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Jüdische Zeitung · 1909-04-23 · 17 (23.4.1909) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 17 Der Aufsichtsrat konstituierte sich sofort, wählte zu seinem Vorsitzenden Herrn David Schönfeld, Bankier; zum Stellvertreter Herrn J. S. Philipp, Mühlenbesitzer, und zu Sekretären die Herren Dr. Gerson Zipper und Dr. Israel Waldmann und schlug die Herren Inspektor Eisler, Kaufmann Karl Stand, Hausbesitzer Orange, als Direktoren und die Herren Großindustrieller Chaim Grossinger, Bankier Wechsler, Reichsratsabgeordneter Dr. Gabel, als Vizedirektoren vor. Dieser Vorschlag wurde der Generalversammlung bekanntgegeben und angenommen. Aus dem jüdischen Leben. Eherechtliches. Wien. Eine merkwürdige Eheaffäre beschäftigte dieser Tage das Zivillandesgericht in Wien. Der Tatbestand ist folgender: Der in Pankow wohnende Schauspieler John G o 11 o w t vom Deutschen Theater in Berlin, ein österreichischer Staatsbürger, hatte sich im Dezember 1907 vor dem Standesamte in Pankow mit der Schwedin Elisabeth Adler verehelicht, mit der er bereits mehrere Jahre in freier Verbindung lebte. Als das Ehepaar im Oktober 1908 bei der niederösterreichischen Statthalterei die Legitimierung eines in Wien geborenen vorehelichen Kindes beantragte, stellte sich heraus, daß zur Zeit der Eheschließung der Bräutigam mosaischen Glaubens, die Braut dagegen Lutheranerin gewesen war. Die Statthalterei übergab daher die Sache zunächst dem Zivillandesgericht zur Untersuchung, ob der Ehe nicht das Hindernis der Religionsverschiedenheit entgegenstehe. Zu der jetzt stattgefundenen Verhandlung war der Schauspieler Gottowt persönlich erschienen; er erklärte, er habe mit seiner Eheschließung das österreichische Gesetz nicht umgehen und rechtliche Wirkungen in Oesterreich nicht herbeiführen wollen. Es sei ihm, nachdem er bereits vier Jahre mit seiner Gattin in freier Gemeinschaft verbunden war, von der Berliner Polizei angedroht worden, ihn als lästigen Ausländer auszuweisen, falls er noch länger das Konkubinat fortsetzte. Um nun von den österreichischen Behörden das Ehefähigkeitszeugnis zu erlangen, habe er seine Braut bewogen, konfessionslos zu werden. Nach Empfang dieses Zeugnisses habe seine Braut das schwedische Konsulat um Erteilung eines Ehezertifikats ersucht; diesem Anträge sei jedoch nicht stattgegeben worden mit der Begründung, daß die Braut eine „Heidin“ sei und als solche kein Zertifikat erhalte. Das Mädchen trat infolgedessen wieder zum lutherischen Glauben zurück, worauf vor dem Pankower Standesamt die Eheschließung des Paares erfolgte. Das Wiener Zivillandesgericht erklärte hierauf die angefochtene Ehe für gültig, da nach der Sachlage eine Herbeiführung rechtlicher Folgen in Oesterreich nicht bezweckt war. Gottowt, der Schauspieler deutscher Zunge sei, habe zur Zeit seiner Eheschließung zweifellos nicht die Absicht gehabt, in seine engere Heimat Galizien zurückzukehren, weil ihm dort für die Ausübung seines Berufes der Boden fehle; aber auch die Niederlassung in Deutsch-Oesterreich war von ihm nicht in bestimmte Aussicht genommen, denn er war zur Zeit seiner Heirat durch einen siebenjährigen Engagementsvertrag an das „Deutsche Theater“ in Berlin gebunden. * . * * Aus dem „liberalen“ Ungarn. Budapest. Der Ministerialrat im Ministerium für Kultus und Unterricht Baron Alexander Barköczy ist ein bekaneter Antisemit und macht aus dieser Gesinnung umso weniger ein Hehl, als ihm dieselbe bei seinem Chef Kultusminister Graf Albert Ä p p o n y i nicht im Geringsten schadet. Ministerialrat v. Barköczy sagt ganz offen, daß bei Lehrerernennungen der Taufschein wichtiger sei, als alle übrigen Dokumente. Vor Kurzem sollte nun in einer Provinzschule eine Lehrerin ernannt werden. Die provisorisch augestellte Lehrerin an der betreffenden Schule ist eine Jüdin. Sie aspirierte auf die bescheidene Stelle und Herr von Barköczy hat ihr auch ihre Ernennung bestimmt zugesagt. Gleichzeitig aber schrieb er an einen Freund in jener Provinzstadt, derselbe möge auf die jüdische Lehrerin einwirken, daß sie sich taufen lasse. Er, der gestrenge Herr v. B a r k ö c z y sei gerne bereit, die Taufpatenschaft zu übernehmen, und habe auch den berühmten BndapesterPfarrerReichsratsabgeordncten Johann Hock dafür gewonnen, den Taufakt zu vollziehen. Trotz dieser verlockenden Aussichten erklärte das alleinstehende jüdische Mädchen, zur großen Verwunderueg der Seelenfänger, auf Alles zu verzichten und Jüdin bleibee zu wollen. Die jüdische Lehrerin hat ihr Wort gehalten; sie hat ihrem provisorischen Posten bereits verlassen. An ihre Stelle wurde eine andere ernannt, deren Zeugnisse wohl nicht so erstklassige sind wie diejenigen der jüdischen Lehrerin, die aber das „wichtigste Dokument“ besitzt, den Taufschein. * ■ * * Japanischer Antisemitismu s. Berlin. Vor einigen Wochen brachten antisemitische Blätter ein Interview des New-Yorker Korrespondenten der „Nowoje Wreraja“ mit dem dortigen japanischen Botschafter Grafen O k u m a, das sehr gehäßig gegen die Juden war. Nun erhält die „Allgemeine Zeitung des Judentums“ in dieser Sache die folgende Mitteilung ihres Mitarbeiters Professor Deutsch in Cincinnati: „In meinem Briefe vom 5. Februar d. J. versprach ich ihnen weitere Berichte, welche die augenfällige Unwahrheit des von der russischen Journalistin Frau Gorjatschewska veröffentlichten Interviews mit dem japanischen Grafen Okuma beweisen sollten. Graf Okuma soll nach dem aus der „Staatsbürgerzeitung“ gebrachten Interview gesagt haben, daß Japan es verstanden habe, sich die Juden vom Leibe zu halten und daß Rußland, um sich zu retten, das gleiche tun müsse. Ich ersuchte Herrn Leo W i s e, Herausgeber des „American Israelite“, an den japanischen Botschafter in Washington um Aufklärung zu schreiben, da ich voraussetzte, daß der1 letztere in Rücksicht auf die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten und ganz besonders in Rücksicht auf die Agitation in Kalifornien, welche japanische Kinder von dem Besuche der öffentlichen Schulen ausschließen will, einem angesehenen Blatte die Antwort nicht verweigern würde. Herr Wise schrieb mit Darstellung des ganzen Sachverhaltes an den Botschafter am 5. Februar, erhielt aber erst gestern eine vom 20. März datierte Antwort. Es ist demnach wahrscheinlich, daß der Botschafter sich erst vom auswärtigen Amte in Tokio Instruktionen holte. Der Wortlaut der Antwort ist folgender: „Kaiserlich japanische Botschaft, Washington, 20. M ä r z 1909. Mr. Leo Wise, Cincinnati, Ohio. Geehrter Herr! Ihr Brief vom 5. Februar an den Botschafter bezüglich eines angeblichen Interviews mit dem Grafen Okuma werde von ihm rechtzeitig empfangen. Ich habe den Auftrag, Ihnen zu erwiedern, daß es in Japan weder jetzt Gesetze gibt, noch jemals seit das Land dem Fremdenverkehr eröffnet wurde, Gesetze gegeben hat, welche gegen Juden oder irgendeine andere Rasse Ausnahmebestimmungen enthalten. Obwohl er von dem angeblichen Interview des Grafen Okuma keine Kenntnis hatte, ehe er ihren Brief erhielt, bezweifelt er erns:lich dessen Authenzität, denn es ist kaum denkbar, daß irgendein Mensch mit gesunden Sinnen in Japan, wo es nicht das geringste Vorurteil gegen die Juden gibt, eine solche Behauptung aufgestellt habe. Ich bedauere die Verspätung dieser Antwort, welche die Folge eines Versehens im Bureau war und bin ihr ganz ergebener Harahara, Sekretär.“ * * * Antisemitische Frechheiten. Czernowitz. Am 14. d. M. fuhr eine Dame C. H. mit dem von Zaleszicyki nach Lemberg führenden Nachmittagszuge in einem Abteil 3. Klasse. Ueber ihr Ersuchen, wies ihr der den Zug begleitende Kondukteur Wachlowski einen Platz in einem Damencoupe an, in welchem sich eine der Dame unbekannte Frau mit drei Kindern befand. Bald darauf erschien Herr Professor Dr. K 1 a u d i us B i 1 i n s k i und forderte die Dame in befehlendem Tone auf, das Coupe sofort zu verlassen. Da sich die Dame weigerte, schrie er sie in lautem Tone an und molestierte sie durch sein prononziert unhöfliches Benehmen. Er forderte sogar die kleinen Kinder auf, das Gepäck der Dame mit den Schuhen zu beschmutzen und es aufzureiSen. Als ein der Dame bekannter Herr Simon Mayer in der Station Wereczanka einstieg, bat sie ihn um Schutz. Sie trat dabei in die Tür des Coupes. Diesen Augenblick benützte Herr Doktor Bilinski, gab ihr rücklings einen leichten Stoß, so daß die Dame in den Korridor zu stehen kam, versahloß die Tür und hielt sie fest. Zwischen Herrn Mayer, und ■ Dr. Bilinski kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung, in derem Verlaufe sämtliche Anwesende die Partei der Dame ergriffen. Herr Dr. Bilinski rief-einem Herrn zu: „Schäbiger Jud“ und nannte die Dame „schäbige Jüdin“. Die im Korridor anwesenden Herren riefen in Kotmann den Zugsführer herbei. Dieser öffnete die Coupetür und führte die Dame ins Coupe. Sofort erhob der „galante“ Herr ein Geschrei, daß der Zugsführer zur Dame sagte: „Ich bin nur ein kleiner Beamter, ich kann hier gar nichts ausrichten“. Daraufhin verließ die Dame das Coupe und blieb im Korridor stehen. Fünf Minuten später riß der „intelligente“ Mann die Coupetür auf und warf ihr Gepäck auf den Koaridor. Zeugen des Auftrittes waren unter anderem: B. Horowitz, F. Schächter, S. Neuberger, Jakob Löbel, Simon Mayer, Kondukteur Anton Wachlowski etc. Diese so traurige Szene rief bei den anderen Fahrgästen allgemeine Aufregung hervor. Solche Herren sind die Erzieher der Jugend, solche Herren sollten als Muster gelten. Die Jugend, welche solche Lehrer hat, ist zu bedauern. M. Reifer. * * * Juden im italienischen Parlament. Rom. Im neugewählten italienischen Parlament sitzen 14 jüdische Abgeordnete — einer mehr, als in der vorigen Kammer. Unter den jüdischen Abgeordneten ist auch ein Zionist, Herr Eliath Musati aus Venedig. Im Verhältnis zu ihrer geringen Zahl ist die politische Rolle, welche die italienischen Juden spielen, bedeutsamer, als die der Juden irgend eines anderen Landes. * * * Das Wohnrecht jüdischer Pharmazeuten und Dentisten. Petersburg. Wie kürzlich bereits mitgeteilt, hat sich das erste Departement des Senats mit der Frage befaßt, ob jüdische Apothekergehilfen, Dentisten etc. außerhalb des Ansiedlungsgebiets wohnen dürfen, wenn sie sich mit nicht zu ihrem Spezialfach gehörigen Beschäftigungen abgeben. Die Meinungen der Departementsmitjglieder waren .'darüber geteilt und es wurde beschlossen, diese Angelegenheit der allgemeinen Senatssitzung zu unterbreiten. Die Administration hat es aber nicht für nötig gehalten, den Beschluß dieser Sitzung abzuwarten und hat in verschiedenen Städten vielen jüdischen Pharmazeuten und Dentisten eine Ausweisungsbestimmung mit sechstägiger Frist zugestellt. Die Betroffenen sind durch diese grausame Maßregel gänzlich ruiniert und zahlreiche von ihnen zum Bankerott getrieben worden, worunter die Fabrikanten und die allgemeine Industrie im Lande in empfindlicher Weise leiden. Ein Direktor der bekannten Lodzer Firma Posnansky, Josef Schreiber, hat sich deshalb nach Petersburg begeben, um an maßgebenden Regierungsstellen auf die nachteiligen Folgen des rigorosen administrativen Vorgehens hinzuweisen und im Namen der Industrievertreter um die Verhinderung einer entsprechenden Gesetzesbestimmung zu ersuchen. Herr Schreiber wurde vom Finanzminister Kokowzew und dem Handelsminister Tiinirasjew empfangen, die mit ihm diese Angelegenheit eingehend besprachen, die von ihm angeführten Argumente anerkannten und ihrerseits im Sinne seines Gesuches zu wirken versprachen. Wenn dem Gesuch ein Erfolg beschieden ist, werden tausende jüdischer Existenzen vor dem Ruin bewahrt bleiben. * * * Verbreitung des Handwerks unter den Juden in Rußland. Petersburg. Vor kurzem fand hier die jährliche Generalversammlung der jüdischen Handwerks- Gesellschaft unter M. Winawers Leitung statt. Aus dem erstatteten Kassenbericht geht hervor, daß die Einnahmen der Gesellschaft im Jahre 1908 etwa 38.000 Rubel, die Ausgaben über 32.000 Rubel betrugen. Es wurden verausgabt: für Handwerkerschulen und Handwerkerklassen an den Elementarschulen 1377 Rubel; für Mädchen-Handwerksschulen 2114 Rubel; für professionelle Außerschulbildung 505 Rubel; für Handwerksinstrumente 2177 Rubel; für Beförderung von jüdischen Handwerkern in innerrussische Städte 2998 Rubel; für Erdarbeiter 2625 Rubel. Die Versammlung beschloß, neue Ab-

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