Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 14 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 JÜDISCHE ZEITUNG. Seiie 5 Verurteilte Seelenfänger. Am 26. d. fand in Tarnopol der Prozeß gegen die Entführer der Hinde Wieseltier in das Feiicianerinnen-Kloster in Krakau statt. Angeklagt waren die Geschwister W r o b e I, die das minderjährige Mädchen geraubt und entführt hatten. Der Senat verurteilte die frommen Judenbekehrer zu 14 Tagen Arrest, verschärft durch zweimaliges Fasten. Die Verhandlung lehrte, daß die Angeklagten nur willenlose Werkzeuge in den Händen der klerikalen Sippschaft in Krakau und Zbaraz waren. Die Bauern waren dermaßen von der Gottgefälligkeit ihrer Handlungsweise überzeugt, daß sie Sammlungen veranstalteten und die Reisespesen für das Judenmädchen aufbrachten. Immerhin ist diese zum erstenmal wegen Seelenfängerei und Entführung erfolgte Verurteilung eine gerechte und notwendige Sache. Denn wenn auch die Bauern abergläubisch und irregeleitet sind, so mußten sie durch Bestrafung aufgeklärt werden, daß frommer Eifer sich in erlaubten Grenzen zu bewegen habe. * * * Jubiläum. Dieser Tage beging Herr Dr. Rüben Bierer in Lemberg die Feier der Wiederkehr seines siebzigsten Geburtstages. Dr. Bierer gehört zu den Gründern des Vereines „Schomer Israel“ in Lemberg und nahm sein ganzes Leben hindurch an der jüdischnationalen Bewegung in Galizien lebhaften Anteil. Der Jubilar ist noch heute einer der werktätigsten und begeistertsten Arbeiter im Dienste des jüdischnationalen Gedankens. * * * Vortrag des Herrn Lucian Brunner. Anläßlich der Anwesenheit des Herrn Lucian Brunner zum Zwecke der Gründung der jüdischen Volksbank fand am 30. März im großen Saale des ruthenischen Nationalhauses eine Volksversammlung statt, in der Herr Lucian Brunner über die ökonomische Hebung der jüdischen Bevölkerung in Galizien sprach. Der Ruf des bekannten Politikers, der seit.Jahrzehnten im öffentlichen Leben tätig ist und als ehrlicher radikaler Demokrat und guter, nationaler Jude bekannt ist, hatte, trotzdem der Vortrag fast in'letzter Stunde angekündigt wurde — ein großes Publikum, mehrere hundert Personen waren erschienen — herbeigelockt. Die Versammlung wurde vom Abg. Dr. Gabel eröffnet, worauf der überaus gelungene und sachliche Vortrag des Herrn Brunner folgte. Der Redner besprach die politische und ökonomische Lage der jüdischen Bevölkerung und forderte zur Inangriffnahme neuer Erwerbszweige auf. Aus dem jüdischen Leben. Zangwills Entdeckungsfahrten. Wien. Freitag, den 2. April, wird die I. T. 0. den Bericht über ihre Expedition nach C y r e n a i c a, welche von Dr. Gregory, Professor der Geologie an der Universität Glasgow, geführt wurde, veröffentlichen. Cyrenaica ist eine Halbinsel an der Ostgrenze von Tripolis. Der Name stammt von der alten Stadt Cyrene, welche in der allgemeinen und auch in der jüdischen Geschichte eine große Rolle spielte. Der heutige Name ist Barka. Bodengestattung und Klima soll sehr günstig sein. Cyrenaica steht unter türkischer Herrschaft. Zangwill glaubt, daß er von der Regierung Autonomie für eine jüdische Siedlung daselbst erlangen wird. Schade um die großen Summen, die von der I. T. O. für die Landsuche bisher ausgegeben wurde. Jetzt ist sie glücklich schon in der Türkei und vor den Toren Paläsinas angelangt. Wenn sie durchaus eine Siedlung in Barka ins Werk setzen will, so kann das indirekt auch der zionistischen Sache nützen. Wir hoffen aber, daß Zangwill endlich diese Experimente aufgeben und einsehen wird, daß er besser tut, auf den in Palästina vorhandenen Ansätzen weiterzubauen, als an zukunftslose Projekte Geld, Zeit und Energie zu verschwenden. * * * Ein Interview mit dem Deputierten Nissim Mazliach Effendi. Wien. Ein Mitarbeiter des „Haolom“ hatte mit - dem ottomaniscben . Deputierten Nissim Mazliach Effendi, der ein spaniolischer Jude und einer der einflußreichsten Mitglieder des jungtürkischen Komitees ist, eine längere Unterredung, in welcher alle, auf die türkische Judenheit bezüglichen Fragen berührt wurden. Nissim Mazliach antwortete auf die Frage, wie sich die jüdischen Deputierten im Falle eines die Juden betreffenden Gesetzesvorschlages verhalten würden, folgendermaßen: „Selbstverständlich werden die jüdischen Abgeordneten in einem derartigen Falle zusammentreten und nach gründlicher Beratung gemeinsam Vorgehen. Wer sollte denn die jüdischen Forderungen vertreten, wenn nicht wir? Wir werden auch in einem solchen Falle die Unterstützung des gesamten Verbandes für „Einheit und Fortschritt“ finden. Nissim Mazliach äußerte sich auch über das formelle Einwanderungsverbot, welches in der Türkei besteht. „Dieses Verbot wird bald aufgehoben werden, denn es widerspricht den Grundsätzen der Konstitution und der allgemeinen Gleichberechtigung.“ Ueber eine jüdische Ansiedlung in der Türkei sprach sich Nissim Mazlich sehr ausführlich aus. Seiner Ansicht nach würde eine zahlreiche Einwandevon Juden in die Türkei, besonders in die asiatische, ein wahres Glück für die Juden und den ottomanischen Staat bedeuten. Palästina hingegen, das nicht alle Juden fassen kann, soll das kulturelle Zentrum des Gesamtjudentums werden. „Ein kulturelles Zentrum kann aber ohne eine kompakte jüdische Bevölkerung nicht bestehen, darum werden wir nach Möglichkeit die Besiedelung Palästinas durch die Juden unterstützen.“ Auf die Frage, welche Sprache er für die Nationalsprache der Juden halte, antwortete er: „Unsere alte hebräische Sprache. Sie sollte die Konversations- und die Unterrichtssprache in allen jüdischen Elementarschulen und Kindergärten werden.“ Diese Ansichten Nissim Mazliach, welcher zweiter Schriftführer d es o 11 o m a n i s c h e n Parlamentes ist, beweist deutlich, daß der Zionismus von dem jetzigen türkischen Regime viel zu erhoffen und nichts zu befürchten hat.“ * * * Ungarische Humanität. Budapest. Ein in Budapest wohnender armer Jude aus Galizien erkrankte schwer. Alle Spitäler weigerten sich, ihn aufzunehmen, weil er Galizianer ist und ein Scheinerlaß des Ministeriums des Innern existiert, laut welchem Galizianer (lies: galizische Juden) keine Aufnahme in die Spitäler gewährt werden darf, weil sich die galizischen Gemeinden weigern, die Kiankenpflegegebühren zurückzuerstatten. Der unglückliche galizische Jude ist das Opfer dieses Geheimerlasses geworden. Er starb im Elend, ohne daß er ärztliche Hilfe gefunden hätte. Der Tod des armen Juden wurde in der Presse lebhaft besprochen und „Egyenlesög“, das Organ der ungarischen jüdischen A s s i m i 1 a n t e n, kam zu folgenden Schlüssen: „Man möge die Grenzen mit doppelter Strenge überwachen, damit die Armen (lies: Juden) Galiziens nicht nach Ungarn eindringen können, aber den in Ungarn befindlichen Kranken möge man barmherzig sein.“ Dieser Kommentar erinnert an die Anekdote vom Geldprotzen, der den Armen hinauswerfen läßt, weil sein Anblick ihm Qualen bereitet. Das Assimiliantenblatt verfährt ebenso. Vorerst wünscht es, daß man die Ungarn vor den galizischen „Schnorrern“ schützt, hernach aber findet es — anstandshalber — einige salbungsvolle Worte für die armen Kranken. Im Wesen ist es aber mit dem Geheimerlaß der Regierung einer „großen Kulturnation“ einverstanden. * * * Der alte Judenfriedhof in Prag. Prag. Die k. k. Zentralkommission zur Erforschung und Erhaltung der Kunst und historischen Denkmale hat seinerzeit gegen den Regulieru ngsp la ndes Platzes und der Umgebung des alten jüdischen Friedhofes und der Pinkas-Synagoge Protest erhoben, weil hiedurch diese altertümlichen Denkmale in ihrer Wirkung beeinträchtigt erscheinen. Die Stadtgemeinde ist jetzt angewiesen worden, den Regulierungsplan sowie die Fassade der Häuser derart stilgemäß zu gestalten, daß die Ansicht dieser Baudenkmale keinerlei Nachteil erleidet. * * * Eine Blutbeschuldigung. Lublin. Im Glasgeschäft von H. Reiner wünschte vorigen Donnerstag eine Christin einige Teller zu kaufen. Die ihr gezeigte Ware gefiel ihr nicht, und es wurde ihr vorgeschlagen, sich nach dem in Keller befindlichen Lager zu begeben, um dort die ihr zusagende Ware auszusuchen. Die Käuferin erwiderte, sie wolle in den Keller nicht heruntergehen, und verließ gleich das Geschäft. Sie begab sich zur Polizei und erklärte, die Juden hätten sie in den Keller schleppen wollen, um sie daselbst zu töten und ihr Blut zum Pessachfest zu gebrauchen. Die Polizei machte darauf in Reiners Geschäft eine strenge Untersuchung und fand da natürlich nichts Verdächtiges. Der Vorfall hat aber gleichwohl in der hiesigen Bevölkerung große Aufregung hervorgerufen. Gewaltsame Entwurzelung der Juden. Kiew. Der Kiewer Gouverneur richtet in einem Zirkular an die Lokalbehörden seines Gouvernements die Anfrage, ob die Nachricht, die in der echt russischen Presse erschien, daß die Juden viel Grund und Boden von Bauern und Gutsbesitzern des Gouvernements Kiew erwerben, den Tatsachen entspreche und welche Maßnahmen die Behörden dagegen ergriffen hätten oder zu ergreifen gedächten. Er verlangt gleichzeitig eine geneue Statistik über die erfolgten Grundkäufe und ein spezielles Verzeichnis derjenigen Juden, die einen Bodenbesitz haben und derjenigen, die Boden verpachten. Aus dieser Maßregel geht wieder einmal zur Evidenz hervor, mit welchem Eifer die russische Regierung darauf bedacht ist, die Juden um keinen Preis in Rußland seßhaft werden zu lassen. Man wird ihr diese Handlung und andere mit ähnlicher Tendenz in der Duma energisch Vorhalten müssen, wenn sie sich wieder einmal über den mangelnden Patriotismus der Juden beklagt. * * Von der jüdischen Nationalbewegung In der Türkei. Konstantinopel. Der türkische Korrespondent der „Welt“ schreibt: Bereits vor einigen Wochen hat die „Achwa“ ihrerseits eine Lesehalle eröffnet, die freilich zu regelmäßigem Besuch nur ihren Mitgliedern offensteht. Neben den Tagesblättem liegen auch die spaniolischen Zeitungen des Landes sowie hebräische und zionistische auf. Das Interesse für das Hebräische als Nationalsprache greift immer weiter um sich, und an seiner Pflege und Verbreitung unter der Jugend zu arbeiten, schicken sich nicht weniger als drei Vereine gleichzeitig an. Zwar mußten die gutbesuchten Kurse des „Jugendvereins“ wegen technischer Schwierigkeiten Unterbrechung erleiden; aber es ist Aussicht vorhanden, daß sie bald auf gesünderer Grundlage Wiedererstehen werden. Der „Jüdische Turnverein Makkabbi“ steht im Begriffe, seiner prächtigen Arbeit an der physischen Veredlung der hiesigen jüdischen Jugend nun auch als geistige Tätigkeit die Errichtung eines großen obligatorischenSprachkursus im Hebräischen hinzuzufügen. Wahrscheinlich wird zwischen diesem Kursus und dem des „Jugendvereins für den Nationalfonds“ eine Kombinationsmöglichkeit gefunden werden. Die Lehrkraft steht zur Verfügung; die „Achwa“, die die Pflege des Hebräischen in ihrem Programm hat, wird sich wohl auch in irgendeiner Form beteiligen; der baldige Beginn der Arbeit steht zu erwarten. In den jüdischen Vororten, zumal in Balat, müht sich die Jugend seit langem vergeblich, ein Lokal für Turnübungen sowie für hebräische und türkische Kurse aufzutreiben. Ein einziges Lokal ist dafür vorhanden, ein ausgezeichnetes, im Schulgebäude der Alliance, aber—es ist für die jüdische Jugend und jüdisc he Arbeit nichtzu haben! Die Frau Direktorin, in Abwesenheit ihres Gatten, lehnte aus nichtigsten Vorwänden, unter Vorschiebung von Gründen persönlicher Bequemlichkeit, die Hergabe des Raumes ab; und als eine Abordnung dem soeben aus Persien zurückgekehrten Herrn Direktor die Angelegenheit vorstellen wollte, weigerte er sich, sie auch nur zu empfangen. D i e Anrufung derVermittlung des Leiters der Studienkommission der Alliance (derselben, die eine Teilnahme an einem Feste des „Makkabbi“ ablehnte, aus ausgesprochener Furcht, daß der Turnverein zionistisch sei) blieb ebenfalls fruchtlos. Eine Eingabe nach Paris ist ohneAntwort. So sorgt die