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Jüdische Zeitung · 1909-04-30 · 18 (30.4.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 18 begab, in der sicheren Erwartung, sein ganzes jüdisches Wien werde ihn auf den Schultern ins Parlament tragen, da konnte man es von den Lippen des kleinsten Tempelvorstehers hören: „Was ist ihm eingefallen? Der ,Rabbi Bloch aus dem Polenklub* soll der Vertreter der Wiener Judenheit werden??!!“ Der schlaue Mann mit der feinen Witterung zog sich zurück, mehr oder weniger in Ehren . . . Die Zeiten gingen und andere Zeiten kamen. Und da man im Alter gerne fromm wird, fand sich die ganze Gesellschaft aus Anlaß der Unitas-Affäre als jüdische Inquisition zusammen. Die genannte nationale jüdische Verbindung hatte die Absingung jüdischer Lieder zur Feier ihres 30 semestrigen Bestandes für einen Freitagabesd angesetzt (gute polnische Fische wurden nicht ausgeschlossen) und Samstag vormittags sollte die feierliche Auffahrt zur Aula nach altem akademischem Brauch stattfinden. In der Unschuld ihrer Herzen luden sie hiezu den Kultuspräsidenten mit geziemender Ehrfurcht ein, 'indem sie den Mann vom Amte schieden und vermeinten, das Haupt der Wiener Judenheit ehren zu können, ohne auf den rachegierigen Gegenkandidaten der Kultuswahlen stoßen zu müssen. Herr Dr. Stern war auch recht lieb, entschuldigte sich mit einer Privattrauer — und erwähnte nebenbei, die Verbindung sollte nach Möglichkeit vermeiden, solche Feiern an Samstagen zu veranstalten. Zwar hatte sich noch nie eine nationale jüdische Verbindung als eine religiöse Vereinigung betrachtet, von keiner Seite, nicht einmal von ihren deutschnationalen Feinden, wurde sie als konfessionelle Verbindung angesehen. Allein trotzdem nahm die Unitas den Wunsch mit geziemender Ehrerbietung zur Kenntnis, wenngleich verwundert, zum erstenmale gerade von diesem Kultuspräsidenten das Anschlägen einer religiösen Note zu vernehmen.- Dennoch war damit der Anfang gemacht, den von diversen Kultuspräsidenten bis dahin im Dämmerzustand belassenen religiösen Sinn unserer Jugend zu wecken, zumindest ihr Augenmerk auf die Schonung etwaiger religiöser Gefühle anderer zu lenken, als mit einem Schlage das Erscheinen der nächsten Nummer der Blochschen Wochenschrift es aufzeigte, woher der Wind geweht hatte. Wenn nun Dr. Bloch als kam pf begieriger Journalist sich gerne beeilt hat, zu einem Schlage wider die Ihm höchst unbequemen Jung-Zionisten auszuholen und daher die väterlichen Worte des Herrn Kultuspräsidenten an die Unitas als donnernden Protest wider eine gottlose Jugend brühwarm brachte, so kann ihm das kein Einsichtiger verargen: Jeder übt sein Metier auf seine Art. Wenn sich hierauf der Verein der Sabbathfreunde beeilt hat, dem eifervollen Kultuspräsidenten, trotzdem er Dr. Alfred Stern heißt, anläßlich seines mutigen Eintretens für die Unantastbarkeit der Religion den Dank zu votieren, so mag man zwar finden, daß die von diesem Verein in seinem Programm angegebenen Mittel zur Erreichung seiner Ziele das Mittel der Vemaderung nicht enthalten, aber man ist es schon seit einigen Jahrhunderten gewöhnt, daß im Streite für die heilige Religion gerne nach dem Grundsatz vorgegangen wird, der Zweck heilige die Mittel. Allein dem Dritten auf der Anklagebank, dem Kultuspräsidenten Herrn Dr. Juris Stern kann man nicht einen einzigen Milderungsumstand zubilligen. Denn er hat als Kultuspräsident, der es sonst sehr gut auszuführen versteht, daß die derzeitige Lage der Juden eine Verhetzung unter denselben als Versündigung an unserer Glaubensgemeinschaft und unserem Volke, (siehe Einladungsschreiben an die Kultusgemeinden zum bevorstehenden Bundestag) bezeichnet werden müsse, er hat als Träger des Friedens- und Einheitsge- -dankens unter den Juden sich desMißbrauches der Amtsgewalt schuldig gemacht, als er ohne Nötigung seine Unterredung mit der Unitas an einem Ort und in einer Art zur Veröffentlichung gebracht hat, von der ihm auf Grund seiner Kenntnis der Beteiligten bekannt war, daß dies als aufhetzerische Provokation angesehen werden mußte. Das dürfte sich bloß ein Parteimann erlauben, wenn seine persönliche Leidenschaftlichkeit ihn mächtiger bewegt als die Rücksicht auf das allgemeine Beste, und darum gibt es für Herrn Dr. Stern bloß die Wahl: entweder Parteikampf ohne die Bürde und Würde des Präsidenten, oder die Rolle des Einigers und Friedensbringers unter gleichzeitigem Austritt aus der neuesten G. m. b. H.! I Und zum Schluß noch eine Bitte: Herr Dr. Stern möge unseren guten Ruf als Juri stenn icht.kompromittieren. Denn wenn der Vertreter des Inquisitionstribunals Dr. Juris Stern die Behauptung gewagt hat, daß sich auch nur der geringste Bruchteil der Wiener Judenheit durch die Feier der Unitas in seinen religiösen Gefühlen beleidigt erachtet (bevor er hiezu aufgehetzt wurde) und daß insbesondere die Absicht der Unitas auf eine solche Wirkung gerichtet war, dann möge er sich für diese Anklage Gläubige unter den bestgetäuften seiner ehemaligen politischen Freunde suchen. Bei jüdischen Geschworenen wird er mit seiner Anklage kein Glück haben. Das jüdische Volk, hat unsere wackere jüdisch-nationale Jugend schon längst einstimmig f x eigesprochen. H o'f- und Gerichtsadvokat , Dr. Jakob Kohn. Aus dem jüdischen Leben. Ein netter Bürgermeister. Holleschau. Ein skandalöser Vorfall ereignete sich dieser Tage in Holleschau. Der Bürgermeister der dortigen Judengemeinde, Herr W e i n r e b, beteiligte sich an einer Baukommission, geriet dabei mit einem Gemeindemitgliede in Streit und begann hierauf dem gleichfalls anwesenden Bürgermeister der dortigen Stadtgemeinde (einem Christen natürlich) gegenüber in unerhörter Weise gegen diejuden loszuziehen. Er sagte unter anderem, seitdem er Bürgermeister wäre, sei er der größte Antisemit, diejuden seien eine Bagage, ein streitsüchtiges, halsstarriges Volk und setzte in dieser Tonart seine Beschimpfungen noch eine Weile fort, ohne daß ihn einer der vor Schreck und Scham verblüfften Juden unterbrochen oder ihm gar eine gebührende Antwort gegeben hätte. Unter den Holleschauer Juden herrscht, so weit die dort eingerissene Selbstverachtung und Selbstbespöttelung nicht schon jedes Selbst- und Ehrgefühl erstickt haben, große Erbitterung. Nichtsdestoweniger , hat man sich noch immer nicht aufgerafft, diesen Herrn (wenn man ihn so nennen darf) zur Resignation zu zwingen und er hat auch weiterhin Gelegenheit, als jüdischer Bürgermeister gemeinsam mit den antisemitischen Gemeinderäten, bei denen er sich infolge seines Verhaltens anscheinend besonderer Beliebtheit erfreut, am Biertisch über die Juden loszuziehen. * * * Antisemitische reichsdeutsche Schandjustiz. Straßburg. Wir haben in Nummer 15 berichtet, daß in Mühlhausen i. E. ein jüdischer Einjähriger durch antisemitische Vorgesetzte in den Tod getrieben, wurde. Die Affaire hat folgenden Abschluß gefunden: Vor dem Kriegsgericht der 29. Division in Mühlhausen wurde gegen den Rittmeister der 3. Eskadron des Jägerregiments Nr. 5 Grafen von Gersdorf verhandelt, der durch vorschriftswidrige Behandlung und fortgesetzte Beleidigung den Einjährigen Block zum Selbstmord getrieben, ferner durch verschiedene Aeusserungen den Vater des Einjährigen beleidigt haben soll. Der Angeklagte war zuletzt 8 Wochen vom Dienst suspendiert worden. Die Beweisaufnahme ergab, daß der dreitägige Mittelarrest, der dem Selbstmorde vorausging und als unmittelbares Motiv angesehen wurde, nicht vom Angeklagten, sondern vom Oberleutnant Engelmann verfügt worden war. Auf der anderen Seite aber wurde erwiesen, daß der Angeklagte sich zu persönlichen und antisemitischen Gehässigkeiten habe hinreissen lassen. Das Gericht nahm nur einen einzigen Fall von Beleidigung, begangen durch den Ausdruck Judenjunge oder Judenlümmel, als erwiesen an und verurteilte den Angeklagten zu 2 Tagen Stubenarrest. Bezüglich der anderen Punkte erfolgte Freisprechung. — Die Berliner „Jüdische Rundschau“ schreibt zu dem Falle: jetzt wissen wir also, was das Leben eines jüdischen Soldaten in der deutschen Armee kostet: zwei Tage Stubenarrest! Die mehr oder minder hochgeborenen Herren brauchen ihren judenfeindlichen Launen also jetzt gar keine Zügel mehr anzulegen. Wenn auch immerhin bei dem schönen | Frühlingswetter zwei Tage Stubenarrest für einen passionierten Reiter und Kavalleristen recht unangenehm sein mögen .... Aber diese Sache ist zu ernst, um mit einigen ironischen Worten abgetan zu werden. In der deutschen Armee tun tausende jüdischer Soldaten ihren Dienst für das deutsche Vaterland, und sie leisten ihn wahrhaftig mit derselben Lust und Liebe, wie alle anderen Angehörigen des Heeres. Daß sie ihn schlechter oder unwilliger leisten, hat denn auch noch niemand zu behaupten gewagt, wenn man von den Gehässigkeiten antisemitischer Exaltados absieht. Warum also werden die jüdischen Soldaten — von verhältnismäßig wenigen Ausnahmen abgesehen, die es gerade gut getroffen haben — noch einem besonderen Martyrium im deutschen Heere unterworfen, das schlimmer ist als die Fußtritte oder die groben Worte mangelhaft zivilisierter Unteroffiziere, die ihren Aerger bisweilen an allen Untergebenen „ohne Unterschied der Konfession“ auslassen! Schlimmer, weil es zumeist die Offiziere sind, die das böse Beispiel antisemitischer Redensarten geben, das dann natürlich von den niederen Vorgesetzten noch reichlich derber nachgeahmt wird. Warum die jüdischen Soldaten das erdulden müssen, im Heerdienst, den zu leisten sie verpflichtet sind? Weil in den Augen der meisten Vorgesetzten, der Offiziere, der Jude eben eo ipso als Wesen minderen Rechtes gilt. Doch die Sache hat eine andere, eine schlimmere Seite. In Deutschland spielt bekanntlich — wie kaum in irgend einem anderen Lande der Welt — das Offizierskorps eine besonders bevorzugte Rolle. Nicht nur gesellschaftlich, sondern auch sonst im Staatsleben. Das Offizierskorps beansprucht für sich eine besondere Ehre, die ganz erheblich empfindlicher und deshalb auch sorgsamer zu schützen sei als die anderer Bürger. Es wacht eifersüchtig über die Lauterkeit der Herkunft und der Haltung seiner Mitglieder. Wir haben hier nicht zu beurteilen, inwieweit das alles berechtigt ist oder übertrieben wird. Die Tatsache steht fest, daß bei uns der Offizier sich als Vertreter des „ersten Standes“ im Staate fühlt. Und daß er sich auch im Alltagsleben meist dementsprechend benimmt, sei zugegeben. Wie sehr sticht aber dieses ritterliche, vornehme Verhalten, auf das sich die Offiziere so viel zugute tun, ab, gegen die empörende Feigheit, die dazu gehört, einen Mann, der wehrlos vor einem dasteht, der nicht mitderWimper zuck-en darf — will er nicht Ehre, Freiheit und Existenz aufs Spiel setzen! — zu beschimpfen, wie dies sonst nur ein Straßenjunge tut! Und das nicht einmal im Aerger, nein, mit der Konsequenz der Bosheit einen solchen Wehrlosen zu peinigen, bis dem Aermsten dieses Leben vergällt ist! Und was soll man zu diesem Urteil sagen! Man schreibt es am besten einfach nieder: ein Rittmeister, der einen jüdischen Einjährigen mit gehässigen Schimpfworten zu Tode gequält hat, bekommt dafür zwei Tage Stubenarrest! * * * Steigende Einwanderung aus Galizien. New-York. InNew-York macht sich jetzt eine bisher niemals beobachtete massenhafte Einwanderung vonJuden aus Galizien fühlbar, welche sowohl der „Hebrew Immigrant Aid Society“ als auch der „Verband galizischer Juden in New-York“ große Sorgen verursacht. Man war wohl in den letzten zwei Jahren gewohnt, daß die jüdische Einwanderung aus Oesterreich selbst diejenige aus Rumänien übertraf, daß sie aber an Zahl fast an erster Stelle rücke, ist ein Symptom, das viel zu denken gibt. Der Leiter der „Hebrew Immigrant Aid Soziety“ teilte über die Bewegung folgendes mit: „Schon seit einigen Wochen ist die Einwanderung galizischer Juden in stetem Wachsen begriffen. Zwei Drittel der Passagiere der anfangs März eingetroffenen „Kaiserin Augusta Viktoria“ waren galizische Juden. Von den 45 Einwanderern desselben Dampfers, welche hier von Niemandem erwartet wurden und von unserer Gesellschaft auf eigene Verantwortung übernommen werden mußten, waren 32 galizische Juden. Die meisten der eingewanderten galizischen Juden gehören dem Arbeiterstande an, welche erklären, daß sie infolge des überhandnehmenden Antisemitismus in Oesterreich und insbesondere in Galizien zuhause keine Arbeit finden und daher gezwungen sind auszuwandern. Nach Aussagen dieser Einwanderer bereitet sich für die Zeit nach den Pessachtagen eine Massenauswanderung aus Galizien vor. Bemerkenswert ist, daß ein großer Teil der galizischen Juden nach Amerika •auswandert, ohne dort einen Verwandten oder Bekannten zu haben, wie dies zum Beispiel bei den meisten russischen oder rumänischen Juden der Fall ist. * * * Von den türkischen Juden. Konstantinopel. Herr David Florentin, der Redakteur der spaniolischen Zeitung „El Avenir“ in Saloniki, hielt hier auf der Durchreise nach Palästina im Verein „Achwa“ einen Vortrag über „Die

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