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Jüdische Zeitung · 1909-04-09 · 15 (9.4.1909) · page 1

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
15 (9.4.1909)
Date
1909-04-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redaktion, Administration und Inseratenaufnahme: IX., Lieehtensteinstrasse 11 Telephon 12.299. swBc&stuMen täglich von 11—12 Dir yormittags . nni 4—5 Uhr nachmittags. Erscheint jeden Freitag. Verkaufsstellen in WIEN: Administration, IX., Liechtensteinstr. 11, Zeitungsbureau Goldschmiedt, L, Wollzeile 11. Einzelne Nummern 20 Heller. Abonnementspreise: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 10'— halbjähr. K 5'—, Vierteljahr. K 3'— ln Deutschland: Ganzjähr. Mk. 10'— halbjähr. Mk. 5'—, Vierteljahr. Mk. 3’— Manuskripte werden nicht zurQckgesteut. Int übrigen Ausland ganzj. Frcs. Io* — Vertretungen in der Provinz; ln Brünn: Zeitungsbureau, Ferdinandsgasse. — ln Prag:Zeitungs verschleiß Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Buchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutschland: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 15, Wien, Freitag den 9; April 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Der Herr von Wien. Mnnenthal. Vas. sündige Wien. Aiiregurig.,.Qedicht von BEDA. Aus dem jüdischen Leben. Die neueste Büberei der „Oesterr. Wochenschrift“. Prof. Dr. Ballod über die Judenfrage inRußland. Generalversammlung des Hilfsvereines der deutschen Juden, Feuilleton: Land und Leute in Palästina. Brief aus Budapest. ' Parteinachrichten. Palästina. Vereinsnachrichten. Der Herr von Wien. Wiederum ist Lueger zum Bürgermeister von Wien gewählt worden. Der davongelaufene Demokrat, nunmehr Exzellenzherr und ein lallender Greis, der sich, wieder; kindisch geworden, im eintönigsten Festredengeplappef'lefällt. „Meine Weaner“ und „Unser Kaiser" und wiederum „Meine Weaner“. Dieser Koupletrefrain ist alles, was der Hirt von Wien seinen Schäflein ,zu künden weiß, das sind die Offenbarungen, welchen die Wiener Spießer, Christen und Juden, andächtig lauschen. Auch Juden! So komisch es klingen mag: wie Lueger der Liebling der dunkelsten Vorstadt, so ist er auch der Liebling der Juden aus der liberalen Schule! „Er ist ein sehr liebenswürdiger Mensch und hat noch keinen Juden gefressen/1 „Mit seinem Antisemitismus meint er’s gar nicht so bös, persönlich, ist er gar kein Judenfeind!“ Geflügelte Worte aus Praterstraßen- und Kaikaffeehäusern! Rührende Geschichten werden eingeflochten, von den Hosenhändlern aus der Judengasse, die er freundlichst empfangen, von einer alten Jüdin, der er eine 20 Kronenpfründe verschafft und einem Lederengrossisten, dem er die Hand geschüttelt hat. Und darüber vergißt man, daß er der Handlanger der finstersten pfäffischen Reaktion, der erfolgreichste Vorkämpfer der Ritualmordpartei war, einer Partei, unter deren Herrschaft kein Jude das kleinste Amt erlangen kann, welche das Volk verdummt und verroht, welche die jüdische Jugend aus der Schule hetzen will, welche den reichen Hebräer schont und am kleinen wehrlosen Juden ihre Wut ausläßt. Er ist halt ein gar so lieber Herr! Der liberalen Judenpresse ist er bereits heilig! Als er Exzellenz wurde, als die Regierung die höchsten Würden auf ihn häufte, hat sie es sorgfältig registriert. Wohlwollend neutral. Ohne Kritik! „Unseren“ Lueger kritisiert man nicht. Jetzt, als er wieder Bürgermeister - wurde, h£? sieh?- wiederum kein Wort des Tadels vernehmen lassen. Noch vor paar Jahren war er der „gewissenlose“ Demagog, heute ist er eine Selbstverständlichkeit. Juden drängen sich zu seinen Empfängen.Jüdische Korporationen laden den Herrn Bürgermeister untertänigst ein. Die liberale Minorität im Gemeinderate muckt nicht, sie hat anläßlich seiner Neuwahl nicht demonstriert, sich nicht gerührt. Der Lueger, ist halt der Lueger! Schließlich ist’s kein Wunder, daß sie ihn lieben. Liebt doch jeder Schöpfer sein Werk. Und Luegers Größe ist doch nur das Produkt des Wirkens der alten liberalen Partei, der sogenannten Judenliberalen. Hätte es diese engherzige Klique, die ihre Macht auf einem volksfeindlichen Wahlsystem und einer käuflichen Presse gründete, die unter völligem Ausschlüsse der Oeffentlichkeit in ihren Säckel hineinarbeitete, nicht gar so skrupellos gewirtschaftet, nie wäre das Volk einem Lueger zugelaufen. Weil die Volksfeindlichkeit der herrschenden- Advokaten- und Fabrikantengesellsehaft so kraß war, brauchte Dr. Lueger nur in die Wirtshäuser zu laufen und alle Herzen flogen ihm zu. Weil diejuden mit so blindem und augenfälligem Eifer dem korrupten liberalen Regime dienten, sah das Volk in ihnen die verhaßten Vertreter eines verhaßten Systems. „Von den Juden kommt alles Unglück! Nieder mit den Juden!“ Im rechten Augenblicke ausgestoßen, hat dieser Ruf einen mittelmäßligen Berufspolitiker zum angebeteten Liebling des Volkes gemacht. Sonnenthal. Wenn ein großer Mensch stirbt» ob in stiller Abgeschiedenheit seiner künstlerischen Welt oder als Werktätiger im geistigen Kampfe seiner Zeit, dann versuchen die verschiedensten Parteien und Gesellschaftsschichten ihn als den ihrigen mit Beschlag zu belegen. Sie spüren seinem persönlichen Leben nach, durchforschen die heimlichsten Winkel seiner Anschauungen und Handlungen und tragen ein Material von „bezeichnenden“ Aeußerungen herbei, woraus dann eine Persönlichkeit geknetet wird, die mit dem Original fast keinen Zug mehr gemeinsam hat. Man. wird Sonnenthal als den größten deutschen Schauspieler feiern; die Modernen werden ihn als ein Muster für die alte Schule gelten lassen; die Anhänger Land und Leute in Palästina. Rechobot. Es ist ein eigen Ding um die menschlichen Gemeinwesen. Wie verschieden auch die Individuen und wie gleichartig auch die Menschen seien, so zeigt doch jedes Gemeinwesen einen gewissen Typus, der sich unwillkürlich auch aut die Menschen überträgt. Diese Erscheinung ist auch in den jüdischen Kolonien zu beobachten und ist hier um so interessanter, als deren Bewohner doch von früher her zumeist keine gemeinsamen lokalen Traditionen mitbrachten, . sodaß hier nur gemeinsame Lebenstendenzen, eine kurze gemeinsame Geschichte und vielleicht unbewußte lokale Eindrücke wirksam sein können. So kommt es, daß wir zum Beispiel in Rechobot einem Lebenstypus begegnen, der kaum in den anderen jüdischen Kolonien in seiner Eigenart anzutreffen ist. Nicht weit von Ri sc hon sieht man schon die neue Rechoboter Kellerei, welche der Kolonie weit vorgelagert ist, diese selbst wird erst hinter den beiden Weinberghügeln sichtbar. Hügel und sanftere Erhebungen des Geländes umgeben die Kolonie ringsum, auf dem südlichen, die wie ein künstlich errichteter Wall aussieht, ist einer der reichsten Weingärten gepflanzt. Im Westen erhebt sich weithin sichtbar die breite Synagoge. Von dem Osthügel geht der Blick auf den farbenbunten Teppich der zum Meere geöffneten Ebene. Die Dünen sind hier mehr in die Weite gerückt als bei Rischon. Einer der runden Dorfhügel, fast greifbar nahe, kennzeichnet die alte Lehrstätte von Jabne, von welcher in einem Hause mit einer alten Inschrift noch Spuren vorhanden sein sollen. Blickt man von einem der Hügel auf die Kolonie, so bietet diese ein fertiges, weites, doch anscheinend unregelmäßiges Bild. Denn die Häuser sind zumeist von einander getrennt und zwischen den paralellen Straßen erstrecken sich weideartige Plätze. Doch sind die Straßen ganz schnurgerade angelegt. Eine davon führt den Namen Benjamin, die andere den Namen Jakob. Die Gesamtzahl der Häuser ist nicht groß und soll kaum für die 120 bis 150 Familien ausreichen, doch ist die Kolonie infolge ihrer weiten Anlage ziemlich ausgedehnt. Daß Rechobot auf althistorischem Platze erbaut ist — die Araber nennen es Daran, was einem biblischen Namen entspricht — erweisen ziemlich zahlreiche Funde von Säulenresten und Mosaikböden, welche beim Graben eines Brunnens und bei der Anlegung einer Bojare gemacht wurden. Ein Teil derselben befindet sich im Museum des „B e z a 1 e 1“ in Jerusalem. Die Kolonie ist so gesund, wie es der Lage und normalen hygienischen Bedingungen entspricht, und es ist nicht verwunderlich, daß gerade diese Kolonie im Sommer von anderen Orten aus gerne aufgesucht wird. Die Kolonisten sind großenteils Leute, welche sich durch langjährige Arbeit zu einem gewissen Wohlstände aufgeschwungen haben. Manche ihrer Erfolge haben sie gegenseitiger Hilfe zu verdanken, die „Administrative“ hat hier nie eine Spür von Herrschaft ausgeübt. Die Kolonie war bekanntlich von den Chowewe-Zion gegen 1890 gegründet worden, als einige tüchtige Unternehmer und eine idealistische achad—haamistische Gruppe sich zusammentaten, um aus einem bloß von Dorngewächs bedeckten Landstrich einen blühenden Garten zu machen. Einer der Gründer ist in diesem Jahre von Amerika hieher gekommen und war über die Entwicklung der Kolonie erstaunt, ein anderer, der gleichfalls wegen Einwanderungsschwierigkeiten nach

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