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Jüdische Zeitung · 1909-03-12 · 11 (12.3.1909) · p. Seite 7

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
11 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr., 11 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 7 -der Spitze der Gesellschaft sich gerade U s s i s c h- •k i n, der unermüdliche Vorkämpfer dieser zionistischen Richtung, befindet. Die zionistische — und teilweise auch die allgemein-jüdische — Oeffentlichkeit in Rußland hatte deshalb ihre besondere Aufmerksamkeit dieser Versammlung zugewendet und sie freundlichst begrüßt. Die Bedeutung des Kongresses liegt aber noch in einem anderen Moment. Das öffentliche Leben -der Juden in Rußland ist jetzt ganz niedergedrückt. Nicht einmal eine kleine Zusammenkunft der legalsten Männer wird gestattet; nicht die farbloseste .zionistische Rede wird erlaubt. Ungeachtet der bekannten pompösen Canossafahrt Wolfsohns und der 'hiebei gemachten Versprechungen verhalten sich die Regierungsorgane nach wie vor höchst feindselig gegen den Zionismus und wie vorher werden •die Zionisten als „staatsgefährlich“ angesehen .. . Inzwischen aber ist die zionistische Stimmung unter den Massen mächtig gewachsen; es besteht ein förmlicher Durst nachdem lebendigen zionistischen Wort. In einer solchen Situation erscheint ein jüdischer Kongreß, wenn auch in. Form einer Generalversammlung der Odessaer Gesellschaft, als ein .ganz bedeutendes Ereignis von hoher Aktualität. Die Versammlung hat durchaus ihrer Bedeutung entsprochen. Sie gestaltete sich zu einer grandiosen Manifestation des zionistischen Gedankens und erregte •die Sympathien selbst der noch gleichgiltigen Elemente -im Judentum. Wiewohl die Redner durch die Anwesenheit von Geheimpolizisten befangen waren, wurde dennoch der nationale Charakter der Gesellschaft nachdrücklichst betont, was auf die neutralen -Zuhörer ebenso wie auf die aktiven Mitglieder selbst ungemein agitatorisch wirkte. Das Leitmotiv aller Verhandlungen war folgender Gedanke: Nachdem die geänderte Staatsordnung in der Türkei ein weites Feld für die reale Arbeit in Palästina eröffnet hat; nachdem sämtliche Charter-Pläne und Staats-Utopien durch die Ereignisse ad absurdum geführt wurden, so bleibt nichts übrig, als das alte System der Chowewe-Zion wieder -aufzufrischen und deren Arbeit wieder fortzusetzen. Wohl nicht ganz nach der alten Methode, denn ,.nk;hi .umsonst haben wir die,Herzl’sche Schule besucht. Auch ist unsere Erfahrung auf dem Kolonisationsgebiet um vieles reichhaltiger geworden und die türkische Verfassung selbst eröffnet uns viel ^größere Perspektiven als früher. Aber das alte Prinzip muß wieder aufleben. Und als Symbol jener alten Losung, als sollte ihre Wiederbelebung sozusagen schon äußerlich dokumentiert werden, erschien in der Versammlung, nach . langem Ausbleiben, der alte Moskauer Rabbiner Herr Mosch. Dieser berühmte Redner und einstmalige Pionier der ersten Chowewe-Zionismus- Periode war mit dem Auftauchen des politischen Kongreß-Zionismus aus den Reihen der Gesellschaft plötzlich verschwunden. Er war einer der Wenigen, •die sich von dem neuen Strome nicht fortreißen ließen und es vorgezogen haben, den neuen zionistischen Tendenzen auszuweichen, ihnen eher den Platz .zu räumen, als mit ihnen den Kampf aufzunehmen (wie beispielsweise Ussischkin und Genossen.) Jetzt ist wieder seine Zeit gekommen. Von den Kongreß-Zionisten (so sind sie heute zu nennen, nachdem der alte Unterschied zwischen „Politikern“ und „Praktikern“ fast ganz verwischt ist) waren nur wenige erschienen. Ausgenommen Ussischkin selbst und seiner zufällig in Odessa wohnenden Genossen, waren nur die Brüder G o 1 d - b e r g, T e m k i n, die Vertreter des „Rasswjet“ und einige andere zu sehen. Besonders auffallend war das Ausbleiben mit des Dr. Tschlenow, der sein Ausbleiben privaten Verhinderungen entschuldigte, was aber uns alle sehr peinlich berührt hat. Ussischkin selbst gab bezüglich seiner Beziehungen zur allgemeinen zionistischen Organisation der vollsten Loyalität Ausdruck und noch in: seiner Schlußrede betonte er ausdrücklich, daß er selbst und die von ihm geleitete Gesellschaft „voll ,und ganz die Autorität jener Versammlung anerkennen, die die Zionisten der ganzen Welt in1 sich vereinigt“, die oberste Parteiinstanz ist und deren untergeordnetes Organ blos die Odessaer Gesellschaft ist und sein muß .... Was die Verhandlungsgegenständebetrifft, gab es Meinungsverschiedenheiten' bloß in theoretischer Hinsicht. Die praktischen Vorschläge und Resolutionen wurden immer einstimmig angenommen. Im theoretischen Teile der Beratungen versuchten die Herren vom Zentralkomite U s s i s c hk i n wegen der Tendenz, alle Arbeit an sich zu reißen, unter Anklage zu. stellen. Die Wilnaer Gruppe warf ihm vor, daß er durch seine strenge Kritik die Position der Parteileitung schwächt und über sie eine Meinung ausstreut, als wäre sie total unfähig und den großen Aufgaben des Momentes nicht gewachsen. Die Beschlüsse des Kongresses waren folgende: Bezüglich des Bodenankaufes nahm die Versammlung eine Resolution an, nach der das Komitee verpflichtet wird, seine Aufmerksamkeit auf die hervortretende Privatinitiative Einzelner und ganzer Gruppen zu richten, welche, den Einkauf von Boden in Palästina anstreben, diese Initiative zu organisieren, ist die nächste Aufgabe des Komitees. Zur Förderung dieser Bewegung, wie auch zur zweckmäßigeren Verwirklichung derselben in Palästina selbst, ist ein Organ in Palästina zu schaffen, das dortselbst die nötigen Arbeiten verrichtet und den Privatpersonen oder Gruppen mit Rat beistehen soll. Ferner ist ein - ausgedehnter Agrarkredit von größter Aktualität. Diesen zu schaffen, empfiehlt die Versammlung dringendst Und beauftragt das Komitee, diesbezüglich sich mit den anderen schwesterlichen Institutionen verständigen. (Aus Polizeirücksichten durfte das A.-C. in Köln nicht ausdrücklich genannt werden und wurde deshalb immer durch das Pseudonym „andere Schwesterinstitutionen ersetzt“ . . .) In puncto „Arbeiterfrage“ wurde von der Versammlung das Prinzip aufgestellt, daß die Eroberung des palestinensischen Arbeitsmarktes, besonders aber die Feldarbeit für die jüdischen Arbeiter einen der wichtigsten Punkte unseres Programmes ist, "und wird das Komitee ganz besonders darauf verwiesen, daß es seine Pflicht ist, diesem Prinzipe Geltung zu verschaffen. Auf dem Gebiete des Informationswesens wurden die Maßnahmen des Komitees bis nun wohlwollend anerkannt und ihm empfohlen, auch weiterhin in diesem Sinne zu wirken und den Pionieren der palästinensischen Judenemigration den Weg zu erleichtern. Zum Schlüsse der Versammlungen kam endlich das Schulwesen in Palästina auf die Tagesordnung. Hier stießen zwei extreme Tendenzen aufeinander. Die eine wollte in Palästina vor allem eine Militärschule haben, und zwar in erster Reihe eine der Landwirtschaft angepaßte. Die andere hob die kollossale Bedeutung der nationalen Schule hervor und verlangte daher die besondere Pflege des nationalkulturellen Moments in der palästinensischen Schule. Nach einer langen, höchst interessanten und oft sehr erregten Debatte, wurde endlich eine Kompromißresolution angenommen, wonach der nationalkulturelle Charakter unserer Schulen in Palästina auch weiterhin gewahrt wird, nur wird dem Komitee die Pflicht auferlegt, in den Volksschulen je nach den lokalen Verhältnissen auch technische Abteilungen einzurichten, um dem Bedürfnis einer professionellen Ausbildung der Kinder gerecht zu werden. Ein Referat über Agitation und Propaganda wurde verlesen, aber wegen Zeitmangel die Diskussion darüber unterlassen und sodann schloß der Vorsitzende Herr Ussischkin, nach dreitägiger intensiver Arbeit und bei gehobener Stimmung der Anwesenden die Versammlung mit einer zündenden Rede, in welcher er des „Großen Zauberers aus derDonaustadt“ weihevoll gedachte und die er mit dem üblichen Ausrufe: „Leschono habooh bjeruscholajim“ beendete. Am nächsten Abend fand noch ein Bankett statt und am zweitnächsten — ein Kommers der nationalen Schriftsteller. Dieser verlief besonders herzlich und ließ bei seinen Teilnehmern die angenehmsten Erinnerungen zurück. In der Stadt selbst machte der Kongreß großen Eindruck und eine ansehnliche Steigerung der zionistischen Stimmung ist schon jetzt zu bemerken. Odessa, Ende Februar. 1909. . M. K1 e i n m a n n. Die Antwort an Dr. Ofner. Teplitz. Der Verein der freisinnigen Juden hatte, wie wir berichteten, eine Versammlung einberufen, in welcher Abg. Dr- Ofner über die Aufgaben der Juden sprach und im Verlauf seines Referates auch die Tendenzen des Zionimus berührte. Als Entgegnung hierauf wurde am 28. Februar unter dem Vorsitze des Herrn Ernst Bechert, im Kursalon eine Versammlung des Volksvereines „Zion“ abgehalten, in welcher sich der Abg. Docent Dr. Mahler mit dieser Frage befaßte. Mit Beifall begrüßt, ergriff Herr Dr. Mahler das Wort zu seiner Erwiderung. Redner verwies nach einem kurzen historischen Rückblick auf das Baseler Programm, wonach der Zionismus anstrebt, für die Juden eine öffentliche rechtliche Heimstätte zu schaffen. Dieses Bestreben habe jedoch einen gewaltigen Denkprozeß zur Voraussetzung. Erstens einmal die Anerkennung des Wertes der Nation und des Volkstums überhaupt und die Berechtigung des jüdischen Volkstums zur Existenz. Wer diese beiden Begriffe anerkennt, wird den Zionismus und die Konsequenz dieser beiden Tatsachen erkennen. Was zu existieren Wert hat, hat seine Basis im volkstümlichen, im nationalen Wesen. Das Judentum hat seinen Willen zu Leben, mehr noch seine Fähigkeit zum Leben oft dokumentiert und seinen Pflichten zum Dasein bewiesen. Im weiteren Verlaufe seiner Ausführungen befaßte sich Redner mit den Ausführungen Dr. Ofners. Es sei von diesem gesagt worden, der Zionismus sei eine gefährliche Theorie und kein Feind der Juden hätte eine gefährlichere ersinnen können, und wenn der Zionist sich selbst auf den Standpunkt stellt, ein Fremder zu sein, so habe er kein Recht auf dieselben staatsbürgerlichen Rechte wie die anderen Staatsbürger. Es sei dem Redner schwer gegen diese Unterschiebung ernstlich anzukämpfen Die Aufstellung der Behauptung, daß sich der Zionist als Fremder fühlt, sei eine Verleumdung nach oben und nach unten. Es müsse genügen, wenn man darauf hinweist, daß die Juden offen im Parlamente erklärt haben, in diesem Staate mitzuarbeiten und keiner Gewalt zu weichen. Die Juden sind treue Bürger dieses Staates. Wenn wir den hilfsbedürftigen Juden eine sichere Heimstätte schaffen, dann ist nich blos eine Pflicht der Juden, sondern auch eine Pflicht der Menschlichkeit erfüllt. Wer also dem Zionisten vorwirft, daß er sich als Fremder fühlt, der verleumdet dessen edelste Bestrebungen. Redner wendet sich dann gegen den Vorwurf, der Zionismus sei die Vorstufe zum Klerikalismus. Als der Zionismus ins Leben trat, entstand ihm als der heftigste Feind der jüdische Klerikalismus. Die schwärzesten Vertreter der jüdischen Klerikalismus liefern in ihrem Gehaben auch jetzt noch den besten Beweis. Dem Zionismus Klerikalismus vorzuwerfen, sei eine so ungeheuerliche Verdrehung der Tatsachen, daß es dem Redner schwer falle, an die bona fides zu glauben. Wenn behauptet wird, der Zionismus sei eine Folge des Antisemitismus, und dieser eine Folge des Klerikalismus, so müsse Redner diesem Grundsätze entschieden entgegentreten. Der Zionismus ist in seiner innersten Struktur losgelöst von jeder Reichspolitik. Wenn man die vier in das Abgeordnetenhaus entsendeten, dem jüdischen Klub angehörenden Abgeordneten als Zionisten bezeichnet, so müsse Redner bemerken, daß das ein Irrtum ist.*) Man hat uns vier Ab- *) Anmerkung d. Red.: Dieser Meinung kann man sich nicht anschließen. Sie steht im Gegensätze zu den Beschlüssen des letzten Krakauer Parteitages. Die galizischen Abgeordneten wurden gewählt,weilsieZionisten sind. Neben anderen obliegt ihnen die Hauptaufgabe, dem Zionismus im Parlamente eine Tribüne zu schaffen, von welcher er zur gesamten Oeffentlichkeit sprechen kann und von dieser gehört werden muß.

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