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Jüdische Zeitung · 1909-04-09 · 15 (9.4.1909) · p. Seite 6

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
15 (9.4.1909)
Date
1909-04-09
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 15 auf Mk. 151.000 erhöht. In 683 Orten in Deutschland nehmen Lokalkomitees und Vertrauensleute die Interessen des Vereines wahr. Auch einmalige Spenden sind dem Hilfsverein in reichem Maße zugeflossen. Die Stiftungen für Vereinszwecke und Unternehmungen, die der Hilfsverein begründet, betragen bereits bisher eine Million Mark. Insbesondere dankt der Vorsitzende der Familie Wissotzky und Herrn Jakob H. S c h i f f in New-York, welche durch ihre großherzigen Stiftungen im Betrage von 100.000 Rubel, beziehungsweise 100.000 Dollar, die Gründung eines TechnikuinsinHaifa ermöglichen. Auch dem früheren Dumaabgeordneten Herrn Dr. Schmarjah L e w i n, der in der Versammlung anwesend war, sprach der Vorsitzende für seine erfolgreichen Verhandlungen in den Vereinigten Staaten zur Förderung des hochbedeutsamen Unternehmens den Dank des Hilfsvereines aus. In der abgelaufenen Geschäftsperiode sind für kulturelle Zwecke rund 130.000 Mark aufgewendet worden. In G a 1 z i e n subventioniert der Hilfsverein Kindergärten, eine Kreditgenossenschaft und ein Mädchenheim. In der Spitzenhäkelei und -klöppelei, der Haarnetzerei etc., wurde im Jahre 1908 durch Vermittelung des Wiener Hilfsvereines ungefähr 3500 Arbeitskräften ein Verdienst von ca. 300.000 K erschlossen. Der Hilfsverein unterstützte den Wiener Hilfsverein durch Besoldung eines Sekretärs, der sich speziell mit der Erschließung und Vermehrung von Arbeitsmöglichkeiten befaßt. Ferner beteiligte sich der Hilfsverein au der Aktion des Wiener Hilfsvereines, galizische Knaben bei Handwerkern unterzubringen. In Rumänien und Bulgarien subventionierte der Hilfsverein wiederum eine Anzahl von Instituten. Er fördert das dortige Schulwesen namentlich durch Entsendung von Lehrkräften. Nach Herrn James Simon erstattete der Geschäftsführer i. E., Herr D r. Nathan, über das Schulwesen des Hilfsvereins in der Türkei. Bericht Wir entnehmen demselben folgendes: Die Umwälzung in der Türkei ist für die orientalischen Juden und in weiterer Wirkung auch für die osteuropäischen Juden in ihrer Gesamtheit aussichtsreich. Es werden jetzt in der Türkei Rechtsgarantien für die Bürger geschaffen, die auch den Juden zugute kommen. Man kann ferner annehmen, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse sich wesentlich bessern werden. In Berücksichtigung der Verhältnisse im Orient mit denen bereits in der alten Türkei zu rechnen war, hat der Hilfsverein sein Schulwerk organisiert und die Neuordnung der Dinge gibt diesem Vorgehen noch eine erhöhte Bedeutuug. Zunächst werden, soweit möglich, Kindergärten als Fundament untergelegt; in diesen Instituten ist die Unterrichts- und Umgangssprache hebräisch. Die Vielsprachigkeit unter den Juden im Orient, die aus den verschiedensten Ländern der Welt stammen, zwingt dazu, eine Sprache als Binde- und Verständigungsmittel für alle Länder einzuführen. Aus rein pädagogischen Gründen wurde das Hebräische gewählt, das die Juden des Orients zusammenhält. Nach Absolvierung des Kindergartens kommen die Kinder in verschiedenartig eingerichtete Schulen, einerseits Land- und anderseits Stadtschulen und zwar Elementar- und höhere Schulen mit einem den Bedürfnissen des Ortes entsprechenden Programm. U e b e r a 11 wird die Landessprache arabisch oder türkisch, sowie hebräisch gelehrt. Zur Heranbildung von Lehrern im Orient ist ein Lehrerseminar in Jerusalem begründet, ferner eine Handelsrealschule, wo auch französisch und englisch gelehrt wird. Zwei große Aufgaben siud noch zu erfüllen: Einerseits die Reorganisation der Talmud-Thoraschulen im Orient, andererseits die Heranbildung technischer Kräfte für das Land und zwar im Orient selbst, so daß sie Land und Leute und Sprache des Orients kennen Es zeigt sich auch bei einer flüchtigen Durchquerung türkischen Gebietes, welch außerordentliche Bedeutung die moderne Technik für die Entwicklung des Landes hat. Das Land ist dort in starkem Aufschwung begriffen, wo es moderne Straßenanlagen und wo es Eisenbahnen gibt. Der Seeverhehr hebt sich, wo Kaianlagen vorhanden sind. Gelingt es, jüdische Techniker in leitende Stellungen hineinzubringen, so wird es alsdann auch möglich sein, eine große Anzahl jüdischer Arbeiter, die den Technikern unterstellt sind, zu beschäftigen. Die Heranbildung jüdischer Techniker brächte demnach nicht nur einer kleineren Anzahl Juden, die in der Lage wären, sich eine höhere Bildung anzueignen, Vorteil, sondern gleichzeitig den jüdischen Massen, die heute noch in Armut versunken sind. Entwickelt sich der Orient, wie vorauszusehen, und nehmen an dieser Entwicklung des Orients die in der Türkei wohnhaften Juden einen hervorragenden Antel, so wird es alsdann möglich sein, russische, galizische, rumänische Juden nach Asien hinüberzuführen und damit wenigstens einen Teil der Auswanderung, unter Umständen sogar einen sehr erheblichen von den überfüllten Kulturländern und von den Vereinigten Staaten ab und in den Orient hineinzulenken. Für diese Aufgaben sollte ein Technikum für die jüdische Jugend errichtet werden. Die Posten für das Unternehmen wären in runder Summe etwa auf 700.000 Frcs. zu bemessen. Wenn die Institute in allen ihren Teilen in Betrieb sind, so wird für diesen Zweck außerdem jährlich ein Betrag von 80.000 bis 100.000 Frcs erforderlich sein. Die orientalischen Juden erscheinen, dazu bestimmt, die Mittler zwischen der occidentalen Kultur einerseits und der langsam sich entwickelnden Kultnr des Orients andrerseits zu werden. Als Semiten besitzen sie für diese große Aufgabe eine besondere Eignung; sie können für sich und die Menschheit damit eine welthistorische Aufgabe erfüllen und im Orient, nicht erdrückt von der vorgeschrittenen Kultur christlicher Völker, aber befruchtet von dieser Kultur, könnte die Judenheit erneut zu einer eigenartigen intellektuellen Blüte gelangen: ein Segen für sich, für das ottomanische Reich wie für die Menschheit. Mit der Gründung eines jüdischen Technikums im Orient wäre alsdann ein einzelner Schritt zur Erfüllung dieser großen Mission getan. Diese Gedanken sollen nunmehr Wirklichkeit werden. Es steht bereits heute ein 47000 m ’ großes Terrain in Haifa für das Unternehmen zur Verfügung, die baulichen Vorarbeiten sind in Angriff genommen und die Baupläne werden demnächst entworfen werdeu. Das Techniknm, das erste im Orient, wird eine Kulturtat von lang fortwirkendem Segen sein (lebhafter Beifall). Sodann berichtete der Generalsekretär des Hilfsvereins Herr Dr. Bernh. Kahn über die Tätigkeit für die russischen Juden. Sein Bericht stellt fest, daß sich die Lage der Juden in Rußland außerordentlich verschlechtert hat. Unter der Herrschaft der reaktionären Duma sind die Ausnahmebestimmungen gegen die Juden zahlreicher geworden als jemals. Die hauptsächlichsten Beschränkungen richten sich gegen das Wohnrecht der Juden und gegen den Eintritt der jüdischen Jugend in höhere Schulen. Finnland steht, was die Behandlung der Juden anlangt, nicht hinter Rußland zurück. Auch dort sind Ausweisungen von Juden an der Tagesordnung. Für das russische Hilfswerk, hauptsächlich Organisation der Auswanderung wurden 280.000 Mark ausgegeben. Obwohl die Auswanderung nach den Vereinigten Staaten in den Jahren 1907/S außerordentlich zurückgegangen ist, beträgt die Zahl der jüdischen Auswanderer nach privater Feststellung im Jahre 1908 noch immer 65.000—70.000. Die Hälfte davon, also zirka 35.000 jüdische Auswanderer haben ihren Weg durch Deutschland nehmen müssen. Die Mehrzahl dieser Auswanderer hat die Einrichungen des Hilfsvereines in Anspruch genommen, rund 7000 wurden befördert, etwa 18.000 verpflegt, beherbergt, bekleidet und eine nicht geringe Anzahl in Krankheitsfällen geheilt. Zur Bewältigung dieser Fürsorgearbeit unterhält der Hilfsverein 36 Komitees an der Grenze in den Hafenstädten und im Innern Deutschlands. Auch über Deutschland hinaus hat der Hilfsverein der Deutschen Juden der jüdischen Auswanderung sich angenommen. Die Auswandererkomitees in Basel, Rotterdam und Antwerpen und Kopenhagen wurden unterstützt. Sodann wurde noch die Rückwanderung er- I wähnt. Etwa 15.000—18.000 Rückwanderer, darunter zirka 10.000 aus den Vereinigten Staaten, wanderten durch Deutschland nach ihren Heimatländern insbesondnre nah Rußland zurück. Der Schatzmeister des Vereines, Bankdirektor Ernst Simon erstattete sodann den Kassabericht. Das Kapital des Vereines ist von 249.000 Mark im Jahre 1907 auf 264.000 Mark im Jahre 1908 gestiegen. Der Russenfonds ist auf 76.000 Mark susammengeschmolzen, seine Auffüllung bei den großen Anforderungen ist also unbedingt notwendig. Das Vermögen des Vereines ist von 956.000 Mark am 31. Dezember 1907 auf 1,012.000 Mark am 31. Dezember 1908 gestiegen. Die Generalversammlung genehmigte hierauf den Geschäftsbericht. Zum Schlüsse hob Herr Simon . noch hervor, daß das Werk des Technikums auch noch von andern Persönlichkeiten in Deutschland wie in Rußland und Amerika materiell gefördert werde. Anch der Nationalfonds werde dem Hilfsverein ein Kapital für den Zweck zur Verfügung stellen. Palästina. Die Bedeutung des Urweizens. Die Pariser Tageszeitung „Le Matin“ veröffentlicht in ihrer Nummer vom 19. März a. c. an leitender Stelle ein Interview mit Aa ro n s ö h n, der sich auf der Durchreise nach Nordafrika in Paris aufhielt. Aaronsohn betont in diesem Interview nachdrücklich die Möglichkeit, durch den abgehärteten Urweizen, der keine Pflege braucht und in glühendster Hitze gedeiht, die ariden Böden der heißen Zone, von Algier, Tunis, Palästina etc., ja selbst der Sahara zu kultivieren, was ungeheure Perspektiven eröffnet. * * * Populäre Vorlesungen in Jaffa. Jaffa. Dank den Bemühungen des Direktors des hiesigen hebräischen Gymnasiums, Herrn Dr. Metmann, finden seit einiger Zeit regelmäßig fünfmal in der Woche im Hebräischen Gymnasium populäre Vorlesungen über naturwissenschaftliche Themen statt. Es werden Vorlesungen über Anatomie und Physiologie, Physik, Erdkunde ’ und Pflanzenkunde abgehalten. Manche Vorlesungen werden von 50—60 Zuhörern regelmäßig besucht. Die Veranstalter denken ihre Tätigkeit noch auszudehnen und Vorträge mit Lichtbildern an verschiedenen Plätzen des Landes abzuhalten. * * * Aus den Kolonien. Gedera (Katra): Die Wintersaat ist nun beendigt. Es sind zumeist Pferdebohnen angesät worden, zum Teil sogar an Stellen, die früher für die Sommersaat reserviert waren. Manche denken sogar mit der Zeit die Sommersaat, die viel Mühe und wenig Nutzen bringt, durch diese Bohnensaat zu ersetzen, wenn es sich als richtig erweist, daß die Bohnenfelder sich später für Gersten- und Weizensaat verwerten lassen. Ein kleiner Teil des Bodens wird auch schon für die Sommersaat vorbereitet. Man erwartet eine gute Kartoffelernte, da der Winter nicht besonders streng war. Insbesondere dürfen diejenigen, die früh gesät haben, gute Preise für ihre Kartoffeln erwarten, wenn sie noch vor Pessach werden ernten können. In den Mandel- und Weingärten ist das Pfropfen und das Umpflügen des Bodens bereits beendet. Der erste Versuch der Geflügelzucht mittels einer Brutmaschine ist gelungen und hat vielen von unseren Kolonisten den Anlaß gegeben, Geflügel zu züchten. Nächstens wird man eine zweite Brutmaschine anschaffen. Außer den jüdischen Arbeitern, die bei uns, wie bereits mitgeteilt, eine monatliche Beschäftigung gefunden haben, haben wtr noch einige jemenitische Familien nach der Kolonie gebracht und hoffen in ihnen ständige Arbeiter zu finden, die uns besonders bei der Weinernte nützen werden. Die Kolonie hat einen Betrag von 1500 Frcs. zur Instandsetzung eines Hauses ausgesetzt, in welchem die jemenitischen Familien zusammen wohnen können. Auch stellen die Kolonisten ihre eigenen Arbeiter und ihr Vieh bei dem Bau unentgeltlich zur Verfügung. Die

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