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Jüdische Zeitung · 1909-03-19 · 12 (19.3.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
12 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 12 Jüdische Wacht am Prager Graben. Wehe Kuranda! Wehe Ofner! üeber die deutschliberalen Heldenjünglinge mosaischen Glaubens ist ein gewaltiges Unglück hereingebrochen. Siekriegen von den Tschechen keine Prügel mehr! Nicht ein Rippenstoß, nicht die gelindeste Gehirnerschütterung ist zu haben. Götterdämmerung! Schluß! — Sonst war die Zeit des heftigsten Kampfes zwischen Deutschen und Tschechen für alle deutschfühlenden jüdlein eine selige Zeit. Während der heftigsten Ausbrüche vergaß man deutscherseits ihrer schwärzlichen Locken und rundlichen Nasen, sie durften mithalten und sich in die Prügel ehrlich teilen. Am Graben in Prag durften sie mitbummeln. Das war ihr ehrlich erkrochenes und ehrlich erlecktes Recht. Jetzt wird ihnen auch das genommen. Die deutschnationalen Studenten haben sich vom verjudeten Prager Graben zurückgezogen und bummeln judenrein am Wenzelsplatz. Einsam stolpern nun die Robitscheks, Löwys und Schlesingers mit Band und Kappe über Gas- und Wasserleitungsrohre am Graben zu Prag. Sie sind deutsch auf eigene Faust. Das wäre schließlich nichts Neues. Aber, o Jammer! Die Tschechen wollen sie auch nicht mehr als Deutsche betrachten und meiden ebenfalls den Graben! Die Situation ist verzweifelt. Die Abgeordneten Kuranda und Ofner sollten sofort ihr Möglichstes versuchen, und gehts nicht mit Bitten und Vorstellungen, gewaltsam von den Tschechen Prügel für die deutschliberale studentische Jugend erzwingen. Wir würden ihnen in einem solchen Falle gerne und tatkräftigst an die Hand gehen. Die jüdischen deutschliberalen Studenten haben sich ein Anrecht auf tschechische Prügel ehrlich verdient. Ihnen diese Prügel vorenthalten, heißt ihnen Unrecht tun, heißt sie betrügen. Wir Jüdischnationale müssen das ganz objektiv konstatieren, denn wir gönnen auch dem Gegner sein gutes Recht. Prügel, wem Prügel gebührt! Aus dem jüdischen Leben. Ein interessanter Prozeß. Lemberg. Donnerstag den 11. d. fand vor dem Lemberger Schwurgerichte ein interessanter Preßprozeß statt, der mit der Verurteilung eines sozialdemokratischen Zeitungsschreibers zu zwei Monaten Kerker und einem Fasttag alle 14 Tage und der Verurteilung des verantwortlichen Redakteurs des sozialistischen „G1 o s“, des Leibblattes des Abgeordneten Diamant, zu einer Geldstrafe endete. Die Vorgeschichte des Prozesses ist folgende: Seit jeher versuchte die polnisch-sozialistische Partei in Tarnopol festen Fuß zu fassen und die jüdischen Arbeiter Tamopols um das Banner der polnischen Sozialdemokratie zu scharen. Dank der vorzüglichen zionistischen Organisation und allmählich wachsenden Lohnes den Arbeitern die Möglichkeit der Selbständigmachung und somit des selbständigen Vorgehens, der freien eigenen Initiative gegeben hat. Freilich, am zahlreichsten sind die Scharen jener, die mit dem Beruf des landwirtschaftlichen Arbeiters vorlieb nahmen. Bedenken wir die Höhe, welche die Löhne des qualifizierten, bei derP.L.D.C. ausgebildeten landwirtschaftlichen Arbeiters seit Jahren erreicht haben, so wird uns die Neigung, im Arbeiterstande zu verharren, weiter nicht Wunder nehmen. Ja, der Lohn des Arbeiters! Das ist ein eigener Ruhmestitel der P.D.L.C.! Und in der Abwesenheit des Herrn Bermann wird es ja gewiß nicht als ein leeres Kompliment gedeutet werden, wenn ich sage: es ist unbestreitbar ein Verdienst des Herrn Bermann, daß die P.L.D.C. von Anfang an diesen ruhmvollen Weg betreten hat Ich erinnere mich wohl ganz genau der ersten Lohnabmachung, die Herr Eermann im Jahre 1908 mit den Arbeitern von Kienereth getroffen hat. Die ersten drei Monate, die Probezeit für die Jahres-Arbeiter, waren vergangen, und der Zeitpunkt war gekommen, mit den Jahres- Arbeitem auch einen jährlichen Kontrakt abzuschließen. Als Lohn für das erste Arbeitsjahr in Kinereth schlug Herr Bermann vor: Kost, Logis, Inin Tarnopol mißlang dieses Vorhaben. Da auf geradem Wege kein Erfolg zu erreichen war, verlegte man sich auf das Verleumden. Der Tarnopoler Korrespondent des - „Glos“ veröffentlichte eine Reihe von Notizen,in welchen er den Führer der Tarnopoler Zionisten, Gesinnungsgenossen Dr. Israel Waldmann; in der allergemeinsten Weise angriff, ihm in seinem Gebaren als Vizepräsident des Aufsichtsrates . der Tarnopoler Krankenkasse Unrechtmäßigkeiten; vorwarf und ihm beschuldigte, daß er als Rechtsanwalt der Krankenkasse diese hintergangen habe. Gesinnnungsgenosse Dr. Waldm a n-h klagte den sozialdemokratischen Skribenten und nun zeigte es sich, daß alle Behauptungen erlogen sind. Die Geschwornen — lauter Polen, welche den Zionisten .bekanntlich nicht allzusehr gewogen sind — bejahten einstimmig die Schuldfrage und der Verurteilte,- leider ein Familienvater, muß die Folgen der polnisch - sozialdemokratischen Kampfesweise tragen. Durch den Ausgang dieses Preßprozesses ist der polnischen Sozialdemokratie, welche den Zionismus immer in gemeiner Weise bekämpft hat, für lange Jahre die Möglichkeit benommen, die jüdischen Einwohner Ostgaliziens zu „erlösen“. * * . * Meyers Konversationslexikon — ein antisemitisches Handbuch. Wien. Das „Frktf. Isr. Fambltt.“ schreibt: „Mit dem 20. Band hat dieses gewaltige Werk seinen Abschluß gefunden. Wir haben es bei dem Erscheinen eines jeden Bandes in der unübertrefflichen Allseitigkeit seines textlichen und bildlichen Inhaltes gewürdigt. Jetzt nach Abschluß des Werkes haben wir eine Anzahl Stichproben gemacht bezüglich der Frage, ob es uns Juden objektiv oder aus einem antisemitischen Gesichtswinkel betrachtet, und wir wollen uns nun diesmal mit dem Ergebnis dieser Stichproben beschäftigen. Wenn es unter „Juden“ heißt: „Es kennzeichnen den Juden im allgemeinen eine lange, hakenförmig gekrümmte Nase, vorstehende feuchte Augen, dicke hängende oderwenigstens umgestölpte Unterlippe, straffes, glänzendes Haar, schmächtiger Brustkasten und Plattfüße“ und weiterhin: „Mit mehr Zähigkeit haben sich bei den Juden gewisse Charaktereigenschaften der Semiten erhalten, wie Habgier, Verschlagenheit, Schlauheit und Abneigung gegen körperliche Arbeit, Eigenschaften, denen wir bei den heutigen Juden oft genug begegnen“ —, so sind dies Stellen, die einem antisemitischen Wahngebilde, aber nicht der Wirklichkeit entsprechen. In der gleichen Tendenz sind noch manche Sätze zu finden; jedoch das meiste müssen wir als objektiv gehalten anerkennen. Wir glauben daher annehmen zu dürfen, daß die antisemitischen Aeußerungen auf das Konto einzelner Mitarbeiter zu setzen sind und daß unser heutiger Hinweis genügt, um den Verlag für die Zukunft zur Verhütung antisemitischer Ungerechtigkeiten zu veranlassen.“ standhaltung der Wäsche, medizinische Hilfe, — I 160 Frs. bar, 'A Ha. Weizen, ohne Abzug der Selbstkosten, ferner das Recht in der Gutsherde ohne Entgelt ein Stück Jungvieh und zwei Stück Kleinvieh, groß zu ziehen. (Gelächter.) Sie lachen, meine Herren, und wollen damit zum Ausdruck bringen, daß das jetzt als ein recht dürftiger Lohnsatz scheint. Gewiß! Aber mancher von Ihnen wird sich vielleicht noch erinnern, daß Herr Bermann dieses Lachen noch 25 Jahre zuvor, schon bei jener Abmachung, vorausgesagt hat. Das ist nämlich das interessanteste, daß, so bescheiden uns jetzt dieser Lohn erscheinen mag, — zu jener Zeit war es der beste Lohn in Palästina! Tatsächlich wurde er auch debattelos von der Arbeiterschaft angenommen. Herr Bermann schloß die erste Abmachung damals mit der scherzhaft-ernsten Bemerkung, er hoffe im kommenden Jahre selbst einen Streik zwecks Erhöhung der Löhne veranstalten zu können. Denn die teehnisch-wirtschaftlichen Tendenzen, von denen sich der erste Administrator der P.L.D.C. leiten ließ, waren durchaus auf Intensivierung der Arbeit gerichtet, und infolgedessen waren auch die damaligen niedrigen Löhne auf die Dauer nicht zu halten. Intensivierung der Arbeit! Das bedeutete, daß man nicht den damaligen arabischen Bauern und Landarbeitern als Muster und Vorbild zu be- Reichsdeutsche Gastfreundschaft. Minden (Westf.) Den hier beschäftigten russisch - jüdischen Zigarettenarbeitern und Arbeiterinnen ist auf Veranlassung des Ministers des Innern durch die hiesige Polizei aufgegeben worden, bis zum 1. April dieses Jahres das preußische Staatsgebiet zu verlassen, obwohl nichts gegen die Leute vorliegt, sie auch der öffentlichen Armenpflege noch nicht zur Last gefallen sind. Gesuche um’Verlängerung der Frist oder um Zurücknahme durch die Betroffenen und deren Arbeitgeber waren erfolglos. * * * Folgen der preußischen Polenpolitik. Posen. Den Juden in der Provinz Posen wird durch die fehlerhafte Polenpolitik der Regierung die Existenzmöglichkeit immer schwerer gemacht. Der jüdische Gewerbetreibende ist der Prügelknabe, an dem sowohl die erbitterten Polen wie die antisemitischen Preußen ihr Mütchen kühlen. Kein Wunder, daß die Juden immer diese ungastliche Stätte verlassen. Ueber den Rückgang der jüdischen Bevölkerung im Kreise Witkowo wird berichtet: „ln den Städten und Dörfern unseres Kreises geht seit einigen Jahren das Judentum beständig zurück. In Schwarzenau waren vor zehn Jahren noch fünfzehn jüdische Familen vorhanden, die aber jetzt bis auf sieben zurückgegangen sind. In Powidz ist die jüdische Gemeinde vor einem halben Jahre aufgelöst worden, weil nur noch eine jüdische Familie dort wohnt. Schon vor drei Jahren wurde die israelitische Gemeinde Mieltschin aufgelöst. Dort lebt nur noch eine jüdische Person, eine Ortsarme. Beide Gemeinden sind der Gemeinde Witkowo zugeteilt worden, die durch die Ueberweisungen keine Vorteile, sondern Nachteile durch Uebernahme neuer Lasten hat. In Zydowo, das früher Stadt war, hat kürzlich der letzte jüdische Besitzer sein Grundstück verkauft und ist weggezogen.“ T‘ * * * Der älteste Judenfriedhof in Deutschland. Worms. Der jüdische Friedhof in Worms, jener berühmte und malerische Fleck Erde, der einen Rembrandt gewiß gereizt hätte, ihn im Bilde festzuhalten, soll geschlossen werden, nachdem, wie wir vor einigen Wochen mitgeteilt haben, die israelitische Gemeinde auf der Höhe von Hochheim einen neuen Friedhof erworben hat. Bekanntlich ist die Wormser Gemeinde mit ihrem Friedhof die älteste jüdische Ansiedlung in Deutschland. Nach einer alten Chronik sollen schon nach der ersten Tempelzerstörung durch die Babylonier (588 vor der heut. Zeitr.l) viele Juden nach Worms gezogen sein, nach einer anderen Version wären sie Nachkommen jener Legionäre, die den Tempel eingeäschert hatten. Historisch nachgewiesen ist jedenfalls, daß ein jüdischer Friedhof bereits im zweiten Jahrhundert heu- I trachten hatte, das bedeutete; daß das Ziel der Bestrebungen nicht die Herabsetzung der Lebensansprüche, sondern die Erhöhung der Leistungsfähigkeit zu bilden hatte. Herr Bermann zog die Parallele mit den intensiven westeuropäischen oder amerikanischen landwirtschaftlichen Arbeitern. Und die jüdische Arbeiterschaft, die schon zu jener Zeit von hohen ethischen und nationalen Idealen getragen wurde, begriff shhnell die Richtigkeit der neuen Ansichten und suchte sie bald in Wirklichkeit umzusetzen. „Ich will wohl“ — sagte Herr Bermann bei der erwähnten Abmachung zu den Arbeitern — „ich will wohl eure physische und geistige Kraft ausbeuten, ebenso wie ich meine eigene Kraft ausbeute. Aber niemals werde ich eurn Idealismus explodieren, und darum werde ich mich stets bestreben, die Löhne entsprechend der Steigerung der Leistungen zu gestalten!“ Ohne diese Einsicht hätte die P.L.D.C. ein nahes Ende erlebt. Wohl hatte es seinen guten Grund, daß die Administratoren der P.L.D.C. stets gerne junge Kräfte herangezogen und Familien fast nur dann engagierten, wo außer dem Manne auch die Frau oder andere Familienmitglieder Verwendung fanden. Als Erwerbsgesellschaft mußte sie ja in erster Reihe bedacht sein, nur produktive Kräfte zu verwenden, und sich möglichst von allem fernzuhalten.

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