Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 18 (30.4.1909)
- Date
- 1909-04-30
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 18 Nur Juden, die von ihrer eigenen Hände Arbeit leben wollen, sollen auf Unterstützung rechnen dürfen, denn nur diese werden jüdisches Leben in Palästina entwickeln. Vor Allem: die Arbeit erjernen (in den jüdischen Kolonien, besonders in Galiläa, in Mikwe-Israel, in Sedjera, in der von der Land-Development-Company eingerichteten Wirtschaft) und dann Kolonist werden. Durch diese Arbeit wird zuerst die Tätigkeit der I. C. A. selbst ausgedehnt, dann wird die zionistische Arbeit angefacht werden, indem man dann viel leichter die Mittel für einen großen Agrarfond bekäme, da die Rentabilität des Agrarkredits erwiesen wäre und schließlich würde der palästinensische Ackerbau wieder zu Ehren kommen — wie zu den Zeiten unserer Vorfahren — und einfache Juden aus dem Ghetto würden sich leichter entschließen, mit ihren Mitteln nach Palästina zu kommen, um dort Ackerbauer zu werden. Und je mehr selbständig arbeitende jüdische Kolonisten in Palästina sich ansässig machen, desto größer die Anziehungskraft des Landes auf jüdisches Kapital und jüdische Arbeit werden. Schwer wäre es für das erste Tausend, dann aber würde die Sache zu einer alU täglichen Erscheinung werden, die keines Heroismus bedarf. Aber die ersten Tausend müssen wirklich Mut besitzen. Und durch ihre Arbeit und ihr Leben hätten sie einen frischen Zug in das Leben der schon vorhandenen Kolonisten hineingetragen, die leider durch das alte philantropische System verdorben wurden, und gerade deshalb nicht ermutigend wirken konnten. Soll aber die nach Palästina auswandernde Jugend „verbauern?“ Nein. Sie soll als Bauernklasse die jüdische Kultur schaffen. Sie soll den Typus des hochintelligenten Bauern schaffen, zu einem bewußten Kulturfaktor werden. Sie soll die hebräische Sprache nicht nur lebendig machen, sondern zu einer Sprache der ganzen jüdischen Kultur entwickeln. Sie soll in den von ihr geschaffenen Kolonien Musterschulen, Musterwohlfahrtseinrichtungen, Mustergemeindeorganisationen errichten. Sie soll vor allem die Organisation aller lebensfähigen jungen Kräfte in Palästina schaffen. Dazu gehört Charakter und Idealismus, dazu gehört eine Elite. Solche Juden können neue Formen wirtschaftlichen Lebens schaffen, das auf Arbeit, Intelligenz und Zusammenfassung vieler Individuen Ijeruht. Solche Juden würden dem ganzen Volke den Weg nach Palästina ebnen. Neben ihnen könnten sich dann auch schwächere Elemente einrichten — Handwerker, Händler und das intellektuelle Proletariat. Dann wird Palästina ein Immigrationszentrum sein, was ja eigentlich unsere einzige Aufgabe für die nächste Zukunft sein muß. Die ersten, die nach Nordamerika auswanderten, waren Helden, Puritaner, die sich durch nichts abschrecken ließen. Und sie haben den Weg für die gewöhnliche große Masse geschaffen. Nur auf diese Weise können wir dazu gelangen, für die Juden und das Judentum ein Heim zu schaffen. Und noch immer war das jüdische Heim — nicht das Golus- Heim — von jüdischen Bauern geschaffen und verteidigt. Den Makkabäerkampf hat der jüdische Bauer durchgefochlen. Und den Kampf gegen die Römer haben die galiläischen Bauern geführt. Und auch die jüdische Zukunft kann nur vom künftigen jüdischen Bauer Palästinas geschaffen werden, von dem Bauern, der mit den Händen den Pflug führt, im Herzen die Ideale unserer Propheten trägt und im Geiste den Glauben an die Einigkeit des Lebens bewahrt. Und diese Bauern werden bei ihrem ersten Erscheinen die ganze Judenheit aufrütteln; auf ihre Stimme werden alle hören müssen, auf ihre Taten werden die Augen der ganzen Judenheit gerichtet sein, dann wird der Zionistenkongreß zum Kongreß in Zion werden. Ich weiß: der von mir vorgezeichnete Weg ist ein langer und mühevoller. Weiß jemand einen kürzeren und angenehmeren Weg? Wir haben versucht, schneller zu arbeiten. Und das Resultat? Zionistische Diplomatie, die keinen Heller wert ist, denn sie ist-weder zionistisch noch diplo^ matisch; aus lauter Furcht, kleine Arbeit zu leisten, tut man gar nichts. Die Rettung" kann nur von ganzen Juden kommen, die den Mut haben, mit dem Golus völlig zu brechen. Ist es wirklich ein so ungeheueres Opfer, das unruhige und nervenzerrüttende, ziel- und haltlose Leben der Golusstädte gegen das beruhigende und kräftige, das zielbewußte und beständige Leben eines Palästinenser Bauern umzutauschen. Ist es wirklich Heldenmut, statt eines hungernden Proletariers von „liberaler Profession“ ein satter und lebensstrotzender Bauer zu sein, der seinen Geist nicht nur durch Bücher, sondern durch die unmittelbare Naturkenntnis bereichert und vertieft? Ist es nicht ehrenhafter, statt eine Mittelmäßigkeit in Wien oder Berlin zu sein, ein Schöpfer neues Lebens im Judenlande zu werden? Hätte ich meine Jugend und meine Gesundheit wieder, die Wahl fiele mir nicht schwer. Jetzt kann ich nur meinen jüngeren Gesinnungsgenossen, die an mich die Frage stellen: „Was tun?“ den Rat geben: Geht nach Palästina und werdet jüdische Bauern. Dann habt Ihr Großes geleistet. Brief aus Saloniki. (Von unserem Korrespondenten.) Saloniki, 24. April 1909. Ich bestätige den Empfang ihres Schreibens vom 19. d. und muß ihnen vor allem mitteilen, daß die Telegraphenzensur, einerseits von der reaktionären, andererseits von der jungtürkischen Partei derart gehandhabt wurde, so daß Nachrichten, welche halbwegs der Richtigkeit entsprechen, in den ersten Tagen des Umsturzes nicht über das Telegraphenamt in Konstantinopel respektive Saloniki hinausgekommen sind. Es ist ja ohneweiters erklärlich, daß von der Gegenpartei durchgelassene Depeschen dem Zwecke der anderen Partei nicht dienlich sind. Wollten die Reaktionäre beruhigen, so bezweckten die Jungtürken das Gegenteil. Es kam sogar so weit, daß die Telegraphenzensur in Konstantinopel eigenmächtig den Inhalt der Depeschen nach Belieben änderte. Daher kam es auch, daß die ausländischen Blätter in den ersten Tagen Depeschen reproduzierten, die sozusagen verstümmelt angekommen sind und erst die richtige Deutung durch nachfolgende Briefe erhielten. Die Telegraphenverbindung zwischen Konstantinopel war auch bis vor kurzem bloß für Konsulate und deren chiffrierte Depeschfen geöffnet und mußten die Telegramme einen anderen Weg nehmen. Es erklärt sich auch daraus, daß wir hier absolut unorientiert waren, was in Konstantinopel vorgeht, desgleichen jedoch auch, die Hauptstadt selbst über die Ereignisse in Saloniki, wo sich eine Heermacht von regulären und freiwilligen Truppen ansammelte und glänzend organisiert jetzt in Konstantinopel .bereits eingetroffen ist. Was die Saloniker Organisation der Jüdischnationalen anbelangt, so hat das Komitee „Union et Progres“ einen Aufruf an dieselbe geschickt, worin es heißt, daß das Komitee bei der Verteidigung der Freiheit und des Fortschrittes auf die Mithilfe der Juden rechnet. Es hätte aber dieser Aufforderung gar nicht bedurft, da sich bereits eine große Anzahl von Freiwilligen aus allen Kreisen g e in e I d e t h a b e n, mit Waffen und Kriegsausrüstung versehen wurden und bereits mit den anderen Freiwilligen in Konstantinopel eingetroffen sind. Es ist dies um so bemerkenswerter, als zum erstenmale der Fall ein tritt, daß Jude|n in die ottomanische Armee eingereiht sind, da ja bekanntlich in der türkischen Armee bloß Mohammedaner den Dienst versehen. Man sieht hier wieder, wie die Juden in den ersten Reihen zu finden sind, wenn es gilt, der Freiheit zum Siege zu verhelfen. Die Juden, denen man Mangel an Patriotismus vorwirft. In der Sitzung, die im Anschlüsse der Zuschrift des Komitees „Union et Progres“ stattgefunden hat, waren erfreulicherweise alle jüdischen Strömungen vertreten und das geschlossene Zusammenwirken läßt für die Zukunft Gutes erhoffen. Besondere Verdienste hat sich abermals der bereits in einem früheren Briefe erwähnte „Cercle des Intimes“ durch die Herausgabe einer jüdischen Zeitschrift erworben, welche alle 14 Tage erscheint. Der Name derselben ist „N a ti o n“ und enthält schon der Titel die Tendenz. Die Zeitung selbst hat einen Umfang von 30 Seiten, bringt auch Reproduktionen von berühmten Männern des Judentums und wird auch jetzt bereits an der Herausgabe einer Herzlnummer gearbeitet. P o i n t u. Parteinachrichten. Mitteilung. Der Vorstand des „Jüdischen Nationalvereines in^ Oesterreich“ hat in seiner letzten Sitzung den Beschluß gefaßt, die „Jüdische Zeitung“ als sein offizielles Organ zu betrachten. Alle Verlautbarungen und Mitteilungen werden in der „Jüdischen Zeitung“ publiziert werden. Der Vorstand. * .. * . * Schekelagitation. Der zionistische Zentralverein hat die Leitung der Arbeiten für die Schekelagitation in Wien in die Hand genommen und dieselben in folgender Form organisiert. Es wurde die Kreiseinteilung der Kultusgemeinde übernommen und haben sich zur Bearbeitung derselben fünf Arbeitsgruppen konstituiert. 1. (Innere Stadt) Unitas, Theodor Herzl, Zionistischer Zentralverein. 2. (Leopoldstadt, Brigittenau), Ivria, Bar Kochba, Bar Giora, Jordania, Ness Zionah. 3. (Landstraße, Simmering) Makkabäa. 4. (Wieden, Margareten, Favoriten) Zephira. 5. (Mariahilf, Neubau) Kadimah, Verein für die westlichen Bezirke. 6. (Josefstadt, Alsergrund) Ivria, Bar Kochba, Bar Giora, Jordania, Ness Zionah. 6. (Meidling, Hietzing, Rudolfsheim, Fünfhaus) Kadimah, westliche Bezirke. 8. (Ottakring, Hernals) Theodor Herzl, Unitas, Zionistischer Zentralverein. 9. (Währing, Döbling) Theodor Herzl, Unitas, Zionistischer Zentralverein. 1. Arbeitsgruppe: Ivria, Bar Kochba, Bar Giora, Jordania, Ness Zionah, II, XX, VIII, IX, Gruppenleiter Emil Kafka, Wien IX.. H. Arbeitsgruppe: Kadimah, Verein westliche Bezirke (VI, VII, XII, XIII, XIV, XV) Gruppenleiter Emil Kugel, Wien, IX. III. Arbeitsgruppe: Maccabäa (III, XI), Gruppenleiter Otto Almoslino, Wien, III. IV. Arbeitsgruppe: Zephyra (IV, V, X), Gruppenleiter Kand. jur. Grünspann, Wien, IX. V. Arbeitsgruppe, Unitas, Theodor Herzl, Zionistischer Zentralverein I, XVI—XIX) Gruppenleiter Samuel Strauß, XVIII, Theresiengasse 10. Alle Zuschriften in Angelegenheit der Schekelagitation, soweit sie Wien betreffen, sind an den Zionistischen Zentralverein, IX., Türkenstraße 9, zu richten.