Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 18 (30.4.1909)
- Date
- 1909-04-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18 den Jungtürken des größten Ansehens erfreuen. Unsere Brüder in der Türkei, die durchwegs jüdischnational gesinnt sind, haben bisher gehandelt, wie es die demokratische, jüdische Tradition erheischt. Es ist nur zu wünschen, daß sie nicht den verhängnisvollen Fehler begehen, dessen sich die Juden des Westens in analogen Fällen schuldig gemacht haben. So haben die Juden Oestereichs an der Seite der Deutschen in den Revolutionsjahren für die Freiheit gekämpft. Als aber die Deutschen längst nicht mehr um freiheitliche Postulate stritten, sondern um die Zentralgewalt, um die Herrschaft auf Kosten anderer Nationen, sind die Juden zufolge mißverständlicher Auffassung in blinder Anhänglichkeit an ihrer Seite verblieben, haben dem Unrechte Handlangerdienste geleistet und den gerechten Haß der Slaven auf sich geladen. Der nämliche Vorgang hat sich in Galizien und Ungarn abgespielt. In gewisser Beziehung birgt die Situation in der Türkei die gleiche Gefahr. Heute sind die Jungtürken die einzigen und wahren Vertreter, des demokratischen Gedankens. An ihrer Seite zu kämpfen ist Plicht der Juden. Das jungtürkische Programm ist aber stark zentralistisch. Wenn die Jungtürken den nach Autonomie strebenden verschiedenen Volksstämmen der Türkei nicht weitgehende Zugeständnisse machen werden, sind innere Kämpfe zu befürchten. Und die Juden würden den verhängnisvollsten Fehler begehen, wenn sie auch in diesem Falle blinde Gefolgschaft leisten würden. Ihr Platz ist an der Seite der um die Freiheit kämpfenden Jungtürken, an der Seite der Jungtürken, welche eventuell um die starre Zentralgewalt auf Kosten der Selbständigkeit der anderen Volksstämme kämpfen werden, werden die Juden nicht stehen dürfen. Landespolitik und Zionismus.*) Von verschiedenen Seiten wurde darüber geklagt, daß die wesentlichste Frage der heutigen Konferenz: „Sollen die Zionisten Landespolitik treiben oder nicht?“ nicht auf der Tagesordnung steht. Diese Frage bildet eine Vorfrage zu meinem eigentlichen Thema. Ich will mich bemühen, diese Vorfrage klar zu beantworten. Ich teile die zionistische Arbeit in zwei Teile: Die unmittelbare zionistische Arbeit, d. h. unsere Arbeit i n und für Palästina, und die mittelbare zionistische Arbeit, die Arbeit im übertragenen Wirkungskreise, welche wir hier im Lande zu verrichten haben. Bezüglich der Notwendigkeit der zionistischen Gegenwartsarbeit besteht heute keine Meinungsdifferenz mehr. Die Frage geht nur dahin, in welchem Maße wir uns mit ihr beschäftigen sollen. Während ein Redner seine Meinung dahin abgegeben hat, daß er die Kulturarbeit als einen Teil der zionistischen Arbeit betrachte, gibt es andere, die weiter gehen und sagen, daß auch die politische Arbeit zionistische Gegenwartsarbeit sei. Es wurden bereits viele Argumente für und gegen die politische Arbeit vorgebracht. Ich will mich mit den wichtigsten Fragen befassen, welche beweisen, daß die zionistische Organisation Landespolitik betreiben müsse. Auf dem Krakauer Parteitage im Jahre 1906 war ich einer der wenigen, welche dafür eintraten, das für die Politik eine besondere jüdisch-nationale Organisation geschaffen werde. Ich fühlte damals eine innerliche Beunruhigung, ob nicht die zionistische Arbeit leiden würde, wenn wir ihrem Programme etwas beifügen, was ihr eigentlich fremd ist. Im Laufe der letzten zwei Jahre habe ich mich jedoch überzeugt, daß meine * Wir geben aus dem Referate, welches Gg. Dr. Ringel auf der Lemberger Landeskonferenz erstattete, die bedeutsamsten Stellen wieder. JÜDISCHE ZEITUNG. Furcht unbegründet war. Das reale Leben ist eben stärker als die logische Argumentation. Es hat sich gezeigt, daß die in Krakau geschaffene jüdischnationale, von der zionistischen gesonderte Organisation nicht lebensfähig war, weil sie außer den Zionisten keine Anhänger hatte. Bei der ersten politischen Arbeit, bei den ersten Wahlen in B r o d y und Z1 o c z o w ist die ganze jüdischnationale Organisation zerfallen und die politische Arbeit wurde von den Zionisten übernommen. Ich habe mich auch in anderen Ländern umgesehen und es ist für mich sehr wichtig, festzustellen, wie sich die russischen Zionisten zur Frage der Landespolitik nach Einführung der Konstitution verhalten haben. Ich habe eine Reihe von Aufrufen gelesen, welche die russische zionistische Organisation im Jahre 1906 publiziert hat. In diesen wurde ausdrücklich erklärt, daß die Zionisten sich an den Wahlen aktiv beteiligen sollen. Ich erinnere an die Resolution, welche die Zionisten in Helsingfors gefaßt haben. Ich erinnere daran, daß in der ersten Duma vier Zionisten saßen. (Zwischenruf: Befaßt sich das zionistische russische Zentralkomitee jetz auch mit Landespolitik?) Ja, die russischen Zionisten beteiligen sich immer an Wahlen. Und was für die russischen Zionisten gilt, das gilt auch für uns. Denjenigen, welchen ihr zionistisches Gewissen die Beschäftigung mit Landespolitik nicht erlaubt, will ich mit den Worten N o r d a u s antworten: Wir müssen beginnen, das jüdische Volk wirtschaftlich zu stärken, weil n ur ei n wirtschaftlich starkesVolk an die Verwirklichung des zionistischen Ideals herantreten kann. Und das ist unsere Antwort an gewisse Kritiker, welche nichts von der zionistischen Gegenwartsarbeit wissen wollen, die angeblich unsere Kräfte zersplittert und unser Streben von seinem eigentlichen Ziele ablenkt. Niemand wird leugnen, daß ich mehr als jeder andere berechtigt bin, einen Kommentar zum Baseler Programm zu haben. Wir, die wir dieses'Programm ausgearbeitet haben, körnen versichern, daß zu den Mitteln die zum Ziele führen, auch die Organisierung der ökonomischen Kräfte und die wirtschaftliche Stärkung der Juden gehört. Die Gegenwartsaufgaben sind kein' 'Anhex zum Baseler Programm, nein, sie sind im Programm enthalten.“ Diese Worte bilden die verläßlichste Auslegung des Baseler Programms. Wenn die jüdischen Massen verlangen, daß man sie aus den Händen der alten Führer befreie, dann müssen wir es tun, um ihnen die Möglichkeit zu geben, warten zu können. Die Gegenwartspolitik ist keine erdachte Sache. Sie muß gemacht werden. Wenn wir sie nicht leisten, dann werden eben andere sie besorgen. Wem wollen Sie diese Arbeit überlassen? Sie sagen: „Einer besonderen Organisation.“ Ich war auch einmal dieser Ansicht, ich habe mich aber überzeugt, daß, da eine solche Organisation nur Zionisten umfaßt, die Sonderung nur nutzlose Kraftvergeudung ist. Ich betrachte die zionistische Organisation als eine Armee, die ein bestimmtes Ziel erreichen muß. Wenn diese Armee einen Ueberschuß an Kräften hat, dann suchen sich diese überschüssigen Kräfte ein neues Tätigkeitsfeld. Als es sich auf dem fünften Kongresse herausstellte, daß Herzl nicht imstande ist, den Charter sogleich zu bekommen, wurde die Organisation ungeduldig und hat sich andere Arbeit gesucht. Damals kam man mit den wirtschaftlichen Programme. Das gleiche spielt sich jetzt bei uns ab. Sie wissen, daß die russische Organisation uns früher in jeder Beziehung übertroffen hat. Namentlich in finanzieller Beziehung (Schekel, N.F. etc.) ist sie an der Spitze marschiert. Zufolge der schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse, welche eine Folge der Pogrome sind, ist sie jetzt weniger leistungsfähig. Nun frage ich Sie, ob nicht schon vom Nützlichkeitsstandpunkte aus betrachtet, die Schaffung einer Organisation notwendig und die politische Organisation nicht ein gutes Mittel ist, den wirtschaftlichen Niedergang der Juden aufzuhalten? Der gewichtigste Vorwurf, welcher der Landespolitik gemacht wurde, der auch mich bestimmt hat anfangs für die Schaffung einer gesonderten politischen Organisation einzutreten, ist der Vorwurf der Kräftezerplitterung. Bei näherer Unter- Seite 3 suchung wird dieser Vorwurf haltlos. Wenn wir weniger kritisieren und mehr arbeiten wollten, könnten wir beides leisten: Palästinarbeit und Landespolitik. Könnten Sie mit ruhigem Gewissen die Position verlassen, die wir in heißen Kampfe errungen haben? Die Gründung des „Jüdischen Klubs“ im Parlamente war ein historisches Ereignis. Es ist möglich, daß seine Mitglieder mehr hätten leisten können, auch mich befriedigt seine Tätigkeit nicht. Aber schütten Sie nicht das Kind mit dem Bade aus. Ueberlegen Sie doch, daß unsere Politik noch in den Kinderschuhen steckt. Ich stehe auf dem Standpunkte, daß es außerhalb desZionismus keinjudentum gibt. Ich kann daher nicht begreifen, wie ein Zionist sagen kann: „Ich bin zwar für die Landespolitik, aber andere mögen sich mit ihr beschäftigen, „Schabbesgojim“ sollen sie betreiben!“ Und was wird geschehen, wenn diese dem Judentume den Dienst kündigen? Mich zwingt das praktische Leben zu sagen; daß die Zionisten nicht nur ein Recht, sondern die Pflicht haben, sich mit Landespolitik zu beschäftigen. Wir müssen es soweit bringen, daß das ganze Judentum sich in unseren Reihen sammelt. Die bisherige reine Vereinsorganisation konnte allein diesen Zweck nicht erfüllen. Wir müssen wirtschaftliche Fachorganisationen und eine starke politische Organisation haben. Wir werden dann nicht von einzelnen Personen abhängig sein, etwa von dem größeren oder kleineren Arbeitseifer unserer Akademiker. Auch muß die zionistische Organisation in die bestehende wirtschaftliche Organisation eindringen. Wo es sich um die Organisierung des jüdischen Volkes handelt, muß die zionistische Organisation am Platze sein. Wir haben, Dank der politischen Tätigkeit, in den letzten 2 Jahren den jüdischen Bodeu Galiziens aufgewühlt. Laßt uns hingehen und säenl Eine jüdische Inquisition G. m. b. H. Der Wiener Kultuspräsident, der Herausgeber der Blochschen Wochenschrift und der Verein der Sabbathfreunde — diese drei Einzelfirmen haben sich als Gesellschaft mit beschränkter Haftung zusammengetan, um die Unitas-Affäre gemeinsam auszuschroten. Wie auch sonst bei einer G. m. b. H. ist das Verhältnis der Gesellschafter zu einander nichts weniger als innig. Um mit dem Herrn Kultuspräsidenten den Anfang zu machen, so braucht man wohl nicht allzu zahlreiche Beispiele anzuführen, zum Beweis, daß die Wege eines altgedienten Kämpfers für Freiheit und Fortschritt, d. i. eines Altliberalen, eher in die Stephanskirche als in die Schiffschule zu führen pflegen. Glücklicherweise ist bei Herrn Dr. Stern die Sache anders ausgegangen. Auch hat er vor vielen seiner Amtsvorgänger den Vorzug, daß ihm kein Familienunfall passieren kann, da er — bis jetzt — unbeweibt geblieben ist. In den Kreisen der Schiffschule hat man den Vorzug eines solchen Fehlers bisher zu würdigen nicht verstanden. Die Konservativen konnten bis in die jüngste Zeit die Neuerung eines Junggesellen als Kultuspräsidenten nicht verschmerzen. Dafür hat auch der Herr Präsident Revanche genommen und noch bei den letzten Wahlen ist kein Konservativer in die Liste der offiziellen Kandidaten aufgenommen worden. Und nun der Dritte im Bunde, Herr Dr. Bloch! Wie hat denn die Wiener Judenheit dem Manne gedankt, der es seit Jahrzehnten mit der feinsten Witterung verstanden hat, sein journalistisches Temperament und seine unbestreitbare Kenntnis des Judentums mit dem Behagen der Wiener jüdischen Bourgeoisie zu vermählen? Welches sind die Titel, Würden und Ehren, welche die Wiener Juden ihrem Dr. Bloch bescherten? Ja, wenn er wenigstens ein Kantor gewesen wäre, der kaiserliche Ratstitel wäre ihm sicher geworden! Was hat es „unserem Dr. Bloch“ genützt, daß er die ganze Skala der Töne vom heroischen Antisemitentöter bis zum sentimentalen Herzischwärmer durchgemacht hat? Als Dr. Bloch am Abend seines Lebens daran ging, die Früchte seiner jahrzehntelangen Arbeit zu pflücken, als er sich in die Wahlschlacht