Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 16 (16.4.1909)
- Date
- 1909-04-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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.•’-ttSKTJ8 Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Lieehtensteinstrasse 11 Telephon 12.299. swMstniiflen täglich m 11—12 Dhr torainags nnd 4—5 Dhr nachmittags. Erscheint jeden Freitag. Verkaufsstellen in WIEN: Administration, IX., Liechtensteinstr. 11, Zeitungsbureau Goldschmiedt, I., Wollzeile 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Abonnementspreise: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10'— halbjähr. K 5'—, Vierteljahr. K 3'- In Deutschland: Ganzjähr. Mk. IO'— halbjähr. Mk. 5'—, Vierteljahr. Mk. 3-— Manuskripte werden nicht zurückgestellt. Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15"— Vertretungen In der Provinz: In Brünn: Zeitungsbureau, Ferdinandsgasse. — In Prag: ZeitungsverschleiB Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Buchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 16. Wien, Freitag den 16. April 1909. B5SBH5—B5HH» III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Programm des „Jüdischen Nationalvereines in Oesterreich“. Jüdische Würdelosigkeit. Zur politischen Lage. Aus dem jüdischen Leben. Ein jüdischer Nationalrat für Oesterreich. „Kreditunion“ in Lemberg. Die jüdische Einwanderung in Amerika i. J. 1907/08. | Oskar Martnorek. | Brief aus Budapest. Parteinachrichten. Palästina. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Der Feiertage halber ist diese Nummer um einen Tag später erschienen. An unsere Abonnenten! Wir ersuchen unsere Abonnenten, deren Abonnement abgelaufen ist, um Ueberweisung der rückständigen Beträge, da sonst eine Unterbrechung in der Zusendung der „jüdischen Zeitung“ eintreten müßte. Die Verwaltung der „Jüdischen Zeitung“, G. m. b. H. Gesellschaft m. b. H. „Jüdische Zeitung“. Laut Notariatsakt vom 9. April 1909 hat sich die Gesellschaft m. b. H. „J ü d ische Zeitung“ konstituiert. Gesellschafter sind folgende Gesinnungsgenossen: Adolf Böhm, Felix Brunner, Luzian Brunner, Obering. Emil Fried, Alexander Geller, Dr. Alfred Lanzer, Dr. Isidor M a r g u I i e s, Emil Reich, Leopold S i t z m a n n, Dr. Isidor S c h a I i t, Reichsratsabgeordneter Adolf Stand, Ing. Robert Stricker, J. H. Wahltuch, Dr. Paul Weisen grün, Dr. Egon Zweig. Zu Geschäftsführern wurden die Herren Luzian Brunner und Adolf Böhm gewählt. In den Aufsichtsrat wurden die Herren Dr. Isidor M a r g u 1 i e s, Dr. Paul Weisengrün und Dr. Egon Zweig entsendet. Dem Preßkomitee gehören an: Adolf Böhm, Dr. Alfred Lanzer (Vertreter des „Jüd. Nationalvereines in Oesterreich), Dr. Isidor M a r g u 1 i e s (Vertreter des zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich), Dr. Karl P o 11 ak, (Vertreter des zionistischen .Distriktskomitees für Innerösterreich', Ersatzmann Dr. Leopold Meisel), Ing. Robert Stricker, Dr. Paul Weisengrün, Dr. Egon Zweig. Programm des „Jüdischen National Vereines in Oesterreich“. Das nachfolgende Programm wurde — abgesehen von einigen unwesentlichen Aenderungen meist rein stilistischer Natur — am 1. Juli 1907 auf dem Krakauer Parteitage beraten und von der Gesamtheit der österreichischen Gesinnungsgenossen fast einstimmig angenommen. Aber die Veröffentlichung unterblieb aus verschiedenen Gründen, die wir hier nicht näher zu analysieren brauchen. Durch diese Nichtveröffentlichung wurde die Agitation erschwert, ja fast gelähmt. Denn die Stoßkraft einer politischen Gruppe wächst in bedeutendem Maße, wenn man sich überall in den Versammlungen, in Broschüren, in der Kleinarbeit, in Schrift und Wort auf feststehende, festgelegte, präzise und allgemein zugängliche Programmpunkte berufen kann. Auch jene prinzipielle Taktik, die nur auf Grundlage allgemein bekannter, jedem Parteigenossen bereits geläufiger programmatischer Grundsätze zu erlangen ist, blieb uns leider das Ziel geheimer Hoffnungen. Wenn daher in unseren Tagen trotz der Richtigkeit unserer Ideen, trotz des latenten Nationalismus weiter Schichten, auch der westlichen Judenschaft, trotzdem die Zeit selbst für uns zu werben scheint, trotz der Regsamkeit unserer Abgeordneten und trotz einzelner glänzender rhetorischer Leistungen des Jüdischen Klubs“, die bewußte und planvolle nationale Politik noch in den Kinderschuhen steckt, so ist dies in erster Linie auf die „Programmlosigkeit“ zurückzuführen. Der „Jüdische Matiohalverein in Oesterreich“, der seinen Sitz in Wien hat, seine Tätigkeit aber statutengemäß über ganz Oesterreich erstreckt, veröffentlicht nun dieses Programm in dem vollen Bewußtsein, durch diesen Schritt die Agitationskraft der Partei wesentlich zu heben. Aus den verschiedensten Orten, aus der Bukowina, Galizien und Westösterreich erhalten wir schon seit geraumer Zeit Zuschriften, in welchen wir aufgefordert werden, die Veröffentlichung des Programmes anzuregen, verschiedene, wichtige Programmpunkte zur Diskussion zu stellen, selbst ein neues Programm zu schaffen etc. etc. In all diesen Zuschriften aber wird stets der eine Gedanke betont, der Nationalverein möge dahin wirken, daß das Gesamtjudentum Oesterreichs, soweit es national gesinnt sei, eine einheitliche Leitung erhalte, eine einheitliche Taktik übe. Diese Einheitlichkeit des jüdischen Stammes in Oesterreich, trotz aller lokalen Unterschiede, betont nun das Programm auf das Entschiedenste. Das Programm ist ferner durchtränkt von modern demokratischem Geiste. Hiedurch setzen wir Nationaljuden uns in bewußtem Gegensätze zur Politik des Kahals, des Kultusjudentums. Die alte ursprüngliche Demokratie, die so bezeichnend war für den jüdischen Staat, ist im Ghetto längst verloren gegangen. „Der reichste Jude soll herrschen“, dieser Parole des Ghettojudentums setzen wir gegenüber: „Erziehung allerjudenzur politischen Selbstherrschaft durch die allmähliche Teilnahme aller Volksgenossen an den jüdischen Einzelorganisationen.“ Daß hiebei unsere ganze nationale Politik im tiefsten Zusammenhänge steht mit der gesamten Kulturbetätigung unseres Volkes, beweisen die speziellen Bestimmungen des kulturellen Teiles unseres Programmes. Nur wer sich voll und ganz auf den Boden dieses Programmes stellen kann, stoße zu uns. Wir wollen keine Mitglieder, die uns bloß platonisches Interesse für den Verein von Zeit zu Zeit zeigen, sondern begeisterte Anhänger, die sich stets werbend für uns betätigen. Der „Nationalverein“ kennt nur eine Taktik: die prinzipielle, also streng programmatische, nur eine Politik, die modern-demokratische, nur ein Interesse, nämlich das Gesamtinteresse des jüdischen Stammes in Oesterreich. A. Allgemeine und politische Grundsätze. 1. Der Verein anerkennt die nationale Einheit aller Juden der Welt, sowie das unzerreißbare Band, welches das jüdische Volk mit seiner uralten historischen Heimat Palästina verbindet. 2. Die nationale Einheit aller Juden und die Bestrebungen nach einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina stehen jedoch in keinerlei Widerspruch zur Staatsidee und zu den Staatsinteressen der einzelnen von Juden bewohnten Länder, berühren keineswegs die Rechte und Pflichten der Juden gegenüber diesen Ländern und vermindern nicht das Gefühl der Anhänglichkeit, welches die Juden für sie empfinden. Insbesondere gilt das von Oesterreich. Denn dieses, von verschiedenen Völkern bewohnt, deren Siedlungsgebiet sich fast ausnahmslos über die Reichsgrenzen hinaus erstreckt, kann seine politische Existenz nimmer auf die Idee des einheitlichen Nationalstaates aufbauen, sondern muß seine Aufgabe gegenüber seinen Völkern darin suchen, deren Rechte und Freiheiten im Rahmen der Reichseinheit gleichmäßig anzuerkennen und zu fördern. In Oesterreich haben daher auch die Staatsbürger jüdischerNationalität ein unantastbares Recht auf den Schutz und Ausbau ihres nationalen Lebens. 3. So erstrebt der Verein die Erhaltung und Stärkung eines Völkerstaates Oesterreich und im Rahmen dieser Staatsidee eine politische Organisation der österreichischen Juden zum Schutze ihrer nationalen Selbständigkeit und zur Förderung ihrer kulturellen, politischen und wirtschaftlichen Interessen.