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Jüdische Zeitung · 1909-04-23 · 17 (23.4.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17 JÜDISCHE ZEITUNG. und dem der 11 Kronen gestohlen hat, unterscheidet sie ganz gewaltig und konstruiert krasse Abstufungen der Strafe. Ob aber nun einer seine Mutter abschlachtet, um sie zu berauben, oder ob er in fieberischer wahnwitziger Sucht, seinem armen geknechteten Volke zu helfen, gegen den Unterdrücker blindwütig den Stahl zückt, unsere Gerechtigkeit weiß darauf nur eine Antwort: Tod durch den Strang! Die Geschworenen in Lemberg mußten ihr totbringendes „Ja“ aussprechen. Nicht sie, ein starres, unvernünftiges Gesetz bricht dem jungen Schwärmer erbarmungslos das Genick, begräbt ihn lebendig, als wäre er der gemeinste, habsüchtigste Meuchelmörder, der Abschaum der Menschheit. — Für das Schicksal Syczinski’s hat die große Presse ein, zwei Spalten übrig gehabt, ungefähr die Hälfte des Raumes, welcher die Beschreibung der Unterhosen und Strümpfen in Anspruch nimmt, wenn die Tochter eines Grafen oder irgend eines Börsenjobbers heiratet. Ein trockener Gerichtssaalbericht. Mehr bringt die „öffentliche Meinung“ nicht auf, und über ein so junges, bei all seiner Verirrung so liebenswürdiges Menschenleben, über den grandiosen Kampf einer geknechteten Nation hat der hochstehende zivilisierte Westen die Akten geschlossen! Wir gratulieren! Der König Karl von Rumänien feiert seinen 70. Geburtstag und alle Schmocke strudeln im Schweiße ihres Angesichtes das edle Herrscherpaar an. DieZeitungen des liberalen Judentums schildern über und unter dem Strich den Edelmut des greisen würdigen Herrschers und den gewinnenden Liebreiz der „schneeweißen und doch so schönen“, so guten so milden, so lieben, so süßen, so reinen, so herrlichen Königin-Dichterin Karmen-Sylva. — Auch wir gratulieren: wir gratulieren dem Herrn König Karolus zu seinen guten Nerven, daß er angesichts seiner gequälten, himmelschreiend malträtierten Juden, dieser Unglücklichsten aller Unglücklichen, seine milde Seelenruhe nie verloren hat, daß ersieh nie zum Eingreifen zugunsten dieser Elenden hat hinreißen lassen. Ein Hoch dem ritterlichen Hohenzollernsproß! Und dreimal Hoch der süßen, weißen Königin! Während in der Donau rumänische Juden ersäuft wurden, hat sie, die Landesmutter, in allen deutschen und Familienzeitschriften auf den Rückseiten von Photographien und auf Bonbonieredeckeln unzählige Gedichte fabriziert, die von Menschenliebe triefen, so voller Güte und Süße, daß dem härtesten Bösewichte Gewissen und Stuhl weich werden. Sie haucht zarte Liebeslieder in die Mondnacht, ihre milde Seele umfaßt alle, alle Menschen. Sie sucht das Elend in Frankreich, Oesterreich und überall, um Balsam in schmerzende Wunden zu gießen! Daß sie das Judenelend im eigenen Lande übersieht, daß sie über den brutalen mörderischen Judenhaß, der ihre Landeskinder beseelt, nachsichtig Kiao“, das ist „die Sekte, welche die Halssehnen auszieht“ und kennen keinen anderen Namen. Ferner erzählten sie, daß sie kein Schweinefleisch essen und den geschlachteten Rindern die Halssehnen ausziehen, meist untereinander heiraten, alle übrigen Gebräuche aber in Vergessenheit geraten seien, die Beschneidung inbegriffen. In einer Bibel, die ich ihnen vorwies, konnten sie — jedoch nur dank des in Shanghai genossenen Unterrichtes — lesen, da keiner der Juden in Kaifung mehr der hebräischen Sprache mächtig ist. Ich bat sie um die Uebersetzung der ersten Verse der „Genisis“; dies taten sie und übersetzten „Elohim“ durch „Tien, „Haschomaim“ auch durch „Tien“. Auf meine Frage: „Wie konnte Tien den Tien erschaffen?“ antworteten sie mir, daß unter dem Schöpfer Tien Gott zu verstehen sei, daß unter dem erschaffenen Tien der sichtbare Himmel gemeint sei. Ich trug sie dann nach dem Gedächtnisstein am Platze der Synagoge und sie äußerten sich, daß sie nur davon gehört hätten. Auch die Juden tragen Zöpfe wie die Chinesen, ihre haben Frauen verkrüppelte Füße, sie haben alle Gebräuche des Landes angenommen. Eben diese Assimilation eines Volkes, das allen anderen Nationen gegenüber seine Eigenart so stolz bewahrte, eröffnet soziologische Perspektiven von bedeutsamem Interesse. Die wesentlichste Ursache liegt wohl darin, daß die chinesischen Juden sich niemals über Intoleranz zu beklagen hatten, daß sie schweigend hinweggeht, wollen wir der Gottbegnadeten nicht krumm nehmen. Sie scheint eben ein bischen weitsichtig zu sein. Die dichtende Majestät mit den kranken Augen soll leben, ihre jüdischen Lobhudler desgleichen! Eine kleine Reminiszenz. Als in den Neunzigerjahren die Christlichsozialen die Majorität im Wiener Gemeinderate erlangten, boten sie der fortschrittlichen Minorität fünf Stadtratsmandate an. Die Liberalen nannten fünf Kandidaten. Die Christlichsozialen wiesen die Liste mit dem Bemerken zurück, daß sich ein Mann, ein Jude, unter den Vorgeschlagenen befinde, den sie nie und nimmer akzeptieren könnten. Die Verhandlungen zerschlugen sich deshalb — der Zurückgewiesene war der Baurat S t i a s s n y, der nämliche Herr, der, wie in der letzten Nummer ausführlicher besprochen wurde, am Grabe Sonnenthais den Christlichsozialen so unendlich schön getan, sie in so rührenden Tönen gebeten hat, sich doch mit uns Juden „auszugleichen“. Rachesüchtig und stolz ist der Mann entschieden nicht. Wir könnten sein weiches Herz, das ihm über alle Demütigungen hinwegzuhelfen scheint, seinen echt liberalen Magen, der alles verdaut, und seinen echt liberalen starken Rücken, der alles aushält, neidlos bewundern und uns als Unbeteiligte ehrlich über die hervorragende Zähigkeit und die Widerstandskraft dieses unseres Mitbürgers freuen. Leider hat er uns diese Freude vergällt, indem er seine herrlichen Eigenschaften zwar uneigennütziger-, aber höchst überflüssigerweise in. die Dienste der gesamten Wiener Judenheit gestellt und auf diese Weise nicht sich allein, sondern uns alle blamiert hat. _ Nochmals der jüdische Kolonisationsverein in Wien. Endlich hat sich das Dunkel gelichtet, das der Vorstand des „Jüdischen Kolonisationsvereines“ seit drei Jahren über seine Absichten gebreitet hat. Kein Sterblicher, nicht einmal die Mitglieder des Vereines, welche durch zwei Jahre vergebens auf eine Generalversammlung warten, konnten bisher erfahren, was der Vorstand mit den paar 1000 Kronen Vereinsvermögen tun will. Nun lese ich in einer Ecke der Tageszeitungen folgende Notiz: Am 17. d. findet im Jüdischen Museum II., Praterstraße Nr. 28, von 11 bis 1 Uhr mittags, eine Ausstellung von Plänen zur Anlage einer städtischen Kolonie nächst Jaffa in Palästina statt. Die Pläne, die vom Baurat Stiaßny verfaßt sind, umfassen einen Lageplan, eine perspektivische Ansicht, eine Kolonie sowie Typen einzelner Wohngebäude und bleiben nur während niemals unter Ausnahmegesetzen lebten, niemals um ihrer Religion willen verfolgt oder verachtet wurden. Diese völlige Gleichberecktigung, dieses Fehlen aller Barrieren zwischen ihnen und der Volksgesamtheit ist sicherlich ein wesentlicher Grund ihrer Ausgleichung gewesen, ihre völlige Abgeschlossenheit von den Stammesgenossen im Westen, war zweifelsohne eine zweite, wichtige Veranlassung dazu. China hat stets die Gabe besessen, Unterworfene zu Freunden zu machen. Die Geschichte der Kosaken, die im Jahre 1685 zu Albazin gefangengenommen wurden, ist nach dieser Richtung hin sehr lehrreich, es wurde ihnen völlige Religionsfreiheit und völlige Gleichberechtigung mit den Chinesen selbst zugestanden, eine Kirche wurde für sie in Peking errichtet, und Rußland durfte für sie eine eigene Mission in Peking erhalten, um den Gefangenen ihren Glauben zu bewahren. Trotz alledem wurden dieselben von dem chinesischen Volkselement absorbiert, alle Bemühungen Rußlands, sie in Fühlung mit dem alten Volkstum und dem alten Glauben zu erhalten, blieben vergebens. Sie sind heute völlig Chinesen geworden. Aehnlich ergieng es den nach China eingewanderten Juden. Sie fanden ein großes Kulturvolk mit einer Geschichte Tausende von Jahren älter, als die ihre (Yav der Große, regierte China 200 Jahre vor der Geburt Abrahams), ein Volk, das einen monotheistischen Glauben besaß und doch der genannten Zeit zur allgemeinen Besichtigung ausgestellt. Nur an einem Samstag, über die zwei Mittagsstunden von 11—I, in der Praterstraße, aber sonst nicht, werden jene Pläne ausgestellt. Das heißt also, daß die Oeffentlichkeit ausgeschlossen wird, wie dies ja bei allen Veranstaltungen der Kultuspartei aus Furcht vor sachlicher Kritik geschieht. Aber diese Geheimtuerei nützt nichts mehr. Durch jene Mitteilung liegen nunmehr die Absichten des Vorstandes klar zutage: Er plant die Gründung einer städtischen Kolonie bei Jaffa. Das ist an und für sich eine schöne Sache, ln Jaffa mangelt es nicht nur an hygienischen Wohnungen überhaupt, sondern speziell an einem würdigen jüdischen Viertel. Es ist daher dringend notwendig, eines zu bauen. Leider hat man aber damit nicht auf den jüdischen Kolonisationsverein gewartet, dessen Vorstand drei Jahre lang darüber nachdachte. Jenes Stadtviertel bei Jaffa ist bereits im Bau und wird von der Genossenschaft „Achuzat Baith“ in Jaffa mit Unterstützung des jüdischen Nationalfonds errichtet. Nun könnte man meinen, daß es immerhin ein Zeichen von Verständnis ist, wenn der J. K.-V. —- wenn auch verspätet — auf eine gute Idee kam. Leider aber ist das nur Schein. Der Herr Präsident des jüdischen Kolonisationsvereines ist Baurat und wird also zweifellos wissen, daß Bauen — selbst in Palästina — Geld, sehr viel Geld kostet. Die Achuzat Baith in Jaffa hat ein Vermögen von einigen hunderttausend Francs und erhält außerdem vom Jüdischen Nationalfonds laut Beschluß vom 6. Jänner 1908 ein Darlehen von 300.000 Francs auf 18 Jahre. Der Kolonisationsverein verfügt über wenige tausend Kronen! Damit ein Viertel in Jaffa errichten zu wollen, wäre, wenn man auch darüber hinweggeht, daß das Projekt l1/» Jahre zu spät kommt, ein lächerliches Beginnen. Ich habe es mir daher erspart, die schönen Baupläne des Herrn Präsidenten anzusehen. Ich glaube es gerne, daß Baurat Stiaßny solche verfassen kann, bin auch nicht in der Lage, solche nachzuprüfen. Dagegen weiß ich sehr gut, daß das ganze Projekt eine kindische Spielerei ist! Das ganze Vorgehen des Kolonisationsvereines ist typisch für den Geist des Wiener Kultusvorstandes: Man unternimmt etwas an sich gutes, nur um den Zionisten den Wind aus den Segeln zu nehmen, liegt jahrelang damit in Wochen, bis endlich das von Jehovah und seinem auserwählten Volk nichts wußte, ein Volk ohne erblichen Adel, das alle Ehren und alle Aemter den Männern gab, welche durch Bildung und Kenntnis die anderen überragten, genau sowie es selbst bei den Juden stets Tradition gewesen, ein Volk, dem auch die Kenntnis des geschriebenen Wortes als höchster Ruhmestitel galt. AH das mußte die Juden freundlich berühren. Ihr Erstaunen war um so größer, als sie sahen, daß all die Lehren, die Gott seinem auserwählten Volke gegeben, in China nicht nur gelehrt, sondern auch geübt wurden, daß die ihnen von Jehovah eingeprägten Gesetze: „Liebe deinen Nächsten und den Fremdling wie dich selbst“ (Levit. XIX) und „Tue anderen, wie du willst, daß es dir geschehe“, den Chinesen von ihren Philosophen als Ausfluß natürlicher Rechtschaffenheit bezeichnet wurden. Die Juden fanden, daß dieselben Philosophen, die ihrem Volke Liebe zu ihren Nebenmenschen in höchster und edelster Weise predigten — Lao- Ts e und Buddha — den Menschen in kein Verpflichtungsverhältnis Gott gegenüberstellten, sondern Religion als Privatsache erklärten. Niemand schrieb den Chinesen vor, Gott zu lieben oder an Gott zu glauben oder übernatürliche Pflichten zu erfüllen, wie es die Bibel tut. Ja, Confuzius, der größte der chinesischen Weisen, war durchaus agnostisch gesinnt. Diese ihnen aufgezwungene Hochachtung und diese durch die Freundlichkeit der Chinesen erwor-

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