wurde das Schreiben verspätet zugestellt. Dr. Franz Oppenheimer in Lemberg. Einer Einladung der österreichischen Parteiexekutive der „Poale Zion“ folgend, kam Dr. Franz Oppenheimer nach Lemberg, um ein nationalökonomisches Seminar abzuhalten. Dr. Oppenheimer benützte seine Anwesenheit in Lem^ berg, um auch vor einem größeren Kreise seine Pläne und Ansichten über die Kolonisation Palästinas und über die Siedlungsgenossenschaften zu entwickeln. Am 19. fand in Lemberg im großen Saale der philharmonischen Gesellschaft ein Palästinaabend statt, auf weichem Dr. Oppenheimer über die bisherige Kolonisationstätigkeit in Palästina und über sein eigenes Kolonisationssystem, über die Siedlungsgenossenschaft, sprach. Am Mittwoch den 21. d. hielt Dr. Oppenheimer einen allgemein wissenschaftlichen Vortrag. Nach dem Vortrage fand zu Ehren des Gastes im Hotel Bristol ein Kommers statt, an welchem alle hervorragenden Zionisten Lembergs teilnahmen. ln dem offiziellen Teile des Kommerses sprachen im Namen der poale-zionistischen Parteiexekutive Dr. M. R o s e n f e I d, im Namen der zionistischen Organisation Dr. M. R i nge 1 und Dr. D. Schreiber. Die Juden in Rumänien. Der Berliner „Vorwärts“ schreibt: Rumänien ist das klassische Land der Bauernunruhen und des Antisemitismus. Dieses Zusammentreffen wird von der rumänischen Regierung, der Sachwalterin der Latifundienbesitzer, schlau benutzt, um Europa über die Ursache der Erscheinungen zu täuschen und die eigene Schuld von sich abzuwälzen. Das macht es nur um so nötiger, die sozialen Verhältnisse des unglücklichen Balkanlandes einmal etwas gründlicher zu beleuchten. Rumänien leidet unter der barbarischen Despotie von Regierungen, die bald unter konservativer, bald unter liberaler Flagge die eigene Unfähigkeit durch die Niedertretung aller Volksrechte zu verschleiern bemüht sind. Die Ministerposten sind nach einem wohl nicht kodifizierten, aber umso mehr in der Praxis gehandhabten Erbrecht in einer ganz kleinen Zahl bestimmter Junkerfamilien erblich, die sich höchstens dadurch unterscheiden, daß die „liberalen“ Staatsvertreter in ihrem Liberalismus so weit gehen, reiche Juden anzupumpen, während die „Konservativen“ dergleichen Geschäfte nur bei den reichen griechischen Großkaufleuten in Galatz und Braila abwickeln. In den Präfekten, Verwaltungsbeamten, deren amtliche Stellung etwa mit der eines preußischen Regierungspräsidenten zu vergleichen wäre, haben die Regierungen brauchbare Werkzeuge. Daß solche Regierungen einer Justiz nicht entraten können, die mit drakonischer Strenge jede Aufklärung und jeden Versuch nach der minimalsten Verbesserung der Zustände als schwere Verbrechen bestrafen muß, ist selbstverständlich; ein Blick hinter rumänische Kerkermauern, hinter denen mancher „Feind des Vaterlandes“ seine Jugend vertrauert, würde manchen rumänienbegeisterten Zeitungsschreiber überzeugen, daß mit dem in Europa gepumpten Gelde Seite 7 wichtigere Aufgaben zu erfüllen wären als die Haltung eines Heeres von Spitzeln, die an Niederträchtigkeit der Gesinnung nicht einmal von ihren russischen Kollegen übertroffen werden. Die gesetzgebenden Körperschaften, die Kammern, setzen sich infolge einer von der Regierung mit den verwerflichsten Mitteln betriebene Wahlkorruption, bei der der „Rakiu“ (Schnaps) eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, in ihrer Majorität stets aus Anhängern des jeweiligen Regierungssystems zusammen, dem sie bei der Erlassung der perfidesten Ausnahmegesetze und Entrechtungsverordnungen kritiklose Gefolgschaft leisten. Nur wenn eine neue Anleihe auf dem europäischen Geldmärkte aufgenommen werden soll, wird ein wenig Komödie gespielt und das eine oder das andere soziale Gesetz beraten, das aber selten angenommen und sicher nie durchgeführt wird. Abnorme politische Zustände schaffen mit eiserner Notwendigkeit jene Unglücke liehen sozialen Verhältnisse, die sich in regelmäßig wiederkehrenden Befreiungsversuchen äußern. Scharenweise sind in das junge Königreich Techniker und Handwerker, Kaufleute und Unternehmer von überallher eingewandert. Armenier und Juden, Griechen und Türken beherrschen Handel und Verkehr, und in Bukarest, in j Galatz und Braila schwirren Sprachen und Worte der ganzen Welt durch die Luft — und die ganze Welt hat keine Ahnung, daß in diesem unglücklichen Lande Millionen hungern und alljährlich Tausende buchstäblich Hungers sterben. Solange der Bauer auf freier Scholle ungestört seinen Pflug führen durfte, hatte er an den Vorgängen des öffentlichen Lebens kein Interesse; sie waren ihm alle gleich, die Armenier und Juden, die Griechen und Türken, die für das der Erde mühevoll Abgerungene anständige Preise zahlten und ihm einen neuen Markt für die Erzeugnisse seiner Arbeit eröffneten. Es wurde bald anders. Mit den Fremden kam allmählich auch der Kapitalismus ins Land, und mit dem Kapitalismus traten in kurzer Zeit jene besonders gefährlichen Wirkungen desselben auf, die er in rein agrarischen Verhältnissen erzeugt. In der Hauptsache sind in Rumänien Juden die alleinigen Träger des mobilen Kapitals; die durch keinerlei Argumente zu begründende bürgerliche Entrechtung der Juden hat für die Entrechteten in erhöhtem Maße abnormale Lebensbedingungen geschaffen, die mit den Interessen der Allgemeinheit nicht immer in Einklang stehen können; denn der Verfolgte und Unterdrückte wird oft im Interesse der Selbsterhaltung zum Verfolger und Unterdrücker. Hier liegen die Wurzeln vieler Uebel. Angesichts dieser Sachlage werden die auf sich selbst gestellten Juden gezwungen, sich mit schwerem Gelde Freiheiten aller Art zu erkaufen, die, weil nicht anerkannt und geregelt, als Geschenke der Laune bestechlicher Regierungen zu schwerem Mißbrauch führen. Die Juden sind, trotzdem ihre Familien auf rumänischem Boden Jahrzehnte leben, nach einer jesuitischen Verfassungsauslegung Fremde. Als solchen ist ihnen Erwerb von Grund und Boden verschlossen. Allein sie wissen sich zu helfen: durch eine kluge Einschmuggelung des Instituts der Erbpacht haben sie es verstanden, ungeheure Güterkomplexe an sich zu bringen und so die gegen sie gerichteten wirtschaftlichen Ausnahmebestimmungen zu durchbrechen. Als Erbpächter, denen infolge ihrer bürgerlichen Entrechtung das Damoklesschwert willkürlicher Ausweisrng jede Stunde droht, haben aber die Juden an der rationellen Bewirtschaftung des Bodens kein Interesse, und so haben sie an deren Stelle den Raubbau

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