Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 15 (9.4.1909)
- Date
- 1909-04-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr.-. 15 der klassischen Epoche werden ihn den Naturalisten entgegen halten; die Antisemitenwerden dem jüdischen Komödianten selbst jetzt, da er dahingegangen ist, die Unsterblichkeit nicht gönnenunddieliberale Garde wird vor allem dem Anhängerder Gleichheit und . Brüderlichkeit das letzte Geleite geben. Sie mögen den Toten umtoben; sie mögen seine bleiche Stirne mit Lorbeer umwinden; sie mögen ihn preisen als den größten in seiner Kunst. Wir wollen des edlen Juden gedenken. Sein Weg war der Weg des Eroberers, des selbstbewußten, freien, stolzen Mannes. Er ging ihn aufrecht wie ein Held, bis zu seinem Ende. Kein Schatten trübt die strahlende Sonne seiner Seele. Er war der Edelsten einer. * * * Ein Sonnenthal-Abend im Burgtheater war ein weihevolles Fest. Der goldig-dunkle, dabei männliche Ton seiner Stimme, das gütiglächelnde Auge, das wundervolle Spiel der runzeligen Hände ergriff bis ins Innerste, rührte, erschütterte. So reich war sein Herz, so vielgestaltig sein Können, daß er mit vollen Händen spenden konnte, ohne arm zu werden. Er wuchs im Geben, erstarkte in seinem Können; so war der Greis ein ewiger Jüngling. Man staunte die Frische des Fünfundsiebzigjährigen wie ein Naturwunder an; man verargt es ihm, daß er der jüngeren Generation nicht Platz machen wollte. Aber ihn beseelte nicht der Neid des Alters gegen die stürmende Jugend oder engherziger Ehrgeiz, sondern das tiefste Pflichtbewußtsein und das Bedürfnis, den immer größeren Anforderungen an seine Kunst gerecht zu werden. Darum wurde er auch von denjenigen, die ihn verstanden, die seines Edelmutes Uebermaß teilhaftig wurden, wie ein Vater geliebt. Er machte auf der Höhe seines Ruhmes nicht halt, sondern schritt höher. Er empfand es, daß jeder Zeit ihre Kunst gehöre und daß die Kunst das Spiegelbild ihrer Zeit sein müsse. Und obwohl er bereits vor zwei Dezennien den unsterblichen Typus des edlen Heldenvaters, des gütigen Menschen geschaffen hatte, versuchte er dennoch, an sich unablässig arbeitend, die Grenzen seines Talents nach der Tiefe und Breite zu erweitern. Das ewig Menschliche stellte er endgiltig in kristallreiner Form dar und in diesem Sinne muß er — ein Goethe — ewig modern bleiben. Er bleibt das Ideal der Jugend, er bleibt der vornehmste Repräsentant der Schauspielkunst. Im jüdischen Osten klingt der Name „Sonnenthal“ wie ein Mysterium. Tausend Wünsche knüpfen sich an seinen Namen und nun, da er tot ist, wird er wie ein Heiliger verehrt werden. Er wird in die Reihe jener Großen aufgenommen werden, Amerika gegangen war, ist jetzt nach Rechobot zurückgekehrt und plant dort landwirtschaftliche Unternehmungen großen Stiles. Unter den Rechobotern befinden sich manche Senioren der Kolonisation und im allgemeinen scheinen sie zu einem wirklichen „Kolonistenvolke“ geworden zu sein. Insbesondere die Jugend aber scheint ein vortreffliches Beispiel palästinensischer Kolonistenjugend zu bilden. — Sie lieben die Arbeit und körperliche Uebungen, und schon H e r z 1 rühmte in seiner Palästina-Reiseschilderung die Pferdekünste der jungen Leute, unter denen sich wirkliche Hünengestalten befinden. Und diese fühlen sich eingewurzelt in der doch erst erworbenen Heimat. Der Anbau erstreckte sich ursprünglich bloß auf Weinbau, seit einigen Jahren wird der Wein zum Teile unabhängig von Rischon verarbeitet. Dann wurden auch Mandeln und Oliven gepflanzt und seit zwei Jahren werden zum Teile auf gesellschaftlicher Grundlage Orangerien angelegt Auch das östliche Dorfbild weidender Herden ist hier nicht fremd und wenigstens in engem Rahmen ist auch die Milchwirtschaft entwickelt. Als in den letzten Jahren eine immer größere Zahl jüdischer Arbeiter nach Palästina kam und anderseits die Kolonisten gerade hier in Bezug auf Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit mit den Arabern welche in Sturm und Not, ihren Charakter bewahrend, der Kunst das Siegel ihrer Persönlichkeit aufgeprägt haben. * * * Wer kann behaupten, daß er die dunklen Schächte einer Künstlerseele zu finden vermag? Wer kann die geheimen Fäden entdecken, die sich von dem darstellenden Menschen zum Zuhörer spinnen? Läßt sich die Wirkung des gesprochenen Wortes auf ihre. Ursachen hin prüfen? Und doch — Sonnenthals Gestaltungskunst läßt sich auf ihren Kernpunkt zurückführen. Wie mannigfaltig auch die Formen sein mögen, die er zum Leben erweckt hat, seine Milde, seine Güte, sein Pathos und seine Resignation, die bunte Fülle der Lebensenergien, die der Dichter zu Gestalten verdichtet hat — die treibende Kraft entstammte einer unerschöpflichen Quelle: seinem treuen, edlen, jüdischen Herzen.... Wien, im April 1909. Dr. Oskar Rosenfeld. „Das sündige Wien.“ (Präludien zum Wiener Bundestag.) Mit dem Feldgeschrei „gegen das sündige Wien“ riefen die Vertreter der galizischen Großgemeinden Lemberg und Krakau die gesetzestreue Judenheit Galiziens auf, dem Lockrufe der westlichen österreichischen Gemeinden zu einem Zusammenschluß der gesammten Judenheit zu widerstehen. Die galizische Judenheit hat jedoch in ihrer überwiegenden Mehrheit das Beginnen, eine gesamt-jüdische Organisation zu schaffen, gebilligt, was zum allergrößten Teile der regen zionistischen Agitation zu danken ist. Es scheint jedoch, daß die zionistischen Kreise von der Schaffung einer gesamt-österreichischen Organisation geradezu hypnotisiert waren _und es daher an der entsprechenden Ueberwachung kunstfertiger Finger fehlen ließen, die ein Netz spinnen, in das man diejenigen einfangen will, denen die gute Sache über alles ging. So kam es, daß der im vorigen Jahre stattgehabte Gemeindetag keinerlei Protesten zu begegnen hatte, durch welche Tatsache er die unbestreitbare Legitimation zu weiteren Schritten erworben hat. Und dennoch waren schon die Grundlagen der zu gründenden Organisation nicht ganz unbedenklich. Denn wenn man daran geht, eine Reichsvertretung der Judenheit zu schaffen, so heißt es, zu dem reaktionärsten System zurückzukehren, wenn man diese Reichsvertretung aus indirekten Wahlen, nämlich aus den Kultusvertretungen der einzelnen Gemeinden, hervorgehen lassen will. Wenn irgendwo, dann ist hier in Analogie des Reichsratswahlrechtes die direkte Wahl am Platze. Hter versagen auch alle gegen das allgemeine Wahlrecht in der Gemeinde gern vorgebrachteri Argumente. Wollte man jedoch den Einfluß der Kultuswähler aus Furcht vor unzuverlässigen Elementen (lies: Zionisten), nicht schwächen und überdies etwaigen Regierungsbedenken begegnen, so mußten zumindest di rekte Wahlen der Kultuswähler statuiert werden. Wenn nun alle theoretischen Gründe dafür sprechen, eine Reichsvertretung, wenn nicht aus allgemeinen, so doch zumindest aus direkten Wahlen hervorgehen zu lassen, so wird das gegenteilige Besinnen geradezu unbegreiflich, wenn man den nunmehr vorliegenden Entwurf eines Verbandsstatutes und den Motivenbericht hiezu einer Durchsicht unterzieht (siehe Jüdische Zeitung vom 12. März d. J.) Der Entwurf betont ausdrücklich, daß die zu schaffende Organisation die Auto^^ nomie der einzelnen Gemeinden, insbesondere in rituellen Fragen unangege tastet lassen werde. Angesichts dessen muß man fragen, was denn anderes'dann zu verhandeln und vertreten sein wird, als die staatsbürgerlichen, . wirtschaftlichen und kulturellen Fragen der Gesamt-Judenheit, womit unter Ausschluß aller Lokalinteressen alle gesamt-jüdischen Fragen zusammengefaßt erscheinen. Und da sollen zur Lösungdergesamt-jüdischen Lebensfragen diejenigen als berufen’gelten, welche in Kultusgemeinden, beginnend mit je 100 Kultuswählern lediglich zur Wahrung gerade der für den Gemeindebund ausgeschlossenen Kultusu nd Ritusinteressen be^ stellt wurden!!! Sachliche Gründe haben dahergewißdaförnichtgesprochen, daß die zu schaffende gesamt-jüdische Vertretung aus den indirekten Wahlen der Kultusgemeinden hervorgehe. Die wirklichen Gründe hiefür wagen sich nunmehr an den Tag, nachdem der Mohr seine Schuldigkeit getan. Denn nachdem die zionistischen Delegierten am vorbereitenden Gemeindetag die begeisternde Flamme angefacht haben, in welcher die Rüstung der Gesamt-Organisation zu schmieden war, nachdem die zionistische Agitation den drohenden Zwiespalt in Galizien zum großen Teile verhütet hat, kommt der Schlußeffekt: der bereits erwähnte Entwurf will nämlich nichts Geringeres, als durch Einschränkung der schlechte Erfahrungen machten, fanden manche der neuenArbeiter inRechowot Verwendung zu einer Zeit, als den Bewohnern der meisten benachbarten Kolonien die Beschäftigung jüdischer Arbeiter noch als eine Art Utopie erschien. Und obwohl noch heute auch hier die Zahl der arabischen jene der jüdischen Arbeiter um mehr als das Doppelte übertrifft, so ist doch relativ die Anzahl der jüdischen Arbeiter in Judäa am größten. Im verflossenen Sommer wurden auch jüdische Wächter zum erstenmale in größerer Zahl beschäftigt, die tagelang in den Weinberghütten hoch oben saßen, um nach etwaigen Feldstörern auszuspähen. Einer der Wächter war ein schon ergrauter, unter den Arbeitern hochgeachteter Mann, mit einem ausgesprochenen Denkerkopf, der eben auf der höchsten Weinberghütte saß und das Referat eines Arbeiters seiner Kritik unterzog. Er tadelte dabei die geringe Teilnahme der jüdischen Jugend an der einfachen Arbeit in Palästina. Die Arbeiter scheinen mit der jungen Kolonistengeneration in bestem natürlichen Einvernehmen zu leben, sie haben ihre gemeinsame Bibliothek und fröhliche und gemeinsame Interessen. Unter den Arbeitern befanden sich im Sommer auch etwa 30 Grusinier und vor kurzem wurden gegen 30 „Teimaner“ Familien in die Kolonie .aufgenommen. Letztere waren, fast in buchstäblichem Sinne, völlig entblößt in Jaffa angekommen und ein Teil fand in Rochobot sofort notdürftigstes Quartier und Kleidung, dazu Arbeit, die Männer auf dem Felde, die Frauen im Hause. - - Nicht viel Glück hatte die Kolonie mit der Schule. Nachdem die Lehrer allzu häufig gewechselt hatten, wurde die Schule jüngstens der Verwaltung des „Esra“ übergeben. Diese Verwaltung könnte wohl selbst bei Befolgung ihrer nationalgleichgültigen Tendenzen, der Erziehung der Jugend kaum hinderlich im Wege sein, da hier die ganze Umgebung natürlicherweise national ist und auch die Erwachsenen mehr als anderswo hebräisch sprechen. Bemerkenswert ist es wohl auch, daß in diesem Jahre die Talmudtorahschule aus Mangel an Schülern fast völlig einging. Besonders schön sah ich jüngst im Jänner die Kolonie, wie sie im Schnee zahlloser Mandelblüten erglänzte. Seltsam vermischte sich in lauer Nacht das volle Silberlicht des Mondes mit dem Weiß der frühen Blüten. Breit lagerten die Straßen, wie in friedlicher Beschaulichkeit eines erreichten Glückes. Allerlei. Ein jüdischer Chinese. In Bombay (Indien) lebt in sehr guten Verhältnissen ein jüdischer „Chinamann“, namens Schalom David. Seine Ge-