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Jüdische Zeitung · 1909-04-09 · 15 (9.4.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
15 (9.4.1909)
Date
1909-04-09
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 15 gefunden hatte, geschafft wurden. Man bedenke: Juden in einer russischen Staatsanstalt! Das Gericht hat die Angeklagten auch dieses „Vergehens“ für schuldig befunden. — So sieht die Justiz im „konstitutionellen“ Rußland aus. * * * Der türkische Kammerpräsident über die Juden- Konstantinopel. Der Präsident des türkischen Parlaments Ahmed Risa Bey richtete an den Großrabbiner der Türkei, in dem erden Sprecher der jüdischen Nation seines Landes sieht, bei der offiziellen Visite, die der Chachambaschi dem Kammerpräsidenten abstattete, unter anderm folgende Worte: „Wir sind der Treue der Juden zum ottomanischen Vaterlande bei jeder Prüfung absolut sicher. Wir sind überzeugt, daß die Juden große Fähigkeiten besitzen, und daß sie in allen Ländern der Welt ein Element des Fortschrittes, einen wichtigen Faktor der Zivilisation darstellen, daß die Juden eifrig für das Glück des Vaterlandes arbeiten und es herzlich lieben. Wir wünschen sehr zu sehen, daß die Juden anderer Länder, wie die russischen und rumänischen, in unser Land kämen und uns die Mithilfe ihrer Intelligenz und ihrer Tugenden brächten. Geben Sie diese unsere Gesinnung Ihren Glaubensgenossen in Europa und den jüdischen Organisationen kund. Unser Reich leidet an einer großen Armut, während sein Boden immense natürliche Reichtümer enthält. Es gibt ungeheure Strecken im Reich, wo nur fünf Seelen auf den Quadratkilomeier kommen. Die Juden wären imstande, diese Gegenden zu bevölkern, ihre Kultur über sie auszubreiten und mit Hilfe der Wissenschaft aus der Erde die Reichtümer zu ziehen, die sie verborgen hält“ * * * Judenelend in Amerika. New-York. Berichte aus New-York wissen von einem entsetzlichen Notstände unter den eingewanderten Juden in New-York zu melden. Es ist ein besonders markantes Symptom der gefährlichen Lage, daß die „United Hebrew C h a r i t i e s“ in einem besonderen Rundschreiben an bewährte Männer zu einer außerordentlichen Anstrengung behufs Bekämpfung des Notstandes auffordem. Es wird in diesem Rundschreiben gesagt, daß die Zahl der Arbeitslosen noch immer nicht abnehmen wolle, so daß die Mittel der „United Hebrew Charities“ durch die Ansprüche der Arbeitslosen allmählich erschöpft würden. Die Zahl der Arbeitsuchenden ist viermal so groß wie vor zwe i J ah re n und 50% mehr als im vergangenen Jahre. Manche Familien sind, wie Briefe beweisen, der Verzweiflung nahe, und es laufen solche Briefe nicht weniger als 200 im täglichen Durchschnitte bei dem jüdischen Armenamte ein. Um den Ansprüchen zu genügen, seien sofortige Zeichnungen von mindestens 100.000 Dollar notwendig, und es sind denn in der Tat bereits 60.000 Dollar infolge dieses Appells aufgebracht worden. Für das laufende Finanzjahr werden die Ausgabeu auf 240.000 Dollar geschätzt. Prof- Dr. K. Ballod über die Judenfrage in Rußland. (Von unserem Rigaer Korrespondenten.) Zur Lösung der Judenfrage in Rußland äußert sich der bekannte lettische Professor der Statistik an der Universität zu Berlin, Herrn Dr. Karl Ballod in dem lettischen Wochenjournal „Mahjas Weesis“ folgendermaßen: „Rußland hat mehr Juden als irgendein anderer Staat, nämlich 5 Prozent der Gesamtzahl der Einwohner, etwa 71/» Millionen. Viele Leute in Rußland weisen darauf hin, daß im Falle der Emanzipation die Juden die einträglichsten Industriezweige an sich reißen dürften. Da auch in Oesterreich und Deutschland trotz der liberalen Gesetze, ein starker Antisemitismus zu finden ist, so dürfte es in Rußland auch nicht anders sein. Wenn jedoch gewisse Industrien von der Krone monopolisiert und ein Gesetz über dieNationalisation des Bauernlandes erlassen würde, so wäre von einer Ausbeutung der Russen durch die Juden keine Rede. Im Gegenteil, die jüdische Intelligenz würde bei der Kulturarbeit sehr gute Dienste leisten. Eine andere Frage ist jedoch die, wie sich die Mehrzahl der Juden selbst in einem erneuerten Rußland fühlen würde. Bekanntlich ist der größte Teil der russischen Juden sehr arm, gut leben nur wenige Geldsäcke, von welchen viele auch ihre Glaubensgenossen auf die schändlichste Art ausbeuten. Eine weitere Entwicklung der Industrie im" Ansiedlungsrayon der luden ist in nächster Zeit, auch wenn reformiert werden sollte, nicht zu erwarten; also bleibt als einziger Ausweg eine starke Emigration der armen Juden. Wohin sollte jedoch die Emigration geleitet und wie soll sie sichergestellt werden? Eine Uebersiedlung in größerem Maßstabe nach den von Kernrussen bewohnten Gouvernements würde den russischen Kaufleuten und Industriellen nur eine starke Konkurrenz schaffen und dadurch die Judenfeindschaft ins Enorme steigern. Den besten Weg hat in den letzten Jahren der Zionismus gezeigt: gebt den Juden i-hr gelobtes Land, Palästina wieder und die Judenfrage wird auf die beste und friedlichste Art für die Völker Europas gelöst sein. Die Frage, ob nicht schon jetzt die Juden dorthin übersiedeln würden, ist müßig. Hauptsächlich fehlt es dort an Land, trotz der im allgemeinen geringen Zahl der Bewohner. Es müßte noch eine Katastrierung des Bodens, eine Trennung zwischen Kronland und Privatland vorgenommen und vor allen Dingen für künstliche Bewässerung für Verkehrswege, für den Bau von Gebäuden usw. gesorgt werden, um dann Kolonisten ins Land zu rufen. Privatländereien sind schon jetzt in Palästina so teuer, daß sie armen Juden gar nicht mehr zugänglich sind. Dierussische Regierung könnte bei gutem Willen die Frage mit einem Male einer richtigen Lösung entgegenführen. Sie müßte ganz einfach den Großmächten den Vorschlag machen, vom Sultan die Besiedelung Palästinas undSyriens mitjuden zu verlangen, mit der Bedingung, daß im Anfänge über diese Länder ein gleiches internationales Protektorat errichtet werden soll, wie in Kreta. Das dem Staate und der mohammedanischen Geistlichkeit gehörende Land, etwa 3—4 Millionen Dessjatinen, sollte in die Verwaltung einer internationalen Gesellschaft übergehen, deren Aufgabe es wäre, das Land für die Ansiedlung vorzubereiten. Die materiellen Verluste des türkischen Staates könnten durch eine entsprechende Regulierung der Zinsenzahlungen der Türkei für ihre ausländischen Anleihen ausgeglichen werden. Es unterliegt keinem Zweifel, daß England, Frankreich und die nordamerikanischen Freistaaten mit Freuden diesem Plane zustimmen würden. Weitere Geldmittel könnte man noch der Hinterlassenschaft des Baron Hirsch entnehmen, die auf 350—600 Millionen geschätzt wird. Damit könnten alle Meliorationsausgaben ohne weiteres bestritten werden, am besten wäre es, diese Summen den Kolonisten direkt zu überlassen. Dagegen sollte für den Ankauf von Vieh und Wirtschaftsgeräten, für den Unterhalt bis zur ersten Ernte und für den Bau von Wohnungen den Kolonisten eine mit 3—3 /2% verzinslicher Kredit aus einer von den Großmächten zu garantierenden Anleihe verschafft werden. Alle Jahre könnte man aus Rußland etwa 500.000 arme Juden nach Kleinasien hinüberschaffen, wofür .die großen Transportdampfer, die ihre frühere Bestimmung, den Verkehr nach Ostasien zu vermitteln, seit dem letzten Kriege eingebüßt haben, sehr geeignet wären. Die Ausgaben dürften nicht mehr, als 5 Rubel pro Person betragen. Professor Dr. Ballod glaubt, daß durch die Aussicht auf baldige Selbständigkeit im ersehnten Lande die Juden von einer ethisch-nationalen Aufwallung ergriffen, würden, die ihnen auch die bisher angewohnte schwere Landarbeit leichter erscheinen ließe. Dieser Umstand würde auch seinen Eindruck auf die künftige Generation nicht verfehlen und die Entstehung eines zur Landwirtschaft und zum Staatsleben sich eignenden Volkes fördern. Zugleich würde auch die jüdische Frage in Rußland, welche so viele Unruhen und enorme Verluste an Blut und Gut gezeitigt, entschieden sein, ohne daß alle Juden auszuwandern brauchten. - ■ Wir veröffentlichen diesen Artikel, dem wir wohl nicht in allen Punkten beipflichten, weil die von gelehrter nichtjüdischer Seite ausgehenden Vorschläge neuerlich den Beweis liefern, daß ein modern und unbefangen denkender Mensch einzig und allein im Zionismus, die Lösung der Judenfrage finden kann. Budapester Brief. Von unserem Korrespondenten. Im Kreise der hiesigen israelitischen akademischen Jugend hat sich wiederum eine Wandlung vollzogen. Früher war all ihr Bestreben darnach gerichtet, als Vollblutmagyaren zu erscheinen und im johlenden Patriotismus die Rassenmagyaren zu übertrumpfen. Letzteres ist ihnen vollauf gelungen, nur mit der Anerkennung ihres Magyarentums ist es schief gegangen, denn trotz ihrer aufopfernden Tätigkeit wurde ihnen von der ungarischen akademischen Jugend niemals gestattet, an einer patriotischen Feier mitzuwirken, und z. B. in die Mensa academica wurden sie gar nicht eingelassen. Nun ist diesen „Getauften und Baldgetauften“ die Geschichte doch zu bunt geworden und sie haben sich jetzt der „Aufklärung“ zugewendet, indem sie einen „G a 1 i 1 e i“-Verein bildeten. In seinem Aufrufe an die akademische Jugend greift der Verein mit einer förmlichenWut den Unterricht toter Sprachen in den Mittelschulen an und bemerkt seufzend: „Die Juden haben noch eine dritte tote Sprache zu erlernen, zur größeren Ehre der „Konfessionalität“. Endlich macht sich der Verein au die klerikalen Vereine an der Universität heran, wobei er die Zionisten des Klerikalismus beschuldigt. Der Galilei-Verein hat große Feindseligkeiten hervorgerufen, es hat sich sogar ein Komitee gebildet, daß ein Protestschreiben erließ, es heißt darin unter anderm: „Die vom „Galilei“, nachdem sie ihren alten. Glauben abgeschworen, bekämpfen jetzt ihre neue Religion und werden nicht zu Vorkämpfern, sondern zu Agenten einer neuen Idee.“ Indessen fahren die Herren vom „Galilei“ fort, die Idee der Aufklärung zu kompromittieren. Alle Welt heißt sie Juden, doch sie nennen sich'allen zum Trotze „Internationale“. * * * Die orthodoxen Dunkelmänner sind schon wieder an der Arbeit: Früher galten ihre Pfeile den Zionisten im Allgemeinen, doch bald sah die orthodoxe Landeskanzlei ein, daß diese Ketzer unverbesserlich sind, jetzt heißt das Losungswort: Nieder mit den „Misrachisten“ 1 In der Kampfesweise ist man nicht sehr wählerisch. In einem oberungarischen Städtchen wurde unlängst eine misrachistische Ortsgruppe gegründet. Sofort wurde an der Synagogenpforte der vor fünf Jahren anläßlich des Misrachi-Kongresses in Poszony erlassene Rabbiner- Protest ausgehägt, Turn damit den gläubigen Seelen Furcht einzutreiben. Nichtsdestoweniger ist der Verein in Aufschwung begriffen. Jetzt hat sich die Landeskanzlei gegen die misrachistische Mittelschule in Palästina gewendet und geht daran, falsche Nachrichten zu verbreiten, daß die Misrachi ein Gymnasium errichten wolle, welches die religiöse Entwicklung der palästinischen Juden zu untergraben geeignet ist.“ Sie benützt nämlich schlauer Weise den vom westeuropäischen Bureau des Misrachi gegen das Jaffaer Gymnasium eingebrachten Protest und will dieses Institutut als das vom Mis-

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