Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 15 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 15 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 rachi propagierte erscheinen lassen. Die Ignoranz der hiesigen Judenschaft wird dazu benützt, um eine Konfusion entstehen zu lassen, was der orthodoxen Landeskanzlei jederzeit sehr erwünschst ist. Auf diese Weise soll das von frömmelnder Seite gegen die palästinische Schule erweckte Mißtrauen auf die Misrachi verpflanzt und die Bewegung diskreditiert werden. Um all dies zu erreichen, genügt in Ungarn das fürchterliche Wort „Gymnasium“ zu erwähnen, um die im Bannkreise der herrschsüchtigen Rabbiner befangenen unwissenden Juden und die bildungsscheuen Frömmler in Furcht erbeben zu lassen. B. Die neueste Büberei der „Oesterr. Wochenschrift". Seitdem die „Jüdische Zeitung“ durch die Opferwilligkeit ihrer Anhänger, namentlich des Herrn Lucian Brunner, eine gesicherte Existenz hat, ist eine Reihe von Blättern, welche von der Ausbeutung des jüdischen Gefühls leben und deren Korruption schon sprichwörtlich geworden ist, ganz außer Rand und Band geraten. Jedermann weiß, daß die „Jüdische Zeitung“ kein Geschäftsunternehmen ist, sondern nur im Dienste einer Idee, ohne Vorteile für alle Beteiligten arbeitet. Sie gewinnt auch täglich an Boden und deshalb haben die Kahalblätter, und andere, welche mit ihrer angeblich jüdischen Gesinnung schmutzige Geschäfte machen, die begreifliche Angst, daß die gesunden Elemente des Judentums ihnen bald den Laufpaß geben werden. Die „Jüdische Zeitung“ betrachtet es auch als eine ihrer Hauptaufgaben, alle jüdischen Kreise von dem Einflüsse jener Schmarotzerpflanzen des Judentums zu befreien. Die antisemitische Epoche hat nicht bloß schmutzigen Elementen unter den Christen Profit verschafft, auch auf jüdischer Seite ist der Antisemitismus fruktifiziert worden. Man macht mit der angeblichen Verteidigung jüdischer Interessen ein Geschäft, ohne Rücksichtnahme auf die Wahl der Mittel. Alle anständigen und ehrlichen Elemente, welche das Publikum über den wahren „Wert“ solcher Geschäftsjuden aufzuklären, bestrebt, werden natürlich von dieser Seite bei jeder Gelegenheit angestänkert und mit Schmutz beworfen. Eine solche Leistung hat sich auch die „O esterreichische Wochenschrift“ in ihrer Nummer vom 19. März gestattet. Wie unsern Lesern bekannt, hat der „Demokratische Zentralverein“, wie alljährlich, auch heuer am 13. März die übliche Feier, des auch für uns Juden so denkwürdigen Tages veranstaltet. Der „Demokratische Zentralverein“ ist der einzige in ganz Oesterreich, welcher seit seinem Bestehen für die Gleichberechtigung und Gleichwertung aller Bürger eingetreten ist. Deshalb haben auch schon seit vielen Jahren, Mitglieder der zionistischen Partei an seinen Arbeiten und auch an seinen Märzfeiern teilgenommen, um so mehr, als der Zentralverein, dessen Mitglieder zum allergrößten Teil christlicher Konfession sind, die Anerkennung der jüdischen Nationalität in sein Programm aufgenoinmen hat Mehrere solche Märzfeiern haben stattgefunden, bei welchen Mitglieder der zionistischen Partei in Gegenwart der Vertreter anderer Nationalitäten ihren Standpunkt gewahrt haben, zum Aergernisdes einmal anwesenden Baron Hock, des Lieblings der Wiener Assimilanten, der sich den Ausspruch leistete: „Die Juden sollten sich alle taufen lassen, das wäre die richtige Assimilation.“ Es traf sich nun heuer, daß, gleichzeitig mit der Festfeier, welche am Vorabend, Freitag den 12. März stattfand, schon früher ein Kommers einer Studentenverbindung angesagt worden war, wodurch der Besuch von studentischer Seite beeinträchtigt wurde. Irgend eine Verabredung, nicht zu erscheinen, war nicht getroffen worden. Die Festversammlung war aber trotzdem sehr gut besucht, besser als die in frühereren Jahren und es haben unter anderem die Reichsratsabgeordneten Stand, Dr. T r y 1 o w s k y, Dr. Gabel u. a. teilgenommen. Es fand sich nun ein böswilliger Zwischenträger, der der „Wochenschrift“ einen entstellenden Bericht überbrachte und dieses ehrenhafte Blatt ließ nun einen Artikel vom Stapel, welchen man der Form und des Inhaltes wegen als eine Büberei bezeichnen mußte. Herr Brunner hat in der irrigen Ansicht, daß wenigstens äußerlich bei Polemiken seitens der jüdischen Zeitungen gewisse Anstandsregeln gewahrt werden, eine Berichtigung an die Wochenschrift gesendet, welche aber nicht veröffentlicht wurde. Vermutlich hat sich dieses wackere Blatt an einen Formfehler geklammert, um sich seiner Pflicht zu entziehen. Lügen verbreiten, Leute anonym angreifen und dann die Satisfaktion verweigern, das ist ganz dem Charakter dieses Blattes entsprechend. Wir bringen im Folgenden den Wortlaut der uns von Herrn Brunner übermittelten Berichtigung und glauben damit, die Kampfesweise der „Wochenschrift“ genügend gekennzeichnet zu haben. Der Umstand, daß man einem Manne gegenüber, der jederzeit uneigennützig und überall, wo es j üd i s c h e n Zwecken galt, hilfreich eintrat, in einem Blatte, welches sich als „Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums“ bezeichnet, so böswillig, gemein und feig handelt, dürfte Manchem die Augen öffnen. Der Wortlaut der Berichtigung: An den Verantwortlichen Redakteur der „Oesterreichischen Wochenschrift“ Herrn Dr. J. Bloch Wien IX. Auf Grund des § 19 des Preßgesetzes fordere ich Sie auf, nachstehende Berichtigung der unter dem Titel „Lucian dictator“ in der Nr. 12 vom 19. d. M. Ihres Blattes gebrachten Notiz in Ihrem Blatte zu veröffentlichen. Es ist unwahr, daß ich „Befehlshaber“ der radikalen Zionisten in Wien bin, wahr ist dagegen, daß ich mich in keiner der zionistischen Organisationen in Wien bis heute persönlich betätigt habe, somit auch nicht befehlen konnte. Es ist unwahr, daß ich eine „kurze, aber kräftige Parole“ habe, „entweder folgen durch Dick und Dünn, oder — der Brotkorb wird höher gehängt.“ Wahr ist vielmehr, daß ich seit jeher alle jüdischen Institutionen unterstützt habe, welche mir fortschrittlich erschienen, ohne daß ich jemals einen Einfluß ausgeübt, oder persönliche Gefälligkeit hiefür verlangt hätte. Es ist unwahr, daß mich eine Lust anwandelte, eine Märzparade zu arrangieren, - wahr ist, daß mir von Seiten einiger alten Herren der Studentenverbindungen der Wunsch ausgedrückt wurde, auch in diesem Jahre die zionistische Studentenschaft zur Märzfeier einzuladen und daß zu diesem Zwecke mehrfache Besprechungen hierüber stattfanden. Es ist unwahr, daß bei der letzten Besprechung mit den Obmännern der Studentenverbindungen am ll. März ein Kausalnexus zwischen der Märzfeier und dem Studentenheim beabsichtigt war, weil ich „Staffage“ brauchte. — — Wahr ist vielmehr, daß die Statuten für das jüdische Studentenheim schon Wochen vorher unter Beteiligung der Studentenverbindungen festgelegt wurden und in jener Obmännerversammlung nur die fertiggestellten und abgedruckten Statuten auf Wunsch verteilt wurden. Unwahr ist, daß ich die Staffage der Studenten brauche und aus Mangel an Gefolgschaft mich „zentraldemokratisch“ nicht betätigen konnte. Wahr ist vielmehr, daß ich mich der zionistischen Studentenschaft nie als Staffage aus Mangel an Gefolgschaft bedienen wollte, ferner daß die Versammlung des Demoktatischen Zentral vereines am 12. März zahlreicher besucht war als sonst, wenn auch wenig Studenten anwesend waren. Unwahr ist es, daß der Präses der jüdischen Rede- und Lesehalle die Forderung stellte, daß der Verein den Titel „Kaiser Jubiläumsverein“ führe — wahr ist nur, daß derselbe darauf hingewiesen hat, daß dadurch gewisse steuertechnische Begünstigungen erzielt werden könnten, worauf ich ihm erwiderte, daß mir das bekannt sei und daß man seinerzeit auf diesen Umstand Rücksicht nehmen werde, wenn nicht schon der Termin abgelaufen sei. Unwahr ist es ebenso, daß er die Forderung gestellt hat, daß die Küche koscher zu führen sei. Unwahr ist auch die Bemerkung über das Verhältnis des Herrn Abgeordneten Dr. Mahler über seine Anteilnahme zum Studentenheim. Vielmehr hat sich die Sache folgendermaßen abgespielt: Ich antwortete auf eine Anfrage, daß Herr Dr. Mahler in einer Vertrauensmännerversammlung vor mir die Mitteilung erhalten habe, daß aus einer Erbschaft ein Legat von 10.000 K zur Verfügung stehe, daß ich veranlaßt habe, daß dieser Betrag als Fonds für ein jüdisches Studentenheim verwendet werde. HerrDr. Mahler habe hernach ohne mein Wissen die Sache eines Studentenheims, bei der B’nei B’rit in Anregung gebracht und daselbst sei ein Komitee eingesetzt worden, an dessen Spitze Herr Dozent Dr. Markus Hajek stand, welcher auch das Referat darüber zu erstatten habe. Von Herrn Dozent Dr. Hajek, den ich diesbezüglich aufgesucht hatte, sei mir die Mitteilung geworden, daß er dem Komitee den Antrag stellen wolle, von der Gründung eines jüdischen Studentenheims abzusehen, weil dasselbe nicht praktisch und zeitgemäß sei. Aus diesen Gründen müsse man auf die Mitarbeit obgenannter Herren verzichten. Es ist unwahr, daß wegen dieser Ausführungen die „Unitas“ entrüstet abzog — wahr ist dagegen, daß die Herren deshalb das Lokal verließen, weil ich sagte, man soll es vermeiden, daß sich die Studenten eine derartige Behandlung gefallen lassen müßten, wie sie der „Unitas“. von Herrn Dr. Stern zu Teil wurde. Es ist unwahr, daß die meisten Anwesenden dagegen protestiert haben, daß die Feier am Freitag und Samstag stattfinde — wahr ist, daß nur zwei oder drei Herren Einwendungen erhoben, nicht aus dem Grund, weil darin eine Brüskierung des religiösen Gefühles gelegen sei, sondern einzig deshalb — weil die Gegner dies als Angriffswaffe benützen könnten. Es ist unwahr, daß die noch Anwesenden mit Ausnahme des Obmannes der Rede- und Lesehalle überhaupt gegen die Veranstaltung der Feier protestiert hätten, — wahr ist, daß sie alle ihr Erscheinen, und das ihrer Kommilitonen in Aussicht gestellt haben. Weiterhin ist unwahr, daß mir jemand geantwortet hätte, am 2. Dezember mein Oesterreichertum zu beweisen, wahr ist nur, daß Herr Paul Diamant kritisiert hat, daß die „Jüdische Zeitung“ nicht einen Artikel am 18. August gebracht habe, worauf ich erwiderte, daß die „Jüdische Zeitung“ dies anscheinend der „Oesterreichischen Wochenschrift“ überlasse. Es ist ferner unwahr, daß der betreffende Herr gesagt hat, daß die „Jüdische Zeitung“ von mir verwaltet und subventioniert werde, — sondern wahr ist, daß jener Herr nur von der „Jüdischen Zeitung“ als von „unserm“ Organ sprach, — wahr ist auch, daß die Redaktion der „Jüdischen Zeitung“ selbständig von einem Redaktionskomitee geführt wird, dem ich nicht angehöre. Erlogen ist, daß ich die Kränze für die Märzgefallenen in Begleitung meines Hausmeisters auf den Friedhof tragen mußte, — wahr ist vielmehr, daß wie alljährlich die Delegierten des Demokratischen Zentralvereines, der demokratischen Vereine des 7., 9., 16. und 19. Bezirkes anwesend waren und die Kränze niederlegten und daß die Kränze für die zionistische Studentenschaft von einigen jüdischnationalen Studenten niedergelegt wurden. Lucian Brunner. Parteinachrichten. Oeffentliche Distriktskomiteesitzung. Wien. Am 30. März d. I. fand die zweite, vom gegenwärtigen Distriktskomitee einberufene, öffentliche Komiteesitzung statt. Die Beteiligung war eine sehr zahlreiche. Der Obmann Herr Dr. Karl Pollak nahm den Jahrestag des Todes unserer ausgezeichneten Gesinnungsgenossin Rosa K o 11 m a n n zum Anlaß, der früh Dahingeschiedenen in Worten der Verehrung zu gedenken. In die Zeitperiode seit der letzten öffentlichen Sitzung fallen insbesondere: die Neukonstituierung des Zionistischen Zentralvereines in Wien und des „Circolo s i o n i s t i c o“ in Triest, der Palästinavortrag des Gesinnungenossen Emil Stein in Graz und der Agitationsvortrag des Dr. Karl Pollak in Leoben. Das Distriktskomitee hat während seiner kaum dreimonatlichen Tätigkeit 376 Korrespondenzstücke expediert und 159 empfangen. Schekelhefte hat es bisher 150 versandt, hauptsächlich nach der Provinz. Ueber Anregung des Distriktskomitees findet ein gemeinschaftliches Seder der Wiener zionistischen Studentenschaft statt. Die Debatte galt beinahe ausschließlich der Schekelagitation. Hier ist der Vorschlag des Obmannes des Zionistischen Zentralvereines, Herrn Dr. Jakob K o h n, hervorzuheben, daß jeder studentischen Korporation einer oder mehrere Bezirke Wiens als Agitationsgebiet zuzuweisen sind, innerhalb dessen sie sich um die Schaffung einer Zweihundertschaft bemühen soll. Der Vorschlag fand allgemeine Zustimmung. Generalversammlung des Hilfsvereines derdeutschen Juden. Am Sonntag den 28. März fand in Berlin eine Sitzung des Zentralkomitees und im Anschlüsse daran die o r d e n 11 i c h e GeneralversamlungdesHilfsvereines der deutschen Juden statt. In der Sitzung des Zentralkomitees wurde der Geschäftsbericht des Hilfsvereines ohne Einwendung genehmigt. In der Generalversammlung der Mitglieder wurde vom Vorsitzenden, Herrn James Simon, der Geschäftsbericht erstattet, demzufolge der Verein sich in bester Entwicklung befindet. Die Mitgliederzahl ist von 18.000 auf über 20.C09 gestiegen. Die Mitgliederbeiträge haben sich