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Jüdische Zeitung · 1909-04-30 · 18 (30.4.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 18 JÜDISCHE ZEITUNG. Pflichten des ottomanischen Juden gegenüber seinem Vaterland und gegenüber seinem Volke.“ Seine Rede war durchaus in zionistischem Sinne gehalten und fand großen Beifall in der zahlreichen Versammlung. — Die Juden in Brussa, unweit Konstantinopel, haben einen Kolonisationsverein begründet. Dieser hat sich an die Regierung mit der Bitte gewendet, seinen Mitgliedern Land zur Verfügung zu stellen und ihnen bei ihrer Ansiedlung als Kolonisten behilflich zu sein. Das ist die erste von türkischen Juden gegründete Kolonisationsgesellschaft. — Der Kriegsminister hat die yemenitischen Juden wegen ihrer Armut von der Askaria-Steuer (Ersatzsteuer für Militärdienst) befreit. Vom nächsten Jahre ab werden auch die türkischen Juden Militärdienst leisten. * * * Mohammedaner als Opfer des Antisemitismus. Tunis. Die Administration von Tunis istgegen die Bitte der dortigen Juden, unter gleichen Bedingungen wie die Mohammedaner naturalisiert zu werden, nicht taub geblieben. „Gleiches Recht für beide,“ wollten die Juden, und der Wunsch fand Gewährung. Nur nicht gerade so, wie die Juden erhofft hatten. Bisher konnten die Mohammedaner nach drei Jahren Militärdienst in der französischen Land- oder Seearmee naturalisiert werden. Diesen Vorzug strebten die Juden nun auch für sich zu erringen, um so den Vorteil eines Gesetzes zu genießen, das ursprünglich keine Einschränkung wegen konfessioneller Unterschiede beabsichtigt hatte. Die französische Behörde konnte sich auch den berechtigten Anforderungen der tunesischen Juden nicht länger entziehen, um ihnen aber Ja kein Heimatsrecht einräumen zu müssen, zog sie aus dem Gesuch der Juden den umgekehrten Schluß — und nahmauchdenMohammedanern — selbst denen, die schon jahrelang dem französischen Staate treu gedient hatten — die Erlaubnis, nach drei Jahren Militärdienst französische Bürger zu werden. Und welche staatspolitische Weisheit, dieses Verbot gegen eine Bevölkerung erlassen, die sich ohnedies nur allzu widerspenstig gegen den französischen Einfluß verhält! Und alles nur, um den Juden nicht entgegenkommen zü'müssem ' * * * Ausweisungen. Kiew. Der hiesige Gouverneur erhielt vom Polizeidepartement in einem Zirkular den strikten Befehl, alle in Kiew ansässigen Juden, die kein Aufenthaltsrecht besitzen, unbedingt von hier auszuweisen. Auf Geheiß des Gouverneurs ist die Polizei mit der strengen Durchführung dieser Maßregel beauftragt worden. Den Polizeibeamten wurde mitgeteilt, daß sie" aus ihren Stellungen entlassen würden, falls hier noch Juden gefunden werden sollten, die kein Wohnrecht in Kiew haben. Was soll die zionistische Jugend tun? Von Dr. D. Pasmanik, Genf. „Ein Beispiel ist mehr als viele Reden.“ Sehr oft erhalte ich von zionistischen Studenten Galiziens und Rußlands Briefe mit der Anfrage: „Was tun? Wie das Leben einrichten, um ein menschenwürdiges Leben führen und für das jüdische Volk nützlich sein zu können? Worin sollen wir uns zionistisch betätigen?“ Manche gehen weiter. Sie sehen ein, daß ihre Pflicht, ihre einfach jüdische Pflicht, ihnen befiehlt, nach Palästina zu gehen. Aber was dort tun? Und aus allen diesen Briefen atmet eine gewisse Müdigkeit, eine verborgene Verzweiflung. Statt aller Theorien will ich hier eine Geschichte erzählen, eine wahre, eine erlebte. Ein jüdischer Student einer russischen Universität. Zionist. Viele Reden gehört, einen Kongreß mitgemacht. Eltern und ganze Umgebung assimilatorisch. Und alles zusammen — die Zionisten und die Antizionisten machten auf ihn den Eindruck der Energielosigkeit. Er wollte die Tat. Und er beschloß, nach Palästina zu gehen — gegen den Willen der Eltern und der zionistischen Freunde, die ihm vorhielten, nach Beendigung seines Studiums könnte er dem Zionismus mehr niitzen. Als Redner, als Seite 5 Organisator oder gar als Aktionskomiteemitglied. Er ging aber dennoch nach Palästina, um ein Musterkolonist, ein lebendes Beispiel zu werden. Er kam nach Petach-Tikwah, wo er als einfacher Arbeiter kurze Zeit sein Dasein fristete. Er sah ein, daß man die Landwirtschaft erst erlernen muß. Und er besuchte die landwirtschaftliche Allianceschule in Mikwe-Israel. Dort herrscht der französische assimilatorische Geist. Aber was kümmert ihn das? Er ging hin, um Landwirtschaft zu studieren, um als Externist an allen Arbeiten teilzunehmen. Dafür bekam er Wohnung und Nahrung. Von Zeit zu Zeit bekam er von den Eltern 40 bis 50 Franken als Unterstützung. Und den ganzen Tag arbeitete er auf dem Felde, im Garten, und in den freien Stunden studierte er hebräisch und las Bücher über Landwirtschaft. Und ein Jahr war um und er begann die verschiedenen Gebiete der Landwirtschaft theoretisch und praktisch zu beherrschen. Während dieses Jahres hat er hebräisch und ein wenig arabisch gelernt und hat die verschiedenen jüdischen und galiläischen Kolonien besucht, Menschen und Land beobachtend, das jüdische absterbende und keimende Leben erforschend. Ohne viel Reden, wie es die Zionisten in Jaffa tun, wo eben so viel geschwatzt wird, wie im Golus, denn Jaffa ist noch Golus. Das Jahr war um und er entschied sich, noch ein Jahr zu arbeiten, aber als ein zwecksetzender Arbeiter. Mit noch 12 bis 13 gleichgesinnten Arbeitern ging er nach Sedjera, der von der I. A. C. geleiteten Wirtschaft. Die Arbeiter übernahmen auf eigene Verantwortung die ganze Feldwirtschaft, vom ersten bis zum letzten Stadium. Ohne Aufseher, sich selbstverwaltend. Man wollte damit verschiedenes erreichen: 1. allen Arbeitern, vor ihrer Kolonisation, die Möglichkeit zu bieten, sich vollständig in die palästinensische Landwirtschaft einzuleben: Dieser Zweck wurde erreicht. 2. dem Palästinenser Judentum und allen denen, die sich für die Kolonisation interessieren, den Beweis zu liefern, daß der jüdische Arbeiter vollwertig ist und einen höheren Lohn beanspruchen kann, weil er eine qualitativ und quantitativ bessere Arbeit als der Araber leistet. Auch dieser Zweck wurde erreicht. Obwohl die Sedjeraarbeiter einen höheren Lohn erhielten (Frks. 1.60 pro Tag) hat die Verwaltung der Sedjera an ihnen gewonnen. 3. nachzuweisen, daß ein arbeitender Zionist vom Ackerbau in Palästina sehr anständig leben kann. Auch dieser Zweck ist erreicht. 4. nachzuweisen, daß die jüdischen Arbeiter sich kommunistich einrichten können. Dieser Zweck ist nicht erreicht worden. Sei es wegen der Parteistreitigkeiten (ein Teil der Sedjeragruppe gehörte zu den nationalen Poale-Hazoer, der andere Teil zu den sozialistischen P o a 1 e - Z i o n i s t e n), sei es aus anderen Motiven, aber Harmonie herrschte in dieser Gruppe nur während der Arbeit, zu Hause nicht. Wieder war ein Jahr um und nun begann unser „Student“ sich zu kolonisieren. Die I. C. A. hat Ländereien. Sie gab jedem 25 Hektar Land und ein Haus — respektive die Häuser sollten erst späterhin erbaut werden — der Kolonist aber mußte aus eigenen Mitteln das tote und lebende Inventar kaufen und und für ein Jahr — bis zur nächsten Ernte — seine Lebensmitteln selbst besorgen. Mit einem Worte: jeder Kolonist bekam von der 1. C. A.ein unbewegliches Gut für 10.000 Franken in Pacht usw. auf Auszahlung und der Kolonist brachte das bewegliche Gut mit, das mit den Ausgaben für das erste Jahr ca. 4000 Franken ausmachte. Manche der neuen Kolonisten, die eine solide Gewähr bieten konnten, bekamen von der I. A. C. auch diese 4000 Franks als Vorschuß auf Abzahlung. Und neben J e m m a in Galiäa entstand eine kleine Kolonie. Der Kolonist zahlt der 1. C. A. 7 Prozent des Naturaleinkommens als Pachtzins. Er kann den Wert des Gutes allmählich auszahlen, wie er will, aber nach der ersten Einschätzung. Durch seine Arbeit wird er sein Gut im Preise erhöhen, aber der I. C. A. hat er nur 10.000 Franken zu bezahlen, falls er Eigentümer werden will. Und so hat es unser „Student“ gemacht. Sein assimilatorischer Vater hat sich bequemt, ihm die 4000 Franken für die erste Einrichtung zu geben. Hätte der Vater diese Mittel nicht vorgestreckt, so hätte er von der I. C. A. den Vorschuß erhalten, da er ihrer lokalen Administration als guter Arbeiter bekannt war. Und er lebt jetzt glücklich als Kolonist in Palästina. So weit die Geschichte, die ich nicht ersonnen habe, und die jeder auf ihre Wahrheit prüfen kann. Also? Also sollten alle intelligenten jungen, lebensdurstigen Zionisten tun. Bauern werden? Ja, Bauern werden, und zwar Musterbauern, die jüdisches, n e u jüdisches Leben schaffen. Das jüdische Volk ist entnervt, geschwächt, energielos und unfähig, eine große soziale Tat zu vollbringen. Daran ist der geniale Herzl gestorben. Und Herzls laufen in den Gassen nicht herum. Epigonen leben noch heute von seinem Genius. Leben? Vegetieren — von der Hand in den Mund. Und nur die Tat kann unser Volk erlösen, indem sie ihm seine durch den Golus gebundene Kraft wiedergibt. Und diese Tat muß seine zionistische Jugend vollziehen, denn noch immer hat die Jugend eingeschlafene und entnervte Völker zu neuem Leben auferweckt. Eine kräftige, zielbewußte, glaubensstarke und aufopferungsfreudige Jugend. Die Tat aber muß ein lebenschaffendes Beispiel sein. Jüdisches Leben kann nur in Palästina geschaffen werden. Erste Pflicht der zionistischen Jugend ist es, nach Palästina zu gehen, um dort Leben zu schaffen. Was kann aber jetzt diese Jugend in Palästina tun? Sie hat keine Mittel, um Industrien zu begründen, es gibt nicht so viel Schulen, daß man leicht Lehrerstellen bekommen könnte. Und nicht auf diese Weise könnte die Jugend ein lebenschaffendes Beispiel bieten. Nur als Ackerbauer. Dazu braucht man die bescheidensten Mittel, höchstens Mittel für die erste Einrichtung. Boden und Haus kann man von der I. C. A. bekommen — in Pacht oder auf Auszahlung — wenn man die landwirtschaftliche Arbeit erlernt hat. Wohl ist die I. C. A. keine jüdisch-nationale, geschweige denn zionistische Organisation, aber sie würde gern jüdische Arbeit in Palästina leisten, wenn sie nur das nötige Menschenmaterial hätte, keine Schnorrer und keine reinen Städter. Eine Jugend, die wirklich ihre Tätigkeit, den palästinensischen Boden zu bearbeiten, bewiesen, würde am meisten dazu beitragen, die 1. C. A. zu nationalisieren — viel mehr als alle glänzenden Kongreßreden. Und würden alle ihre Besitzungen in Palästina von arbeitsfreudigen Juden bearbeitet werden, sie würde sich leicht entschließen, weiter Ländereien anzukaufen*). *) Als diese Zeilen schon niedergeschrieben waren, las ich in der letzten Nummer des „Rasswiet“ (Organ der russischen Zionisten) folgende Mitteilung: „Die Administration der I. C. A. beginnt mehr und mehr die Notwendigkeit einzusehen, ihre kolonisatorische Tätigkeit in Galiläa auszudehnen. Letztes Jahr sind bedeutende Landstiicke mit jüdischen Pächtern besetzt worden. Wie man mitteilt, wird geplant, eine neue Kolonie in „Bet-Gau“ zu begründen. Jeder Pächter wird von der Administration 250 Dunam Land (ungefähr 25 Hektar), ein Haus, eine Scheune und 3000 Frs. für den Ankauf von lebendigem und totem Inventar erhalten (das heißt auf Auszahlung). Auch soll eine Kolonie neben dem Dorfe Lubie, das zwischen Tiberias undChaiffa gelegen ist, begründet werden.“ Das haben schon die jungen Zionisten, ähnlich dem, dessen Geschichte ich hier erzählt habe, erreicht. Die I. C. A. w i r d ihre Kolonisation erweitern, wenn sie w i r kliche jüdische Arbeiter, die die Landwirtschaft kennen und lieben, zur Verfügung haben wird

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