Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Nichtsdestoweniger hat der jüdische Klub die Frage nicht aus dem Auge gelassen und bei der Besprechung, welche auf Veranlassung des Gemeindebundes am 18. Februar stattgefunden hat, haben drei Abgeordnete des jüdischen Klubs teilgenommen und den Standpunkt der jüdisch-nationalen Partei vertreten. Insbesondere hat Abg. Dr. Gabel verlangt, daß die Aktion nicht geheim geführt,sondern an die jüdischeOeffentlichkeit um Unterstützung, appelliert werde. Er verlangte, daß alle jüdischen Kultusgemeinden aufgefordert werden, sich der Aktion anzuschiießen. Dieser Antrag wurde abgelehnt, und es wurde beschlossen,, nur die Kultusgemeinden der österreichischen Hauptstädte um Unterstützung anzugehen. Im weiteren Verlaufe dieser Aktion hat Dr. Stern als Präsident des Gemeindebundes ein Memorandum über diese Frage dem gemeinsamen Finanzminister Baron B u r i a n und dem Ministerpräsidenten B i e n e r t h überreicht. Wenn wir auch mit diesem Schritte einverstanden sind, ist doch das selbständige, Vorgehen des Dr. Stern bedauerlich, weil die Intervention der jüdischen Abgeordneten bei den kompetenten Faktoren die Angelegenheit wesentlich gefördert hätte. Zu bemerken ist noch, daß über Intiative des jüdischen Klubs in nächster Zeit eine Besprechung aller jüdischer Abgeordneten des österreichischen Parlamentes stattfinden wird. Aus dem Parlamente. Der jüdische Klub und die Ausschüsse. Am 10. d. trat das Abgeordnetenhaus zusammen. Durch die kritische äußere Lage gezwungen, unterlassen es selbst die radikalsten Parteien, Obstruktion zu treiben, und das Parlament kommt zum erstenmal in dieser Periode dazu, die Tagesordnung in Verhandlung zu ziehen. Bei der Konstituierung des Hauses zeigte es sich, daß die Christlichsozialen die eigentlichen Herren im Staate sind. Ihr Kandidat Dr. Pattai wurde zum Präsidenten gewählt. Die Jüdisch nationalen stimmten natürlich gegen den Antisemiten. Lieber die Haltung der Polenklubisraeliten und unserer mosaischen „deutschfreiheitlichen“ Vertreter läßt sich nichts Gewisses sagen. Sie haben sich der Mehrzahl nach bei der Abstimmung feige und weise aus dem Sitzungssaale geschlichen. Die Jüdischnationalen wurden in folgende Ausschüsse gewählt: In den sozialpolitischen Ausschuß, ferner in den Ausgleichs- und Eisenbahnausschuß Abgeordneter Dr. S t r a u c h e r, in den G ewerbe- und Sozialversicherung sausschuß Abg. Dr. Gabel, in den Volkswirtschafts- und Legitimations ausschuß Abg. Dr. Stand und in den A nnexionsausschuß Abg. Dr. Mahler. Ueber die Wegtaufen jüdischer Kinder. Reichsratsabgeordneter Dr. S t r a uc h e r hat eine Interpellation eingebracht, in welcher die in den letzten Jahren erschreckend überhand nehmenden Entführungen jüdische r M ä d c h e n in Klöster behandelt werden. In der Interpellation werden 31 Fälle von Entführungen und Wegtaufen während der letzten Jahre aufgezähit ' und geschildert. Alle Fälle sind auf Grund authentischer Daten dargestellt. Abg. Dr. Straucher wendet sich gegen diese Entführungen sowohl vom zivilrechtlichen als auch vom strafrechtlichen Standpunkte. Zivilrechtlich bedeuten die Entführungen einen Eingriff in die elterlichen Rechte, strafrechtlich eine unbefugte Einschränkung der persönlichen Freiheit. Die Interpellation, die 16 Druckseiten umfaßt, stellt eine gründliche Arbeit auf dem traurigen Gebiete der jüdischen Wegtaufen dar. Die Unterschriften der polnischen unddeutschenjudenvertreter fehlen. Wir werden auf diese Interpellation noch ausführlich zurückkommen. * * * Das Rekrutenkontingent. Zum Rekrutenkontingent waren alle jüdischnationalen Abgeordneten zum Worte gemeldet. Die Reihenfolge der Redner wurde durch das Los bestimmt und der erste zionistische Abgeordnete sollte als Vierzigster zum Worte gelangen. Da der Schluß der Debatte bereits nach dem zwanzigsten Redner erfolgte, kamen die Jüdischnationalen um das Wort. Sie dürften aber in der zweiten oder dritten Lesung zum Worte gelangen. Ghetto. Klein-Bochrowitz ist eine Stadt, Die ziemlich viele Juden hat; Und meist gut situierte Menschen Die viel verdienen und ausgiebig lunchen, An hohen Jontowims im Tempel sich scharen Und sonst auch den deutschen Besitzstand wahren. Vor kurzer Zeit erschien allhier Ein auserlesener Kavalier Und hat sich in einer der vornehmsten Gassen Als Advokate niedergelassen. Er war ein schlanker, echter Germane So blond wie Gold, so weiß wie Sahne, In jeder Hinsicht charmant und korrekt; Er sprach im Salzburgs r Dialekt, Er tanzte auch links und war stramm national — Daher ein vollkommenes Ideal! Dazu ein Name wie ein halber Roman: Herr Doktor Heinz Roderich Anderlahn! Da ferner der allgemein Verehrte Sehr liebenswürdig mit Juden verkehrte War er alsbald begreiflicherweise Der Liebling der diesbezüglichen Kreise - Man schätzt seine Freundschaft wie einen Orden Und was er trug, ist Mode geworden, Und was er las, das mußte man lesen Und was er sprach, ist Emeß gewesen An Steile des Lohengrin träumten fortan Die Mädchen von Dr. Anderlahn. Mit einmal, man wußt’ nicht warum, Ging ein Gesumm und Gebrumm herum Man redete krumm und nickte stumm, Kurzum, das ganze Bumbum schlug um. Die Alten sprachen dieses und jenes, Und jenes und dieses, doch keineswegs Schönes, Die Jungen haben desgleichen getan Und meinten: „Ein Schmock ist der Anderlahn!“ Man fand sein Gehaben für affektiert, Sein Vorleben dunkel, sein Reden geziert Und nur behufs Sympathiegewinnung Erklärt sich seine deutsche Gesinnung. Wie überhaupt jeder Schritt und Tritt Bei ihm berechnet sei auf Profit — (Nur bei den Mädchen, die reif zum Verloben, Hat sich das Interesse gehoben.) 0 teurer Leser und Leserin! Ihr ahnt den Grund und tiefen Sinn, Und ihr habt recht! Man hatte erfahren, Daß in dem Germanen mit goldblonden Haaren Und mit dem Salzburger Dialekt Ein einfacher „Glaubensgenosse“ steckt Und „Anderlahn“, verlautet es, Sei eine Fasson von A b e 1 e s - Und als man dies für richtig befunden Da war die Gloria geschwunden, Verloren der Glanz, die respektvolle Scheu - Was übrig blieb, war das Wort „Esoj!“ Beda. kretieren. Wir hatten natürlich nichts dagegen, ja wir sahen es sogar gern, wenn aus unseren Anlagen Kolonien, Dörfer und Städte hervorgingen. „Gemacht haben wir dergleichen nicht! Wir richteten und richten zunächst Güter, richtiger Zentralgüter ein. Die Entstehung unserer ersten Zentrale „K i n e r e t h“ ist ja charakteristisch für alle anderen. Dank der unermüdlichen Arbeit des Herrn Bermann war Kinereth schon zu Ende des Jahres 1909 so weit eingerichtet, daß er in dem darauf folgenden Jahre sich nicht mehr ausschließlich mit diesem Gute zu beschäftigen brauchte und an die Einrichtung einiger Nebengüter schreiten konnte. Zugleich hatte sich in den anderthalb Jahren 1908 bis 1909 ein geschultes Vorarbeiterelement herausgebildet, dem man getrost bei einiger Beaufsichtigung die Arbeiten in den Nebengütern überlassen konnte. Schon in diesem kleinen Anfang lag bereits der Keim des „Zentralen“ Systems, das für das Wirken der P.L.D.C. von so großer Bedeutung wurde. Natürlich verringerte ein solches System ungemein die Administrationskosten, was für die Erzielung von Dividenden von bestem Einfluß war. Freilich erreichten die Dividenden erst dann ihre respektable Höhe, als wir zu intensiveren Kulturen wie Baumwolle und Zuckerrohr übergingen, oder an anderen Stellen unsere Weinberge uud unsere Baumplantagen ertragsfähig wurden. Als aber sozusagen die ersten fetten Dividenden zur Auszahlung gelangten, da wurden wir mit einem Schlage kreditfähig, ja wir wurden geradezu umworben vom jüdischen und nichtjüdischen Kapital — von jenem internationalen Großkapital, das noch jetzt wie dazumal dort in Hülle und Fülle zu haben ist, wo einmal eine gute Verzinsung evident erwiesen ist. Von diesem Zeitpunkte an war die Errichtung der weiteren Zentralen nicht mehr eine Frage des Kapitals, sondern bloß eine Frage der Technik und des Menschenmaterials. Die Errichtung der weiteren 31 Zentralen, die in immer kürzer werdenden Intervallen erfolgen konnte, bewies, daß auch diese Fragen keine unüberwindlichen Schwierigkeiten boten. Da wir eine Erwerbsgesellschaft waren, so hatten wir nichts dagegen, wenn nach und nach bemittelte Volksgenossen kamen, um uns das eine oder andere Nebengut bei angemessenem Verdienst abzukaufen. In Europa kann jeder Landwirt, der genügendes Kapital hat, zu jeder Stunde eine Gutswirtschaft von beliebiger Güte kaufen. Vor der Entstehung der P.L.D.C. war das in Palästina nicht der Fall. Da mußte jeder, der eine Gutswirtschaft erwerben wollte, sie auch selbst einrichten, wovor so Viele znrückschreckten, da sie gern etwas Fertiges haben wollten. Unsere Gesellschaft ermöglichte auch ihnen die Uebersiedlung, indem sie Gutswirtschaften vorbereitete, und sie in den für sie passenden Kulturen entwickelte. Das war eine unserer Arbeitsmethoden. Die andere, weit umfangreichere bestand darin, daß unsere Gesellschaft manche der Nebengüter parzellierte und die Parzellen den Arbeitern verpachtete oder auch unter gewissen günstigen Bedingungen ihnen als Eigentum überwies. Tausende und Abertausende von jüdischen Arbeitern, die bei der P.L.D.C. ihre landwirtschaftliche Ausbildung genossen und Ersparnisse gemacht haben, wurden so als freie, selbständige Bauern angesiedelt. Eine Art Mittelding zwischen Gutswirtschaften und Einzelwirtschaften stellen unsere „Achwah“-Kolonien dar. Dort taten sich diejenigen von unseren Arbeitern, die den in unserem Volkscharakter ruhenden Individualismus überwinden konnten und wollten, zu kollektivistischer Wirtschaftsform, einst Siedlungsgenossenschaft genannt, zusammentaten. Ja, erst die P.L.D.C. bot auch diesen edlen Bestrebungen die Möglichkeit der Realisierung. Schon dadurch, daß sie ein tüchtiges, geschultes, an eine stramme Organisation gewöhntes Arbeiterelement schuf. Schon deshalb, weil die P.L.D.C. von der ersten Stunde ihrer Entstehung an durch Entrichtung eines guten