Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr 12 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7 Einmal muß aber mit diesem Prinzip gebrochen werden, und ich glaube, daß es höchste Zeit ist, die Frage zu prüfen, ob unsere Organisation ein brauchbares Fundament für unsere Arbeit ist oder nicht. Nachreiflichem Nachdenken bin ich schon seit Jahren zu derUeberzeugung gelangt, daß ein großerTeil des Mißerfolges unserer Propaganda auf der grundsätzlich verkehrten Organisation beruht, welche sich auf denSchekelzahler als die organisatorische Einheit aufbaut. Der Schekelzahler ist aber keine organisatorische Einheit und darum das Fundament unserer Organisation ein verfehltes. Eine organisatorische Einheit muß schon einen Zusammenschluß von Personen darstellen, und die kleinste dieser Einheiten muß daher die ■Ortspruppe oder der Verein ä'ein. Auf dieser muß sich also die Organisation aufbauen. Der Verein oder die Ortsgruppe ist das tätige Element, welches die zionistische Idee zu propagieren hat. Sie ist also auch der Träger der Propaganda und der Schekelsammlung. So kann also auch nur die erste Einheit sein, welche zur Wahl von Delegierten berechtigt. Die mehr oder weniger zufällige Tatsache, daß irgend jemand den Schekel entrichtet hat, kann demselben keinerlei Rechte innerhalb der Organisation schaffen. Hiermit fällt auch die ganze komplizierte Einrichtung der Bildung von Wahlgruppen für den Kongreß hinweg. An die Stelle der Wahlgruppen treten die ständigen Ortsgruppen und Vereine, und wird hiedurch die Kontinuität und die Stetigkeit der Organisation gewährleistet. Hieraus ergibt sich aber weiterhin, daß die Tatsache der Schekelzahlung nicht genügen kann, um die Mitgliedschaft zu einer Ortsgruppe oder einem Vereine zu begründen. Es muß eine bewußte Eingliederung in die Organe der Bewegung erfolgen, welche durch den Beitritt zur Landesorganisation gekennzeichnet wird, das heißt die nach den Landesgesetzen zu schaffende Vereinigung sämtlicher bewußten Zinonisten eines Landes, zum Zwecke der Propaganda der zionistischen Idee.“ Palästina. Aus der Kolonie Ekron. Ekron. Das Leben in unserer Kolonie entwickelt sich in aller Ruhe in befriedigender Weise. Die Zeit ist zum Glücke schon vorüber, in der die Kolonisten in ewiger Furcht lebten, in einem Konflikt mit der Verwaltung könnte ihnen die Unterstützung entzogen werden und sie selbst würden dann hilflos dastehen. Jetzt hoffen alle, auf sicherer Basis zu stehen und ihrer Selbständigkeit sich immer mehr zu befestigen. Am meisten hat unsere Kolonie unter dem Mangel eines ausgddehnteren Kredits zu leiden. Viele von unseren Kolonisten haben jetzt zur Anschaffung von Saatgut und Futter für das Vieh bei den arabischen Arbeitern Geld leihen müssen, denen sie für jedes türkische Pfund (— Frs. 22.75) einen Bischlick (= Frs. —.56) oder sogar 1 '/* Bischlik monatlich Zinsen zu zahlen haben. Viel Nutzen hat unsere Kolonie von der Niederlassung von 13 kaukasischen Familien, die beim Nationalfonds im benachbarten Hulda Boden gepachtet haben. Das Geld, das sie uns für die Wohnungen, lür Ackergeräte und Arbeitstiere, die sie bei uns mieten, bezahlen, trägt wesentlich dazu bei, unsere Lage während der drei Monate des Winters aufzubessern, in denen der Kolonist nichts zu verkaufen, also nichts einzunehmen und nur Ausgaben zu machen hat. Es hat bereits etwas mehr als nötig geregnet, so daß die Bestellung nicht ganz rechtzeitig vorgenommen werden konnte. * * * Organisation der Juden in Palästina. Jaffa. Die hiesigen jungen Sephardim (spaniolischen Juden) haben einen Verein „Weahawta lereacha kamocha“ („Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“) gegründet, der die jüdische Emigration nach Palästina geistig und materiell fördern und auf dem Gebiete des Erziehungswesens sich betätigen soll. Eine vom neuen Verein einberufene öffentliche Versammlung wurde von den Sephardim sehr stark besucht.- Das zionistische Palästinaamt erließ einen öffentlichen Aufruf, worin die Notwendigkeit eines von der gesamten palästinischen Judenheit eingesetzten und anerkannten Palästinarates hervorgehoben wird. Sämtliche jüdische Gemeinden in Palästina werden in dem Aufruf aufgefordert, eine zu diesem Zwecke einzuberufende Konferenz durch Vertreter zu beschicken. Die Einzelheiten über die Vorbereitung dieser wichtigen Konferenz, die Ende Nissan (April) stattfinden soll, werden noch publiziert werden. Volkswirtschaft. Wir erhalten in letzter Zeit häufig von Abonnenten und Lesern unseres Blattes die Aufforderung, spezielle wirtschaftliche Fragen in den Kreis unserer Besprechungen zu ziehen. Wir wollen versuchsweise diesem Wunsche nachkommen. Sollte sich lebhaftes Interesse zeigen, so werden wir eine ständige wirtschaftliche Rubrik in unserem Blatte einrichten. Wir ersuchen die Leser, welche sich für hiefür interessieren um Anregungen. * * * Jüdische Erwerbsfragen. Namentlich aus Galizien werden sehr häufig Wünsche unserer Gesinnungsgenossen laut, in welchen materielle Unterstützungen für die Schaffung von gemeinnützigen Institutionen verlangt wird. Nun ist es ja bekannt, daß die zionistischen und nationalen Kreise in Wien zwar über sehr viel Tugend, und aber mit wenigen Ausnahmen, über sehr wenig Geld zu verfügen haben. Das Großjudentum hält unsere Leute und unsere Anschauungen noch nicht für salonfähig und deshalb sind wir auf unsere eigenen Kräfte angewiesen. Immerhin muß bemerkt werden, daß man in der angedeuteten Richtung mit Geld allein nichts Besonders schaffen kann. Das beste Beispiel bieten die vom verstorbenen Baron Hirsch mit ungeheueren Mitteln ins Leben gerufenen Institutionen. Wenn man die Wirkung betrachtet, welche diese Millionenspenden tiervorgeb’rach't'haben, so wird man erkennen, daß die Resultate absolut nicht im Verhältnisse zu den aufgewendeten Mitteln stehen. Man kann unseres Erachtens nach, durch gute Ratschläge mitunter mehr nützen, als durch Geschenke der Darlehen. Nach und nach hat man eingesehen, daß nur durch entsprechende Organisationen auf Basis der Selbsthilfe etwas zu erreichen ist. In Prag wurde von Gesinnungsgenossen eine jüdisch-nationale Vorschußkassa gegründet, welche ausgezeichnet prosperiert; in Brünn und Czernowitz desgleichen. Die größte Institution dieser Art soll in Lemberg geschaffen werden, und wir zweifeln nicht, daß bei entsprechender Teilnahme unserer galizischen Gesinnungsfreunde auch die Hilfe von Wien nicht fehlen wird, damit der angestrebte nationale und wirtschaftliche Zweck erreicht werde. Nun wird ja aus solchen Institutionen nur ganz speziellen Erwerbsklasseu ein Nutzen erwachsen. Was aber die Hilfe für die große Masse der mittellosen Bevölkerung anbelangt, so müssen ganz andere Erwerbsquellen in Aussicht genommen werden. Es untersteht keinem Zweifel, daß die Hauptursache der materiellen Notlage unserer galizischen Bevölkerung in den mangelnden Verständnis in Bezug auf die Berufswahl liegt. Bei einer so zahlreichen Bevölkeiung kann nicht jeder Gelehrter, Kaufmann auch nicht Handwerker, Gewerbtreibender werden oder sich irgend einem der freien Berufe widmen. Wir müssen wünschen, daß sich auch eine jüdische Arbeiterbevölkerung in Galizien heranbilde. Dabei bieten sich zwei Berufe, welche unstreitig vielen tausenden Personen ein relativ gutes Einkommen bieten könnte. Wir haben in Wien mindestens 20.000 besser situierte jüdische Familien, welche Dienstboten halten. Es können also in'jüdischen Familien in Wien mindestens 25.000 weibliche Dienstboten ihren Erwerb finden. Im allgemeinen kann man sagen, daß keine Klasse der arbeitenden weiblichen Bevölkerung materiell besser gestellt ist, als die Dienstboten. Sic haben freies Quartier und freie Verpflegung und einen entsprechenden Lohn. Man findet heute in Wien keinen Dienstboten unter einem Monatslohn von 30 Kronen. Das dürfte so ziemlich die mindeste Stufe des Einkommens sein. Dagegen wird in vielen Häusern ein gewöhnliches Zimmermädchen mit 30—40 Kronen, eine Kammerjungfer mit 50 -60 Kronen, eine gute Köchin mit 60- 80 Kronen honoriert. Man rechne aus, was für Lohnsummen hier verdient werden. Zum Lohne kommen vielfach noch Trinkgelder, Geschenke, so daß sich Dienstboten in der Regel den größten Teil ihres Lohnes ersparen können. Es gibt keine Klasse der Bevölkerung, welche mehr Geld in die Sparkasse trägt, als die Hausdienerschaft. Man wird also nicht zu hoch greifen, wenn man behauptet, daß die jüdischen Familien in Wien monatlich im Durchschnitt 40 Kronen für Dienstpersonal ausgeben. Das macht bei 25.0G0 Familien eine Million Kronen monatlich und jährlich 12 Millionen Kronen aus, wovon wieder ein großer Teil in die Sparkassen wandert. Der größte Teil dieses Dienstpersonals rekrutiert sich aus der tschechischen Bevölkerung Böhmens und Mährens. Wir glauben nicht, das auch nur 1 "> Juden darunter sind. Muß das sein? Es ist richtig, man hat hierzulande eine Art Mißtrauen gegen jüdische Dienstboten, aber das rührt wahrscheinlich daher, daß nicht die allerbesten Elemente sich diesem Berufe zuwenden. In Wirklichkeit ist die Lage der Hausdienerschaft eine ganz günstige, nicht nur in bezug auf Einkommen, sondern bezüglich der Behandlung. Dabei darf man nicht vergessen, daß ein Dienstmädchen, welches anständig und fleißig ist, Gelegenheit genug hat, sich in allen Zweigen der Haushaltung zu unterrichten und wenn sie dann heiratet, sehr wertvolle Kenntnisse für die Führung eines eigenen Haushaltes erworben hat. Wenn ein Mädchen 7—8 Jahre zufriedenstellend dient, kann es sich ganz gut ein paar tausend Kronen ersparen, heiraten und sich eine Existens schaffen. Jüdische Dienstmädchen konnten nicht nur in jüdischen Häusern Unterkunft finden. Man nimmt ja überall gerne ordentliche und brave Leute. Es ist viel schwieriger, gute und verläßliche Dienstboten zu finden, als für die Dienstboten eine gute Stelle zu bekommen. Es ist dies ein Erwerbszweig, wo die Nachfrage bedeutend größer ist, als das Angebot. Und warum soll dieses ganze Erwerbsgebiet den Fremden überlassen bleiben? Bietet sich da nicht ein ganz ausgezeichnetes Tätigkeitsfeld für Jüdische Mädchen? * * ♦ Wir werden gerne hören, welche Aufnahme dieser Vorschlag bei unserer Leserschaft findet. Das nächste Mal soll über einen anderen Erwerbszweig gesprochen werden, welcher männlichen Arbeitswilligen ein großes Arbeitsfeld eröffnet. Ortschaftsweise Statistik der Nationalfonds- und Oelbaumspenden pro 1908 aus dem Mährisch-schlesischen Distrikt. An dem Jahresertrag von K 6900 haben 61 Orte teilgenommen, und zwar folgende 36 mit Beträgen ü b e r K 20.—. (Die Beträge sind der Uebersichtlichkeit wegen auf Kronen abgerundet, die Namen der Nationalfondskommissäre sind in Klammer beigesetzt.) Auspitz. 27. - Bielitz-Biala (Adolf Huppert) . 754.— Bisenz. 35. Boskowitz. 76. Brünn (Korn Strach). 633. Eiwanowitz (Berta Alt) .... 52. - Freudenthal. 58.— Friedek (Leop. Leschner) . . . 352.- Gaya (Dr. Julius Reach) . . . 68. Göding. 44. - Gräfenberg.155.- Holleschau (Leo Kohn) .... 44.— Iglau (Rieh. Weißenstein). . . 115.— Jamnitz (Dr. H. Wertheimer) . 157.— Kojetein. 67.- Leipnik. 21. Luhatschowitz. 78.— M.-Ostrau (Leop- Krieger) . . 313. M.-Schönberg . .. 21.— M.-Weißkirchen (Ernst Wolf) . 78.— Mißlitz (Dr. N. Schornstein) . 61.— Oderberg. 41. Orlau. 80.- Olmütz (Wilh. Spitzer) .... 402. Prerau. 36. Proßnitz (Fritz Löw) . . . . , 431.— Roßitz. 21.— Teschen (Grete Berger) . . . 220.— Trebitsch (Wilh. Glasner). . . 76.— Troppau (Alb. Schlesinger) . . 1160.— U.-Brod.211.-