Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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i £!! i I | i! Sk rjc S Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 11 Gegensatz 'zu der Tendenz, "die in dieser "Erzählung 1 zum Ausdruck kommt, heißt es dann wieder, der den Knaben festgenommen hat, sei ein getaufterjude, darum habe er den wirklichen Täter laufen lassen und den Unschuldsknaben Skala verhaftet. Die Aerzte hätten sich bei der Sektion nicht einigen können, ob eine Vergewaltigung der Novak vorliege. Der jüdische Arzt Dr. Kraus habe seine Kollegen beeinflußt, ein unrichtiges Gutachten abzugeben. Die kleine Bozena S m u t n y habe man nur darum ins Krankenhaus geschafft, um sie dort zu Tode zu quälen, damit sie nicht aussagen könne, wer den Schnitt geführt habe. — Wer diese schönen Gerüchte in Umlauf setzt, kann man, wie gewöhnlich nicht eruieren. So lächerlich all diese Märchen klingen, können sie für die Juden der Gegend eine Katastrophe herbeiführen. * * * 5000 Christen zum Judentume ubergetreten. Wien. Ueber „Gerim“ im Kaukasus berichtet der christliche Missionär W. F a b e r in den Schilderungen seiner Weltreise: .Auf der Fahrt von Tif- 1 i s nach Eriwan kam ich nach 20stündiger Reise auf einem kleinen russischen Postwagen an den Gotschkasee. Unmittelbar an diesem See liegt H e 1 e n o w k a, das merkwürdigste Judendorf der Welt Alle Juden, die hier wohnen, warenfrüher Christen. Sie haben ganz das Aussehen von russischen Bauern. Ihre Vorfahren gehörten zur russischen'Sekte der sogenannten „Sobotinski“, das heißt Sabbathleute, welche glauben, daß die Christenheit einen Fehler begangen habe, indem sie den Sonntag feiert, anstatt des Sabbathes der Juden. Vor zirka 60 Jahren wurden alle Anhänger dieser Gemeinde aus dem Inneren Rußlands an die persische Grenze verbannt und ihnen bei Todesstrafe verboten, in das Innere Rußlands zurückzukehren. Sie sind fleißige, tüchtige Bauern, durch deren Arbeit blühende Dörfer mitten unter den faulen Tartaren und Persern erwuchsen. Ganz ohne Zusammenhang mit irgendeiner der christlichen Kirchen schwanden bei ihnen mehr und mehr die Einflüsse des Christentums. Vor 25 Jahren sind die Leute vollständig zum Judentume übergegangen. Sie gebrauchen bei ihrem Gottesdienste nur jüdische Gebetbücher und halten auf das strengste alle jüdischen Feiertage. Ohne daß man in Europa näheres gehört hätte, sind in den letzten 25 Jahren über 5000 Christen Juden geworden. Seit der letzten russischen Volkszählung sind sie auch staatlich als Juden anerkannt worden. — * * * Mauschelweiber. Tarnopol. (Orig. Korr.) Zwei israelitische, der „noblen“ Gesellschaft angehörende „Damen“, deren Männer akademisch graduiert sind, gingen vorige Woche, mit einem Sammelbogen ausgerüstet, von Haus zu Haus und baten mit bewegter Stimme um milde Gaben. Auf den Sammelbogen war der Zweck der Sammlung nicht angegeben und viele Juden trugen, mit Rücksicht auf die soziale Stellung der „mitleidsvollen“ "Sammlerinnen, ihr Scherflein bei. Ein Angepumpter hatte genug. Verstand, um nach dem Zwecke der Sammlung" zu fragen und erhielt zur Antwort: „Für das „lebende“ Denkmal.des Grafen Andreas'Pot.ocki.“ Das heißt: für ein polnisches Schülerheim, dessen Gründung von dem äntisemitisch-ailpolnisehen „Slowo polskie“ angeregt wurde. Bis jetzt ist kein Pole auf den Gedanken gekommen, für diesen Zweck von Haus zu Haus zu betteln. Erst den zwei jüdischen „Damen“, die dies Ansinnen, für ein jüdisches Schülerheim zu sammeln, mit Entrüstung zurückweisen würden, war es Vorbehalten, bei den armen galizischen Juden durch Verschweigen des antisemitischen Zweckes Geld herauszulocken. Solch schamloser Handlungsweise'sind wirklich nur Assimilantenweiber fähig. *i. * * Entführung ins Kloster. Krakau. In einem hiesigen Kloster befindet sich jetzt die vor drei Monaten entführte 15jährige Tochter des Samuel Stern aus D e d z i n (Russ.- Polen). Der unglückliche Vater verließ damals seine Geschäfte und begab sich auf die Suche nach seiner Tochter. Er erfuhr anch, daß sie in einem Kloster in Czenstochau interniert worden sei und fuhr zunächst dorthin. Man erhielt dort aber Kenntnis von seinem bevorstehenden Eintreffen, und schickte seine Tochter nach Krakau. Herr Stern kam daraufhin hierher, wo er auch die Erlaubnis erhielt, mit seiner Tochter in Anwesenheit eines Geistlichen zu sprechen. Das Mädchen behauptete, die Juden seien „Zauberer“ und würden sie umbringen, wenn sie ihnen in die Hände fiele. Als ihr Vater sie über ihren Irrtum aufklären wollte, erklärte der anwesende Geistliche, die Zusammenkunft sei zu Ende. Der Vater will natürlich alle gesetzlichen Mittel anwenden, um seine Tochter zu retten. Die alleinseligmachende Kirche muß es doch sehr nötig haben, wenn sie auf solche Weise Seelen fängt! * * * Ein skandalöser Vorfall. Esseg. Die „Drau“ meldet von einem skandallösen Vorfälle, der glücklicherweise als Seltenheit betrachtet werden darf: In M o n o r hätte Mittwoch nachmittags ein jüdisches Mädchen namens Gisela L. beerdigt werden sollen. Der Rabbiner Michael Kahn, der zum Leichenbegängnis erschienen war, verlangte vor Beginn der Zeremonie sein Honorar. Seine Taxe beträgt 10 Kronen, er begehrte jedoch das Fünffache und drohte gleichzeitig mit dem Streik, falls ihm das Geld nicht sofort auf die Hand gezählt werden sollte. Das Vorgehen des Rabbiners rief unter den Trauergästen große Entrüstung hervor. Der Bruder der Verstorbenen, Dr. Adolf L., der in einem oberungarischen Komitate die Stelle eines Komitatsfiskals bekleidet, erklärte nun, die Familie reflektiere unter solchen Umständen nicht auf die Dienste Sr. Ehrwürden; gleichzeitig übergab er einem der anwesenden Funktionäre der „Chewra Kadischa“ als Ablösung des rituellen Leichenbegängnisses 20 Kronen. Das Begräbnis fand dann auch ohne den Rabbiner statt. Die Führer der isr. Religionsgemeinde traten nach dem Begräbnis zu einer Besprechung zusammen, in welcher das Vorgehen des Rabbiners scharf gerügt wurde. * * * Jüdische Athletik. Budapest. (Oiig.-Bericht). Die jüdischen Turnvereine mehren sich hier erfreulicher Weise und zeugen dafür, daß neben der geistigen, nunmehr auch die körperliche Entwicklung unserer Jugend stetig fortschreiet. Die Sportblätter in Budapest berichten wiederholt über glänzende Erfolge, welche der jüdische Fecht- und Turnverein (Vivo es Athletikai klub) im Fußballspiele erringt. Die allgemeine Budapester Football-Verbindung hat 1908—1909 einen Zyklus von Turnieren veranstaltet, und bei allen bisher ausgetragenen Wettspielen hat der erst seit 1907 bestehende „Zionistische Fußballverein“ a 11e g 1 eicha 11rigcn Rivalen glänzend besiegt und den Rekord aller drittklassigen Vereine von Budapest geschlagen. Zu bemerken ist noch, daß es diesem strebsamen jüdischen Verein nie gelungen ist, von offizieller Seite irgendwelche Hilfe zu erlangen und er seinen Unterhalt seit dem Bestände aus Beiträgen bestreiten mußte, welche sich die Mitglieder, meist arme jüdische Studenten, förmlich vom Munde absparten. _ Er wäre sehr wünschenswert und von hoher Bedeutung, wenn diese sportliche Betätigung der Budapester jüdischen Studenten in Wien Nachahmung fände. — In wenigen Wochen wird der Budapester Zionistische Fußballklub nach Wien kommen um sich dort mit deutschen Spielern zu messen. * * Jüdische Einwanderung in New York im Jänner 1909. Berlin. Laut Mitteilung der „Alliance Israelite“ sind im Monat Jänner 3310 jüdische Einwanderer in New York gegen 4889 im Jänner 1908 gelandet. Es kamen aus Rußland 2235, aus Österreich 581, aus Ungarn 299, aus Rumänien 133, aus Deutschland 12, England 25 etc. Von den Neueingewanderten blieben 2417 in New York, während 893 sich nach anderen Plätzen der Vereinigten Staaten begaben. * * * Ein Andenken an die Affäre „Dreyfus“. Paris. Dieser Tage wurde in Frankreich der letzte Rest jener Ungerechtigkeiten aus der Welt geschafft, welche die Reaktionäre zur Zeit des Dreyfus-Prozesses zum Gesetze erhoben hatten. Bis zum Prozeß Dreyfus konnte die Kassation dem Dreyfusfalle ähnlicher Prozesse von der Kriminalsektion des Kassationshofes allein ausgesprochen werden. Da aber die Antidreyfusards wußten, daß die Mitglieder dieser Sektion von den antisemitischen Hetzen vollständig unabhängig urteilen würden, setzten sie im Jahre 1899 ein Spezialgesetz durch, wonach angefochtene Urteile dieses Genres nur vom Plenum des Kassationshofes aufgehoben werden können. Das Gesetz wurde geschaffen, genützt hat es den Dreyfusgegnern allerdings nichts, Allerlei. Von den kaukasischen Bergjuden. In Kuba, Gouvernement Baku, befindet sich etwa die Hälfte aller Bergjuden ganz Kaukasiens: ungefähr 15.000 Seelen. Sie sind streng religiös und sehr fanatisch und tragen die altmodische jüdische Tracht. Sie wohnen in einem besonderen Stadtviertel, einer Art Ghetto. Es befinden sich unter ihnen sehr reiche Leute, doch ist die große Menge in schrecklicher Armut An einem Mittelstand fehlt es unter ihnen fast gänzlich. Fast alle kubanischen Juden verstehen gut hebräisch, wenn auch die neuhebräische Literatur bei ihnen keinen Eingang gefunden hat. Von modernen Anschauungen wollen sie nichts wissen und verschreien solche als „Epikuräertum“. Das Erziehungswesen befindet sich bei ihnen in einem trostlosen Zustand. Einige moderne Lehrer, die sich unter ihnen zu betätigen suchten, konnten ihren Fanatismus nicht ertragen und mußten ihre Wirkungsstätte verlassen. Der patriarchalische Zug der Kubaner Bergjuden zeigt sich besonders am Sabbath, der für sie ein vollständiger Ruhetag ist Bemerkenswert ist, daß an Sonnabenden diejuden beiderlei Geschlechtes außerhalb der Stadt Tanzbelustigungen aufsuchen (wie im altjüdischen Staate nach einer Talmuderzählung am 15. Abh und am Jom Kippur) und in zwangloser Gemeinschaft sich amüsieren. Bei diesen Gelegenheiten werden die meisten Liebes- und Ehebündnisse geschlossen. Die sonst so strengen Eltern , haben gegen diese traditionellen Veranstaltungen nichts einzuwenden. Selbstmord bei den Juden. Bekanntlich stellen die Juden in den westlichen Ländern ein unverhältnismäßig hohes Kontigent an Selbstmördern. Es ist kaum zweifelhaft, daß dieser Umstand nicht zum wenigsten auf den seelischen Zwiespalt zurückzuführen ist, den die Halbheit seiner politischen und gesellschaftlichen Stellung häufig in dem jungen Westjuden hervorruft. Eine neuerdings erschienene Statistik beweist nicht nur, .daß diese für die Juden so ungünstigen Ziffern für einen Vergleich der Gesamtjudenheit mit den Andersgläubigen keine Geltung haben, sondern daß — wahrscheinlich infolge der strengen Vorschriften des jüdischen Gesetzes, die den Selbstmord verpönen und des innigen jüdischen Familienlebens — die Juden in der Selbstmordstatistik beiweitem am günstigsten abschneiden. Auf eine Million Juden entfallen nur 25—30 Selbstmörder, in römisch-katholischen Ländern 58 und in protestantischen Ländern 190 Selbstmörder auf eine Million Einwohner. Die Stammpflanze des Weizens. Die viel umstrittene Frage nach der Herkunft des Kulturweizens, beziehungsweise nach der Beschaffenheit der Stammpflanze desselben, bildete den Gegenstand eines Vertrages, den Gesinnungsgenosse Herr A. Aaronsohn aus Haifa in Palästina am 19. d. in der k. k. Zoologisch-botanischen Gesellschaft in Wien hielt. Dem Vortragenden war es geglückt, eine der zweifellosen Stammpflanzen des Kulturweizens wildwachsend in der Nähe von S a f e d und am H e r m o n aufzufinden, beziehungsweise wiederzufinden, da schon vor vielen Jahren der österreichische Botaniker Kotschy dieselbe Pflanze entdeckt hatte. In dem Vortrage erläuterte Herr Aaronsohn das große Interesse, welches der Feststellung der Stammpflanzen des Weizens in botanischer und kulturhistorischer Hinsicht zukommt, und die große Tragweite, welche die Entdeckung für die Züchtung neuer Kulturrassen erlangen kann. Herr Aaronsohn hat schon vor zwei Jahren eine größere Menge von Früchten der gefundenen Pflanze an die landwirtschaftliche Hochschule in Bonn-Poppelsdorf gesendet, wo im vergangenen Jahre reiches Saatgut eingeerntet wurde; er beabsichtigt selbst, die Frage der Verwendbarkeit der Pflanze für die landwirtschaftliche Züchtung zu verfolgen. Der Vortrag und die vom Redner demonstrierten Objekte erregten das größte Interesse und den wohlverdienten Beifall der Versammlung. _