Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 f rß i u n g. v o n j e d e r “S i e u e r y i) t ü t z t werden und dadurch in der Lager 5i.i)dV,tdie. W^ren zu” den niedrigsten Preisen zu verkaufen.. Die .russische' :Regie’rurig ist eben „ opferfreudig“, wenn es gilt, Hupderttäusende von jüdischen. Existenzen zu ruinieren. .Und' so blieben alle jüdSscherseitSi bei der' Regierung” gemachten Vorstellungen, .wegen ,der Nrchtbesteuerüng der christlichen Kptj§umgenpssenschaften ohne jeden Erfolg. Diese haben eine einheitliche Organisation und werden von großen Zentralen aus mit einer „Hingebung“ geleitet, die der „christlichen Nächstenliebe“ alle Ehre machen würde, wenn sie einem besseren Zwecke gedient hätte. Der immer weiter um sich greifende Boykott der jüdischen Geschäfte verändert völlig die ökonomische Struktur im jüdischen Rayon. Die Juden haben sich hier bekanntlich bisher größtenteils auf dem Handels- und Geschäftsgebiet betätigt, das ihnen jetzt aber faßt völlig entrissen ist. Sie sind nun meist gezwungen, sich den Handwerkern zuzuwenden, um nach den inneren russischen Gouvernements überzusiedeln. (Jüdische Handwerker haben das Wohnrecht in ganz Rußland.) Eine solche gänzliche Aenderung im ökonomischen Status bedeutet zwar eine tiefe wirtschaftliche und psychische Erschütterung — scheint aber doch der einzige Ausweg für die unglücklichen russischen Juden. Und es ist Aufgabe der hier tätigen jüdischen philantropischen Organisationen, insbesondere der JCA, diesen schweren Uebergang zu erleichtern und ihre ganze Wirksamkeit der Verbreitung des Handwerks unter den Juden in Rußland zu widmen. Offizieller Boykott jüdischer Geschäfte. Delegierten und Jur je 250 .weitere Mitglieder oder Sitzinhaber einen , Delegierten, , jeder jüd, Verein oder Loge mit: 100 —1500..Mitgliedern .-.einen- Delegierten..:.und .für je - ,1500 weitere ..Mitglieder einen Delegierten. Rabbiner-, KantorenvereineiUSWwählen je einen.Delegierten. Ausgeschlossen sind jünglingst, Wohltätigkeits-. und politische; Veietne; auch kann niemand, der nicht amerikanischer Bürger ist, zum Delegierten gewählt werden. Der neue Schachmeister. Petersburg. Der neue jüdische Schachmeister Rubinstein, der im Petersburger Weltschachturnier den ersten Preis mit Lasker teilen wird, wurde im Jahre 1881 im Städtchen Stawisk (Gouvernement Lomza, Russisch-Polen), zwei Monate nach dem Tode seines Vaters geboren. Im Hause seiner armen Mutter hat er nur Elend und Entbehrungen gekannt. Er genoß eine echte Ghettoerziehung, besuchte den „Cheder“ und lernte fleißig Talmud und Hebräisch, worin er große Kenntnisse erlangte. Seine Mutter übersiedelte später nach Bialystok, und dort hatte der junge Rubinstein Gelegenheit, in einem jüdischen Lokal das Schachspiel zu erlernen, worin er bald große Gewandtheit zeigte. Vor einigen Jahren begab er sich nach Lodz, wo er anfangs in schrecklicher Armut lebte und mit fünf Kopeken täglich sein Dasein fristen mußte. Er arbeitete sich jedoch als glänzender Schachspieler empor. Voriges Jahr gewann er auch einen Match gegen den Weltmeister Marschall. Jetzt wird Rubinstein bereits als „Schachkönig“ bezeichnet. Warschau. In Kutna hat die Militärverwaltung den Soldaten verboten, in den in der Nähe der Kasernen befindlichen jüdischen Geschäften Waren einzukaufen. Eine besondere Wache ist beauftragt worden, die Soldaten zu beaufsichtigen, daß sie dieses Verbot nicht übertreten, das ihnen sehr ungelegen ist, da sie in den jüdischen Geschäften gute Waren und auch Kredit erhalten haben. Der Boykott von jüdischen Geschäften scheint auch in dem „Reorganisierungsplan“ der russischen Militärverwaltung hinein zu gehören. Und da zur strengen Durchtührung dieser „Reform“ besondere Wachen nötig sind, versteht man das Widerstreben der russischen Herresleitung gegen eine Herabsetzung der Friedenspräsenz. — * * * Die Presse in Jerusalem. Oskar Strauß amerikanischer Gesandter in Tokio. New-York. Der Wechsel in der amerikanischen Präsidentenschaft hat, wie üblich, ein umfassendes Revirement unter den Beamten des inneren und äußeren Dienstes zur Folge gehabt. Eine der schwierigsten diplomatischen Vertretungen Amerikas dürfte gegenwärtig der japanische Gesandtschaftsposten sein. Für diesen Posten hat nun Präsident Taft Oskar Strauß ausersehen, einen Mann, der sich bereits in Roseveits Kabinett als Handelsminister vielfach mit der aktuellen Japanerfrage befaßt hat und durch seine umfassenden statistischen l Nachweise die Schärfe der Gegensätze zu mildem wußte. Strauß war bekanntlich der erste Jude, welcher in den Vereinigten Staaten von Amerika den Posten eines Ministers bekleidete. Jerusalem. Es zeigen sich hier auch wenig erfreuliche Früchte der neuen Ordnung. Die Preßfreiheit hat die Gründung von mehreren neuen jüdischen Blättern ermöglicht. Von diesen neuen Zeitungen sind auch einige in sephardischen (spaniolischen) und deutschen Jargon. Es ist sehr bedauerlich, daß die Sprachenverwirrung, die bis jetzt unter den hiesigen Juden nur im Leben herrschte — die literarische Sprache war ausschließlich die hebräische! — nunmehr auch in der Literatur und Presse einreißen wird. Die sprachliche Einheit der palästinischen Judenheit ist eine unbedingte Vorraussetzung für ihre Konsolidierung und ihren geistigen Zusammenschluß. Es steht zu hoffen, daß die hiesigen Juden zu dieser Erkenntnis gelangen und ihre Bestrebungen darauf richten werden, die hebräische Nationalsprache zu ihrer literarischen und Umgangssprache zu machen. * * * Die neue jüdische Großgemeinde New- York. New-York. Ein gewaltiges Werk ist vollendet: die New-Yorker jüd. Großgemeinde ist Tatsache geworden, und zwar auf folgender hauptsächlichsten Grundlage: „Der Zweck der jüd. Gemeinde von New-York soll sein, die Juden dieser Stadt unter Beachtung aller lokalen Angelegenheiten von jüdischem Interesse zu repräsentieren. Die Organisation darf nicht in irgendeine Propaganda politischer Natur sich einlassen; auch darf sie der Selbstverwaltung einer bestehenden Organisation keinen Eintrag tun.“ — Von den weiteren Grundlagen der neuen Organisation, d i e fast eine Million Seelen zählende New-Yorker Judenheit zusanjmenfassen soll, sei erwähnt: Jede Synagoge mit 50—250 Mitgliedern oder Sitzinhabem wählt einen | Ein hervorragender Jungtürkenführer für den Zionismus. Konstantinopel. Der bekannte jungtürkische Führer und Abgeordnete Dr. Riza Tewfik-Bey hat sich die Aufgabe gestellt, den Zionismus unter den sephardischen (spanioiischen) Juden zu propagieren. Seine Kundgebung für die zionistische Bewegung am 20. Februar in Balat, einer Vorstadt Konstantinopels, hat in der gesamten türkischen Presse große Beachtung gefunden. Bei einer vom Verein der jüdischen Jugend in Balat veranstalteten Purimfeier, an der mehr als 600 Personen teilnahmen und die von Dr. RizaTewfik geleitet wurde, sprach sich dieser noch entschiedener und ausführlicher über den Zionismus aus. in einer fast einstündigen, inhaltsreichen Rede beleuchtete er das Wesen und die Ziele des Zionismus und sagte: „Alle Juden haben die Pflicht, Zionisten zu sein. Ich verstehe den Zionismus als nationaljüdische Bewegung zur Besiedelung Palästinas. Dieses Land ist jetz verödet und die Juden können darin viel Nutzen bringen. Ich war immer bereit, meine Kräfte diesem schönen Werke zu widmen und werde der erste sein, diese Bewegung zu fördern.“ Der Redner berührte auch die jüdische Sprachenfrage und appellierte an die aus Spaniolen zusammengesetzte Festversammlung: „Vergeßt doch, meine Freunde, Euer Spaniolisch, die Inquisionssprache und lernt Euere hebräischeSprache, das,Loschonhakodesch‘, wie auch unsere türkische Landessprache.“ Riza Tewfiks Ausfünrungen wurden von den Anwesenden mit großer Begeisterung aufgenommen. Einzionistischer W ahlsteg. Kulfuswählen in Esseg. Die „Ziäovska Smöträ“ schreibt: Die Kultuswahlerl in Esseg sind vorüber. Sie endeten mit einem durchschlagenden Sieg der vo m zi o n i st i s c h e rt Kan d l da;11on s k o m itee zusam mengestellten Liste;. Das für die Zionisten so überaus günstige Ergebnis wagten selbst die ausgesprochensten Optimisten nicht vorauszusagen, denn die Agitation der Antizionisten war eine überraschend gewaltige und energische, man hatte auf assimilatorischer Seite noch nie soviel „Interesse“ für jüdische Angelegenheiten beobachtet. Der Kampf ist vorüber. Auf Jahre hinaus wurde den Antizionisten die Lust benommen, sich in einen Wahlkampf einzulassen, der nur mit einer schmählichen Niederlage ihrerseits enden kann. Den Gegnern gefiel die bisherige Zusammensetzung des Vorstandes nicht, weil unter den 19 Vorstandsmitgliedern vier Zionisten waren, darunter der Präsident und Vizepräsident der Gemeinde. Es waren ihnen diese vier Zionisten bereits zu viel I Es galt nun, auch diese vier aus dem Vorstande zu verdrängen. Die von der Gegenpartei eingeieitete Aktion endete damit, daß heute zehn Zionisten im Vorstande sitzen, also um sechs mehr als im vorigen. Selbstredend verbleibt Dr. Hugo Spitzer auch weiterhin Präsident und Herr I. N. Schulhof, Vizepräsident der Gemeinde. Am 28. Februar fand die Generalversammlung statt, in welcher die Neuwahlen vorgenommen wurden. Aus dem Berichte sind insbesonders 2wei Momente hervorzuheben, und zwar: die seitens des zionistischen Vereines „Th e o d o r H e rz 1“ an die Gemeinde gerichtete Zuschrift, in welcher sich der Verein freiwillig des ihm unzweifelhaft zustehenden Rechtes begibt, den Gemeindesaal als Vereinslokal — zur Abhaltung von Ausschuß- und Plenarsitzungen, wofür der Verein der Gemeinde jährlich ICO Kronen zahlte - zu benützen und der Resolutionsantrag des Herrn Marko Huszar gegen den Zionismus. Um 4 Uhr nachmittags eröffnet Kultusvorsteher Dr. Hugo Spitzer die Generalversammlung, ernannte die Wahlkommissionen und bestellte zum Schriftführer den Gemeindesekretär Herrn Nathan Schwarz und zu Verifikatoren die Herren Oskar Weiszmayer und Finanzsekretär Marko Huszar. Gemeindesekretär N. Schwarz verliest hierauf den umfangreichen Bericht über das Wirken der Gemeinde im Triennium 1S06—1908. Als erster Redner meldete sich Dr. Emil R e c h n i t z, einer der Führer der Opposition, um folgende Erklärung abzugeben: „In einem hiesigen kroatischen Blatte ist gestern eine Notiz erschienen, welche ganz ungerechtfertigte Angriffe gegen unseren Vorsteher Dr. H. Spitzer enthält. Ich erkläre im Namen meiner Freunde und in meinem Namen, daß keiner von uns diese Notiz verfaßt und sie auch keiner von uns inspiriert hat, daß wir sie vielmehr auf das Schärfste mißbilligen. Wir führen einen Kampf gegen Prinzipien, aber nicht gegen Personen, am allerwenigsten gegen die Person des Vorstehers.“ Finanzsekretär Marko Huszar hält eine längere Rede, in deren Verlauf er wiederholt behauptet, daß er kein zidvosto (Judentum) kenne. Die meisten hier anwesenden Gemeindemitglieder seien Kroaten mosaischer Konfession, während er Magyare mosaischer Konfession sei. (Stürmischer Widerspruch.) Er verliest hierauf den von ihm und Genossen eingebrachten Resolutionsantrag, der auszugsweise lautet: „Mit Rücksicht auf den Umstand, daß ein bedeutender Teil der hiesigen Mitglieder der israelitischen Kultusgemeinde nicht nur mit den Tendenzen des Zionismus nicht einverstanden ist, sondern die aus dem Auslande importierte Giftpflanze mit der hingebungsvollen Treue und Liebe zur Mutter Erde nicht vereinbar hält. Mit Rücksicht ferner auf jene Tatsache, daß die israelitische Kultusgemeinde berufsmäßig nicht nur für die konfessionellen und kulturellen Bedürfnisse ihrer Angehörigen zu sorgen hat, sondern auch im übertragenen Wirkungskreise durch die Führung des Matrikelwesens amtliche Funktionen versieht, geben wir der Befürchtung Ausdruck, daß bei dem Umstande, daß unser hochgeehrter Herr Präsidentieider auch ein enragierterZionist i s t, in der Führnng der Kultus- und Unterrichtsangelegenheiten eventuell jene zionistischen Strömungen Raum finden könnten, die wir im Interesse des harmonischen Zusammenwirkens aller Faktoren der israelitischen Kultusgemeinde aus dem Amtshause der Gemeinde vollkommen ausschließen wollen etc.