Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 14 (2.4.1909)
- Date
- 1909-04-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 14 Gründung einer jüdischen Volksbank. Sonntag den 28. d. fand in Lemberg eine Sitzung des Gründungskomitees der jüdischen Volksbank, welche den Namen „Kredit-Union“ tragen wird, statt. An der Sitzung nahm der Vertreter der Wiener Interessenten, Herr Lucian Brunner, Präsident der Internationalen Rückversicherungsgesellschaft und.Verwaltungsrat derBozen- Meraner Bahn, teil. Nach ausführlichen Referaten des Herrn Dr. Br au de und Abgeordneten Dr. Gabel über den Stand der Vorbereitungsarbeiten, konnte festgestellt werden, daß die Subskriptionssumme eine Höhe erreicht hat, wie sie kein ähnliches österreichisches Institut bei der Gründung aufweisen könnte. Die Summe beträgt mehr als 140.000 Kronen. Den Mitteilungen der Herren Dr. B r a ude, Brunner und Dr. Gabel zufolge sind mehrere Wiener und Prager^ Bankinstitute bereit, der „Kredit-Union“ einen derart höhen Eskomptekredit zu gewähren, daß sie imstande sein wird, ihre Tätigkeit mit Erfolg in ganz Galizien zu entfalten. Obwohl die „Kredit-Union“ auf rein banktechnischen Grundlagen errichtet ist, wird sie doch hauptsächlich dem Wohle der galizischen Judenheit dienen. Die konstituierende Generalversammlung der „Union“ ist für den 19. April 1909 nach Lemberg einberufen. Die neue Bank wird mit ihrer Tätigkeit am 1. Juli dieses Jahres beginnen. Durch die Gründung der „Kredit-Union“ geht ein lang gehegter Wunsch der jüdischen Bevölkerung in Galizien in Erfüllung. Das neue Institut ist in erster Linie dazu berufen, die wirtschaftliche Lage der jüdischen Massen zu verbessern. Weitere Subskriptionen und Anmeldungen sind an die Adresse des Herrn Karl Stand, Bankier, Lemberg, Kopernikgasse Nr. 21, zu richten. DerJ üdischeKolonisationsverein in Wien. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrte Redaktion! Gesinnungsgenosse York-Steiner veröffentlicht in einer nicht zionistischen Wochenschrift einen Aufruf für den Jüdischen Kolonisationsverein, unter dem merkwürdigen Titel „Neues vom Zionismus“, der mir geeignet erscheint, Mißverständnisse zu erwecken. Um dem vorzubeugen, stelle ich fest, daß der Jüdische Kolonisations- Verein in Wien eine Gründung der K u l-i tu spart ei ist und erst knapp vor dem Kultuswahlkampf 1906 eine gewisse Tätigkeit entfaltete. Diese bestand bis heute darin, daß 4 Vorträge gehalten und in Druck gelegt wurden, davon drei von zionistischen Führern: Warburg, Oppenheimer und Ru pp in. Ferner hat er vor kurzem eine kleine, aber gänzlich ungenügende Bezalelausstellung durch ein paar Stunden veranstaltet. Im Ausschuß sitzen lauter Herren der Kultuspartei. Von Zionisten nur Baurat Marmorek und Herr York-Steiner. Seit zwei Jahren hat der Verein keine Generalversammlung abgehalten. Ueber die Absichten des Vorstandes sickert nur hie und da etwas in die Oeffent- Iichkeit. So heißt es, der Verein wolle den Bezalel und die Arbeiterheimstätten genossenschaft unterstützen. Wahrscheinlich ist aber, daß der Vorstand eine eigene Unternehmung plant, wie denn auch Herr York-Steiner von der Gründung einer neuen Kolonie (!!) nach Plänen des Präsidenten (!!) spricht. Die Mitglieder, zu denen auch ich bisher gehörte, sind seit zwei Jahren von keinerlei Aktion des Vorstandes verständigt worden, noch haben sie irgend einen sonstigen Bericht (über Stand der Gelder etc.) erhalten. Ich habe die Zahlung des Mitgliedsbeitrages per 1909 verweigert, mit dem Verlangen, daß vorher endlich einmal die statutenmäßige Generalversammlung abgehalten werden, müsse, worauf ich keine Antwort erhielt. Ich hätte auch weiter zugewartet, ob sich der Verein nicht doch endlich zu einem Bericht und zu einer Tätigkeit entschließen wird, wenn nicht der genannte Artikel, in welchem behauptet wird,daßsichimJüdischenKolonisationsverein „politischer und humanitärer Z i o n i s m u s“ berühren, mich zwingen würde, gegen eine Darstellung zu protestieren, die Verwirrung in unsere Organisation tragen kann. Ich bemerke zu jenem Artikel: 1. Der Jüdische Kolonisationsverein ist eine nichtzionistische Gründung, in welcher Nichtzionisten und Antizi.o.nisten (darunter einige unserer heftigsten Gegner) die überwiegende Majorität haben. Sein Wert kann darin bestehen, daß er für den Palästinismus — meinetwegen auch durch ausgeborgte Zionisten — unter Nichtzionisten Propaganda macht und bei diesen für palästinische Zwecke Gelder sammelt. 2. Der organisierte Zionist aber, der palästinensische Unternehmungen unterstützen will, soll dies direkt tun und sein Geld vor allem den zion is tisch en "Instituten, P.L.D.C., Bank, Bezalel, Arbeiter-' heimstättengesellschaft etc. zuwenden. Es wäre ein unwürdiger Zustand, wenn von Zionisten gespendetes Geld an zionistische Unternehmungen erst durch Vermittlung jener Personen gelangte, welche, unsere Ideen und unsere Aktionen aufs gehässigste bekämpfen (siehe Kultuswahlkampf). Erst bis der Jüdische Kolonisationsverein irgend etwas unternehmen sollte, was einer speziellen und direkten Unterstützung unsererseits für würdig befunden werden sollte, mögen Zionisten dem Verein beitreten. , 3. Die Gesinnungsgenossen dürfen nicht übersehen, daß es die Methode unserer Gegner ist, zu behaupten, sie seien bessere Zionisten als wir. Zum Beweise bringen sie solche Taten, wie die Gründung des Kolonisationsvereines vor. Ich hoffe, daß durch diesen geschickten Schachzug sich unsere Genossen nicht irre machen lassen und diese Politik'nicht durch Beitritt zum Jüdischen Kolonisationsvereine unterstützen werden. Der Zionismus ist eine Vo 1 ksbewegung und gerade dasist es, was die Gegner aus dem Lager der absolutistisch regierenden Kowetjuden so erbittert. Der Zionismus ist aber nicht eine auf Palästina gerichtete, von einigen Bonzen befehligte Wohlfahrtsgesellschaft. Die absolutistische Art, in welcher der Jüdische Kolonisationsverein regiert wird, im Gegensatz zu unseren Palästina-Institutionen, die vom Kongreß und vom A. C. kontrolliert werden, zeigt, daß der Kahalgeist, der Geist des Antidemokratismus, auch in anscheinend zionistischschillernden Unternehmungen dieser Partei herrscht. . Der Jüdische Kolonisationsverein mag palästinensisch sein, z i onistisch ist er nie und nimmer. Zionistisch sind nur die vom organisierten jüdischen Volke gegründeten, von ihm überwachten und von seinen erwählten Vertrauensmännern im zionistischen Geiste geleiteten Institutionen. 4. Jene Zionisten, welche schon Mitglieder sind, mögen, wenn sie nicht austreten und den damit ersparten Betrag einer zionistischen Gründung zuwenden wollen, wenigstens strenge darüber wachen, daß die Generalversammlungen statutengemäß alljährlich abgehalten werden und das angesammelte Geld nicht durch falsche Wohltätigkeitsmethoden unrichtige Verwendung findet.*) *) Ich ersuche alle Zionisten, die Mitglieder des Jüdischen Kolonisationsvereines sind, behufs einer gemeinsamen Aktion mir ihre Adressen bekanntzugeben: Unter „Jüdische Zeitung“, IX., Liechtensteinstraßeil. du dich aufdrängen möchtest, leider doch zu den Juden. Nur machen sie einen Unterschied zwischen dir und uns, indem sie dich nicht nur hassen, sondern auch verachten. Und wir beklagen deinen Verlust nicht, denn du gleichst einer faulen Frucht, durch deren Abfall unser edler Stamm reiner und schöner erscheint Der Einfältige fragt: Was ist das? Bemühe dich zunächst, ihn mit den Grundprinzipien des Zionismus bekanntzumachen. Wenn er diese begriffen hat, wird er den Sinn des Nationalfonds leicht erfassen. Ist er aber so dumm, daß ein neugeborenes Kameel sein Lehrer sein könnte, so erteile ihm den Rat, er möge seinen Geist nicht weiter anstrengen, sondern die Zeit, die er für das Nachdenken nötig hätte, lieber auf das Sammeln von Nationalfonds verwenden. Mit demjenigen aber, der nicht zu fragen versteht, eröffne selbst das Gespräch! Erzähle ihm von der ruhmvollen Vergangenheit der Juden und ihrer traurigen Gegenwart. Erwecke seinen Ehrgeiz und sein Schamgefühl, aber hüte dich davor, seine Gemütsart zu beeinflussen! Er soll einer bleiben, der nicht zu fragen versteht, das heißt er soll geben, ohne zu fragen. Indem ihr aber die anderen, die vom Nationalfonds vorher nichts wußten, über seine Bedeutung aufklärt, müßt ihr Zionisten selbst ihnen mit gutem Beispiel vorangehen. Ihr habt nämlich noch nicht annähernd das geleistet, was ihr bei einigem guten Willen hättet opfern können. Hätte sich jeder von euch einmal in das Goldene Buch eintragen lassen, es hätte genügt. cnn). Hättet ihr euch nicht in das Goldene Buch eintragen lassen, aber regelmäßig selbstbesteuert — es hätte genügt. Hättet ihr nicht monatlich einen Oelbaum gestiftet, aber den Betrag dafür in die Nationalfondsbüchse getan, aber jeden eurer Briefe mit einer Nationalfondsmarke beklebt — es hätte genügt. Was ihr bisher für den Nationalfonds getan habt, genügt keineswegs. Holt das Versäumte schleunigst nach, damit es am Feste der Freiheit nicht wie eine Phrase, sondern wie ein Ruf aus vollem Herzen klinge: n’toro nton n:tt6 Allerlei. Die Juden in Marokko. Im Verlauf des letzten Jahrhunderts sind auch in dem rückständigen Marokko die Sitten milder geworden und die Menschenrechte zu höherer Achtung gediehen. Heute kann man die Stellung der dortigen Judenheit mit den Worten präzisieren: Nicht mehr mißhandelt, aber mißachtet. Kein gläubiger Moslem setzt seinen Fuß in das Haus „Mellah“ das Judenviertel, das in jeder Stadt eine strenge Grenze hat. „Verfluchter Boden“, so lautet die Uebersetzung des maurischen Wortes Mellah. In diesem Ghetto, dessen Mittelpunkt die Synagoge ist, führt der Jude ein relativ glückliches Familienleben. An den Haustüren der verwahrlosten Straßen sieht der durchreisende Fremde prächtige Frauen und Mädchen mit großen leuchtenden Augen und zauberischem Lächeln um die vollen roten Lippen. Die traditionelle Tracht der Juden in Marokko weicht von der der übrigen Einwohner des Landes erheblich ab. Aber sie ist im Schwinden begriffen. Der buntfarbige Kaftan und der lange Haarwuchs weichen der europäischen Kleidung und Frisur. Im Punkte der Kleidung wie in anderer Beziehung heben sich die beiden großen Gruppen der marrokanischen Judenschaft deutlich von einander ab; Juden, die in grauer Vorzeit in Marokko heimisch wurden und solche, die in den letzten 5—6 Jahrhunderten, besonders aus Spanien während derZeit der Inquisitionen, eingewandert sind. Jene kleiden sich nach der Väter Sitte, diese bevorzugen das Kleid des Europäers. Keine der beiden Gruppen hat Kreuzungen mit anderen Bevölkerungselementen aufzuweisen. Das Judentum Marokkos ist im großen Ganzen der Ueberlieferung treu geblieben und unterhält besondere Talmudschulen. Diese die Ueberlieferungen der Vorfahren getreu bewahrenden Juden bedienen