Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1909-04-30 · 18 (30.4.1909) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
18 (30.4.1909)
Date
1909-04-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2438141-2438220-2438238--1161-2440733
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 IÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 18 bürgerrechte“. An diesem Schutze sind alle interessiert, die armer» und sozial tiefgestellten, sogar weit mehr als die reichen, die sich zumeist selbst schützen können; darum müssen auch alle Juden auf die Organisierung dieses Schutzes durch ihr Wahlrecht Einfluß haben. Der vorliegende Entwurf aber verwirft das allgemeine Wahlrecht, ja er geht noch einen Schritt auf der reaktionären Bahn weiter und verschließt auch dem Kultuswähler den Mund. Gott behüte, daß so ein einfacher Kultuswähler sich über die Khille-Politik hinaus um die allgemein jüdische Sache kümmert! Nur die Kultusvorstände, die ihre Existenz bekanntlich den reaktionärsten Wahlsystemen verdanken, senden laut Entwurf Delegierte in die Versammlungen der Landesverbände und aus diesen Versammlungen wieder wird in den übergeordneten Reichsverband delegiert. Die Abhängigkeit derRabbiner wird im Entwurf dadurch unterstrichen, daß sie nicht aus ihrer Mitte - die Besten in die Landesverbände und den Reichsverband wählen dürfen, sondern sich gefallen lassen müssen, daß der Kultusvorstand am Sitze der Leitung jedes Landesverbandes einen, bezw. meist zwei Rabbiner in den Reichsverband entsendet. Ein Schreckensgespenst war den Kahalniks stets die Oeffentlichkeit. So fehlt im Entwurf bezüglich der Verbandsversammlungen jede Norm, daß diese wenigstens in der Regel öffentlich tagen werden, und bezüglich des Reichsverbandes ist im § 26 gar ausdrücklich bemerkt, daß wenn er einmal eine öffentliche Sitzung hat, nur Juden mit irgendeiner Kultuscharge Zutritt haben,“ anderen Juden kann der Präsident des Reichsverbandes auf ihr Ansuchen den Zutritt gestatten.“ Die galizischen Malkontenten haben Grund zur Beschwerde. Soll sich ihnen nicht der Gedanke einer von Wien her geplanten Vergewaltigung aufdrängen, wenn nach § 18 des Entwurfes von den )58 Stimmen des Reichverbandes dem Osten der Monarchie mit 907.521 Juden 18 Stimmen und dem Westen mit bloß 317.378 Juden 40 Stirnen zugebilligt werden. Noch krasser wird die Sache, wenn man bedenkt, daß die zu einer Sonderexistenz überhaupt nicht berechtigten Landesverbände des Küstenlandes und Dalmatiens einerseits (mit 5868 Juden) und Schlesiens andererseits (mit 11988 Juden) zusammen gleichviel Delegierte, nämlich 12 in den Reichsverband entsenden, wie ganz Galizien (mit 811.371 Juden). Der Zwei teilun g Galiziens in ] Ost und West wäre bei dem Gegensatz der polonisierenden und reformerischen Großgemeinderi und der mehr jüdischnational und orthodox gesinnten Kleingemeinden eine Zweiteilung in einen Landesverband der Groß- und einen der Kleingemeinden vorzuziehen. Wie ein Hohn auf die feierlich verbürgte Autonomie der Landesverbände klingt es, wenn in § 5 des Entwurfes die Aufhebung bestehender Landesverbände in das Belieben der Majorität des Reichsverbandes gestellt wird. Kurzum Mängel über Mängel, die durch das Votum recht vieler zionistischer Delegierten am' Judentage zuverläßig beseitigt worden wären. Doch Dr. Stern, der kluge Mann, baute vor. Er ließ das von den Delegierten des ersten Judentages eingesetzte Redaktjonskomitee dessen Auftraggebern das Recht absprechen, beim kommenden Judentäg ihr noch nicht erschöpftes Zweckmandat auszuüben, und dekretierte, daß — über die strengen Normen des Gesetzentwurfes liinaus — am kommenden Judentag mit Ausnahme der Mitglieder des Redaktionskomitees nur Mitglieder ein es Kultusvorstandes als Delegierteteilnehmen dürfen. Hoffentlich wird der Legitimationsausschuß diese rechtswidrige Entziehung wohlerworbener Mandate nicht dulden. Jedenfalls aber, mag der wohlpräparierte Judentag was immer beschliessen, das eine mögen sich die Herren vom Kahal gesagt sein lassen: Ein volksfeindliches Gesetz gegen den Willen der Zionisten läßt sich heute nicht mehr durchdrücken! Dr. Egon Zweig. Zu den Vorgängen in der Türkei. Mit ihrem Despoten wären die Türken anscheinend fertig geworden. Die Mördergrube, der Sultanspalast, ist ausgehoben. Die Befreier der Nation täten nun gut daran, den internationalen Diebshöhlen, ausländische Botschaften genannt, ihr Augenmerk zuzuwenden. Nicht allein der Geist des Koran, auch der Geist Rußlands, Englands u."a. hat aus den reaktionären Softas und Ulemas gesprochen. Wenn der meuternde fanatisierte Straßenpöbel seine Strafe abbekommt, wäre es nur recht und billig, 1 wenn die intriguierenden „bevollmächtigten“ Räuber ihre Lektion erhielten. Die Türkei I muß, wenn sie die innere Reform durchführen will, endlich den schädlichen und lästigen Schmarotzer, das europäische Konzert, aus dem Hause schaffen, diese sonderbaren „Schützer“, welche das größte Interesse an der Schwäche ihres Schützlings haben. Mit einiger Energie ist die Sache leicht durchzuführen. In Konstantinopel hat sich ja die europäische Diplomatie immer als schwach und ungeschickt erwiesen. Oft hat sie die Hand zum entscheidenden Schlage erhoben und sie wieder klüglich sinken lassen und ihr Heil in Palastintriguen gesucht. Die erneuerte Türkei kann den Mächten ohne jedes Risiko den Stuhl vor die Tür setzen. Sie braucht sich diese mit besonderen Vorrechten ausgestatteten Botschafter und Gesandten nicht länger gefallen lassen. Rußland als Bürge für Ordnung und Sicherheit! England, der Schlächter von Indien, als Bewahrer des Rechtes! Die Balkanstaaten als Kulturträger und Stützen der Sicherheit im Orient! Ein einfacher Beschluß des türkischen Parlamentes kann diese Farce aus der Welt schaffen. Die Türkei, welche die gewaltige Reaktion bezwungen hat, wird auch der internationalen Intriguantengesellschaft Herr werden. Von den einander mißtrauenden Mächten ist kein ernstlicher Widerstand zu erwarten. Die letzten Tage haben ja gelehrt, daß heute die Drohung mit der „fremden Einmischung“, mit der „bewaffneten Intervention“ der Mächte ein leeres Schlagwort ist. Jeder hätte so gerne „interveniert“, keiner hat den Mut aufgebracht. Wenn die Türkei den letzten Schritt tut und sich die ungebetenen Gäste vom Halse schafft, sich ihre Freunde im Wege des ehrlichen Bündnisses selbst aussucht, wird wohl ein großes Schreien und Protestieren anheben, schließlich wird aber jeder der erste sein wollen, wenn es gilt, der „hohen Pforte“ zu diesem Beschlüsse zu „gratulieren.“ * * * Die Juden spielen in der türkischen Revolution eine hervorragende Rolle. Sie haben treu und unentwegt die Kämpfer für die Freiheit unterstützt. In den Reihen der fortschrittlichen Truppen, welche von Saloniki gegen Konstantinopel zogen, waren viele jüdische Freiwillige zu finden, übrigens die ersten Nichtmohammedaner in der türkischenArmee. Der Umstand, daß einer von den Deputierten, die dem Sultan seine Absetzung zu verkünden hatten, der Jude Karasso war, spricht dafür, daß sich die Juden bei tinalandschaften, welche der junge Künstler nach seiner Studienreise mit dem großen Hirschenberg im „Jüdischen Museum“ seinerzeit ausgestellt hatte. Damals wuchs im Meister und Jünger der Plan, alles, was Palästina an landschaftlichen und architektonischen Schönheiten bietet, in einem kolossalem Panorama zusammenzufassen. Samuel Hirschenberg ist tot, und mit ihm haben wir auch die Hoffnung auf eine jüdische Monumentalmalerei begraben. Seine Schülerin, die jugendliche Blanka Lipschütz, ist durch ein zart abgetöntes Mädchenporträt vertreten. Besonders virtuos behandelt sind die grünvioletten Reflexionslichter im Gesicht Otto Friedrich, dessen vornehme Bescheidenheit sich seit Jahren dokumentiert, zeigt in seinen drei Porträts, daß er eine ausgereifte Künstlerphysiognomie besitzt. Er gehorcht nur den Gesetzen seiner persönlichen Kunst und steht hoch über denen, welche den Mangel an Erfindung hinter konfußen Formen verbergen. Als Künstler von echtem Schrott und Korn schätzen wir den Mährer Ehrenhaft, einen Gegenpol zum farbentollen Joza Uprka, welcher gegenwärtig im Hagenbund viel Inteeesse erregt. Ehrenhaft malt die Ebenen der mährischen Slovakei, die graugetünchten Lehmhütten am Marchufer und die reflexionslosen Bauern mit ihren einfältigen Gesichtern und bunten Gewändern. Seine Welt ist das mährische Dorf, still, eintönig, schwermütig und heiter zugleich; da berührt er sich mit Neumann, dessen Ansichten von Zakopane die Melancholie des Slavischen typisch wiedergeben. Von hier führt ein Weg zu Treulich, der zwar in seinen mit gemischter Technik ausgeführten Bildern noch keine Ziele erkennen läßt, immerhin aber auf Grund des Technischen zu guten Hoffnungen berechtigt. Wien, im April 1909. Dr. Oskar Rosenfeld. Allerlei. Zur Statistik der Juden in Italien. Robert Michels behandelt in einem Aufsatze „etnographischstatistische Studien zur Entwicklungsgeschichte Italiens“ auch die einzelnen Konfessionen. Danach sind die Juden — (35617 nach der Volkszählung von 1901) — fast stationär geblieben, während alle übrigen Religionsangehörigen einen starken Zuwachs erfahren haben. Dieser Bevölkerungsstillstand, der, wie Michels ganz richtig betont, relativ sogar einen Bevölkerungsrückgang bedeutet, ist nach Michels keineswegs als ein Anzeichen für eine etwaige Häufigkeit von Uebertritten zur herrschenden Religion anzusehen. „Nirgends ist die äußere Veranlassung zu einem Religionswechsel geringer als in Italien, wo Männer israelitischer Konfession häufig die höchsten staatlichen Aemter bekleiden und selbst vom Posten eines Kriegsministers nicht ausgeschlossen sind.“ Die Juden sitzen in Italien lediglich in den großen Städten: Rom 7121, Turin 2828, Florenz 2776, Livorno 2487, Venedig 2474, Mailand 1022, außerdem Mantua, Verona, Ancona usw. Auf dem flachen Lande und in kleineren Orten ist der Jude eine Seltenheit. Als besonderes Charakteristikum der italienischen Juden erwähnt Michels ihre ungewöhnliche Mobilität: Die letzte Volkszählung hat festgestellt, daß nur 61 •5% der jüdischen Bevölkerung in derselben Gemeinde geboren waren, in der sie zurzeit ansäßig sind. Noch vor wenigen Jahrzehnten war Süditalien so gut wie frei von jüdischen Einwohnern; heute hat die schnell vor sich gehende kapitalistische Entwicklung in Italien die Juden auch nach Süditalien verpflanzt. Uebrigens hat in Süditalien weder vor noch nach der jüdischen Einwanderung irgend eine Art von Antisemitismus existiert.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.