Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 13 die zionistische Bewegung als sozial und durchaus demokratisch.“ Prof. Masaryk zeigte sich mit der zionistischen Literatur innig vertraut und erklärte sich mit der Achad.-haamistischen (kulturellen) Richtung des Zionismus besonders einverstanden. Die Erreichung des zionistischen Zieles erscheint Prof. Masaryk nur auf dem Wege der realen Palästina- Arbeit möglich. Doch liegt seiner Meinung nach, die Hauptbedeutung des Zionismus in der Erfassung des gesamten Judenproblems und in der Aufrüttelung der jüdischen Massen, ln bezug auf die Juden im Golus, vertritt er den Dubnow’schen Standpunkt, der in vielen Punkten mit der zionistischen Landespolitik zusammenfällt. Ueber die Assimilation äußerte sich Masaryk in folgender Weise: „Ich gestehe, daß die Assimilation als Volksbewegung geradezu unmöglich und lächerlich ist; das haben übrigens die letzten Jahrzehnte endgültig bewiesen, trotz aller Anstrengungen hat die Assimilation keine realen Erfolge errungen.“ Aus dem jüdischen Leben. Ungebetene Vertreter. Prerau. Das jüdisch-assimilatorische Kehilleorgan „Olmützer Tagblatt“ sucht nach Erweiterung seines journalistischen Tätigkeitsbereiches. Nachdem es durch seine prononciert deutsch-jüdische Marke die Stellung der Olmützer Juden im Verhältnis zu den Tschechen zur unleidlichsten gemacht hat, schenkt es seit jüngster Zeit den hierortigen politischen Verhältnissen erhöhte Aufmerksamkeit, natürlich vom einseitigsten deutschen Standpunkte, der nur allzu oft der Wahrheit ins Gesicht schlägt! Das zum Ueberdruß zitierte Zirkulandum der hiesigen Stadtgemeinde, das unseren Juden die Bedienung der böhmischen Umgangssprache zur moralischen Pflicht macht, nimmt es zum Anlaß um die für die „erregte jüdisch-deutsche Bevölkeruug Preraus“ eine Lanze einzulegen. Schon die Fiktion, „deutsch-jüdische Bevölkerung Preraus“, die wie eine Denunziation an die tschechische Adresse klingt, könnte manchen Hetzern im tschechischen Lager willkommenen Anlaß geben, das nicht allzu rosige Verhältnis zwischen hierortigen Tschechen und Juden zu einem feindlichen zu gestalten. Außerdem ist es doch noch zu riskant, ein Organ, das seine vomehmliche Aufgabe in der Vertiefung des nationalen Hasses sieht und so zur Feindschaft zwischen mährischen Tschechen und mährischen Juden nicht wenig beigetragen hat, zum Dolmetsch jüdischer Wünsche und Beschwerden zu machen. Da haben wir zum Glücke etwas würdigere Faktoren, denen die Pflege der jüdischen Interessen obliegt, als das nur in assimilatorischen Kreisen ernst genommene „Olmützer Tagblatt“. Vor allem unsere jüdischen Organe und dann unseren jüdischen Reichsratsklub, der berechtigte Beschwerden etwas wirksamer weiterzuleiten wüßte! Wir bezweifeln, daß es mit der beschützenden Hand, die das „Olmützer Tagblatt“ über uns ausstreckt, ehrlich gemeint ist und schon deshalb können wir seine Anwaltsrolle kalten Blutes zurückweisen. H. M. * * * Eine jüdische Volksbank für Mähren und Schlesien. Brünn. Samstag den 13. d. M. fand unter zahlreicher Beteiligung die konstituierende Versammlung statt. Namens des vorbereitenden Komitees begrüßte Herr Dr. A. F e 1 d m a n n die Erschienenen, insbesondere den seinerzeitigen Initiator Herrn Kultusvorstand Dr. H. H a m 1 i s c h und erstattete den Bericht über die geleisteten Vorarbeiten. Bei der Wahl wurden über Antrag des Herrn Edmund Back, Vorstandsmitgliedes der Brünner Kultusgemeinde, folgende Herren einstimmig gewählt. Verwaltungsrat: Ludwig Bill, Privatier in Brünn; Dr. Arthur F e 1 d m a n n, Advokat in Brünn; Gustav Finzi, Kaufmann in Troppau; Dr. Hermann Hamlisch, Distriktsarzt und Kultusvorsteher in Zaroschitz; Maxi H i c kl, Redakteur in Brünn; Markus König, Exporteur in Brünn; RobertLöw, Vertreter der Pilsner Genossenschaftsbrauerei in Brünn; Heinrich Münster, Fabrikant und Kultusvorsteher in Wischau; Max Singer, Ingenieur in Brünn; Dr. Philipp Schreier, Zahnarzt in Brünn; Kornelius St rach, Kaufmann in Brünn; Dr. Ernst Straßmann, Direktor der Aktienbrauerei in Mähr.- Ostrau; Richard Weißen stein, Fabrikant in Iglau; Josef Zänker, Fabrikant in Oderberg; Dr. Gustav Zweig, Advokat und Bürgermeister der politischen Judengemeinde in Proßnitz. Aufsichtsrat: Heinrich A11 m a n n, Fabrikant in Teschen; Leopold Fischhof, Kaufmann in Brünn; Dr. Theodor Haas in Brünn; Alois Hochwald, Kaufmann in Brünn; Max Lustig, Buchhalter in Brünn; Richard Löw, Kultusvorsteher in Neu-Raußnitz; Wilhelm Sonderling, Kaufmann in Brünn; Heinrich Z a i t - s c h e k, Buchhalter in Brünn. Ersatzmitglieder des Verwaltungsrates: M. Haas, Gutspächter in Welka; Eduard Minnich, Kaufmann in Brünn; Berthold Tintner, Mühlen Vertreter in Brünn; Johann W i 11 he i m, Hausbesitzer in Brünn; Adolf V o hryzek, Versatz-Anstalts-Direktor in Brünn. * * * Selbstmord eines jüdischen Rekruten. Esseg. Die „Zidovska smotra“ schreibt: Vor einigen Monaten warf sich in Esseg ein jüdischer Soldat, namens Karl S p i 11 e r, gebürtig aus Djakovo in selbstmörderischer Absicht vor einen heranbrausenden Eisenbahnzug und beschloß auf diese Weise sein junges Leben. Die Lokalblätter kommentierten diesen Fall auf alle mögliche Weise und erklärten, der Sache nachgehen zu wollen. Höheren j Ortes, an maßgebender Stelle, fühlte man sich ebenfalls — dem Wunsche der öffentlichen Meinung 1 nachgebend gezwungen, Licht in die Angelegenheit daß „Familie Zwi“ Ansätze zu einem großen Drama enthält Leider ist das meiste viel zu skizzenhaft gezeichnet. Außerdem wurde das Stück nicht derart gespielt, daß der Zuschauer alle Schönheiten und verborgenen Schätze zu erkennen vermochte. Gut — ohne Einschränkung — spielten nur Herr Brecher (Moische Zwi), Herr Schönthan (Bankier Herschmann) und Frau Monatti. Alle anderen Leistungen fielen nicht auf. Hoffentlich wird die nächste Aufführung manchen Mangel vermissen lassen. Allerlei. Die jüdische Bevölkerung in Wien und Budapest Die Veröffentlichung der Ergebnisse der Volkszählung in Budapest und der jüdischen Bevölkerung dieser Stadt regt zu Vergleichen mit Wien an. Die zwei Hauptstädte der Monarchie zählten in den Jahren: 1869 1880 1890 1900 1906 Budapest 41.938 68.578 103.317 ca. 130.000 169.974 Wien 51.880 72.588 118.495 146.926 ca. 175.000 Man sieht, Wien und Budapest sind neben Warschau und London die größten jüdischen Gemeinden Europas. Aus der Tabelle ist ersichtlich, daß die jüdische Bevölkerung der ungarischen Hauptstadt in den letzten 15 Jahren relativ rascher anwächst, als die Wiens. In Budapest wohnen 20°/. aller Juden Ungarns, während Wien nur etwa 12,5°/o der österreichischen Juden beherbergt. Das ungewöhnlich starke Anwachsen beider Gemeinden ist selbstredend nicht ein Resultat natürlicher Vermehrung, beide Hauptstädte verdanken die Steigerung ihrer jüdischen Einwohnerschaft der inneren Emigration. Sie scheint in Ungarn noch bedeutender zu sein, als in Oesterreich und hat das politische Zentrum des Staates zum Ziel. Viele Tausende ungarische Juden kommen aber auch nach Wien. So zählte man im Jahre 1900 unter den nahezu 147.000 Juden in Wien 50.390 — also 34% der Gesamtzahl — Staatsfremde. Von diesen sind nicht weniger als 45000 ungarische Juden. Dies muß unbedingt berücksichtigt werden, will man ein vollständiges Bild der inneren Emigration der ungarischen und österreichischen Juden gewinnen. zu bringen und man leitete daher eine umfassende Untersuchung ein, die zu einem positiven Ergebnis geführt haben soll. Wie verlautet, soll das Motiv der Tat, schlechte und menschenunwürdige Behandlung des jüdischen Soldaten seitens seiner unmittelbaren Vorgesetzten gewesen sein. Die Untersuchung soll angeblich ergeben haben, daß Unteroffiziere der Kompagnie auf die unglaublichste Art den armen schwächlichen Rekruten — den civut (Jud.) — behandelten, ihn stundenlang einzeln Gewehrübungen machen ließen und dann, wenn er aus physischer Ermattung das Gewehr sinken ließ, zum Rapport bestellten und ihn beschuldigten, er habe das Gewehr von sich geworfen ... Es wäre im Interesse des Ansehens unserer Armee selbst gelegen, wenn die verschiedenartigen, im Umlauf befindlichen Gerüchte über die Ursache des Selbstmordes durch eine offene rückhaltslose Erklärung seitens der kompetenten Militärbehörden zerstreut werden würden. Hoffentlich wird die gewünschte Aufklärung nicht lange auf sich warten lassen und beruhigend auf die jüdische Oeffentlichkeit einwirken.“ * * * Wozu die Alien Bill herhalten muß. London. Das englische Fremdengesetz gibt den Behörden bekanntlich recht umfassende Vollmacht, unerwünschte Einwanderer bei der Landung auf englischem Boden zurückzuweisen. Es enthält Klauseln, die Einwanderern, die nicht über einen Anstellungskontrakt oder die zur Niederlassung notwendigen Mittel verfügen, die Zulassung versagten. Ferner werden alle Immigranten, welche mit ansteckenden Krankheiten behaftet sind, abgewiesen. Es ist nun bereits wiederholt Klage darüber geführt worden, daß diese Gesetze in allzu rigoroserWeise gehandhabt werden. Neuerdings scheint es, daß man sie in der Praxis noch weiter ausbauen will, so daß sie dem „Schutze der heimischen Arbeit“ in noch umfassenderer Weise dienen, als bisher. So ist es jüngst vorgekommen, daß ein einwandemder Schneider mit der Begründung abgewiesen wurde, daß der Schneiderberuf in England überfüllt sei. Dieses Vorgehen, welches weder der englischen Tradition, noch den Intentionen der Gesetzgeber entsprechen dürfte, hat in weiten Kreisen der Bürgerschaft lauten Widerspruch hervorgerufen, und wird hoffentlich auch bald behördlicherseits mißbilligt werden. * * * Nachklänge zur Dreyfusaffäre. Paris. Das Ziviltribunal der Seine hat Alfred Dreyfus mit seiner Entschädigungsklage gegen zwei Pariser Blätter, die die ihm unangenehme Gewohnheit haben, ihn noch weiter als den „Verräter“ zu bezeichnen, abgewiesen. Er verlangte die Verurteilung der beiden Zeitungen zu einem Schadenersatz von nur 400.000 Frs. und wollte das Ihm günstige Urteil in 600 Zeitungen veröffentlicht sehen. Das Ziviltribunal hat sich aber als inkompetent erklärt und hat Herrn Dreyfus angewiesen, sich mit seiner Klage an das Schwurgericht zu wenden, was aber der einstige Hauptmann nicht will. * * * Wirtschaftlicher Niedergang im jüdischen Ansiedlungsgebiet. Warschau. In der ökonomischen Lage der Juden im Ansiedlungsrayon, insbesondere in Russisch-Polen, vollzieht sich seit dem „Erwachen des russischen Volkes“ ein ernster Wandel, durch den die ohnehin traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse der russischen Juden sich noch trostloser gestalten und den Charakter einer chronischen Krisis annehmen. Zu der völligen Entrechtung und dem politischen Judenhaß tritt der organisierte ökonomische Antisemitismus hinzu, der sich in allen Gouvernements, wo Juden wohnen dürfen, immer mehr ausbreitet und planmäßig und systematisch betrieben wird, ln allen Städten und Dörfern bilden sich christliche Konsumgenossenschaften mit eigenen Detailgeschäften, in denen die christliche Bevölkerung ihre Lebensmittel einkauft. Die Parole dieser Genossenschaften lautet: „Kauft nicht bei Juden!“ und wird vornehmlich von einflußreichen katholischen Geistlichen gepredigt, die auch die Hauptorganisatoren dieser ganzen Bewegung sind. Die Juden können mit den christlichen Genossenschaften um so schwerer konkurrieren, als diese von der Regierung durch Be-