Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 16 I. fr. § 4"- L £• & ii £. -k % betrachtet. Welche Erfahrungen sie damit gemacht haben, weiß wohl ein jeder. Die Deutschen sind nun einmal das Krämer- und Philistervolk par excellence und infolgedessen hat der Antisemitismus bei ihnen den meisten Anklang gefunden. Sie sind es, welche denselben in ein wissenschaftliches System gebracht haben. Jedesmal, wenn der deutsche Michel von irgendeinem patriotischen Rausche befallen wird, enthüllt sich seine wahre Natur und er sucht sich den Juden als Prügelknaben aus. Vergessen ist dann alles, was die Juden für das Deutschtum geleistet haben, seine ganze Energie konzentriert sich dann darauf, Juden das Leben möglichst sauer zu machen. So war es von jeher; nach den Befreiungskriegen am Anfang des 19. Jahrhunderts gab es eine antisemitische Epoche und wer Heinr. Heine liest, wird darin die Spuren finden. Nach den Siegen der Deutschen im Jahre 1870 ist mit dem deutschen Nationalgefühl auch der Rassendünkel mächtig emporgediehen. Nicht diejenigen, welche die Schlachten gekämpft und gewonnen haben, waren von diesem Dünkel befallen, sondern die, welche zu Hause geblieben, so auch unsere Deutsch-Oesterreicher. Der Antisemitismus ist die einzige Kraftäußerung dieses Zweiges des deutschen Volkes. So ist das deutsche Wien identisch mit dem antisemitischen Wien. „Der Antisemitismus ist ein sehr wirkungsvolles parlamentarisches Reizmittel“, wie ihn Bismark genannt hat. KeinWunder also, daß auch die anderen Nationen Oesterreichs allmählich den Antisemitismus als politisches Agitationsmittel fleißig benützt haben. Die Folge davon war, daß die Juden aus allen nationalen und politischen Parteien verdrängt wurden und ganz isoliert dastanden. Es gibt ja immer noch eine Menge Juden, welche diese Wandlung nicht anerkennen wollen und sich an die Rockschösse anderer Parteien hängen, welche für sie nichts anderes als Spott und Hohn übrig haben. Der charaktervollere Teil der österreichischen Judenschaft, namentlich die Jugend, ward sich dieses unwürdigen Zustandes bald bewußt, und so entstand eine jüdisch-nationale Bewegung, und auch die zionistische Bewegung fand unter den österreichischen Juden bald Eingang. Man kann die Anzahl der Stimmen, welche die Juden in Oesterreich bei dem allgemeinen Wahlrecht besitzen, auf 250.000—300.000 schätzen. Es ist kein Zweifel, daß dieselben einen wesentlichen Einfluß auf das öffentliche Leben nehmen könnten (!), wenn das Solidaritätsgefühl unter ihnen so entwickelt wäre, wie unter anderen Völkern. Das ist jedoch leider heute nur zum Teile der Fall. Namentlich unsere wohlhabenden Kreise, denen das jüdische Bewußtsein längst abhanden gekommen ist, haben sich abseits gestellt Nationale Politik treiben, sei undemokratisch. Das ist nicht richtig. Wohl ist die nationale Politik, wie sie die Deutschen, Tschechen, Polen, Südslaven, Italiener jetzt treiben, wirklich undemokratisch und reaktionär. Anders aber, was man jüdisch-nationale Politik heißt. Während bei den anderen Nationen das Wort „national“ Haß gegen alle anderen Völker bezeichnet, während dort der nationale Gedanke in Chauvinismus ausgeartet ist, bedeutet „nationale Politik“ bei den Juden nichts als die Abwehr gegen die Verkürzung ihrer bürgerlichen Rechte und Anerkennung der jüdischen Nationalität. Wenn man „national“ in seiner guten Bedeutung auffaßt, dann heißt es einfach, für das Wohlergehen seiner Nation zu wirken, ohne damit Haß, Mißgunst und Bedrohung anderer Nationen zu verbinden. Das ist kein Widerspruch gegen Liberalismus und die Demokratie. Ein Volk ist ja nur die erweiterte Familie und in diesem Sinne aufgefaßt, ist die Betätigung der nationalen Empfindung eine freiheitliche und fortschrittliche Sache. Sollen wir jedoch irgend einen Erfolg erzielen, so ist eine entsprechende Organisation notwendig. Wir müssen von anderen Nationalitätnn lernen und eine Vereinigung schaffen, welche alle Elemente aufnimmt, welche den nationalen Bestrebungen folgen wollen. Selbstverständlich werden sich einem jüdischen Nationalrate nur solche Staatsbürger anschließen können, welche darauf verzichten, Mitglieder einer anderen Nation sein zu wollen. Dabei muß man das Geflunker von kultureller Gemeinschaft beiseite lassen. Die Kultur und die Zivilisation sind nicht Errungenschaften eines Volkes, sondern Produkte der Geistesarbeit der gesamten Menschheit. Wir glauben, daß der Boden für eine Zusammenfassung der jüdischnationalen Elemente in Oesterreich bereits genügend vorbereitet ist und wünschen und hoffen, daß die hier in Anregung gebrachte Institution Anklang finden und bald ins Leben gerufen werden wird. Soll sie Erfolg haben, dann werden natürlich nur national bewußte Juden daran teilnehmen. Auf diejenigen, welchen das Judentum nur eine Konfession ist, wird allerdings verzichtet werden müssen; aber das wird der Sache keinen Abbruch tun. Aus dem jüdischen Leben. Ein geistlicher Antizionist. Prerau. (O r i g.-K o r r.) Das Passahfest ist ein Fest gehobenster Stimmungen und dankbarster Erinnerungen an das Land Palästina, das unsern Vätern nach jahrelanger physischer und seelischer Not ein Asyl geworden. Der wahrhaft Gläubige quittiert im Passah mit überquellendem Herzendem Allmächtigen die Wohltat der Rückkehr zur heimatlichen Scholle, zur alten Freiheit und auch diejenigen, für die das Judentum mehr als überlieferte Formen bedeutet, sehen in diesem Befreiungsfeste einen deutlichen Fingerzeig dafür, daß nur ein auf seine eigene Kraft bauendes Volk Freiheit wiedergewinnen kann. Der Gedanke an Palästina beherrscht das Passahfest. Gerade die Palästinasehnsucht ist es, die uns, die wir glücklicherweise verlernt haben die Hilfe für unser armes Volk nur in Gebetbüchern zu suchen, in diesen Tagen so mächtig anzieht. Ein taktvoller Seelsorger wird sich hüten, dieser Stimmurig Abbruch zu tun. Anders denkt und handelt unser geistliches Oberhaupt, Rabbiner Dr. Jakob Tauber, Ritter des Franz Josef-Ordens, emeritierter Zionistenhasser! Von jeher Protestrabbiner ärgster Sorte, hält er es für gut, die Passafesttage mit haßsprühenden Kraftworten gegen den Zionismus und seine Repräsentanten einzuleiten. Er, der berufen ist Frieden zu stiften, hält in seinen Brandreden auch in gehobener Festesstimmung, nicht inne, und belegt alle gottlosen Zionisten mit dem Banne! Die Leidenschaftlichkeit seines Kampfes verrät, die Ehrlichkeit seiner Intentionen! Die Ohnmacht steigert seine Leidenschaftlichkeit und macht ihn;zum Märtyrer seiner Ueberzeugung. Seine Gemeinde hat ihm schon manches verzeihen müssen, wir wollen Gnade für Recht ergehen lassen und ihn nur still bemitleiden! H. M. * * * Ein zuruckgewiesener Anbiederungsversuch. (Original-Korrespondenz der „Jüdischen Zeitung“.) Prag. Der „Verein deutscher Handelsangesteliter“, bekanntlich die Organisation der deutschjüdischen Handlungsgehilfen, hat sich bereits wiederholt bemüht, die deutsch-arischen Kollegen zur Mitgliedschaft heranzuziehen. Alle seine Bemühungen scheiterten an dem Widerstand der letzteren, welche die jüdischen Mitglieder des „V. d. H,“ keineswegs als Deutsche anerkennen wollen. Wieder hat es nun eine „Kleinigkeit“ gegeben. Der „Verein deutscher Handelsangestellter“ hat nämlich einen „Verband deutscher Privbtbeamter“ gegründet, welcher alle deutschen Handlungsgehilfen und Beamten ohne Unterschied der Pareirichtung (ob nun deutschradikal oder liberal, wie das Organ des V. d. H. schreibt) zusammenschließen sollte. Die „deutschen“ Handelsangestellten wandten sich nun an die Antisemiten mit dem Ersuchen, dieser „unabhängigen Handelsorganisation“ als Mitglieder beizutreten. Bei einer in Dux stattgefundenen Versammlung, in welcher H. Ernest Lustig unter anderm die Ziele und Zwecke dieses „Verbandes deutscher Privatbeamter“ entwickelte, trat ein deutscher Antisemit namens Peducci auf und verbat sich im Namen des „Deutschnationalen Handlungsgehilfenverbandes“ die Anbiederung der Herren Lustig, Kohn und Konsorten und gab seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß sich Nichtdeutsche fortwährend den Wirklich-Deutschen aufdrängen, welche auf deren Mitarbeit bereits wiederholt entschieden verzichtet hätten. Der Jude Lustig verstieg sich unter stürmischem Widerspruche der Versammlung zu der Antwort, daß die antisemitische Bewegung dem deutschen Volke bereits viele tiefe Wunden geschlagen hat und die Verantwortung; für die stete Zurückdrängung des Deutschtums (?) jenen überlasse, ^.welche bestrebt sind, innerhalb des deutschen Volkes einen Bruderkampf (??) zu entfachen. Dieser Unsinn rief natürlich wieder Wiederspruch und höhnisches Gelächter hervor und nachdem die Herren Lustig, Kohn und Konsorten recht kräftig „Heil“ gekreischt hatten, wurde die Versammlung geschlossen. Sind diese Aeußerungen schon empörend, so ist es noch beschämender, daß keiner der anwesenden Juden Worte der Entrüstung gefunden hat, um solche Selbsterniedrigung entsprechend zu charakterisieren. W. L. * * * Wenn zwei sich streiten_ Lemberg. Von unserem Lemberger Korrespondenten erhalten wir folgenden Bericht: Bekanntlich sind durch den Rücktritt des Ministers Abraham o w i c z und durch das Ableben des Grafen Dzieduszycki zwei Mandate in den Wahlbezirken Rozdöl—Zydaczöw—Ruda und Sambor—Grödek— Jagiellonski frei geworden. Es beginnt nun zwischen den einzelnen polnischen Parteien ein Kampf um die Besetzung dieser bis jetzt von den Polnischkonservativen okkupierten Mandate. Die Allpolen haben sicherem Vernehmen nach ihre Kandidaten nominiert. Die anderen polnischen Parteien werden in den nächsten Tagen zusammentreten und polnische Gegenkandidaten aufstellen. Wenn man bedenkt, daß in diesen Bezirken ein erheblicher Perzentsatz Juden und insbesondere im Bezirke Rozdol viele Ruthenen wohnen, so kann man darauf gefaßt sein, daß eine Stimmenzersplitterung eintreten wird. Diese Möglichkeit sollte aber unbedingt von den Zionisten ausgenUtzt werden, welche für jeden Fall in Erfüllung des Grundsatzes einer selbständigen nationalen Politik aktiv im Wahlkampfe teilnehmen müssen. Die diesbezügliche Entscheidung wird wahrscheinlich sich während des zionistischen Parteitages, der am 18. und 19. April d. J. in Lemberg stattfindet, fallen. Die Namen der für eine Kandidatur in Betracht kommenden Personen sind vorläufig noch nicht bekannt. Immerhin werden von der jüdischen Bevölkerung der beiden Wahlbezirke Vorbereitungen getroffen. Es verlautet, daß sich in den einzelnen Orten jüdische Wahlkomitees gebildet haben. Man wird also der Stimmung unter der jüdischen Wählerschaft Rechnung tragen und in den Wahlkampf eintreten müssen. * * * Russenausweisungen aus Czernowitz. Czemowitz. Vor kurzem wurde eine Verordnung erlassen, welche die Bezirkshauptmannschaft auffordert, die russischen Emigranten, insbesondere die Deserteure, aus der Bukowina auszuweisen. Dieser Erlaß muß als Barbarei bezeichnet werden. Er trifft hauptsächlich russischejuden; doch befinden sich unter den Emigranten auch viele Ruthenen und Russen. Hoffentlich werden die jüdischen und ruthenischen Abgeordneten Maßnahmen treffen, um die unglücklichen Ausgewiesenen zu schützen. * * * Antisemitismus in Galizien. Krakau. Mit dem Frühling beginnt auch die Tätigkeit der antisemitischen Partei in Galizier. Seit einigen Wochen werden im Krakauer Bezirke Aufrufe verbreitet, in welchen die christliche Be- T