Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 denn auch das Plenum des Kassationshofes hat das Urteil gegen Dreyfus mifgerecht .gefunden. Das damals erzwungene Gesetz Blieb bis heute ln Kraft. Vorige Woche nun wurde auch dieses Andenken an die „Affäire“ beseitigt.. Die Odessaer Stadtverwaltung und ihre . jüdischen .Beamten. Odessa. Die Odessaer Stadtverwaltung, die sich durch ihren offen bekundeten Antisemitismus wiederholt „ausgezeichnet“ Hat, hat alle von ihr angestellten jüdischen Ärzte Und Beartiten entlassen, mit der Motivierung, daß das Departement für städtische Verwaltung im Ministerium des Innern in einem Zirkular erklärt habe. Juden dürften iti deh Stadtverwaltungen keine Ämter bekleiden; Der Mitarbeiter der „Ruß“ hat sieh an den Direktor des genannten Departements, Gerbei, mit der Anfrage gewandt, ob eine solche Erklärung seinerseits wirklich erfolgt sei. Gerbet erwiderte ihm darauf; daß er „schlecht verstanden“ wäre. Auf eihe diesbezügliche Anfrage des Generals Tolmatschew in Odessa habe er geantwortet, jüdische Ärzte Hätten wohl das Recht, in sämtlichen Anstalten der Stadtverwaltungen Stellen einzunehmen. Gegen die Anstellung von Juden in den städtischen Administrationen enthalte das Gesetz keinerlei Bestimmungen. Er wundere sich sehr über die eigenartige Auslegung seiner Erklärung seitens des Generals Tölmatsehew. Gerbel hat nun an diesen eine entsprechende „Interpretation“ seines Zirkulars geschickt. Charakteristisch dabei ist auch, daß der Departements-Direktor erst infolge der direkten Anfrage eines Zeitungsmitarbeiters die Sache richtig stellte, obgleich die Maßnahme des Odessaer Magistrats durch die Presse allgemein bekannt worden war und auch ihm nicht verborgen geblieben sein konnte. * * * Die Sonntagsruhe in der Duma- Kommission. Petersburg. Die Duma-Kommission für Arbeiter- und Angestelltenangelegenheiten hat sich vor kurzem mit der Ruhetagsfrage eingehend befaßt. Das von der Regierung vorgelegte Gesetzesprojekt bestimmt eine Maximalarbeitszeit von fünf Stunden am Sonntag für alle öffentlichen Geschäftshäuser, überläßt aber den Lokalverwaltungen die Gewährung der Erlaubnis für die einzelnen Orte innerhalb dieser Frist. Die extreme Rechte möchte nun am liebsten das Offenhalten von Geschäften an Sonntagen gänzlich verbieten, um dadurch die am Sabbath ruhenden Juden zu schädigen; anderseits will sie aber den ihr auch nicht gerade sympathischen Arbeitern und Angestellten keine 24stündige Ruhepause gewähren. Sie akzeptierte daher gern den Regierungsvorschlag in der begründeten Erwartung, daß* die örtlichen Administrationen es schon „richtig“ machen werden: im jüdischen Rayon werden sie die strenge Sonntagsruhe durchführen und in den anderen Gouvernements die fünfstündige Arbeitszeit am Sonntag festsetzen. Die Oktobristen sind in der Frage nicht einig. Die Opposition, zu der auch die Mohammedaner und der jüdische Abgeordnete gehören, fordert mit aller Entschiedenheit, daß es den Nichtrussen gestattet sei, ihren religiösen Ruhetag, und nur diesen, einzuhalten. Ein Vorschlag, daß dies nur in bezug auf die Mohammedaner bestimmt werde, wurde von diesen zurückgewiesen; sie forderte das gleiche Recht auch für die änderen nichtrussischen Völker. Die Angelegenheit befindet sich noch im Beratungsstadium. Die Entscheidung für die Juden hängt zum großen Teil davon ab, ob die mohammedanischen Abgeordneten nicht schließlich doch „Umfallen“ werden. * * * Neue antisemitische Organisation. Petersbnrg. In Petersburg wird jetzt eine neue judenfeindliche Organisation gebildet. Ihre Gründer sind': Purischkewitsch, Markow, Dr. Dubrowita, der Herausgeber der „Nowoje Wremja“, Suworin und MensChiköw — alles bewährte Helden des „echten Russentums“. Der neue Verband soll däs russische Volk vor der „jüdischen Exploitation“ schützen, gegen die jüdische Presse kämpfen und Mittel zur Beförderung der Juden nach Palästina suchen ... Gegen die Religionsfreiheit^ Petersburg. Die Hauptverwaltung des Russischen Vblksvereiiies Hat an den heiligen Synod die Eingabe gerichtet mit dem Ersuchen, den Zaren um Abschaffung des Manifestes wegen Religionsfreiheit Zu bitten. Diese Glaubenshirten zeigen sich damit sehr weitschauend und vorsorglich für die Zukunft; denn bis jetzt ist jenes Manifest, wenigstens was die Juden anbetrifft, auf die es ihnen ja vor allem ankommtj noch gar nicht verwirklicht worden. Das Oktobermanifest überhaupt ist schon so weit überwunden, daß die Verwaltung einer Provinzstadt es für nötig und patriotisch gehalten hat, einige bei ihr verbliebene Exemplare - dieses Manifestes als „illegale Schriften“ zu vernichten. * * * Protest gegen den Dumapräsidenten. Petersburg. Fünfzig Abgeordnete der Reichsduma haben dem Präsidenten ChomjakoW folgenden Protest überreicht: „In der Abendsitzung vom 3. März (18. Februar) 1909 haben mehrere Redner verschiedentlich das Schimpfwort „Jid“ (,Jüdchen‘‘) gebraucht. Der Präsident hat es kein einzigesmal für hötig befunden, die Redner deshalb zur Ordnung zu rufen. Wir sind der Meinung, daß dieses Verhalten des Präsidenten unrichtig ist und ersuchen den Präsidenten, die Redner zu ermahnen; in Zukunft solche Redensarten zu unterlassen.“ Bei der bekannten Geistesverfassung des Herrn Chomjakow ist freilich kaum anzunehmen, daß er diesem Protest irgendwelche Folge geben wird. Von einem Präsidenten, der selbst kürzlich äußerte, daß er froh wäre, wenn er eines Morgens beim Erwachen in Rußland keine Juden mehr fände, kann man kaum viel erwarten. * * * Moses auf der Buhne. Helsingfors. Aus eigenartigen Gründen hat Moses, der Gesetzgeber des jüdischen Volkes, dieser Tage hier die Bühne betreten müssen. Ein antisemitischer Autor holte nämlich zu einem „großen Schlag“, gegen die „Bibelverherrlichung“ aus. Er verfaßte ein Theaterstück „Moses“, das diesen biblischen Heros als einen gemeinen, falschen Charakter darstellt. Das Stück ist aber bei seiner Aufführung in einem hiesigen Theater glänzend durchgefallen. Auch die Presse überschüttet den „Dichter“ mit bitterstem Hohn und Spott. Es scheint also, daß — trotz allem — auch in Finnland die Kunst und die Kritik bereits ganz „verjudet“ sind. * * * Interview mit dem jüdischen Abgeordneten Nissim Mazliach. Konstantinopel. Der Vertreter eines jüdischen Blattes hatte dieser Tage hier eine Unterredung mit dem jüdischen Abgeordneten Nissim Mazliach Effendi, der trotz seines jugendlichen Alters in jungtürkischen Kreisen sehr populär ist und bekanntlich zum Sekretär des Parlaments gewählt wurde. Der Korrespondent stellte ihm die Frage, welche Beziehungen zwischen den vier jüdischen Abgeordneten bestehen und ob die jüdischen Abgeordneten miteinander im Einverständnis handeln würden, wenn im Parlament einmal jüdische Fragen zur Sprache kommen würden. — Mazliach erwiderte, daß die jüdischen Abgeordneten in jeder Frage, die die Juden betrifft, sich zusammenschließen werden. Könne doch niemand die jüdischen Interessen besser vertreten als die jüdischen Abgeordneten selbst. Gegenwärtig, so sagte der Abgeordnete, ist zwar keine Eventualität vorauszusehen, die eine Verteidigung spezieller jüdischer Interessen notwendig machen könnte, aber in jedem Falle können die Juden sicher sein, daß ihre Abgeordneten zur Wahrung jüdischer Interessen stets mit allen anderen Mitgliedern der juhgtürkischen Partei zusammenstehen werden. Interessant ist aus dieser Unterredung auch die Meinung des Abgeordneten über die Kolonisation von Juden in der Türkei im allgemeinen und besonders in Palästina. Mazliach Effendi hält die Einwanderung von Juden sei«- vorteilhaft und für die Türkei durchaus wünschenswert. Er meint, däß die Juden sich nicht nur in Palästina, sondern auch ih anderen Teilen der Türkei ansiedetn sollten, wie zum Beispiel in Kleinäsien, Wo viel freies Land vorhahdeh ist und wo sich den Juden für ihr Kapital und für ihre Arbeit eine aussichtsreiche Verwendung bietet. Palästina soll nach seiner Meinung nicht so sehr ein territoriales wie ein geistiges Zentrum des jüdischen Volkes sein, das seinen Einfluß auf die ganze Judenheit ausLben wird. Mazliach ist auch ein warmer Freund der hebräischen Sprache, deren Einführung in die Schulen und Kindergärten Palästinas er sehr begrüßt und befürwortet. Der Liebe Macht. Josef Anton Warzenberger war Akzessist beim Wiener Wahlkataster, Er bezog ein schönes Honorar Und vermied trotzdem jedwedes Laster- Sein Verhalten war in Lust und Leben Kaisertreu, solid und gottergeben. Eines schönen Tages nun geschah Die Begebenheit, die oft zitierte, Daß Herr Josef W. ein Mädchen sah, Welches seine Seele imprägnierte, Und die Funken tiefster Brunst entflammten In der Brust des Magistratsbeamten. Allerdings mußt er im Liebesmai Eine bitterböse Kunde hören, Nämlich, daß sein Mädchen Jüdin sei, Doch bereit, den Glauben abzuschwören, Denn dem Weibe, das bedrängt vom Dalles, Geht die Herzensneigung über alles. Doch die Liebe soll ein Wechsel sein, Zahl- und klagbar binnen einem Jahre — Ach! Das sahen auch die beiden ein Und betrauerten das Wunderbare, Und das Mädchen hat nach 30 Wochen Sehr präzis vom Heiraten gesprochen. Doch da ward dem schlauen Knaben schwül, (Denn so Sachen hören sich abstrus an) Und das wahre christliche Gefühl Keimte jählings auf in seinem Bus an; Nach und nach war ihm die Lust entwichen Ein Hebräerweib zu ehelichen. Die vermehrte Maid war unterdes In der Kirche Schoß hineingetreten, Und Herrn Kärrner, früher Karpeles, Hatte sie zu Paten sich erbeten, Denn er war ein Freiheitlichgesinnter Und erwärmt’ am Ofner sich im Winter. Josef Warzenberger — Gott sei Dank! — Fand jedoch diverse Abschiedsgründe, Und er traf ein anderes Arranschmang In bezug der Frucht der Jugendsünde — Denn der Karriere kann’s nur nützen, Läßt man auch getauftdieJüdin sitzen! Beda. Brief aus Galizien. Von unserem Korrespondenten. Die zionistischen Abgeordneten und der Polenklub. Die polnischen Blätter in Galizien und allen voran die Lemberger „Gazetta Narodova“ brächten in den letzten Tagen aus Wien die Nachricht, daß die Mitglieder des jüdischen Klubs geneigt wären, dem Polenklub beizntreten. Nur der Abgeordnete Dr. Gabel sei Gegner dieses Planes. Da einige Wochen vorher auch in dem Krakauer Blatte „GIosNarodn“ diese Frage aufgeworfen wurde, sah sich die politische Exekutive der zionistischen Partei in Galizien veranlaßt, ein Communique herauszugeben, das feststellt, daß diese Gerüchte falsch sind. * . * Die Organisation der österreichischen Kultusgemeinden flftd die Lemberger Moschkofuhrer. Sie ist Gegenstand der aktuellsten Frage in Galizien. Die Herren H o r o w i t z, S c h a f f, T i I-