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Jüdische Zeitung · 1909-04-02 · 14 (2.4.1909) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
14 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Gedicht von BEDA. Sitzung des zion. Aktionskomitee. Aus . dem jüdischen Leben. Brief aus der Türkei. Brief aus Galizien. Brief aus Budapest Prager Glossen. Pogromgefahr. Feuilleton: Nationalfondshagadah. Parteinachrichten. Palästina. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Passah. Was gibt dem Epigonen dieses Fest der Frühlingssonnenwende, was ist ihm dieses innige Familiensingspiel, bei dem die Stimme des Jüngsten den Hauptpart hat? Was löst ..diese traumhafte Lenznacht in ihm aus? Gleichnisse, die ewig hinken, Parallelen, die sich niemals treffen, Reflexionen, welche wie die bitteren Kräuter schmecken. Der Hagadah kann sich nur erfreuen, wer sie vom Ahnen her in Händen hat. Aufgewachsen muß man mit ihr sein, wie die schöne Sarah in Heines „Rabbi von Bacharach“, die schmunzelnd in dem alten sammetgebundenen Pergamentbuche blättert und mit innigem Behagen die köstlich plumpen Holzschnitte begrüßen darf, weil sie ihr schon vertraut waren, als sie die ersten Silben lallte. Dem Epigonen aber, der auf der Schulbank die Edda ins Hochdeutsche übertrug und die Merseburger Zaubersprüche lernte, gingen die lustigen, naiven Reime der vene- Nationalfonds-Hagadah. Von Dr. Max Jungmann. Für viele Juden bedeutet der Sederabend den Sammelbegriff für alle irdischen Genüsse: Klöße in der Suppe, Eier im Salzwasser, Putenbraten, Charosses und vier Becher Wein. Der Zionist aber begnügt sich damit nicht, sondern er gedenkt an diesem Abend jener großen Zeit, da seine Ahnen aus der Knechtschaft in die Freiheit zogen. Dabei erinnert er sich der Wunderdinge, die um Israels Willen geschahen. Es war ein widerspenstiges und mürrisches Volk, das gerne den lieben Gott für sich sorgen ließ. Er mußte die Aegypter und Amalek schlagen, er mußte gebratene Wachteln und Manna vom Himmel regnen lassen und dafür sorgen, daß ein Felsen Wasser gab. Die Kinder Israels ließen sich’s schmecken und wurden sehr verwöhnt, und wenn einmal Moses nicht sofort ihren Willen tat, drohten sie mit der Rückkehr zu den Fleischtöpfen Aegyptens. In der Freiheitsbewegung, der wir moderne luden nun schon länger als ein Jahrzehnt unsere zianischen Hagadah verlorej), und da die Münchner Bilderbogen in seiner Kinderstube wohnten, blieb ihm die Heiterkeit der krausen Tiergestalten und drolligen Figuren fremd, die unser uraltes abenteuerliches Märchenbuch zieren. Wie hat doch eine starjee, lebensvolle Tradition diese Nacht immer blühender gestaltet, immer reicher geschmückt, und wie groß muß die Kraft der Liebe gewesen sein, die dieses Fest trotz seiner furchtbaren Begleiterscheinung, dem Blutmärchen, mit soviel Freudentaumel, Liederklang und prickelnder Weinseligkeit verklärte! Wer hat wohl als erster den kräftigen Spaß ersonnen, bei Verlesung der ägyptischen Plagen den Finger in den Becher zu tauchen und den Rotwein zu versprengen? Welcher Schalk ließ die vier Frommen über feuchtfröhlichen Diskussionen das Morgengebet versäumen und welchem Kinderfreund gelang dasiied, vom Lämmlein? Gedanken und Fragen des Entfremdeten, dem diese Nacht nicht mehr ausgezeichnet ist von andern Nächten, der bei Edda und Münchner Bilderbogen heimatlos geworden ist und sich vergeblich müht, von den Großvätern zu erwerben, was ihm die Väter zu vererben unterlassen haben ... Und so muß er schon vor dem ersten Becher über die Blätter der Hagadah hinwegsehn, weil er nicht mehr in ihr zuhause ist. Aber während die Frommen Lieder singen, die wie Fahnen rauschen und laut sind wie das Glück der Freien, mag er ruhig die Gedanken hinausziehn lassen, in dieser Nacht die ganze jüdische Gegenwart durchmessen und jeden Winkel jüdischen Lebens durchwandern. Kräfte widmen, geht es uns ähnlich wie unseren Ahnen. Durch ein göttliches Wunder war unserem Volke ein Führer erstanden, der wie Moses sterben mußte, bevor er sein Werk vollendet hatte. War’s nicht auch ein Wunder, daß in einer so kurzen Zeitspanne ein durch Jahrhunderte geknechtetes und erniedrigtes Volk plötzlich von hohen Idealen durchtränkt erschien und von so unwiderstehlicher Sehnsucht nach Freiheit und Bodenständigkeit erfüllt wurde? War’s nicht schließlich ein Wunder, daß gerade jene Männer, die dazu berufen waren, als Hohepriester unserem Führer zur Seite zu stehen, ihn bekämpften! Nur in einer Beziehung unterscheidet sich unsere heutige Freiheitsbewegung von der unserer Ahnen: nicht mit dem Schwerte wollen wir das gelobte Land wiedergewinnen, sondern in friedlicher Absicht und mit friedlichen Mitteln sind wir bestrebt, unserem ruhelosen Volke eine Heimstätte zu bereiten im Lande der Väter. Zu den Hilfsmitteln des Friedens gehört aber in unseren Tagen, wie vor alters, nicht zuletzt das Geld, viel Geld. Woher sollen wir nun das viele Geld, das zur Erwerbung einer neuen Heimat nötig ist, herbeischaffen? Die Frage ist wahrlich nicht leicht, doch waren kluge Männer in Israel um die Antwort nicht verlegen. Sie gründeten den jüdischen Nationalfonds, der je- Dann wird auch dem Epigonen die Freude des Freiheitsfestes erblühn. Die Hagadah ist uns fremd geworden — aber die jüdische Gegenwart ist uns vertraut. Unser Zusammenhang mit der jüdischen Geschichte ward jählings unterbrochen — aber dieses Heute ist unser, dieser heiße Widerstand der Meinungen, dieses harte Aneinanderprallen von Gegensätzen, dieses frisch pulsierende Werden gehört uns! Noch ist nicht mehr da, als dieser urkräftige Drang, dieser plötzlich gereifte Wille zu einem neuen Sein. Doch Tolstoi erzählt von einem Einsiedler, der bresthaft war und am ganzen Körper gelähmt. Nur der rechte Arm hatte noch die Bewegungsfreiheit. Und er lag am Rasen, streckte freudig die Hand zur Sonne und dankte dem Geschick für diesen einen gesunden Arm. So stark wirkte in ihm die Lust des Lebens. Da geschah ein Wunder. Von Nah und Fern strömten die nach Liebe Hungernden herbei, und die, deren Seele zernagt war von der Not des Daseins. Und der Funke, der in der Brust dieses glücklichen Gelähmten glühte, entfachte in ihnen helle Lebensflammen. Seht den uralten, zerquälten Körper Eures Volkstums, wie er sich dehnt und reckt und wie in ihm ein heißer Drang zum Leben wirkt! Blick ihm, Epigone, ins ewig jung gebliebene Auge und das Wunder kommt auf dich! Dann schwellen dir die Muskeln und du hämmerst mit uns diese wunderbare jüdische Gegenwart, dann hast du tausendfach Ersatz für die verlorene Hagadah, denn die Vergangenheit kann entbehren, wer die Zukunft in der Brust trägt. Dr. O. A. dem Juden die Möglichkeit gibt, sein Scherflein für dieses große Werk beizutragen. Obwohl nun schon so viel über den Nationalfonds gesprochen und geschrieben worden ist, gibt es wahrhaftig dennoch Juden auf der Erde, die noch immer nicht über die Bedeutung der so wichtigen Institution unterrichtet sind. Diese armen Menschen kann man nach dem Vorgänge der Hagadah in vier Gruppen einteilen. Vier in der Gemütsart verschiedene Typen lassen sich aufführen: der Weise, der Bösewicht, der Einfältige und derjenige, der nicht einmal zu fragen versteht Der Weise fragt: Was bedeutet der Nationalfonds? Ihm antworte: Der jüdische Nationalfonds ist dazu bestimmt, palästinensischen Boden als Gesamteigentum des jüdischen Volkes zu erwerben und auf ewige Zeiten zu erhalten. Vom V. Zionistenkongreß 1901 gegründet, besitzt er heute ein Vermögen von T8 Millionen Kronen. Der Weise wird sich darüber außerordentlich freuen und dafür sorgen, daß die zweite Million bald überschritten werde. Der Bösewicht fragt: Was soll euch der Nationalfonds? „Euch“, sagt er, nicht „uns“. Ihm mache die Zähne stumpf und gib ihm zur Antwort: Wenn du dich auch von der jüdischen Gemeinschaft ausschließt, so zählen dich diejenigen, denen

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