Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 12 liebter Leser — und wärst du auch Abonnent der „Neuen Freien“ — ein Licht aufgehen lassen: An den letzten Parteitag der Christlichsozialen, in Waidhofen a. d. Ybbs abgehalten, hat der Deutsche Schulverein eine Adresse gerichtet, in welcher den Herren Lueger, Geßmann, Schneider und Konsorten die Ergebenheit ausgedrückt und gewünscht wird, daß ihre Beratungen zu erfolgreichen Resultaten gedeihen mögen. Trotzdem die Sache fast wochen alt und der Nachrichtendienst der großen Wiener Blätter ausgezeichnet organisiert ist, hat kein der von Juden gelesenen Tagesorgane auch-nur eine Notiz darüber gebracht Offenbar hat man den jüdischen Leser nicht für „reif“ genug gehalten, eine solche Nachricht mit der gehörigen deutschliberalen Schafsgeduld hinzunehmen. Die Nachricht wurde wissentlich unterschlagen. Der jüdische Leser wurde im Dienste der guten deutschen Sache wieder einmal düpiert, betrogen. Für den national denkenden Juden ist der Deutsche Schulverein schon längst abgetan. Aber auch die Juden, welche der jüdischnationalen Bewegung noch fernestehen, müssen einsehen, 'daß für einen reinlich Denkenden das Verbleiben in einer solchen Gemeinschaft und unter solchen Umständen unmöglich gemacht wird. Man kann das nationale und politische Moment völlig ausschalten, die primitivsten Anstandsregeln, das letzte Restchen Selbstbewußtsein und Ehrliebe verbieten dem Juden die Zugehörigkeit zu einem Vereine, der die tückischesten Judenhasser sammelt und der schwärzesten Reaktion dient. Griechischer Antisemitismus. Saloniki ist eine Stadt, in der an jüdischen Feiertagen selbst das Zollamt und die Banque Ottomane geschlossen blieb, weil der ganze Handel in den Händen der Juden lag. In dieser Stadt nun brach ein wirtschaftlicher Wettbewerb zwischen Juden und Griechen aus, der für die Entwicklung der Juden in der neuerwachten Türkei höchst unangenehm werden kann. Der „Os manische Lloyd“ schreibt darüber aus Saloniki folgendes: „Wie schon einmal'kurz darauf verwiesen, macht sich hier eine immer ausgeprägtere Spannung in wirtschaftlicher Beziehung zwischen Griechen und Israeliten bemerkbar, welche nun Formen angenommen hat, die vermuten lassen, daß man am Beginne einergegen diejudenüberhaupt gerichteten Bewegung steht, die näher zu verfolgen interessant genug ist. . Oder wer kann mit Sicherheit behaupten, daß auch ohne die Neugestaltung des osmanischen Reiches, die ebenfalls 1908 erfolgte, die P.L.D.C. so schnell ihre Ziele erreicht hätte! Wenn wir unserer Gesellschaft gerecht werden wollen, müssen wir uns der Zeit erinnern, in der sie in die Erscheinung trat. Heute weiß ein jedes Schulkind, was Palästina wirtschaftlich bedeutet. Aber um das Jahr 1908, zur Zeit der Entstehung der P.L.D.C. war es ja wesentlich anders. Zu jener Zeit war unser schönes Vaterland dem Gros der Judenheit das heilige Land und selbst den Zionisten nicht viel mehr als das Land ihrer Sehnsucht und ihrer billigen Träume, aber noch lange nicht das Land einer realen Gegenwart und Zukunft Lebhaft erinnere ich mich noch meiner ersten Tournee, die Ich im Interesse der P.L.D.C. im Winter 1908 in Oesterreich-Ungarn unternommen habe. Wohin immer mich mein Weg führte, stets hörte ich dieselben Lieder von mißlungenen Unternehmungen, von Krach und Bankerott. Und als ich auf Grund persönlicher Erfahrungen den Leuten zurief: „Aber warum seid Ihr denn solche erbärmlichen Schafsköpfe? Warum macht Ihr denn solche dummdreisten Geschäfte? Warum legt Ihr denn nicht lieber in Palästina Mändelbaum- oder Oelbaumplanlngen an? Der Boden von Palästina ist ein treuer Man sucht zwar griechischerseits der Bewegung einen politischen Hintergrund zu geben, dürfte j aber damit wenig Glück haben und auch wenig Glauben finden. Sie stützt sich darauf, daß die Juden eine Minorität sind, die gewissermaßen unter dem alten Regime noch zur Geltung kommen konnte, aber trotz ihrer Intelligenz und ihres savoir faire in Handelssachen heute bei entsprechendem Vorgehen seitens der Griechen stark zurückgedrängt werden kann. Man. stützt sich auf das Inland, dessen Handel zum großen Teile in den Händen der Griechen ruht. Diese müssen dafür gewonnen werden, daß sie sich für ihre Bedürfnisse nicht mehr nur der Vermittlung der Israeliten bedienen, sondern sie müssen angehalten werden, ihren Bedarf bei Griechen zu decken, wenigstens so weit dies zur Zeit möglich ist, denn der Feldzugsplan der Griechen konnte noch nicht ganz >in die Praxis übersetzt werden. Die Griechen müssen zur Erkenntnis ihrer Bedeutung für den Handel kommen, sie müssen ihr nationales Gefühl kräftigen, dieses Ziel zu erreichen, ist die Aufgabe der betreffenden griechischen Kreise, die die ganze Entwicklung der Bewegung in die Hände genommen haben. Ueber die Mittel zum Zwecke kann man nur. erwähnen, daß die Griechen ihre erste und wichtigste Stütze für ihren wirtschaftlichen Aufschwung in der Errichtung der neuen griechischen Bankniederlassungen in Makedonien fanden. Sie erlangten durch dieselben die nötigen Kredite und befanden sich nicht mehr in jener abhängigen Stellung wie ehedem. Die unruhigen politischen Zustände im Lande brachten es mit sich, daß sich im Laufe der letzten. Jahreviele Kaufleute des Inlandes .aus Sicherheitsgründen in Saloniki niederließen und hier Geschäfte errichteten. Sie zogen natürlich ihre altangestammten Kunden in der Provinz an sich, fanden hier die nötige finanzielle Unterstützung und bemühten sich, den israelitischen Geschäften ihre Inlandskundschaft nach Kräften abzujagen. Damit war auch schon der Anlaß zur Agitation im Inlande selbst gegeben, die Griechen zu bestimmen, ihren Landsleuten beim Einkauf in Saloniki den Vorzug zu geben. Die Erleichterungen, welche die großen israelitischen Firmen ihrer Kundschaft boten, die langen Kredite usw. vermochten zwar nicht den gewünschten Erfolg in dem erträumten Umfange hervorzubringen, aber die Konkurrenz machte sich doch fühlbarer, und man konnte sie nicht mehr ignorieren. Die Abfangung der aus der Provinz eingetroffenen Händler begann bereits am Bahnhofe bei Ankunft des Zuges, die griechischen Kommissionäre hefteten sich an die Fersen derselben und boten alles auf, um sie den israelitischen Häusern abspenstig zu machen. Man ging weiter. Man umging die jüdischen Placier, - man vermied es, jüdische Angestellte zu nehmen, man traf Anstalten, um sich auch von den israelitischen Fuhrleuten und Lastträgern zu befreien. Die griechischen Kaufleute von Sorowitsch, eines sehr bedeutenden Umschlagplatzes an der Eisenbahn Saloniki—Monastir, von wo die Güter nach Kastoria und weiter verfrachtet werden, stell- Schuldner. Er hat noch nie bankerott gemacht. Er. zahlt treulich seine Zinsen und Zinseszinsen an Kinder und Kindeskinder. Eine Oelbaumplantage ist eine Assekuranz für Generationen, und besser früher denn später!“ — Als ich so zu den aus ihrer Lethargie Aufgestörten sprach, da wurde ich von ihnen als ein fremdländisches Gespenst angestarrt und fand durchaus kein Verständnis. Absolut kein Wunder! Jahrhunderte war ihnen unser Land identisch mit Kotei Maarabi, mit dem Grab des Rabi Meier Baal Hanes, und wie sollten sie sich nun vorstellen, daß in diesem Lande, rein kaufmännisch gesprochen, „viel zu holen“ sei? Es mußten zuerst großartige, augenfällige Erscheinungen sichtbar werden, bis sich die gesamte Judenheit zu einer besseren Kenntnis Palästinas durchdringen konnte. Und eine solche Erscheinung par excellence war die P.L.D.C. Damit ich es gleich klipp und klar sage: Das Neue in unserer Gesellschaft war, daß wir — zum Unterschiede von der I.C.A. vom Esra und anderen Kolonisationsgesellschaften — einfür allemal mit dem System der philantropischen, barmherzigen Kolonisation brachen, daß wir konsequent und unerbittlich die kaufmännische Kolonisation proten auf Veranlassung der Leiter der Bewegung die Bedingung, daß die in Saloniki gekauften Waren durch die griechischen Fuhrleute zur Bahn geschafft und dort durch Griechen in die Waggons verladen werden. Kurz, man ging schon recht weit, und so sahen sich auch die israelitischen Kaufleute veranlaßt, zu dieser Frage entschiedener Stellung zu nehmen, als dies bisher der Fall war. Man will, wo es angeht, mit Gegenmaßregeln antworten, die den griechischen Handel wiederum zu schädigen geeignet sind. Die Verträglichkeit der Juden mit den anderen Rassen ist jederzeit über allen Zweifel erhaben gewesen und deshalb muß man auch ihre Entrüstung über das Vorgehen der Griechen verstehen.“ Es verlautet, daß die angesehenen Juden Salonikis schon jetzt an der Errichtung eines eigenen Bankinstitutes arbeiten um sich wirtschaftlich zu ■ organisieren i und zu stärken. - Zu diesem-Zwecke wollen sie sich mit der Zionistischen Bank in London (Jüd. Kolonialbank) und mit der I. C. A. in Verbindung setzen. DieKuriefürdiebosnischen Juden. Reichsratsabgeordneter Dr. Heinrich Gabel übermittelt uns über den Stand dieser Angelegenheit folgende Mitteilung: „Es muß zunächst festgestellt werden, daß der „Jüdische Klub“ das erste Organ war, welches dieser Frage von allem Anfang an seine volle Aufmerksamkeit zuwandte. Schon im Dezember vorigen Jahres wurde im Jüdischem Klub, einer Anregung von seiten der bosnischen Juden zufolge, die Frage der Schaffung einer besonderen Kurie für die bosnischen Juden eingehend beraten. Auf Grund dieser Beratung hat der Obmann Dr. Straucher im Namen des Klubs beim Minister des Aeu ßeren Audienz genommen. Dr. Straucher forderte die Schaffung einer besonderen jüdischen Kurie für die bosnischen J. uden. Er verwies darauf, daß den bosnischen Juden schon im ersten türkischen Parlamente im Jahre 1876 zwei Mandate zugestanden wurden. Er verwies auch auf die Steuerkraft der bosnischen Juden. Baron' Aehrental gab die Erklärung ab, daß die Regierung den Grundsatz der Gleichberechtigung auch bezüglich der Juden anerkenne und verwies ihn weiters an den Baron Burian. Auf Grund dieser. Aeußerung und auf .Ersuchen des Dr. Schalom aus Sarajewo, welcher sich in dieser Frage an den jüdischen Klub gewendet hat, intervenierte Abg. Dr. Mahler bei dem Sektionschef des Reichsfinanzministeriums Dr. H o r o w i t z. Es ist zu bedauern, daß Dr. Mahler das Resultat dieser Audienz dem jüdischen Klub nicht mitgeteilt hat, sowie auch, daß er seine Abgeordnetenkollegen von seinen weiteren Schritten in dieser Sache nicht unterrichtet hat. Und in diesem Stadium setzte die Tätigkeit des Wiener Kultuspräsidenten Dr. Stern ein. klamierten. Mit anderen Worten: daß wir uns als Erwerbsgesellschaft konstituiert haben! Jüdisches Geld für palestinensische Kolonisation nicht als Almosen, auch nicht als Nationalsteuer, sondern alsKapitalsanlage für die Gebenden — das war das hauptsächlich Neue, das Umwälzende unserer Gesellschaft. Neu waren aber auch alle die Methoden, die wir anwandten. Zunächst haben wir im Vorhinein verzichtet, Kolonien zu „gründen“. Einer der Hauptfehler der früheren Kolonien war es, daß sie, gleich wie von einem höheren Willen heraus, willkürlich „Kolonien“, Dörfer und Städte gründen wollte. Natürlich schienen dafür Familien geeigneter als junge, ledige und arbeitstüchtige Männer, und was noch schlimmer war: in den allermeisten Fällen mußte man die Familien bis zur ersten Ernte „aushalten“ und so begann die Schnorrerei sich gleich heimisch zu machen. Die Frist bis zur ersten Ernte wurde gar oft vielfach ausgedehnt. Was Wunder, daß ein solches System mit großen Mitteln gar wenig erreichte? Wir räumten auch mit diesem System auf. Wir waren ja eine Development-, eine Entwicklungs-Gesellschaft! Entwickeln — nicht willkürlich und von oben herab Kolonien de-