Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 14 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 14 r £ iS * y * <• dort eine größere Anzahl von Juden, denen die Kirchengemeinde Boden verkaufte, worauf sie Häuser und Geschäfte errichteten. Die Juden haben den Wallfahrern verschiedene Bedarfsartikel verkauft und lebten stets im besten Einvernehmen mit der christlichen Bevölkerung und mit den kirchlichen Behörden. In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde in dem unter Pobjedonoszews Leitung stehenden Heiligen Synod angeregt, die Vertreibung der Juden aus Potschajew zu verlangen; da protestierte die dortige Kirchenverwaltung dagegen mit der Begründung, daß die Juden diesem Orte sehr großen Nutzen brächten. Seit dem Beginn der „Freiheitsära“ ist aber das gute Verhältnis zwischen den Juden und Christen in Potschajew immer mehr getrübt worden und nimmt jetzt einen für die Juden bedrohlichen Charakter an. Unter der dortigen Geistlichkeit sind einige Echt-Russen aufgetaucht, und der Verband des russischen Volkes arbeitet mit den gemeinsten Mitteln für die Säuberung des geheiligten Platzes von Juden, wobei seine Mitglieder von versteckter materieller Gier getrieben werden. Der Verband hat nämlich dort eigene Warenhäuser aufgemacht und möchte den ganzen Absatz an die Wallfahrer an sich reißen. Nach Vertagung der Juden hofft er ihren Besitz an Boden und Geschäften in seine Hände zu bekommen. Ein solcher Preis ist auch der größten Mühe wert, und so lassen die Verbändler nichts unversucht, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Zuletzt griffen sie zur Verleumdung, und als in einem ihrer Geschäfte Feuer ausbrach, richteten sie an den Zaren ein Telegramm, worin sie die Juden der Brandstiftung beschuldigten, und um Schutz gegen die „Vaterlandsfeinde“ baten. Auf den Straßen schrien sie: „Schlagt die Juden tot! Die Juden haben unser Eigentum in Brand gesteckt!“ Die Potschajewer Juden leben in der größten Angst und haben einen herzerschütternden Aufruf an den jüdischen Abgeordneten Nisselewitsch gerichtet. Sie schildern darin ihr früheres friedliches Verhältnis zur christlichen Bevölkerung und ihre jetzige verzweifelte Lage, über die es in ihrem Schreiben heißt: „Die Pogromgefahr rückt immer näher heran. Man hört -schon das dumpfe Donnergeräusch, man fühlt das Herankommen des schrecklichen Sturmes. Ja es ist klar: Wenn wir nicht freiwillig Potschajew verlassen werden, wo unsere Eltern lebten und starben, wo wir geboren sind und unser ganzes Leben verbracht haben — dann harrt unser der „Zorn“ des Volkes. Aber was sollen wir tun? Wohin sollen wir uns retten? Wohin?“ — Zu lange hat, wie es scheint, die „Ruhe“ für die russischen Juden angehalten — und war es nur auch die Ruhe des Grabes, der stumme Schmerz der Hoffnungslosigkeit, das trostlose Elend der Verzweiflung. Die Blutgier der Judenraörder ist noch nicht gestillt. Und was hatten sie auch zu befürchten? Begnadigt werden sie doch — wenn sie überhaupt zur Verantwortung gezogen werden! — Budapester Brief. Von unserem Korrespondenten. Die Gründung des ungarisch-israelitischen Landes-Kulturvereines. Endlich ist das Langersehnte zur Tat geworden. Am 21. v. M. wurde die konstituierende Versammlung des ungarisch-israelitischen Landeskulturvereines abgehalten. Bereits seit Jahren bemüht sich die Assimilantenpresse, die ungarische Judenschaft für die Zwecke dieses Vereines zu gewinnen und bei der ersten Versammlung siad 200, sage zweihundert Personen, erschienen, davon 100 Zionisten, die sich vorgenommen haben, dem ungarisch-israelitischen Vereine eine jüdische Färbung zu geben. Zu diesem Behufe wurde mit den Gründern des Vereines ein Kompromiß abgeschlossen, wonach zwei Zionisten, Dr. Bela Oesterreicher und Ing. Armin Beregi, ins Direktorium und fünf Gesinnungsgenossen in den Ausschuß gewählt wurden. Die Eröffnungsrede hielt Rabbiner Dr. Simon Hevesi, der die patriotischen und religiösen Ziele des Vereines hervorhob. Hierauf folgte die Vorlesung der Statuten, wobei es mitunter zu heftigen Auseinandersetzungen kam. An Vergewaltigungen ließen es die Herren keineswegs fehlen. Nach vorgenommener Wahl ergriff Herr Dr. Nissan Kahan das Wort und vertrat den zionistischen Standpunkt gegenüber den Bestrebungen des Vereines. HerrDr. Hevesi hielt es für gut, den Zionisten einen leisen Wink zn erteilen, indem er die Anwesenden nochmals auf die patriotischen und konf e ssi on e 11 en Ziele des Vereines aufmerksam machte und der Hoffnung Ausdruck gab, „daß auch die israelitische Jugend (verstehe: Zionisten) bereit sei, für unser ungarisches Vaterland ihr Leben zu opfern“. Hierauf folgte der Glanzpunkt des Programmes: Baron M. L. von Herzog, Ehrenpräsident des Vereines, der durch eine Deputation eingeholt wurde, hielt folgende Ansprache: „Wenn ich mit endloser Freude es unternahm, hier mitzuwirken,: so ist die Triebfeder dabei — aufrichtig gesprochen — jene erhabene Parole, welche unser soeben konstituierterVerein auf seine Fahne schrieb: ‘Entwicklung der ungarischen Kultur auf patriotischer Grundlage. In der Verwirklichung dieses Losungswortes erblicke ich die Beseitigung der in der ungarischen Gesellschaft leider noch immer vorhandenen Scheidewände, die Bekämpfung des zum Teile offenen, aber überwiegend latenten Partikularismus der Rassen (?) Seien wir in erster Reihe Ungarn, bestreben wir uns, in der Schule, in-der Familie, im'öffentlichen Leben die patriotische Kultur verallgemeinern. Ich bin der festen Ueberzeugung, daß unser Verein schon in der nahen Zukunft das erreichen wird, was unser allerersehn festes Ziel ist: eine gebildete, einheitliche, daher starke ungarische Gesellschaft.“ Nach der Rede des in den Rahmen eines jüdischen „Simplizissismus“ hineinpassenden Aristokraten, der von „Israeliten“ vorsichtig keine Erwähnung tat, sahen sich die anwesenden Juden und Issraeliten verblüfft an. Jeder gewann die Ueberzeugung, daß der Herr Baron der Meinung sei, der Kulturverein wolle ungarische Kultur unter den „vaterländischen“ Israeliten verbreiten und hiedurch dem Assimilationsprozeß Vorschub leisten. — Und ein Mann mit solchen Anschauungen wird an der Spitze des Kulturvereines stehen. Böse Auspizien! B. Vogel Strauß. Mein Freund, der sanfte Felix, geht Sehr oft zur Universität, Wenn nämlich nach der Zeit Ideen Krawalle zu befürchten stehn. Sonst liebt er nicht die Alma mater; Vergeblich tadelt dies der Vater. An einem Tage nun geschah, Daß.Felix etwas kommen sah. Er lief zur Aula sehr beflissen. (Wer liebt nicht seinen Leckerbissen?) Die hohe Schule war erfüllt Von Menschen, welche viel gebrüllt, Wodurch sie den unwandelbaren Deutsch-arischen Charakter wahren. Und als die „W acht“ war abgesungen Hat jemand einen Kohl*) geschwungen! Sein Bart und Tonfall glich der Ziege. * Der Felix stand auf einer Stiege. D’rauf riefen alle plötzlich „Heil!“ Und reckten ihren Hinterteil. Nur einer auf-besagten Stufen Hat auch „Die Juden rrrauß!“ gerufen, Und da er neben Felix stand, Erfaßt ihn dieser mit der Hand. Nachdem das Knäblein der Krawatte Ultramarine Färbung hatte, Rief Felix ohne Haß im Baß: „Sie Zebu, ich verbiet’ mir das!!!“ *) So werden, sehr treffend treudeutsche Reden genannt. Siehe unter „Aufgewärmt“ bei O f n e r, K u r a n d a etc. Und als dem Jüngling unversehrt Der Athem war zurückgekehrt, Sprach er mit säuseligem Ton: „Ich wußte nicht — Pardon, pardon!“ Doch da Freund Felix ihn beschaut, Er kaum den eignen Augen traut, Von wegen der Physognomie- So eine Nase sah er nie! Erstaunt tät er die seine rümpfen: „Wie können Sie auf Juden schimpfen Mit so ’nem Pohim unterm Hut?!? Sie sind doch sicher selbst ein Jud!“ Darauf der andere, nach dem Flennen: „Ich wollt, man soll mich nicht derkennen! Da lachte Felix abgrundtief; Der Knabe froh von dannen lief. Beda. Brief aus Galizien. Von unserem Korrespondenten. Reichsratswahlen im Wahlbezirke XXXIV. David Ritter von Abrahamowicz, Minister für Galizien a. D. hat sein Reichsratsmandat niedergelegt. Es sind nun in seinem Wahlkreise, im Städte- Wahlbezirk XXXIV, der aus den Städtchen Rozdöl, Bursztyn, Bolszowce, Böbrka, Zydaczöw und 14 Dörfern, zusammengesetzt ist, Neuwahlen vorzunehmen. Bei den Maiwahlen des Jahres 1907 hat seitens der zionistischen Partei Dr. David Malz kandidiert, der dritte Kandidat war Abg. Ernest Breiter. Diese beiden Kandidaten erfreuten sich einer sehr großen Popularität, speziell Abg. Dr. D. Malz ist im Kreise sehr beliebt. Trotz des unerhörten Schwindels und Terrors brachte es der zionistische Kandidat auf 1269 Stimmen; Abrahamowicz trug den „Sieg“ nur mit einer sehr kleinen Majorität davon. Die Juden bilden in diesem Wahlbezirke 32 Prozent, unser Kandidat hätte also bei einer Unterstützung seitens des Abg. Breiter und der Ruthenen gute Aussichten, zumal man jetzt die ganze Agitationskraft; auf diesen einen Wahlkreis konzentrieren könnte, was während der Hauptwahlen nicht der Fall war. Dessen ist sich die polnische Presse bewußt und darum verbreitet sie auch im „Slowo Polskie“, „Jednosc“, „Dziennik P o 1 s k i“ Gerüchte von einer Uneinigkeit in der zionistischen Parteileitung betreffs der Person des eventuellen Kandidaten. Das Zentralkomitee ist aber bisnun dieser Frage nicht näher getreten. * * * Prof. Dr. Masaryk und Dr. Franz Oppenheimer in Lemberg. Ueber Einladung der Lembeiger „Toymbee halle“ wird am 17. April Prof. Dr. Masaryk über die Judenfrage sprechen, zu gleicher Zeit wird auch Dr.;Franz Oppenheimer hier eintreffen um ein 14-tägiges Seminar über„JüdischeÖkonomie“ abzuhalten und in einer Volksversammlung weiten Kreisen der jüd. Bevölkerung seine Anschauungen vortragen. Da um diese Zeit die Zionistische Landeskonferenz tagen wird, werden auch die Delegierten aus der Provinz Gelegenheit haben die beiden Männer kennen zu lernen. * * * Aus einer großen Kultusgemeinde. In Galizien sind bekanntlich leider noch viele Juden, nur rituell getraut. Dieser Umstand verursacht den Kindern und Frauen in Erbschafts- und anderen Angelegenheiten oft namhaften Schaden. Als jetzt viele jüdische Reservisten einberufen wurden, wollten sie, um ihrer Familie den Anspruch auf Reservistenunterstützung zu sichern, ihre rituell geschlossenen Ehen legalisieren lassen. Dies geschieht durch Aufgebot und Vollzug der Trauung durch einen Gemeinderabbiner. Die armen Reservisten von Lemberg glaubten in ihrer Naivetät, daß die Kultusgemeinde ihnen in Anbetracht der drohenden Kriegsgefahr entgegenkommen und die Trauungstaxe erlassen oder zumindest ermäßigen werde. Weit gefehlt! Die Lemberger Kultusgemeinde fand den Zeitpunkt gerade für günstig, die Leute zu schröpfen und erhöhte die Normaltaxen. Dieses herzlose Vorgehen hat das Lemberger zionistische Lokalkomitee veranlaßt, eine Protestversammlung einzuberufen, in welcher man den Kahalssatrappen gründlich die Meinung sagen wird.