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Jüdische Zeitung · 1909-04-23 · 17 (23.4.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 17 Erlaubnis mit dem Manifest. vom 21. Februar zusammen, das bekanntlich — eine Revolution von oben — die ganze Ordnung in Finnland umstilrzte, und die Judenfrage blieb wieder unerledigt. Im Juli 1£06 hielten die finnländischen Juden in Wiborg eine Versammlung ab, deren Resolution in Form einer Bittschrift sich an den Senat um Verbesserung ihrer Lage wendete. Darauf beauftragte der Senat 1S07 die gesetzesvorbereitende Kommission mit der Ausarbeitung eines Judengesetzes, das erst im Jahre 1910 fertig sein wird. Seitenstetten. Das Repräsentanzhaus der Wiener jüdischen Gemeinde befindet sich in der eckigen, stickigen aeitenstettengasse. Welch Gerümpelwerk! Die schmale Gasse Dumpf, an Sonnenlicht verwaist, ein grau Stück Land! Gleichsam scheu verkrochen vor dem Hasse Und dem Blutrauch einer blöden Masse, Ihrem Henkerbeil und Scheiterhaufenbrand. Ringsum Ghetto, Schmutz und alte Hosen, Uebler Rauch der Armut, Tratsch und Kramgeschrei, Tiefe Augen, die verbittert glosen, Frühvertrocknete Jerichorosen Und der Knechte wüstes „Hüh!“ und „Hei!“ Und zwei Häuser, — daß sich Gott erbarme!— Wendeltreppen, Zickzackgänge, Holzbalkon, ln den Winkeln hocken sieche Arme Und ergänzen mit dem Jammerharme Diese sonderbare Repräsentation! — Zweimalhunderttausend Judenseelen Herbergt dieses böse, wunderschöne Wien, Stolze Namen, die der Welt befehlen, Die sich Schönheit und Kultur vermählen Und die stumm an dieser Schmach voriiberziehn! Beda. Die VIII. galizische Landeskonferenz in Lemberg. (Bericht unseres Spezialkorrespondenten.) Unter außergewöhnlich starker Beteiligung fand am 18. und 19. d. M. in Lemberg dieVlIl Landeskonferenz der galizischen Zionisten statt. An der Konferenz nahmen 184 Delegierten aus 75 Orten und zahlreiche Gesinnungsgenossen aus dem ganzen Lande teil. Außerdem waren als Gäste Dr. Franz Oppenheimer aus Berlin, Herr Lucian Brunner und Dr. Egon Zweig aus Wien, Natan Groß als Vertreter des Hauptbureaus des Nationalfonds in Köln, anwesend. Die Verhandlungen erweckten großes Interesse und die Delegierten folgten den Beratungen, welche an beiden Tagen bis spät in die Nacht dauerten, mit gespannter Aufmerksamkeit. Den wichtigsten Punkt der Verhandlungen bildete die Frage der Landespolitik und der Organisationsform. Die Konferenz sprach sich mit Dreiviertelmajorität für die innerösterreichische politische Betätigung aus und faßte den Beschluß, die Besorgung der zionistischen als auch politischen Agenden einer einzigen Organisation, dem zionistischen Zentralkomitee für Galizien, anzuvertrauen. Besonderes Interesse fand die Beratung über die Palästinaarbeit. Es zeigte sich deutlich, daß die Liebe zu Palästina und die Bestrebungen zur Erreichung einer eigenen Heimat infolge der politischen Betätigung im Lande nichts gelitten, sondern sich geradezu vertieft und verinnerlicht haben. Die Aeußerungen der Delegierten aus der Provinz bewiesen, daß die Bewegung im Lande in den letzten zwei Jahren sowohl an Breite als auch au Intensität zugenommen hat. Die gleichzeitig abgehaltene Konferenz der hebräischen Schulkomitees und die Gründung eines hebräischen Schul vereines, die Konferenz der Nationalfondskommissäre, die am 19. erfolgte definitive JÜDISCHE ZEITUNG. Gründung der „Kreditunion“, waren weitere Beweise für die Kraft und die Gesundheit der zionistischen Bewegung in Galizien. Nachstehend der Bericht : Der Präsident des galizischen Zentralkomitees Dr. Markus Brande eröffnete die Konferenz und gedachte in einer Ansprache der Gesinnungsgenossen, die uns im abgelaufenen Jahre entrissen wurden. Diese sind Jacob Philipp, Schulim M e l z e r, Abraham Lebensart, Michael Spiegel, Dr. Thurnheim, der Maier H i r s c h e n b e r g, Dr. Leopold Kahn und Baurat Oskar Marmorek. Nachdem die Verhandlungen der Konferenz als streng vertraulich erklärt wurden, schritt man zur Wahl des Bureaus. Zum Vorsitzenden wurde Gesinnungsgenosse Reichsratsageordneter Adolf Stand gewählt. Nach der Wahl der verschiedenen Ausschüsse erstattete der Sekretär des Z. K. Gg. Leon Wechs- 1 e r den Tätigkeitsbericht. Das 'abtretende Z. K., dessen Funktionsdauer vom Oktober 1907 bis April 1909 erstreckte, hielt 67 Sitzungen ab, berief in dieser Zeit vier von Genossen aus dem ganzen Lande besuchte Konferenzen ein. Im Jahre 1908 wurden 4500 Schekel gesammelt. Für den N. F. wurden 30.518 K gespendet und fast 1100 Oelbäume gestiftet. Das Verhältnis zum engeren A.K. war leider durch verschiedene Meinungsdifferenzen getrübt. Mit der westösterreichischen Organisation ist das Z. K. durch viele gemeinsame Interessen — wie zum Beispiel die Aktionen anläßlich des Gemeindebundes — verbunden gewesen. Die Partei beteiligte sich an den galizischen Landtagswahlen. Delegierte des Z. K. nahmen an allen Distriktstagen teil. Jedes Mitglied des Z. K. hat durchschnittlich 15 Agitationsreisen unternommen. Außerdem besorgte ein Wanderredner, der in 42 Versammlungen sprach, die mündliche Agitation im Lande. Die Anzahl der im Jahre 1908 im Lande abgehaltenen Agitationsversammlungen beläuft auf viele Hunderte. Erwähnenswert sind die Herzlfeiern, die fast in jeder Stadt stattfanden, die Makkabäerfeiern und die Protestversammlungen gegen das Konventikel der 17 Kultusgemeinden in Lemberg. Mehrere Kultusgemeinden wurden in der Zwischenzeit erobert, neue Vereine begründet, eine Palästinazeitschrift „Zerubabel“ herausgegeben und die Parteipresse verbreitet. Der Bericht konstatiert, daß das „T a g b 1 a 11“ bereits aktiv ist. Die Broschürenkonimission des Z. K. vermittelte den Absatz von zionistischen Broschüren. Die Kultuskommission förderte die Begründung und Erhaltung von hebräischen Schulen. Die Palästinakommission unterstützte die Palästinaarbeit, vermittelte den Absatz von Aktien der P. L. D. C. ln wirtschaftlicher Beziehung wurde auch manches Werk unternommen. Es wurde eine Schächerorganisation ins Leben gerufen und schließlich gelang es dem Präsidenten des Z. K. einen langgehegten Wunsch in Erfüllung zu bringen: dank seiner Arbeit ist die Gründung einer jüdischen Volksbank zur Tatsache geworden. Hierauf erstattete Reichsratsabgeordneter Stand den Bericht über die Tätigkeit des jüdischen Klubs. Nach einer ausführlichen Darlegung der Haltung und der Arbeiten des jüdischen Klubs im Parlamente und der verschiedenen von ihm eingeleiteten Aktionen wiederlegte Gg- Abg. Stand die Angriffe der Gegner einer politischen Betätigung im Lande und wies den unbedingten Zusammenhang zwischen Politik und Zionismus nach. Der jüdische Klub hat zwar nicht alle Hoffnungen erfüllt, die an seine Existenz geknüpft waren, er hat jedoch auf Umwälzung in der öffentlichen jüdischen Meinung großen Einfluß genommen. Die zwei Jahre jüdischer Landespolitik haben entschieden genützt. D i e jüdischen Abgeordneten betrachten die Politik als Mittel für den zionistischen Zweck. Sollte jedoch die Konferenz anderer Meinung sein, so erkläre der Redner seine Bereitwilligkeit, dieser Anschauung Rechnung zu tragen, sich einem eventuellen Beschluß g eg e n d ie L an de s p o 1 i t i k zufügenund die letzten Konsequenzen zu ziehen. Hierauf referierte Gg. Dr. Michael R u i f e 1 über „die nächsten Aufgaben der Partei in Galizien“. Er plädiert für die innerpolitsche Betätigung in einer einheitlichen Organisation. Für ihn ist das Judentum nur das zionistische Judentum. Wenn also dasjudentum irgendwelche Aufgaben zu erfüllen habe, so müsse sie die zionistische Partei übernehmen. Er kritisiert weiter den Standpunkt derjenigen Zionisten, die mit der politischen Betätigung einverstanden sind, sie aber von einer anderen Organisation von „Scbabbesgojim“ besorgen lassen möchten. Man habe als Zionist nicht das Recht, sondern in Anbetracht der traurigen Lage des Volkes die Pflicht, auf die Entwicklung in ökonomischer, kultureller und politischer Beziehung Einfluß zu nehmen. Das Ideal ist, daß alle jüdischen Fachorganisationen, Vereine usw. in Galizien zionistisch würden. Die zionistische Organisation muß alle Aufgaben übernehmen, deren Erfüllung der Staatssozialismus vom modernen Staate verlangt. Der Referent begreift die Unzufriedenheit mit der bisherigen Politik, aber sie ist für ihn ein Zeichen, vom starken Leben in der Partei. Möge diese heilige Unzufriedenheit Taten zeugen! Die politische Tätigkeit hat das ganze galizische Judentum aufgerüttelt. Ein tüchtiges Z. K., vertrauensvolle, arbeitsame Männer könnten Be¬ Seite 5 deutendes leisten. Der jüdische Boden Galiziens sei aufgewühlt, möge es die Sorge des nächsten Z. K. sein, daß aus diesem Boden eine zionistische Frucht wachse. Er beantragte schließlich, daß die politischen und zionistischen Agenden wie bisher vom zionistischen Zentralkomitee zu besorgen sind. An diese drei Referate schloß sich eine lebhafte Debatte, die den ganzen Nachmittag des ersten Konferenztages ausfüllte. Im Verlaufe der Debatte, an welche sich viele Gesinnungsgenossen beteiligten, stellte Gg. Doktor F e 1 d b 1 u m (Krakau) den Antrag, die politische Arbeit einer eigenen Organisation zuzuweisen. Da sehr viele Redner zum Worte gemeldet waren, einigte man sich auf die Wahl von Generalrednern’ Zum Generalredner kontra Antrag Ringel wurde Gg. S. Schiller, zum Pro-Redner Dr. Israel Waldmann gewählt. Schließlich wurde der Antrag Ringet mit erdrückender Majorität angenommen. * * * Zur Konferenz hatten fast alle Organisationen, und Landeskomitees Begrüßungsdepeschen geschickt. Vom Zentralbureau in Köln langte keine Zuschrift ein. Diese Tatsache wurde in den Kreisen der Delegierten viel bemerkt. Lemberg, 21. April. (Telegramm der „Jüdischen Zeitung“.) In das neue Zentralkomitee der galizischen Zionisten wurden vom Plenum Abgeordneter Stand zum Präsidenten, Dr. Michael Ringel zum Stellvertreter und als Mitglieder die Gesinnungsgenossen Dr. Abr. Kort eis, Bernhard Jahn, Dr. Löwenherz, J. S. Philipp, Salomon Schiller und Dr. Alexander Hausmann gewählt. Außerdem gehören dem Z. K. je zwei Delegierte der vier galizischen D. K., die Chefredakteure des „Tagblatt“ und des „Wschod“ an. Die Generalversammlung der „Kreditunion“. (Von unserem Spezialkorrespondenten.) Am 19. April d. J. fand im ruthenischen Nationalhause in Lemberg die erste Generalversammlung der neubegründeten jüdischen Volksoank für Galizien statt. Es waren 48 Aktionäre, welche 158 Stimmen verkörperten, darunter Herr Luzian Brunner aus Wien und viele Aktionäre aus der Provinz erschienen. Den Vorsitz führte Reichsratsabgeordneter Adolf Stand. Nach einer Begrüßungsansprache des Dr. Markus B r a u d e, der die Geschichte der Bankgründung erzählte und auf die Bedeutung einer jüdischen Bank für die galizischjüdische Bevölkerung hinwies, ergriff Reichsratsabgeordneter Dr. Gabel das Wort und führte aus: In Erfüllung eines Beschlusses der zionistischen Partei übernahm der Obmann des Zentralkomitees Dr. Markus Brau de, die Aufgabe, die Vorbereitungsarbeiten zur Gründung einer jüdischen Volksbank durchzuführen. Auf einer längeren Agitationsreise in Galizien gelang es ihm, eine große Anzahl von Anteilsscheinen zu plazieren. Die Höhe der Zeichnungssumme übersteigt bei weitem die der Beträge, auf Grund welcher andere Bankgründungen vor sich gegangen sind. Auch die Höhe des bereits zugesagten Reeskomptekredites, der hauptsächlich durch die Unterstützung des Herrn Luzian Brunner von großen Wiener und Prager Geldinstituten bewilligt wurde, garantiert eine geschäftliche Ausdehnung, welche von großem Vorteile für die galizische Judenheit zu werden verspricht. Die Volksbank ist in erster Linie ein reingeschäftlicheslnstitut, doch soll sie vornehmlich jenen nützen, die infolge ihrer politischen Ueberzeugung Vexationen und Benachteiligungen seitens der galizischen Assimilantenbanken ausgesetzt sind. In der darauffolgenden Debatte sprach unter anderem Herr Luzian Brunner aus Wien. Er prognostizierte der Volksbank eine gedeihlich» Entwicklung und bezeichnete ihre Gründung als eine große bedeutungsvolle Tat. Nach den von vielen Seiten eingeholten Berichten, die alle sehr günstig gelautet haben, ist anzunehmen, daß die Bank einerseits die an sie geknüpften Hoffnungen erfüllen und anderseits auch rein geschäftlich florieren werde. Herr Brunner teilte auch mit, daß ein Schweizer Geldinstitut einen Reeskomptekredit zugesagt habe. Nach der Debatte fand die Wahl des Aufsichtsrates statt. Es wurden gewählt: Dr. Markus Braude, Dawid Schönfe 1 d, J. S. Philipp, Dr. G. Zipper, Dr. Isak Feld, Rose n b I ü t, alle aus Lemberg; Luzian Brunner, Adolf Brecher, Reichsratsabgeordneter Adolf Stand aus Wien; Dr. Abraham Kornhäuser (Jaslo), Dr. A. Ha I p ern, Hermann Tro p p (Stanislau), Dr. Israel Wa I d m a n n (Tamopol), Natan Tartakower (Brody), Dr.Moritz Pachtmann (Drohobycz).

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