Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1909-03-19 · 12 (19.3.1909) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
12 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2438141-2438220-2438232--1087-2440653
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

IÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 12 Seite 6 Jüdische Kunst in Wien. Hermann Struck. Er ist den Wienern nicht unbekannt. Der Kunstsalon Hirschler (I., Plankengasse 6) führte uns seine Kunst schon vor einigen Jahren in einer Fülle auserlesener Radierungen vor. Und doch wirkt er diesmal wie eine völlig neue Erscheinung. Obzwar von ausgesprochener Eigenart und lebendigem Naturell, findet sich dennoch kein Zug in meinem Schaffen, daß die Meinungen über den Wert seiner Kunst geteilt wären. Selbst seine anspruchlosesten Skizzen bilden ein in sich Vollendetes, Fertiges. Sie lenken vom Objekt ab und führen dorthin, wo das Materielle aufhört und das Psychische beginnt Darum muß auch er erst erobert werden. Der oberflächliche Betrachter wird vielleicht die korrekte Zeichnung, die Verteilung der Lichtmassen oder die aus verschiedenen Elementen gemischte Technik bewundern. Er wird über die genaue Ausführung der Details, über die Menge der Motive, über die Reichhaltigkeit der Ausdrucksmöglichkeiten staunen. Für denjenigen aber, der gewohnt ist, über die Dinge hinaus nach dem allgemein-menschlichen oder nach dem national-typischen zu forschen, muß eine Betrachtung der Struckschen Werke ein kostbares Erlebnis werden. Aus dem werktätigen Leben in die Vorhalle seiner Kunst zu treten, ist schon Genuß genug. Schwer wird man sich dem Zauber seiner Stimmungen entziehen; denn seine Bilder wirken mehr musikalisch als architektonisch. Sie führen uns in eine Welt, die sich - wenn sie uns schon nicht fremd war — als etwas unendlich Seltenes und daher Kostbares offenbart. Landschaft und Porträt, das sind die zwei Pole, zwischen denen sich Strucks Kunstbewegungen bewegen. Und obwohl diese beiden Objekte in ihrer Gattung und in ihren Zielen als etwas gänzlich verschiedenes erscheinen, versteht es der Künstler dennoch, durch einen gemeinsamen Grundton die Extreme einander zu nähern; durch seine starke Persönlichkeit. Während seine radierten oder gemalten Porträtköpfe trotz ihrer plastischen Menschlichkeit über die menschliche Physiognomie hinausgehen und wie ein Stück Natur, in den Rahmen eines Körpers gezwängt, anmuten, fühlen wir die landschaftlichen Ausschnitte wie menschliche Gesichter mit ihrer Müdigkeit, ihren Tränen, ihrer Schwermut und Entsagung. 'Kühn wirken die Stimmungen aus Ramsgate, die holländischen Landschaften und Stuben. Von geradezu eminenter Leuchtkraft aber sind Strucks palästinensische Studien. Keiner vor ihm hat Jerusalem mit seinen Erkern, Türmen, Mauern, Moscheen und Tempeln so erfaßt wie er, keiner vor ihm hat sie so dargestellt. Die mächtigen Silhuetten, in schwarze Schatten getaucht und leuchtend in zitterndem Licht, die einsamen Baumgruppen, die niedrigen Rundbauten — das alles hat Struck wie kein zweiter bezwungen. Ohne Uebertreibung läßt sich behaupten, daß Struck als Erster gezeigt hat, wie ein Künstler diese historischen Stätten betrachten muß und er hat auch zweifellos in vielen die Sehnsucht nach Jerusalem geweckt. Nicht minder groß ist er als Bildnismaler. Er hat nicht die suggestive Kraft der Impression, wie sie Liebermann beherrscht, er hat nicht die müden Melodien Israels, ihm fehlt auch Lesser Urys Farbentrunkenheit. Aber er besitzt Seele und Gemüt in überreichem Maße. Er taucht tief in die verborgenen Gänge seiner Modelle und instinktiv bringt er ihre charakteristischen Merkmale zum Ausdruck. Das nuancenreiche Spiel der Augen, des Mundes, der Hände, der verwitterten Gesichter alter Leute wählt er mit Vorliebe. Einzig in der Feinheit der Behandlung sind seine jüdischen Typen aus Galizien, die Porträts jüdischer Mädchen und bedeutender Männer. Ich denke vor allem neben dem bekannten Haupt in an nkopf, dem populärsien Porträt Hauptmanns, an das wunderbare Profilbild unseres großen Herzl. Vielleicht ist es nicht der Herzl überhaupt, vielleicht ist es nicht der Herzl, den wir kennen, aber es ist das Dokument einer eminent künstlerischen Begabung, eines fast hellseherischen Durchschauens fremder psychischer Regungen. So eindringlich spricht die Kraft des edelsten Juden zu uns? Mag auch Hermann Struck noch nicht auf dem Gipfel seines Könnens stehen, das eine ist sicher, daß er von allen denjenigen, welche ein künstlerisches Urteil abzugeben berechtigt sind, als bedeutender Künsler anerkannt wird. Und er, den die „Royal Society of Painter-Etschers and Engravers“ in London als Achtundzwanzigjährigen zu ihrem Mitglied gemacht hat, wird auch imstande sein, das Wiener Publikum an sich heranzuziehen < und zu gewinnen. Ja, es wird vielleicht einige geben, die seine Radierungen nicht nur genießen, sondern auch kaufen werden. Denn es muß doch endlich einmal die Zeit kommen, wo die reichen jüdischen Mäcene auch jüdische Künstler fördern. Künstlerhaus. Wer die jüdischen Künstler, welche in Wien tätig sind, zu würdigen versteht, der wird so recht bedauern müssen, daß sie nicht als geschlossene Gruppe auftreten. Vielleicht würden sich einige von ihnen selbst dagegen wehren, wollte man sie an einen exponierten Ort stellen, in den Glauben, daß ihre Werke in der Menge von Verkaufsware besser zur Geltung kommen. Aber das Gefühl des Beschauers wird dadurch geschädigt: er wird sein Urteil zum Durchschnittsniveau hin korrigieren. Und es ist durchaus kein Beweis für die starke Induvidualität eines Künstlers, wenn sein Bild auf den ersten Blick erkannt wird, sondern bisweilen auch ein Beweis für den richtigen Instinkt des Genießenden oder für den Entwicklungsmangel des Schaffenden. Die Frühjahrsausstellung im Künstlerhaus läßt durchaus keine Besorgnis nach dieser Richtung hin aufkommen. Wir finden keine zur Schablone erstarrten Talente, sondern Künstler mit immer strengen Anforderungen an ihr Können. Horowitz hat durch sein Mädchenporträt bewiesen, daß ihm seine Meisterschaft zu keinerlei gefährlichen Experimenten verleitet hat. Besonders reiferscheint uns Krestlns Selbstbildnis, was Zeichnung und Komposition anbelangt, von Vornehinein Geschmack und viel gediegener als die immerhin respektable Studie eines Juden. Jehudo Epstein hat neben einem brillant hingestrichenen Damenporträt zwei Kompositionen größeren Stils ausgestellt, welche die Wucht seiner Pinselführung, seine etwas brutale Charakterisierungskunst, aber auch die Fähigkeit, Humor ebenso plastisch wie Resignation darzustellen, erkennen lassen. Schade, daß ihn das Bedüfnis verlassen hat, historisch-jüdische Motive zu wählen. S c h a 11 e n s t e i n ist einer unserer trefflichsten Frauenmaler,(Wählerisch im Modell, kühn im Format, distinguiert in Farbe und Arangement und in ,den schönen Wiener Jüdinnen den Wunsch erweckend, von ihm gemahlt zu werden. Peinlihh berührt Q u i 11 n e r s Boulevardbild wegeu seiner krankhaften Nonchalance, die er sich zurecht gelegt hat und die er hoffentlich durch sein gesundes Temparament bald überwunden haben wird. Zum Schluß sei noch der treffliche Isidor Kaufmann erwähnt, der in seinem „Das Wort Gottes“ zu jenen Leistungen zurückkehrt, die ihn allen Freunden jüdischer Kunst beliebt gemacht haben. Wien, im März 1909. Dr. Oskar Rosenfeld. Die „Ito“ für eine jüdische Kolonisation in Mesopotamien. Am 28. Februar hielt der Londoner Zweigverein der „Jewish Territorial Organh sation“(Ito) ihre Generalversammlung ab. Der Präsident, Lucian Wolf, der bekannte Schriftsteller, teilte mit, daß die geplante Expedition nach Nordafrika stattgefunden-hätte, das Resultat könne jedoch noch nicht verlautbart werden. Die Notwendigkeit, für die Juden ein „Asyl“, eine Zufluchtsstätte zu errichten, sei dringender als je. Die Ito würde dieses Asyl lieber in Mesopotamien suchen als in Galveston (Texas). Ein solches Unternehmen konnte Ica, Ito und die Zionisten vereinigen. Wie man sieht, ist die Ito, diese „verlorene Tochter“ des Zionismus, nach ihrem vergeblichen „Landsuchen“ in Amerika und Afrika, in vollem Rückmarsch zum heimischen - zionistischen — Herde begriffen. Eine Kolonisation von Juden in Mesopotamien liegt vollkommen in der Richtung des zionistischen Programms, das von „Palästina nnd den Nebenländern“ spricht. Man begreift immer weniger, wozu die ganze Affäre des ito überhaupt nötig war. Wenn sie schon für Mesopotamien eintritt, welche Gründe kann sie gegen Palästina anführen 1 Es wäre trotzdem verfehlt, von einer durch die Gründung der Ito erfolgten Zersplitterung der zionistischen Bewegung zu reden oder eine solche zu beklagen. Die Gründung der Ito hat dem mächtigen Aufschwung der zionistischen Bewegung nicht geschadet und ihr nur wenige hervorragende Kräfte entzogen. Dafür hat sie als nichtnationale Gründung eine ganze Reihe von enragierten Gegnern des Zionismus zu Freunden jüdischer Kolonisationsbestrebungen gemacht. Früher oder später werden ihre Bemühungen doch der zionistischen Sache zugute kommen, mit dem mesopotamischen Projekt ist sie ja nahe daran. Der Plan ist übrigens nicht neu. Er ist unzähligemal in zionistischen Kreisen aufgetaucht und in jüngster Zeit sehr stark von den türkischen Blättern erörtert worden. So begrüßenswert es auch ist, so muß doch daran erinnert werden, daß vor dem völligen Ausbau der Bagdadbahn eine Kolonisation Mesopotamiens nicht allzu viel Chancen bietet. Der Bahnbau rückt aber sehr langsam vorwärts und wenn es so weitergeht, wie bisher, können noch 15—20 Jahre vergehen, bis die erste Lokomotive in die alte Khalifenstadt oder gar bis an den persischen Golf vordringt. Die Ito wird daher bei näherer Prüfung des mesopotamischen Projekts einsehen müssen, daß es noch nicht zeitgemäß ist. Vielleicht wird sie dann entdecken, daß es ein Nachbarland von Mesopotamien gibt, das die glänzendsten Chancen für eine sofortige Kolonisation durch Juden bietet, das schon eine stark aufblühende jüdische Siedlung, sowie genügende Verkehrsmittel und Absatzmittel besitzt. Wir meinen — Palästina. Parteinachrichten. Gegen die Schekelorganisation. Zum neuen Organisationsentwurfe, welcher dem diesjährigen Kongresse vorgelegt werden soll, schreibt der Obmann der zionistischen Vereinigung in Deutschland, Dr. Bodenheimer: „Unsere Organisation, die auf dem ersten Kongreß beschlossen wurde, war als Provisorium gedacht, um die Erfahrungen der praktischen Arbeit abzuwarten. Man hat bisher auf jedem Kongreß an diesem Organisationsstatut oberflächlich herumgeflickt, weil der Kongreß mit anderen Arbeiten überlastet war und die große Masse der Delegierten für Organisationsfragen kein so lebhaftes Interesse hat wie an den aktuellen Problemen der zionistischen Politik.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.