Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. 4. Die ungleichmäßige Verteilung der einzelnen Nationen in den Kronländern Oesterreichs und die daraus resultierende Vergewaltigung nationaler Minderheiten erfordern im Interesse des für das Staatswohl unerläßlichen nationalen Friedens die Schaffung einer vollen nationalen Autonomie der einzelnen Völker auf Grundlage lokaler demokratischer Selbstverwaltung, ohne Rücksicht auf territoriale Verteilung. Eine über den Völkern stehende, starke zentrale Reichsgewalt hat die Aufgabe, diese nationale Autonomie mit den gesamtstaatlichen Interessen in Einklang zu bringen. Der Verein erstrebt die Erlangung der nationalen Autonomie für die Juden in Oesterreich und unterstützt daher jede Bemühung, welche auf die Verwirklichung der Idee einer nationalen Autonomie für alle Völker Oesterreichs hinzielt. 5. Der Verein steht im Sinne jüdischer Tradition treu zu freiheitlichen und demokratischen Grundsätzen und erstrebt die Ausgestaltung des Staatslebens in der Richtung gleicher Rechte und Freiheiten für alle Volksschichten. So fordert der Verein insbesondere: a) Volle Glaubens- und Gewissensfreiheit und Zugänglichkeit aller öffentlichen Aemter und Dienste auch für Bewerber jüdischer Nationalität b) Volle Vereins-, Versammlungs-, Preß- und Koalitionsfreiheit. c) Freizügigkeit für In- und Ausländer. d) Das allgemeine gleiche, geheime und direkte Wahlrecht in alle Vertretungskörper unter Wahrung des Grundsatzes der nationalen Autonomie, bezw. des Schutzes der Minderheiten durch Proportional Wahlrecht. 6. Unbeschadet des freundschaftlichsten Interesses, welches der Verein den kongenialen freiheitlichen und nationalen Bestrebungen aller übrigen Völker . Oesterreichs entgegenbringt, wird er seine unabhängige Stellung gegenüber sämtlichen Organisationen im Reiche wahren, nur mit solchen Gruppen Bündnisse ein gehen, welche die Juden als gleichberechtigte selbständige Nation anerkennen. 7. Der Verein anerkennt das Hebräische als die historische Nationalsprache des jüdischen Volkes und als wertvollstes Instrument zur Fortentwicklung der jüdischen Nationalkultur. Der Verein erstrebt daher die weitmöglichste Verbreitung und Vertiefung des Hebräischen unter allen jüdischen Volksschichten. So sehr auch der Gebrauch und die Pflege der Landessprachen eine unbedingte Notwendigkeit für den Daseinskampf der Juden bedeutet und so sehr diese Kenntnis dem regen Bildungsbedürfnis entspricht, muß die Partei mit Entschiedenheit betonen, daß die nationale Existenz des jüdischen Volkes von den verschiedenen Umgangssprachen der Juden unabhängig ist. Inden Ländern jüdischer Massensiedlung gebührt dem Jüdisch als der herrschenden Volkssprache der breiten jüdischen Massen entsprechende Berücksichtigung. 7. Da der Verein die Juden als eine Nation ansieht, so erklärt er, daß jede Zusammenfassung und Organisierung von Juden, auf welcher Grundlage immer, nationale Bedeutung hat. Der Verein wird deshalb bestrebt sein, sich in allen jüdischen Organisationen einen maßgebenden Einfluß zu sichern. B. Kulturelles Programm. Jede gesunde Erziehung muß zugleich national sein. Hieraus folgt die Pflicht, auch allen Schulen, welche der allgemeinen Bildung dienen, den nationalen Charakter zu sichern. Dieser beruht n icht auf der Vortragssprache, welche nur eines der möglichen nationalen Bildungsmittel ist, sondern muß sich zunächst in dem nationalen Inhalt der Erziehung offenbaren. Die Schaffung und Sicherung dieser nach dem Grundsätze der nationalen Autonomie zu organisierenden SchuIen fällt dem Staat zu. 8. Der Verein fordert sohin die Gründung eigener jüdischer Volks-, Bürger- und Mittelschulen nach Maßgabe des Bedarfes, die Sicherung geeigneter Lehrkräfte für dieselben, sowie im Zusammenhang mit der Nationalisierung der Schule, die strenge Durchführung des gesetzlichen Schulzwanges. 9. Die Errichtung ordentlicher Lehrkanzeln für jüdische Geschichte, hebräische Sprache, jüdische Literatur an den philosophischen Fakultäten in Wien, Prag, Lemberg, Krakau und Czemowitz. Solange diese unverrückbaren Forderungen nach Autonomie der jüdischen Erziehung nicht erfüllt sind, erstrebt der Verein schon auf Basis der jetzigen Schulverfassung die Verwirklichung einer Reihe von Postulaten, welche die ärgsten Rechtsverkurzungen der jüdischen Bevölkerung, der jüdischen Lehrer und Schüler beseitigen sollen. 10. So fordert der Verein auch für Galizien und die Bukowina die gesetzliche Durchführung der in § 48 der Reichsvolksschulnovelle vom 25. Mai 1883 ausgesprochenen Norm von der Konfession der Schulleiter an Volks- und Bürgerschulen, ferner die gesetzlich zu sichernde Ernennung jüdischer Lehrer an allen öffentlichen Schulen, welche entsprechend dem Verhältnisse ihrer jüdischen Schüler zu erfolgen hat. 11. Der Verein fordert für solange, als die nationale Autonomie nicht gewährt ist, einen öffentlich-rechtlichen Reichsverband der Kultusgemeinden. 12. Die Partei fordert die Gleichberechtigung der hebräischen Sprache und Schrift vor Amt und Gericht. C. Wirtschaftliches Programm: Der Verein fordert in Vertretung der allen Juden Oesterreichs gemeinsamen Interessen und unbeschadet der wirtschaftlichen theoretischen Ueberzeagungen und Sonderbestrebungen einzelner Juden und jüdischer Gruppen demnach insbesondere: 13. Volle Gewerbefreiheit, insbesondere Aufhebung des Befähigungsnachweises; Beseitigung der zünftlerischen Beschränkungen des Handels mit gewerblichen Erzeugnissen. Errichtung von Staatshandels¬ und Vermehrung der Staatsgewerbeschulen, kaufmännische Erziehung der Handwerker. 14. Vermehrung und Verbilligung der Verkehrsmittel, wirtschaftliche, nicht bureaukratische Verwaltung der Staatsbetriebe, zumal der Staatsbahnen. 15. Förderung von Industrie und Export, namentlich Industrialisierung Galiziens und der Bukowina mit Reichshilfe. ■ 16. Gesunde kommunale Boden- und Wohnungspolitik, Vermehrung des Gemeindegrundbesitzes, Wertzuwachssteuer. Ankauf von Latifundien durch den Staat und Aufteilung an Bauern, auch an jüdische, unter Förderung von genossenschaftlichen Siedelungen und Rentengütern; intensive Pflege des landwirtschaftlichen Unterrichtes, zumal in Galizien und der Bukowina. 17. Weitgehenden Arbeiterschutz, auch bei Heimarbeit, insbesondere durch Verkürzung der Maximal-Arbeitszeit, grundsätzliches Verbot der Nachtarbeit, Ausbau des Gewerbeinspektorats und des sozialen Versicherungswesens. 18. Vermehrung der öffentlichen Arbeitsnachweise, Errichtung von Arbeiterkammern und obligatorischen Einigungsämtem. 19. Gerechte Verteilung der Steuerlasten mit möglichster Verminderung der indirekten Abgaben. 20. Hebung der Volkshygiene, namentlich durch Schulärzte, kommunale Tätigkeit tür Volkswohnungen, Wohnungsinspektion und Vermehrung des Sanitätspersonales. 21. Modernisierung der Armenpflege nach den Grundsätzen derDezentralisation und Individualisierung. 22. Schutz der Auswanderer, Ausbau des Heimatsgesetzes zwecks Verhinderung der gegen die Aufnahme von Juden gerichteten Gemeindepraxis insbesondere durch reichsgesetzliche Fixierung der Aufnahmstaxen und Beseitigung des Ausweisungsrechtes der Gemeinden. Dr. Alfred Lanzer, Obmann. Dr. Hermann Kadi sch, I. Obmannstellvertreter. Adolf Böhm, 2. Obmannstell Vertreter. Nr. 16 Jüdische Würdelosigkeit. Was hatten die christlichsozialen Stadtgewaltigen am Grabe Sonnenthals zu suchen? Wollten sie den großen Bürger Wiens ehren? Es sind kaum vier Jahre her, daß sie das Gesuch Sonnenthals um Verleihung des Bürgerrechtes rundweg abgewiesen haben. Sie haben ihn dieses Rechtes, das sich jeder Vorstadtschuster und Käsehändler ersitzen kann, für unwürdig befunden. Wollen sie ihre Achtung vor dem großen verdienstvollen Künstler bezeugen? Es ist noch nicht lange her, daß die Minorität im Gemeinderate für Sonnenthal eine kommunale Auszeichnung forderte. Damals hat der nämliche Herr Vizebürgermeister Hierhammer, der Vertreter der Stadt Wien beim Leichenbegängnisse, als Sprecher der christlichsozialen Mehrheit dieses Ansinnen in flammender Rede zurückgewiesen, diesen Leuten kann Sonnenthal nie als großer Künstler gelten, hat er doch niemals beim Heurigen G’stanzeln gesungen, geschnalzt und gejodelt, nie einen „feschen Walzer“ oder kernigen „Schuhplattler“ zum bestengegeben. Ein jüdischer Komödiant war er, sein Ruhm war das Werk derjudenpresse.die ihn in die Höhe gelogen hat. Wollten sie den guten, alten Menschen im Grabe ehren? Er war doch einer aus dem verfluchten Stamme der krummnasigen schmutzigen Hebräer, in denen, wie jeder teutsche Christe weiß, nur Schachergeist, Tücke, Rachsucht und Geldgier wohnen .. Sie gingen zum Grabe Sonnenthals, sie glaubten dort nicht fehlen zu dürfen, wo so ziemlich alles, was Rang und Namen besitzt, zu finden war. Dem zur Macht gelangten Spießer geht ja das „Repräsentieren“ über alles und um den Preis, in „nobler“ Gesellschaft stolzieren zu dürfen, opfert er manchen Paragraphen seines Programmes und riskiert auch die Kritik seiner Partei. Drei Tage lang haben die Rathauschristen geschwankt, beraten und mit ihren Aeußerungen zurückgehalten, dann haben sie kondoliert und sind zum Grabe gegangen. Sie haben nicht einen Augenblick gefürchtet, daß sich jüdische Söhne, daß sich jüdische Freunde finden werden, die den blutigen und rohen Hassern den Zutritt zum toten Juden verwehren und die ärgsten Verächter des Lebenden und seines Volkes von der Bahre des Toten wegjagen werden. Und in ihrer protzigen Gedankenlosigkeit haben sie Recht behalten. So viel Würde, soviel Stolz birgt das bürgerliche Judentum noch lange nicht, als daß es solche Söhne,solcheFreundehervorbringen könnte... Dann kam das schier Unfaßbare, unsäglich Demütigende: Ein Jude ist an das offeneGrab getreten und hat bei den plumpen Luegerknappen um Schonung für die Juden gebettelt. Sinnloseres,Taktloseres und Würdeloseres ward schon lange nicht geleistet. Dieser „Ausgleichsversuch“ des Präsidenten des jüdischen Museums, des Baurates Stiaßny, ist und bleibt einzig in seiner Art, von Feindesseite hätte der Judenheit keine ärgere Demütigung zugefügt werden können. Hohngelächter in der antisemitischen Presse, das war die Antwort. Möge sie den Kultusjuden noch lange in den Ohren klingen. Lange schon weisen die Jüdischnationationalen auf diesen skandalösen Umstand hin, daß heute jeder, auch der Unfähigste, der nur Vermögen oder einen einflußreichen Bekannten besitzt, sich ungestört als „Vertreter“ der Judenschaft gebärden und sie blamieren und schädigen darf. Ob das jüdische Volk solche „Vertreter“ wünscht, danach wird nicht gefragt. Die „vornehmen jüdischen Kreise“, das heißt die Geldsäcke, bestimmen, die Masse hat schweigend zu akzeptieren. Der Vorfall am Grabe Sonnenthals ist nur eine Konsequenz dieser Ghettounsitte.