Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 13 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 13 Türen zu den Gesellschaftsräumen Tafeln mit der Aufschrift „Juden ist der Eintritt verboten!" angebracht- und ähnliche kollegiale Scherze zum Besten gegeben. Die Sache ging schließlich so weit, daß die gemeinsame Aerztetafel aufgehoben werden mußte und nunmehr jüdische und arische Aerzte vollkommen separiert wohnen und speisen. Bis jetzt hat die Spitalsverwaltung zu diesen antisemitischen Lausbübereien geschwiegen. Man kann sich leicht vorstellen, daß solche Vorgänge, die ja den Kranken nicht verborgen bleiben, die ärztliche Autorität am Krankenbette erheblich stärken müssen. Auch die löbliche Wiener Aerztekainmer, dieses um die Wahrung der ärztlichen Standesehre sonst zärtlich besorgte Institut, läßt nichts verlauten. Die jüdische Kammermajorität schweigt wohl deshalb, weil es sich nur um Juden handelt? Oder besteht die Wahrung der ärztlichen Standesehre einzig und allein darin, kleine Vorstadtannonceure zu erwischen, Professoren und Dozenten, die amerikanische Reklame betreiben, ohnmächtig gegenüber zu stehen und Ordensvorschläge zu erstatten? Den Juden unter den Herren Medizinern könnte ein bischen Nackensteifigkeit nicht schaden. Ein festes und würdiges Auftreten und ein paar tüchtige Maulschellen zur rechten Zeit, hätten auch im Franz Josefs-Spitale manches verhütet, denn zur Sorte der unbezwinglichen Helden gehören die antisemitischen Jünger Aeskulaps gewiß nicht Wenn sie auch durch das kriegerische Benehmen, dessen sich viele getaufte und leider auch einige ungetaufte jüdische Universitätslehrer ihnen gegenüber befleißigten, etwas verwöhnt sind. * * .* Ein Jesuit im preußischen Waffenrock. Im heiligen Preußenreiche wird kein Jude Reserveoffizier. Wenn man sich genauer umsieht, was oft im bunten preußischen Waffenrocke steckt, scheint das Unglück unerträglich. Natürlich liegen die Ursachen absolut nicht im Antisemitismus der preußischen Militärbehörden. Ganz ausgeschlossen, bei dem eminent ausgebildeten preußischen Gerechtigkeitsgefühl, welches Soldatenschinder unerbittlich mit zwei Wochen Zimmerarrest und Rekruten, die den betrunkenen Unteroffizier ihr Liebchen nicht abtreten oder trotz seines Befehles Stallmist nicht fressen wollen, wegen Gehorsamsverweigerung — mit einer väterlich-milden Strafe von 10 bis 20 Jahren Zuchthaus belegt. Uebrigens hat kürzlich der Kriegsminister v. Ein em das Gerücht vom preußischen ärarischen Antisemitismus in einer Interpellationsbeantwortung kurz und bündig widerlegt: „Es gibt kein Gesetz, welches die Juden vom Avancement ausschließt! (Großartige Neuigkeit! Aber jesuitische Kriegsminister gibt es!) Nur die Qualifikation ist ausschlaggebend! Diejuden müssen sich damit abfinden!“ Nachdem es in Preußen keinen jüdischen Reserveoffizier gibt, heißt das vom ministeriellen Lügenjargon ins Deutsche So war aus dem aufwühlenden, ans Herz greifenden Barden ein stiller, Schönheit und Liebe spendender Sänger geworden. Da ging er nach Palästina. Nicht wie andere einstmals, die mit zerrissener Brust Heilung suchen kamen, sondern geläutert und gehärtet und überreich an befruchtender Künstlerkraft. Kaum hatte ihn die ersten Offenbarungen dieser heiligen Erde berauscht, da starb er auch schon. Er selbst erzählte einem Nahestehenden kurz vor seinem Tode, wie wunderbar der Himmel Palästinas auf ihn wirkte, wie köstlich die Farben dieses Landes seine Schaffensfreude beschwingen. Und Hirschenberg, der „die schwarze Fahne“ gemalt hatte, war einer, der wenig und selten von sich sprach, der mit sich selbst fertig zu werden verstand und wohl tief bewegt war, wenn er sich schon mitteilen mußte. Wie hat er die Gestalten an der Klagemauer gesehen? Wie traf er den Pogromflüchtling hinter dem Pfluge? Wie leuchtet der südliche Frühling aus den Augen der übersetzt: „Kein Jude ist würdig, preu bischer Offizier zu werden!“ Na, Gott sei Dank! Ein Zionist im italienischen Parlament. Wie unser Büdepester Korrespondent meldet, wurde bei den am 7. März stattgefundenen italienischen Parfämpntswahlen in Venedig der Zionist Herr EliäyVIusatti mit demokratischem Programm zum Abgeordneten gewählt. Musatti entstammt einer alten jüdischen Familie und ist eifriger Zionist. Ein anderes Mitglied der Familie Comm. Giusseppe Musatti ist Präsident der jüdischen Gemeinde in Venedig und hat bei der letzten Landeskonferenz der italienischen Zionisten als Vorsitzender fungiert. Hoffentlich wird es der neugewählte jüdische Abgeordnete an einer energischen Wahrung der jüdischen Interessen — die bislang trotz der zahlreichen Abgeordneten „israelitischer Abstammung“ Not tat — nicht fehlen lassen. Die „unabhängigen Juden“. Die Partei der „unabhängigen Juden“, welche in Krakau eine gewisse Bedeutung erlangt hat, ist in Bezug auf ihr Programm ein wahres Monstrum. Sie nimmt auf alle möglichen Anschauungen Rücksicht, macht bald den Polen, bald den Sozialdemokraten, bald den Zionisten Reverenzen und hat das liebenswürdige Bestreben mit jedermann Gutfreund zu sein. Diese sonderbare politische Equiiibristik erfährt aber oft Störungen und der Schlußeffekt dürfte wohl die vollständige Isolierung sein, kein Wunder! Die Politik der Halbheit hat nie ein gutes Ende genommen. Die ewige Rücksichtnahme führt zu Opportunismus und Prinzipienlosigkeit. Und ein derartiger Zustand ist mit politischem Tod identisch. Daß die Rücksichtnahme auf die polnische Gesellschaft nicht Viel nülzt, beweist am augenfälligsten die letzte Budgetdebatte im Krakauer Gemeinderate. Dr. Groß und sein Parteigenosse Dr. Landau hatten mehrfach — dies sei zu ihrer Ehre konstatiert — für die Juden Partei ergriffen und auf die Präterierungen, deren Opfer jüdische Beamte sind, aufmerksam gemacht. Sie brachten sogar den Mut auf, für die Juden Anstellung in den autonomen Stadt- und Landbehörden zu verlangen. Sie taten das in höflicher, bittender und demütiger Weise. Zu diesem Schritte waren sie als jüdische Vertreter in Anbetracht der unverfälschten Judenfresserei, die in Galizien im allgemeinen und in Krakau besonders herrscht, gezwungen. Schon dieses schüchterne Vorgehen rief bei den polnischen Gemeinderäten der Stadt Krakau eine geradezu unverständliche, chauvinistische Wut hervor und ein Rufer im Streit, der Gemeinderat Türski Mädchen in Zichron Jakob, wie schimmert das Firmament, wenn der Erntewagen heimfährt? Die Antwort liegt unter schweren Schollen am Oelberge begraben. Viel Liebe ward hier verschüttet und viel ungeborene Schönheit den Würmern preisgegeben. Schon an der Popularität des vornehm Zurückgezogenen, dem zeitlebens die Reklame verhaßt blieb, mag man ermessen, was er uns war. Er verband in sich den feinen Intellekt eines Perez mit der Leidenschaft Morris Rosenfelds, die Hingabe Hougs mit der Lyrik Bialiks und malte Dramen, Epen und zarte Lyrismen. Und mehr noch, als er uns gegeben hat, nahm er in die Gruft mit. Otto A b e 1 e s. Familie Zwi. (VIII. Vorstellung des Vereines „Jüdische Bühne“.) Als Pinskis „Familie Z w i“ vor mehreren Jahren im Jargon aufgeführt wurde, frohlockten alle belehrte dre „unabhängigen Juden“, was die Polen unter Gleichberechtigungverstehen. „Die Juden“, sagte dieser ehrenwerte Herr, „haben immer separate Forderungen, sie sind ein Fremdkörper in unserem Volke und vergessen, daß unser Land ihnen Brot, Kultur und Bedeutung schenkt. Die jüdischen Führer hetzen die jüdischen Massen auf und bestreben sich nicht, sie mit dem polnischen Volke zu vereinigen.“ Die Rede des Herrn T ü r s k i wurde sofort im „Slowo polskie“, welches auf dem Gebiete der Zionistenhetze und Judenfresserei die führende Rolle spielt, kommentiert und bei dieser Gelegenheitwurde dem Dr. Groß — horribiledictu — Z i o n i sm u s vorgeworfen. Nun sind „die Unabhängigen“ gelämmert! Seit jeher polenfreundlich, von polnischer Kultur aufdringlich schwärmend, den Verkehr mit Zionisten ängstlich meidend, zum Danke dafür als Polenfeinde verschrien, mit den Zionisten in einen Topf geworfen! .Das Schicksal ist grausam, aber gerecht. Wären die Unabhängigen nicht auf halbem Wege stehen geblieben, hätten sie mannhaft ihr Recht verlangt und wären sie nicht immer so rückgratlos gewesen, sie hätten zumindest Achtung eingeflößt! Ihre Ergebenheit und Demut haben ihnen wenig genützt. Sie haben bloß den Lauf der Entwicklung, welche zu einem selbständigen, bewußten Judentume führt, aufgehalten. Dieses Werk hat ihnen wenig Dank gebracht. Sitzung des großen Aktionskomitees. Am 15. und 16. d. M. fand in Köln eine Sitzung des GroßenAktionskom i t e e s statt, die äußerst schwach besucht war. Von Rußland waren nur 4 Mitglieder, von Oesterreich nur einer (Ing. Kremenet z k y) erschienen. Dies kann nicht Wunder nehmen, wenn die Sitzungen trotz Protestes immer wieder an einem Orte stattfinden, der von den jüdischen Zentren so weit entfernt ist, wie Köln. Es muß nachdrücklich verlangt werden, daß die Sitzungen dort stattfinden, wo die Masse der Juden und Zionisten lebt. Da Rußland wegen der politischen Verhältnisse nicht gewählt werden kann, so sollten die Sitzungen in Wien Krakau, Lemberg oder Breslau abgehalten werden. Dadurch wäre nicht nur die Möglichkeit gegeben, daß die Mitglieder des A. C. gerade aus den östlichen Ländern, Oesterreich, Rußland Rumänien zahlreich erscheinen konnten, sondern eine solche Zusammenkunft der Führer der Bewegung würde in den Städten mit großer jüdischer Bevölkerung ein Ereignis von großem propagandistischem Wert bilden und die lebendige Fühlungnahme mit der jüdischen jüdischen Theaterfreunde und verkündeten begeistert die Geburt des neuen jüdischen Dramas. Sie stellten zwischen Pinskis Tragödie und Goldfadens „Trauerspielen mit Gesang und Tanz“ Vergleiche an und wurden nicht müde, das neue Drama zu loben. Die im Westen wohnenden Juden trauten diesen Behauptungen nicht und warteten bis Zeit und Umstände sie mit den neuen dramatischen Werten bekannt machen würden. Das Wiener jüdische Publikum lernte, dank der „Jüdischen Bühne“, das ost-jüdische Drama zuerst kennen. Leider nicht im Originale, denn auf dem Wege von Original zur Uebersetzung ging manches verloren. Immerhin blieb von den meisten zur Aufführung gelangten Stücken noch genug Jüdisches übrig, um sich von der jüdischdramatischen Kunst ein Bild zu machen. Am wenigsten dem Original entsprochen hat die am letzten Sonntag aufgeführte Tragödie „Familie Z w i“ von David Pinski. Sie wurde nämlich ganz verändert, an vielen Stellen gekürzt. Der erste Akt des Originales rückte an die zweite Stelle, der zweite an die erste, ein ganzes Bild, die Waldszene, entfiel. Kurz: am letzten Sonntag wurde ein Drama aufgeführt, welches der Tragödie „Familie Zwi“ nachgebildet war. Doch darf man der Regie keinen Vorwurf machen. Sie veränderte das Original, weil sie auf