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Jüdische Zeitung · 1909-03-19 · 12 (19.3.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
12 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 12 JÜDISCHE ZEITUNG. tiger Zeit bestand. Es existiert nämlich ein altes Manuskript, das sogenannte Minhagbuch, das im Jahre 1625 geschrieben ist und das von einem Leichenstein spricht, der damals schon über 15C0 Jahre alt war. Jedenfalls g'bt es wohl keinen zweiten israelischen Friedhof, auf dem so viele Herren der jüdischen Wissenschaft und so viele Märtyrer ihres Glaubens ruhen. Daher sind die interessantesten Epitaphien wiederholt in Monographien behandelt worden, so besonders von Lewysohn („Sechzig Epitaphien auf dem israelitischen Friedhofe in Worms). Eine Reihe von Steinen stehen seit dem 10. und 11. Jahrhundert. Dafür, daß die interessante Anlage auch nach ihrer Schließung unversehrt bestehen bleibt, wird die Verwaltung der Stadt Worms hoffentlich sorgen. * * * Die russische Regierung und die jüdischen Schachspieler. Petersburg. Die meisten der an dem internationalen Schachwettkampf in Petersburg teilnehmenden Matadore sind’ Juden, Dr. Lasker, Dr. Bernstein, Tartakower, Rubinstein, Teichmann, Mieses, Cohn, Dr. Periis, Spielmann, Speyer usw. Wie man aus Petersburg mitteilt, hat es zwischen den Arrangeuren des Schachturniers und der russischen Regierung langwierige Unterhandlungen gegeben, um den ausländischen jüdischen Schachmeistern zu ermöglichen, an dem Wettkampfe in Petersburg teilzunehmen. Die Regierung hat schließlich nachgegeben und für jeden einzelnen Teilnehmer besondere Aufenthaltserlaubnisscheine ausgegeben. Ueber jeden einzelnen wurden vorerst seitens der Polizei eingehende Informationen über seine politische Verläßlichkeit eingeholt. Tatsächlich wurde auch einigen Kongreßmitgliedern, deren politische „Konduiteliste“ der Petersburger Polizei, wie es scheint, nicht verläßlich genug schien, der Aufenthalt nicht gestattet. Die an die jüdischen Teilnehmer ausgegebenen Erlaubnisscheine erstrecken sich bloß auf die Dauer des Schachkongresses, beziehungsweise des Schachwettkampfes. Sobald dieser geschlossen ist, müssen die fremden Juden Rußland unverzüglich verlassen. * * * Eine Warnung. St. Petersburg. Was die Juden selbst von den sogenannten Philosemiten in Rußland zu erwarten haben, lehrt folgender Vorfall, der sich in einer Künstlergesellschaft anläßlich der Vorlesung eines neuen Dramas ' von Schalom Asch abspielte. Tschirikow, der Verfasser der „Juden“, hielt sich darüber auf, daß die Juden in der russischen Literatur eine viel zu einflußreiche Rolle spielen. Die Kritik liege ganz in jüdischen Händen. Die jüdischen Kritiker kennen das russische Leben nicht und darum kritisieren sie alle Werke abfällig, welche rein russische Themen behandeln. Hingegen finde bei ihnen alles jüdische größte Förderung uud lautes Lob. „Ich“, sagte Tschirischkov, „kenne die Juden und bin ihnen immer sympathisch gegenüberstanden. Seit jeher bin ich für ihre volle Gleichberechtigung eingetreten. Die Juden haben jedoch zuerst den was eine unnütze Belastung mit sich bringen konnte. Auch der Uebergang zur rationellen intensiven Wirtschaftsform ließ sich eher bei jungen Leuten als bei der bereits erwachseuen Generation durchführen. Endlich aber war es auch bei der jüngeren Generation viel leichter, das Vorarbeiterelement heranzuzüchten, ohne welches die P.L.D.C. schwerlich ihr System der Zentralen und Nebengüter hätte durchführen können. Vorarbeiter! Es ehrt die P.L.D.C., diese Kategorie von fleißigen Arbeitern, die in Westeuropa schon längst bekannt war, zuerst in Palästina geschaffen zu haben. Es verdient mit allem Nachdruck hervorgehoben zu werden, daß es bei der P.L.D.C. nie und nimmer, zu keiner Zeit und bei keiner Feldarbeit Aufpasser gegeben hat. Diese schändlichste aller Kategorien, die in unserem schönen Vaterlande so lange ihr Unwesen getrieben hat, ist bei unserer Gesellschaft nie in Erscheinung getreten. Das Zutrauen, das wir in die Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit unserer jüdischen Arbeiterschaft setzten, hat bald die besten Früchte getragen. Es entstand eine Einmütigkeit zwischen Leitung und Arbeiters:haft, wie sie überall herrschen sollte, aber nur selten vorkommt. Anderseits haben wir es vom Anfang an darauf abgesehen, Vorarbeiter heranzubilden: Leute, die alle Arbeiten am besten beherr- Fehdehandschuh hingeworfen. Immer sagen sie: „Wir Juden, wir Juden!“ Ich entgegne ihnen darauf: „Wenn ihr Juden seid, so bin ich ein Russe, ein wahrer Russe, ihr könnt meinetwegen sagen, daß ich Mitglied des des „Schwarzen Hundert“ bin. Die Juden werden ein böses Schicksal erleben. Was ich gesagt habe, diene ihnen als erste Warnung.“ Tschirikov, Ausführungen wurden von dem Schriftsteller Arabaschin ergänzt. Dieser sagte: „Tschirikow hatte den Mut dem Gedanken Ausdruck zu geben, welchen wir schon lange in uns tragen. Die Juden werden es jetzt nicht mit den Hooligans, dem Auswurfe der Gesellschaft, sondern mit der Intelligenz zu tun haben.“ Die Erklärungen der beiden russischen Schriftsteller dürfen nicht Wunder nehmen. Es ist der reine Konkurrenz- und Brodneid, der aus ihnen spricht. Ihre Vorwürfe sind ganz ungerechtfertigt. Wenn auch in Deutschland das jüdische Kritikastertum und die jüdische Journalistik schwere Verbrechen — in erster Linie an den Juden selbst - begangen haben, so gilt das für die russisch-jüdischen Kritiker und Schriftsteller nicht, da diese nie so vermessen waren, die Meister und Schutzherren der russischen Kultur spielen zu wollen. "Sie sind zum größten Teil nationaljüdisch und schreiben zumeist in jüdischer und hebräischer Sprache. Daß ihre Werke dem jüdischen Publikum, daß das Hauptabsatzgebiet für die russischen Schriftsteller darstellt, mehr entsprechen, als die der russischen Schriftsteller ist nicht wunderlich; mögen diese in ihren Volkskreisen das Bedürfnis für ihre Werke erwecken, dann wird ihnen geholfen sein. * * * Nicht betteln! St. Petersburg. Wir haben schon in der vorigen Nummer von dem Proteste berichtet, den fünfzig Dumaabgeordnete dem Präsidenten Chomj a k o w überreicht haben, weil er es unterlassen hatte, einzelnen Rednern, welche die Juden mit „zyd“ (Jüdchen) bezeichneten, den Ordnungsruf zu erteilen. Wie sich herausstellt, ist der Initiator dieses Protestes der jüdische Abgeordnete Friedmann. Das Petersburger Tagblatt „Der Fraind“ bemerkt zu dieser Aktion des Abgeordneten Friedmann in einem längeren unter dem Titel „Nicht betteln“ erschienenen Artikel: „Wenn auch die Tat des Herrn Friedmann gut gemeint war, so kann man sie dennoch nicht billigen. Unterschriften für einen derartigen Protest sammeln heißt um Achtung für die Juden betteln. Die Tat des Herrn Friedmann ist für uns fast ein größerer Schimpf als die Frechheiten der Reaktionäre. Die Schwarzen-Hundertniänner sind uns fremd. Friedmann aber ist unser Vertreter. Als solcher durfte er um keine Achtung für die Juden betteln. Eine derartige Achtung brauchen wir nicht. Mitgefühl als Almosen ist für uns eine Schande.“ — Würde es nicht sonderbar klingen, so müßte man ausrufen: Glückliches Rußland! Deine Juden haben es doch besser, sie haben mehr Ehre im Leibe, als alle „israelitischen Großen in den westlichen Kulturstaaten.“ sehen, mit ihren Kameraden gut auszukommen verstehen und auch für Instandhaltung von lebendem und totem Inventar Sinn haben. Sie arbeiten mit, gleich den anderen Arbeitern und erhalten eine Vergütung für gesteigerte Leistungen. Besonders bei der Einrichtung von Nebengütern kamen die Vorarbeiter zu statten. Wenn wir beispielsweise einige hundert Hektar in der Nähe einer unserer Zentralen erwarben, so war es nötig, gleich mehrere massive Bauten aufzuführen; gemäß unseren klimatischen Verhältnissen genügte es in den meisten Fällen, hölzerne Baracken hinzustellen, die noch dazu den Vorteil bieten, daß sie leicht von einem Nebengute auf das andere zu transportieren sind. Und ebenso war kein besonderer Administrator erforderlich. Es genügen dazu die Vorarbeiter, welche die nötigen Anweisungen von der Zentrale erhalten und auch von dieser ab und zu beaufsichtigt werden. Sonntag früh ziehen unsere jungen Scharen frohen Mutes von der Zentrale auf eines der Nebengüter, um dann Freitag nachmittags zur Zentrale zurückzukehren. Den Sabbath verleben sie alle gemeinschaftlich in der Zentrale. Sie haben sich dann vieles zu erzählen, Heiteres und Belehrend es. Nach einer Woche emsigen Schaffens kommt der Tag der Ruhe, der Einkehr und der geistigen Erholung. Soll ich noch eben von diesen geistigen Er- Seite 5 Der russische Synod und d>'e Judenmission. Petersburg. Am 8. März d. J, fand in St. Petersburg eine Sitzung der Synode statt, in welcher die Bedürfnisse der äußeren und inneren Mission dar orthodoxen Kirche besprochen wurden. Die Mitglieder der Synode wiesen darauf hin, daß durch das Manifest vom 17. April (betreffend die Glaubensfreiheit) die Propaganda der Mission unter den Mohammedanern, Katholiken, Protestanten und anderen Religionsgemeinschaften unmöglich gemacht wurde. Nur die Juden sind für die rechtgläubige Mission zu haben. Denn durch die Annahme des orthodoxen Glaubens entziehen sich die Juden gewissen nationalen Beschränkungen. Der Synod hob weiter hervor, daß die Erklärung des Senats, wonach Juden, die Mohammedaner geworden sind, vor dem Gesetze weiter als Juden gelten, bietet der Mission die praktische Plattform, auf der sie wirken könne. Der Synod wird daher dabei Einfluß üben, das Juden, die zum orthodoxen Glauben übertreten, durch Verteilung der vollen Bürgerrechte belohnt werden zum Unterschiede von der gegenwärtigen Stellung der getauften Juden, welchen militärische und zivile Stellen verschlossen und welche außerdem vielen Vexationen durch das Pass- System unterworfen sind. Der Synod konstatierte, daß die gegenwärtige Lage der getauften Juden die Tätigkeit der Missionen erschwere und beschloß folgendes: 1. Sich durch den Oberprokurator bei dem Ministerrat zu verwenden, daß die Lage der getauften Juden in dem Sinne verbessert werde, daß ihnen volle Bürgerrechte verliehen werden. 2. Spezielle Kurse für Missionäre zu organisieren, in welchen gründlicher Unterricht in Talmud, hebräischer Sprache und neuerer jüdischer Geschichte erteilt wird. 3. Den Getauften, welche arm sind, Geldunterstützungen zu gewähren. 5. Waisenhäuser im Ansiedlungsrayon zu begründen, in welchan jüdische Waisen im orthodoxen Glauben erzogen werden. * * * Ein Millionär als Pogromdieb. Odessa. In Theodosia wurde am 9. März eine Strafsache gegen den Gutsbesitzer und Millionär Kusma Iwanow verhandelt, der beschuldigt war, während des Pogroms, der bekanntlich auch in Theodosia mit besonderer Heftigkeit wütete, aus dem Manufakturladen des Juden Zengin verschiedene Waren gestohlen zu haben. Vor Gericht wurde nun durch Zeugenaussagen festgestellt, daß der ehrenwerte Herr Iwanow an dem Pogrom überhaupt einen sehr tätigen Anteil genommen habe. Der brave Patriot wird sich daher demnächst wegen seiner diversen Heldentaten und Diebereien gemeinsam demnächst nochmals vor dem Strafrichter zu verantworten haben. holungen und Vergnügungen sprechen, die die P.L.D.C. im Vereine mit dem Ausschuß der Arbeiterschaft veranstaltet? All die sanitären Vorkehrungen und kulturellen Einrichtungen erwähnen, die den jüdischen Namen im In- und Auslände so beliebt gemacht haben? So verlockend das auch sein mag, mit Rücksicht auf die vorgerückte Stuude muß ich leider verzichten, darauf einzugehen. Hervorheben will ich nur noch, daß auch der allgemeine Aufschwung der Agrikultur in unserem Vaterlande wesentlich der P.L.D.C. zu danken ist. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß der einzelne Landwirt sehr wenig für die Hebung seines edlen Berufes leisten kann. Er kann nicht jede neue Maschine erproben und jedes angebotene Saatgut überprüfen. Das ist Sache der Gutswirtschaften, respektive der Gesellschaften. Blicke ich auf die vergangenen 25 Jahre zurück, die im Zeichen der schweren Arbeit, aber ebenso auch im Zeichen des Erfolges standen, so erblicke ich das Geheimnis des Eifolges in der glücklichen Vereinigung der realen und idealen Grundsätze, die unsere Gesellschaft von Anbeginn beseelten. Auch die Geschichte der P.L.D.C. ist ein Beweis für die trostreiche Lehre, daß, wo ein klares Ziel und stahlfester Wille vorhanden ist, der endliche Erfolg nur eine Frage der Zeit ist!

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