Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1909-04-16 · 16 (16.4.1909) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
16 (16.4.1909)
Date
1909-04-16
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2438141-2438220-2438236--1138-2440708
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Nr. 16 JÜDISCHE ZEITUNG. völkerung gegen die Juden aufgehetzt wird. Die Aufrufe sind hektographiert, tragen die Untersschrift „Chrislichsoziales Komitee“ uud werden in Krakau hergestellt. Die Behörden stellen „Nachforschungen“ an, doch konnten sie bis jetzt weder die Verfasser noch die Vervielfältiger und Verbreiter der Aufrufe finden. Indessen steigert sich die Angst der Juden und der brutale Haß der dummgläubigen Landbevölkerung. * * * Ostern-Präludien. Przeworsk. Der Ruhm der ech trussischen Hooligans läßt die galizischen Schwarzen-Hundertmänner nicht schlafen. Darum leisteten sie sich in Przeworsk am Palmsonntag und Vortag des Passah ein besonderes Vergnügen. Die Bauernburschen aus der Umgebung versammelten sich an den Straßenecken und überfielen wehrlose jüdische Frauen und Kinder und schlugen sie blutig. Die Behörden verhielten sich vollständig neutral und unternahmen nichts, um diejuden zu schützen. Die Przeworsker jüdischen Bürger wandten sich telegraphisch an die Redaktion des zionistischen „Wschöd“ um Hilfe. Reichsratsabgeordneter Dr. Gabel begab sich hierauf zum galizischen Statthalter und machte ihm wegen des passiven Verhaltens der Przeworsker Behörden Vorstellungen. Statthalter Bobrzynski setzte sich sofort auf telephonischem Wege mit der Bezirkshauptmannschaft und dem Gendarmeriekommando von Przeworsk in Verbindung und gab strengen Auftrag, Ordnung zu schaffen und genauen Bericht zu erstatten. Infolge dieser Intervention wiederholen sich die Ausschreitungen nicht mehr. Die Przeworsker Kultusgemeinde richtete hierauf an den „Wschöd“ folgendes Danktelegramm: „Im Namen aller Juden danken wir Ihnen für die Intervention und für die rasche Abhilfe, welche durch Sie erwirkt wurde!“ * * * Odessaer Gemeinderatswahlen. Odessa. Odessa ist bekanntlich die judenreichste Stadt in Südrußland. Die Nachricht, daß bei den letzten Gemeinderatswahlen in Odessa alle echtrussischen Kandidaten gewählt wurden, dürfte daher Interesse erwecken. Die freiheitlichen Elemente konnten eine kaum nennenswerte Anzahl von Stimmen auf sich vereinigen. Es verlautet, daß der nächste Bürgermeister Odessas der Obmann des Vereines „Erzengel Michael“ sein wird. Der Verein „Erzengel Michael“ hat an derVeranstaltuug von Judenpogromen lebhaften Anteil genommen. * * * Verhängnisvolle Grenzverschiebungen. Warschau. Die russische Regierung trägt sich mit dem Plane, die Bezirke des S i e d 1 i c e r und L u b 1 i n e r Gouvernements, welche auf der linken Seite des Bug liegen, zu einem Gouvernement zu vereinigen. Diese rein administrative Maßnahme birgt aber für viele Juden eine große Gefahr, denn das neue Gouvernement wird dem K i e w e r Rayon angehören, in welchem den Juden das Wohnen auf dem Lande verboten ist, während diese Beschränkung die Juden in Polen nicht trifft. Die losgelösten Bezirke liegen aber in Polen und im Falle der Angliederung an den Kiewer Rayon würden dort alle Ausnahmsgesetze eingeführt werden, die in der Tscherta gelten. Vorläufig ist die geplante Maßnahme noch nicht durchgeführt. Es fehlt noch die Sanktion der russischen Duma. Ob diese aber die Juden schützen wird, ist mehr als fraglich. * * .* Massenauswanderung galizischer Juden. New York. Die Leitung des „Hebrew Immigrant Aid Society“ verlautbart folgendes: Schon seit einigen Wochen wächst der Strom der jüdischen Auswanderer aus Galizien bedenklich an. So waren zwei Dritteile der Passagiere des Hamburger Schiffes „Kaiserin Auguste Viktoria“ galizische Juden. Von 45 Gelandeten, welche von niemanden erwartet und daher von der „Aid Society“ übernommen wurden, waren 32 galizische Juden. Der größte Teil dieser Auswanderer gehört dem Arbeiterstande an. Die Emmigranten sagen, daß sie infolge des täglich wachsenden Antisemitismus in Oesterreich auswandern mußten. Nach den Aussagen der Angekommenen wird die Zahl der jüdisch-galizischen Auswanderer nach den Ostern bedeutend zunehmen. Oskar Martnorek. Freitag, den 10. d. wurde Baurat Oskar Marmore k zu Grabe getragen. Die starke Beteiligung am Leichenbegängnisse bewies, das sich der plötzlich Verschiedene allseitiger Sympathien erfreute. Das größte Kontingent der Trauergäste stellten natürlich die Zionisten, welche dem um die anfängliche Entwicklung des zionistischen Gedankens so verdienten Toten die letzte Ehre erwiesen und durch ihr Erscheinen ihren Dank bezeugten. Auch die meisten studentischen Korporationen waren deputativ erschienen. Wenn auch Oskar Marmorek in der letzten Zeit zur Organisation in keinem innigen Kontakte stand, so werden doch seine geleisteten Dienste von allen Gesinnungsgenossen sehr hoch eingeschätzt und die Stunde, in welcher Marmorek der Erde übergeben wurde, war eine weihevolle Stunde dankerfüllter Trauer. Nach der Absingung der rituellen Gesänge durch den Oberkantor H. Don Fuchs ergriff der Oberrabbiner Güdemann das Wort, um den Toten als Menschen, Gatten, Sohn und Bruder zu feiern. Hierauf widmete ihm der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Dr. Alfred Stern einen kurzgehaltenen herzlichen Nachruf. Am offenen Grabe sprach als erster Gg. Dr. S c h n i r e r, der langjährige Mitarbeiter Marmoreks im Aktionskomitee. Er führte aus: „Als der erste Weckruf des Zionismus erscholl, da folgte ihm als einer der ersten Oskar Marmorek. Unzählig sind die Reisen, die er im Dienste des Zionismus gemacht, unzählig die Reden, die er gehalten. Er hat sich um sein Volk unvergängliche Dienste erworben. Sein tragischer Tod hat alle aufs tiefste erschüttert. Zuerst starb er, unsere Krone, unser Führer, dann der gute treue Kokesch, dann der ewigjunge weißbärtige Kohn und nun Marmorek der Künstler. Zweig um Zweig sehe ich fallen, aber der Stamm ist kräftig und gesund, dank der Arbeit, welche, mit den anderen zusammen, Marmorek geleistet. Der Kreis um Nehemia und Esra, ist zerstoben. Aber der Gedanke lebt. Eines Tages wird der Bau errichtet sein zu welchem Marmorek den Grundstein legen half. Dann wird man seines Namens gedenken, als eines der besten und edelsten im jüdischen Volke.“ Mit diesen Worten schloß Dr. Schnirer seinen ergreifenden Nachruf. Nach einer Ansprache des Herrn Münz, der im Namen der Freunde Marmoreks sprach, ergriff als letzter Gg. Kremenetzkydas Wort, um als intimer Freund und separat als Gesinnungsgenosse, des Toten mit thränenerstickter Stimme von Marmorek Abschied zu nehmen. * . . * Nachstehend seien die Worte wiedergegeben, welche Gesinnungsgenosse Reichsratsabgeordneter Stand dem Baurate Oskar Marmorek in der Wiener „Zeit“ widmete: „Ich bin von der Nachricht, daß Marmorek tot ist, ganz erschüttert. Erst unlängst sprach ich mit ihm. Er war voll von Ideen für die Zukunft, für sich und unsere zionistische Bewegung. Ich kannte ihn seit zwölf Jahren und wenn auch häufig unsere Anschauungen auseinandergingen, schätzte ich ihn als guten hilfreichen Menschen und überzeugten ganzen Juden. Unzählige arme Leute aus dem Osten besuchten ihn und baten um Hilfe. Er verweigerte sie niemanden und gab viel und oft, ohne daß es die weite Oeffentlichkeit erfuhr. Er war einer der Führer der zionistischen Bewegung. Als einer der ersten schloß er sich Herzl an und unterstützte ihn nebst Dr. Oskar Kokesch und Dr. Leopold Kahn ununterbrochen bis an dessen frühes Ende. Er entwickelte eine starke Agitation und wirkte durch sein sympathisches Wesen. Er war launisch, zerstreut, gereizt, aber auch gut, offen und herzlich. Herzl schilderte ihn mit großem Geschick als Baumeister Steineck in seinem Roman „Altneuland“. Marmorek war einer der Begründer und ersten Mitarbeiter der früher in Wien, jetzt in Köln erscheinenden Zeitschi ift „Die Welt“. Nicht nur Oskar Marmorek, sondern seine ganze Familie widmete sich dem Zionismus. Tiefe Wehmut beschleicht einem, wenn man sieht, daß der Stab der Mitarbeiter Herzls fast ganz ausgestorben ist. Nach dem wackeren Kokesch, der beredte Kahn und jetzt unser lieber, guter Marmorek; wir werden seiner immer gedenken.“ Seite 5 Budapester Brief. Ein langgehegter Wunsch der Budapester jüdischen Bevölkerung geht der Erfüllung entgegen. Es handelt sich um die Errichtung eines Jüdischen Gymnasiums, welches in dem 200.000 Juden beherbergenden Budapest, wo die wenigen vorhandenen Staatsschulen überfüllt sind und in den katholischen und protestantischen Schulen diejuden das Doppelte und Dreifache des von den christlichen Schülern entrichteten Schulgeldes zu zahlen haben, wahrlich not tut. Die Sachlage wird am besten dadurch charakterisiert, daß die jüdischen Schüler am evangelischen Gymnasium die Mehrheit bilden und diese Schule erhalten. Wenn schon nicht das Interesse an der Wahrung der jüdischen Kultur, so hätte die christliche Liebe die Juden zur Errichtung einer eigenen Mittelschule drängen müssen. Die Pester israelitische Gemeinde verfügt bereits seit Jahren über zwei bedeutende Legate, welche zu diesem Zwecke bestimmt sind, doch wurde die Sache stets hinausgeschoben, wahrscheinlich, weil sich die Herren fürchteten, daß die Errichtung einer jüdischen Mittelschule großes Aufsehen erregen könnte. Erst jetzt hat sich der Gemeindevorstand entschlossen, dieses Werk ins Leben zu rufen. Dr. Wein mann, Gemeindepräses, berichtete in der letzten Vorstandssitzung, daß der Plan des Gymnasiums bereits reif sei und die erste Klasse im nächsten Schuljahre eröffnet werde, und zwar vorläufig in einem Zinshause, doch soll die Schule in Bälde ein eigenes Gebäude erhalten. Das freudige Interesse, welches die hiesige Judenschaft dem Projekte entgegenbrachte, wurde bald durch ein Interview mit Herrn Dr. Weinmann gestört, welches im „Magyar Szö“ veröffentlicht wurde. Dieses Blatt ist offizielles Organ der protestantischen Kirche und wird von einem Täufling redigiert, so daß es gewiß niemanden Wunder nehmen wird, daß dieses Blatt die offiziösen Nachrichten des orthodoxen und neologen „Kirche“ (ein von den Assimilanten bereits bevorzugter Ausdruck) bringt und daß sich der Präses der jüdischen Gemeinde durch dieses Blatt interviewen läßt. In dem Interview erklärt Dr. Weinmann vor allem, daß Schüler ohne Unterschied der Konfession aufgenommen werden und von den Nichtjuden nur einfaches Schulgeld behoben wird. Es ist nicht ausgeschlossen, - erklärt weiterhin der Herr Präsis — daß auch nichtjüdische Professoren angestellt werden. Was den ersten Teil der Erklärung betrifft, haben wir nichts hinzuzufügen. Derselbe wird in der israelitisch-konfessionellen Presse genügend beleuchtet und als „schönes Beispiel konfessioneller Duldsamkeit“ hingestellt werden, natürlich ohne zu erwähnen, daß eine derartige Toleranz äußerst einseitig und nur bei Juden üblich ist. Doch müssen wir um so energischer das auf die Anstellung nichtjüdischer Lehrkräfte bezügliche Versprechen des Herrn Dr. Weinmann verurteilen und dagegen protestieren. Hunderte von diplomierten jüdischen Professoren stehen ohne Stellung da, nachdem sie vom Staate und von den Munizipien nur äußerst selten angestellt werden. Jetzt wird eine jüdische Mittelschule errichtet, es bietet sich einigen von ihnen die Gelegenheit, eine Stellung zu erlangen und nun schlägt ihnen die jüdische Gemeinde die Türe vor der Nase zu: Es werden auch Nichtjuden angestellt! Und all dies, um dem blöden Wahn von der „Eintracht der vaterländischen Konfessionen“ zu fröhnen. Hoffentlich wird sich die hauptstädtische Judenschaft aufraffen und ihre Mißbilligung kundgeben. « * Seitdem die Koalition das Ruder in der Hand hält, wird die judenfeindliche Stimmung von Tagzu Tag stärker. In die Periode ihres Regimes fällt die Gründung des Katholischen Volksverbandes, der, im Zeichen der christlichen Liebe wirkend, bestrebt ist, das so arg verjudete Ungarn zu einem „Regnum Marianum“ zu machen. Dieser unter hohem Staatsschutze stehende Verband hielt am 28. März in Budapest eine Volksversammlung ab, für welche natürlich die Juden das Thema liefern mußten. Universitätsprofessor Julius Glattfelder sprach sein tiefes Bedauern über den Umstand aus, daß die Juden den Journalismus in Ungarn völlig an sich gerissen haben, welchem Umstande es zuzuschreiben

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.