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Jüdische Zeitung · 1909-04-23 · 17 (23.4.1909) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
17 (23.4.1909)
Date
1909-04-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 IÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 17 waren gerade jene, die sich immer als Ver- , leidiger des „Erbes Herzls“ aufspielten, dieselben, die nur große politische Aktionen wünschten und die Palästinaarbeit geringschätzig beurteilten. Auch für unseren Kampf in Wien reinigt dasDebacle der „Ito“ die Luft. Nachdem unsere Gegner absolut nicht mehr leugnen konnten, daß die Schaffung einer autonomen jüdischen Siedlung ein Lebensinteresse des jüdischen Volkes sei, suchten sie ein für sie ungefährliches, das heißt nicht auf nationaler und nicht auf demokratischer Basis arbeitendes Konkurrenzunternehmen des Zionismus, und fanden es in der „Ito“. Die Wiener Zweiggruppe derselben stellte bald die sonderbarste Zusammenschweissung heterogenster Elemente dar, welche nur in einem Punkte einig waren: in der Gegnerschaft zum Zionismus! Da gab es Zionisten, die gekränkt waren, daß man ihre Amtsführungin der Partei ziemlich unsanft kritisiert hatte, neben Leuten, die — wie Dr. Bloch — gewerbsmäßig Zionistenverfolgungen leiten, dann Säulen des Kahals und der B. B. und zum Schlüsse erklärte sich gar — man höre und staune — Dr. Ofner für den Itoi s m u s! Das Wort, daß der Itoismus der Zionismus des dummen Kerls sei, ist damit längst nicht mehr richtig gewesen, der Wiener Itoismus wenigstens war eine Vereinigung aller Antizionisten ohne Unterschied der Parteifärbung. Er war als Irreführung der jüdischen Oeffentlichkeit gefährlich. Darum begrüßen wir das Zerplatzen der itoistischen Seifenblase mit besonderer Genugtuung. Zur Parlamentseröffnung. Von Dr. K. Große Aufgaben harren des am 26. April wiederzusammentretenden Abgeordnetenhauses. Das Budget soll durchberaten, die Sozialversicherungsgesetze sollen endlich erledigt, die Vorlagen betreffend die Annexion von Bosnien-Herzegowina sowie das deutschtschechische Sprachengesetz unter Dach gebracht werden. — Wird aber das vom kleinlichem Fraktionshader zerklüftete österreichische Abgeordnetenhaus, in den jede der 25 Fraktionen nur ihre Sonderinteressen vertritt, das Verständnis und den nötigen Ernst aufbringen? Nach den Erfahrungen der Vergangenheit muß dies entschieden verneint werden. Sitten der Chinesen. Zur Zeit Gozanis war bei ihnen auch die Beschneidung in Gebrauch, sie hielten noch die heiligen jüdischen Feste und beobachteten den alten jüdischen Kalender usw. Im Jahre 1849 wurde die Synagoge in Kaifung durch die große Ueberschwemmung zerstört und die jüdische Gemeinde, die damals noch mehrere Hundert Seelen zählte, wurde auch sonst hart heinigesucht Verarmung, der Verlust des gemeinsamen Zentrums, der Synagoge, führte zum Verfall der Gemeinde. Die Mitglieder vernachlässigten die jüdische Erziehung der Kinder, die hebräische Sprache geriet in Vergessenheit und heute ist kein einziger chinesischer Jude derselben mächtig. Die meisten verkauften übrigens ihre Häuser und wanderten nach benachbarten Provinzen aus. Der Rest hatte in der Taipingrevolution (1860—1864) neues Unglück zu überstehen. Auch die Ueberschwemmung des Jahres 1860 war verhängnisvoll. Immer kleiner wurde ihre Zahl und immer weniger der Gebräuche, welche beachtet wurden. Als im Jahre 1866 Reverend Martin, ein englischer Geistlicher und Leiter der Tsung-wan- Schule in Peking, nach Kaifung kam, um sich über die Lage der dortigen Juden zu orientieren, fand er, daß sie die jüdischen Gebräuche abgestreift hatten, nicht mehr hebräisch verstanden und ihre Söhne nicht mehr beschneiden ließen. Von der Synagoge v.ar nur mehr eine Tafel übrig, die in goldenen Die Völker Oesterreichs und besonders die j u d e n haben daher alle Ursachen, mit dem größten Pessimismus der Wiedereröffnung des Abgeordnetenhauses entgegenzusehen. Seine Zusammensetzung schließt aus, daß berechtigte nationale sowie ökonomische Postulate endlich erfüllt werden. Die Majorität des Abgeordnetenhauses besteht eben aus Chauvinisten und Antisemiten. Eingeschworen auf einige Schlagworte, welchen die meisten Volksvertreter ihre Mandate verdanken und nur von dem Wunsche beseelt, dieselben zu behalten, fehlt ihnen jedes Verständnis oder mindestens jedes Interesse und der ernste Wille, sich zu Volkspolitikern, zu einer Politik, der nationalen, religiösen .und wirtschaftlichen Gleichberec htigung aller Bürger der Monarchie aufzuraffen. „Rechts“ und „links“ dominiert die Fraktionspolitik: für die Ernennung einiger deutscher oder tschechischer Richter, jedenfalls aber für die Erlangung einiger Ministerportefeuilles oder sonstiger Konzessionen sind die verschiedenen Parteiführer bereit, nicht nur ihre Programme, sondern was viel schlimmer ist, die ideellen und materiellen . Interessen der österreichischen Völker und in erster Linie der Juden zu opfern; umsomehr als in sämtlichen parlamentarischen Klubs der offene oder verhüllte Antisemitismus Trumpf ist. Speziell die christlichsoziale Partei beherrscht heute das österreichische Parlament, nicht nur die deutsch-bürgerlichen Abgeordneten, sondern auch den größten Teil der slavischen Deputierten und speziell auch den P o 1 e n k 1 u b. Die Regierung aber ist bei dem derzeitigen Parteienchaos im Abgeordnetenhause, sowie in Erwägung der Krise in Ungarn, Kroatien und am Balkan, geradezu auf die Unterstützung dieser Gruppen angewiesen. Wahrlich, es sind dies keine erfreulichen Auspizien! Da nun, wie aus dem Gesagten ersichtlich, vom gegenwärtigen Parlamente die Juden nichts gutes erwarten können, so ist die Inaugurierung einer jüdischen Politik großen Stiles, unaufschiebbar. Diese ist aber keineswegs identisch mit einer Mandatspolitik als Selbstzweck. Eine jüdische Volkspolitik ist nur eine solche, welche die wirtschaftliche Hebung aller produzierenden Stände und die politische Erziehung, sowie Organisation der österreichischen Juden auf Grund unseres I jüdischnationalen Programmes sich zur Auf-! gäbe macht. Buchstaben das Wort „Israel“ trug; späterhin wurde auch diese Tafel von ihrem Platze entfernt und in einer Moschee der Stadt, als dem Gotteshaus einer verwandten Religion, aufgehängt: Mehrere der Juden besuchen dieselbe, um dort ihre Gebete zu verrichten. Im Jahre 1872 kamen einige der Juden nach Peking, um dort Unterstützung zu finden, kehrten aber getäuschter Hoffnung nach Kaifung zurück. Rev. Martin berichtet, daß er auf dem Platze, auf dem die Synagoge gestanden, einen Gedächtnisstein gefunden habe, der die Erbauung der Synagoge im Jahre 1164 christlicher Zeitrechnung und ihren Umbau im Jahre 1468 nachweise. Die Inschrift lautet: „Grundlinie der jüdischen Religion: Unser erster Stammvater war Adam, unsere Religion wurde von Abraham begründet, später kam Moses als Vermittler der heiligen Schrift. Zur Zeit der Han-Dynastie wurde diese Religion in China eingeführt und unter der Sung-Dynastie im zweiten Regierungsjahre des Kaisers Hias-Tsung eine Synagoge in Kaifung errichtet. Alle die, welche Götzen und Bilder verehren, beten vergebens zu diesen Fantasiebildern, die aber, welche die heiligen Schriften verehren und folgen, kennen den Ursprung aller Dinge. Die heiligen Schriften und Weisheit Gottes ergänzen einander und geben Kunde vom Ursprung des Menschengeschlechtes. Sie lehren auch, nach allem Guten zu streben und Sünde zu meiden.“ Erst wenn durch systematische, ununterbrochene Kleinarbeit in allen Teilen des Reiches die lange politische Erziehung und Organisation besorgt ist, werden auch die Juden aufhören, Kanonenfutter für das Strebertum der verschiedenen politischen Parteien und ein quantit£ negligeabel für Regierung und Parlament zu bilden. Das auf Grunde eine national-autonomistischen, sozialen Programmesorganisierte, mit nationalen Selbstbewußtsein erfüllte jüdische Volk wird dann ein politischer Machtfaktor sein, mit dem in Zukunft auch die Christlichsozialen, sowie der P o 1 e n k 1 u b werden rechnen müssen. Die atomisierte, ohne Reichsorganisation, ohne klares Programm und ohne zielbewußte Taktik dastehende österreichische Judenschaft, wird jetzt von allen parlamentarischen Parteien ignoriert, eine auf national-sozialer Basis aufgebaute, das ganze Reich umspannende jüdisch-österreichische Reichsorganisation wird dagegen von Angehörigen aller, als Verbündeter umworben werden, Die Wünsche der Organisation eines 1 V2 Millionen umfassenden Volkes, die unerschütterlich festhält am österreichischen Reichsgedanken, die auf die Massen der Juden rechnen kann, müssen auch von einem österreichischen Abgeordnetenhaus gehört werden, auch wenn sein Präsident der erste antisemitische Abgeordnete Wiens, Dr. Robert Pattai ist. Aber damit eine solche Organisation entstehe, ist es nötig, daß die Juden Oesterreichs uns in jeder Hinsicht aufs tatkräftigste unterstützen, daß auch im kleinsten Orte der Monarchie Versammlungen abgehalten und daselbst unser Programm verkündet werde. Der Jüdische Nationalverein ist zu dieser Arbeit bereit, Pflicht aller unserer Gesinnungsgenossen in Gesamtösterreich ist es, uns mit allen ihren Kräften zu fördern. Die Verhältnisse im österreichischen Abgeordnetenhause sind ein ernster Mahnruf! Syczinski. Wieder zum Tode verurteilt! Der „gebildete“ Westen hat von dem Ereignis nur flüchtig Notiz genommen. Auf der Tagesordnung war für den jungen totgeweihten Ruthenen kein Platz. Die ramponierten Stimmbänder des Affentenors Karuso und die Heiratsabsichten der trillernden Kurz haben das Interesse der Intelligenz Westösterreich zu sehr in Anspruch genommen. Zum Tode verurteilt! Oh, wir haben eine ganz famose Gerechtigkeit! Zwischen dem Diebe, der 10 K. Ein anderer Gedächtnisstein aus dem Jahre 1511 gibt von der dogmatischen Seite des Judentums Kunde und Gott ist auf ihm Tao genannt, was zeigt, wie schon zu jener Zeit eine-Ausgleichung der Juden an die chinesische Kultur statfgefunden hatte. Tao ist bekanntlich der Weltgeist des großen chinesischen Philosophen L a o - T s e und indem die Juden ihren nationalen Gott „Jehova“ Tao nannten, nahmen sie in Wahrheit den Geist eines anderen Glaubens an, der zwar gleichfalls monotheistisch, aber durchaus verschieden von dem ihrigen war. Vor acht Jahren kamen Mitglieder einiger jüdischer Familien aus Kaifung nach der Hafenstadt Shanghai, wo sie von europäischen Juden aufgenommen und in jüdischen Gebräuchen und Kenntnissen unterrichtet wurden.. Dort lud auch ich sie in mein Haus, zur großen Verwunderung meiner chinesischen Diener, die sich nicht erklären konnten, daß man sich für die armen Chinesen, denn solchen glichen die Juden in Kleidung und Aussehen, interessierte. In der Tat haben die meisten ihre charakteristischen jüdischen Gesichtszüge verloren und die der Chinesen angenommen; ihre Augen sind schief gestellt und ihre Gesichtsfarbe gelb. Nur bei einem waren die altjüdischen Gesichtszüge bewahrt. Die Juden erzählten, daß sie von Kaifung kämen, und daß dort noch etwa 1000 ihrer Namensgenossen lebten. Sie nennen sich selbst „Tao-Kien-

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