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Jüdische Zeitung · 1909-03-26 · 13 (26.3.1909) · page 1

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
13 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Redaktion, Administration und Inseratenauf nähme: IX., Lieohtensteinstrasse 11 Telephon 12.299. sprecistnMen täglich von 11—12 Uhr Tormlttags und 4—5 Uhr nachmittags. Erscheint je<Mi Freitag.? Verkaufsstellen in'Wl istr^tion, IX., Liechtensteinstr. 11, Zeitungsbufo&ir’GfeLdsgiip.iedt, L, Wollzeile 11 ■ t, > unzeine Nummerp 20 Heller. Abonnementspreise: In Oesterreich -Ungarn: Ganzjähr. K 10'— halbjähr. K 5’—, Vierteljahr. K 3 — In Deutschland: Ganzjähr. Mk. IO-— halbjähr. Mk. 5’—, Vierteljahr. Mk. 3'— Manuskripte werden nicht zurückgestellt. Im übrigen Ausland ganzj. Frcs. 15‘— Vertretungen in dpr Provinz: In Brünn: Zeitungs.bureau, Ferdinandsgasse..— In Prag: Zeitungsv^rschleiß Wlczek, Graben 33. — In Lemberg: Karl Buchstab. Buchhändlerische Vertretung für Deutsqjiländ: Otto Klemm in Leipzig. Nr. 13. Wien, Freitag den %6. März 1909. III. Jahrgang. AUS DEM INHALTE: Die Preßmeute und die Kriegshetze. Aerztliche Judenfresserei. Ein Jesuit im preußischen Waffenrock. Ein Zionist im italienischen Parlament. Die unabhängigen Juden. Die Sitzung des zionistischen Aktionskomitees. Prof. Masaryk über den Zionismus. Aus dem jüdischen Leben. Ein zionistischer Wahlsieg. Volkswirtschaft. (Jüdische Erwerbsfragen.) Parteinachrichten. Palästina. Vereinsnachrichten. Ueberläufer. Inneröst. Distriktskomitee des Verbandes „Zion“ Wien IX., Türkenstraße 9. Das innerösterreichische Distriktskomitee ladet die geehrten Gg. zu der Dienstag den 30. März a. c. IX., Türkenstraße 9 stattfindenden öff ent 1 icJien.Distriktskomiteesitzung höflichst ein. Beginn'präzise halb 9 Uhr, ohne Rücksicht auf die Zahl der Anwesenden. Rundschau. Die Preßmeute und die Kriegshetze. Patriotismus ist eine gangbare Ware geworden. In Bier- und Kaffeehäusern, in Zeitungsredaktionen und Versammlungen findet er reißenden Absatz. Allerdings nicht der um das Wohl der österreichischen Völker ehrlich besorgte Patriotismus ist beim Worte, sondern der bierdunstige k. k. Veteranen- und Feuerwehrpatriotismus, und FEUILLETON. Ein junges Grab. (Dem Andenken Hirschenbergs.) Er ging nach Palästina und starb. Darin liegt soviel Tragik wie in einzelnen seiner Bilder. Denn der Tod krallte sich ihm just in den Nacken, als er zur Höhe wollte. Ihn hat, wie keinen zweiten Künstler, die jüdische Gegenwart bewegt. Sein Hauptwerk, das Gemälde „Go- 1 u s“, kann man die Schicksalssymphonie des jüdischen Volkes nennen. Hier erklingen alle Motive unserer Not und jeder dieser zahlreichen Gestalten kann man ihr gesondertes Geschick von der Stirne lesen. Von dem gottergebenen Greise angefangen, der die Verjagten durch die Schneewüste führt, bis zu dem modern gekleideten Intelligenzler, der die Fäuste in den Rocktaschen ballt und mit leeren Blicken vor sich hinstiert. der schäbige, auf Baisse spekulierende Börsepatriotismus. Er jjrülit und keift, schwadroniert und heult mach der Polizei, wenn irgend einer nicht piitjohlen will, geschweige denn, zu opponieren wagt. Der Spießer, der beitp sechsten Krügel „Abzug“ einen „Mordszurp“ auf die „Serbenpülcher“ kriegt und beim zwölften wild das „Pfeifenröhrl“ schwingt, ist eine harmlose Figur. Die Lektüre der „Kronenzeitung“, des „Extrablatt“ und wie die anderen illustrierten Schmutzprodukte heißen mögen, hat ihn des letzten Rpstchens Verstand beraubt. Schließlich fragt ihn keiner, ob man losschlagen soll oder nicht und kommt es zum Kriege, dessen furchtbare Folgen sein armes kleines Hirp heute nicht zu ermessen vermag, wird er ein Teil an der gräßlichen Blutsteuer ehrlich und voll bezahlen, auf seinem Buckel wird abgerechnet werden. Mag er in Gottes Namen seinen Mund und anderer Trommelfelle strapezieren. Er meints nicfif b6s,\ sein’Tieh'aben “ ist albern, nicht unehrlich. Aber abscheulich und bestialisch, feig und verlogen ist das Treiben des Preßungeziefers, die gutbezahlte kriegerische Begeisterung der pauschalierten Zeitungsschreiber. In weichgepolstertenSchreibsesseln hocken Kerle, die keine Hand ins kalte Wasser tun, die beim Anblick eines blanken Säbels den Durchfall kriegen, denen die Atmosphähre in den Ministervorzimmer und in den Boudoirs von Theaterhuren gerade rauh genug ist, und hetzen und schüren. Sie wollen „nicht länger mehr die Schmach dulden“, „sie muß abgewaschen werden und sei es mit Blut!“ (Blut der anderen und ihre Tinte!). „Die Kanonen sollen sprechen!“ Alle „tonangebenden“ Blätter, Aus seinem Bilde „Die schwarze Fahne“ wiederhallt der Verzweiflungsschrei verwaister Menschen. Der zerrissene Himmel über dem Sarge des Zaddik, um den sich ihre Leiber drängen, vor allem aber die erschrockene Neugier zweier Knabengestalten, das ahnungslose Fragen frischer Kinderaugen, was dieser fiebernde Jammer zu bedeuten habe, wirken in dem leidenschaftlichen Werke so schrecklich, als läge ein blutiges, zuckendes Herz vor uns, in dem noch das Leben pocht und das doch schon aus der Brust gerissen ist... . Und nichts Jüdisches war der Kunst Hirschenbergs fremd geblieben. Mit Ahasver hat er gelitten, mit Uriel Akosta und Spinoza Zwiesprache gehalten, mit kabalistischen Mystikern hat er geträumt und den Zauber hat er mitempfunden, den der Dämmer am Spätnachmittag des Sabbats in die fromme Stube trägt. Schon war er dort angelangt, wo die gesänftigte Brust die Schönheit erschaut. Jene Schönheit, die man nur sieht, wenn man gerungen und gelitten hat. die „Neue Freie“, die Mittagszeitung“, das „Sechsuhrblatt“,u.a. haben ihr Aussehen geändert. Die gewohnte sanft salbadernde, schleichende uud vertuschende Tonart ist verschwunden. In den grellsten Tönen wird „Krieg“ geheult. In spannlangen fetten Lettern werden aufreizende Gerüchte plakatiert. Ob Krieg oder Frieden, daß ist dem Pack, das nichts riskiert, gleichgiltig. „Stimmung“ soll gemacht werden, fieberhafte „Stimmung“. So wollen es die Auftraggeber der Presse. Die Börsehyänen, welche ihre Kapitalien in Sicherheit gebracht haben und auf Baisse spekulieren, die Handels¬ und Industrieritter, die auf Kriegsbestellungen spitzen. Der Gefahr freuen sich alle, die im Warmen sitzen und im Trüben fischen. . . . Wenn schon der Krieg unvermeidlich ist, so soll das Volk picht blind hineingehetzt werden. Gerade die Presse hat die Aufgabe in so traurigen; Situationen aufklärend und beschwichtigend zu wirken. Leute, die ernst, besonnen und im ..Vollbewußtsein der Gefahr und der Verantwortung den Kampf aufnehmen, werden ihn erfolgreich bestehen können, eine verblendete, verhetzte und fanatisierte Menge nicht. Die Aufgabe einer anständigen Presse ist es in diesem Sinne zu wirken. Freilich einer anständigen Presse. Daß die sogenannte liberale „Judenpresse“ dafür nicht zu haben ist, ist leicht erklärlich. * * * Aerztliche |udenfresserei. Wiener Biätter melden von netten Zuständen im Kaiser Franzjosefs-Spital. Die arischen Aerzte überhäufen dort ihre jüdischen Kollegen mit Liebenswürdigkeiten. Sie haben an den Im Dezember 1906 konnte man diese jüngsten und reifsten Bilder Hirschenbergs in der Krakauer Kunstausstellung bewundern. Da war neben ausgezeichneten Porträts (wir meinen insbesondere das Bildnis seiner Gattin und die Mädchengestalt, die er „Judith“ nannte)sein Gemälde „das Fest in Ghetto“, das leider noch nicht reproduziert ist. Eine junge Frau von hoheitsvoller Schönheit, die königlichen Schultern in ein altjüdisches Tuch gehüllt, geht — schreitet vielmehr — zur Synagoge. Sie vergißt, daß sie ihr liebliches Kind an der Hand führt, denn sie sucht weit über den niedrigen Dächern des Städtchens einen Jugendtraum, den ihr der Alltag verscheucht hat und der so hell war, wie das Lachen ihres Töchterchens. Schlicht und in festlicher Andacht geht ihr die greise Mutter zur Linken, wie ein Sinnbild ergebener Demut. Die Stimmung in diesem gemalten Gedichte ist so feierlich, wie der Kerzenglanz beim Kiddusch und so kostbar wie der Ring am schlanken Finger der versonnenen Frau.

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