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Jüdische Zeitung · 1909-03-12 · 11 (12.3.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
11 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 die Angelegenheit von diesem Gesichtspunkte aus zu verfolgen. Wir Juden sprechen als die in ihrem guten Rechte, in dem Rechte ihrer studierenden Jugend Verletzten. Als solche wenden wir uns zunächst an die akademischen Behörden, an das Professorenkollegium, welches berufen ist, alle Hörer zu schützen. Die Professoren dürfen nicht länger die förmliche Prätorianerwirtschaft der Deutschnationalen an der Wiener Aula dulden. Wenn sie noch weiterhin nach dieser Pfeife tanzen, aus Furcht vor tumultösen Szenen der „goldenen“ deutschen Jugend unbedingt zu Willen sein werden, verscherzen sie sich die Liebe und Achtung ihrer nichtdeutschen Hörer, weil sie mit ihrer akademischen Würde die Exzesse eines brutalen Chauvinismus decken. Sie sind die letzten, die im Banne parteipolitischer Schlagworte handeln dürfen. Die Wiener Universität ist keine nationale, sondern eine Reichsuniversität. Sie ist von den Steuergeldern aller Oesterreicher erhalten, sie wird von der Jugend aller österreichischen Nationen, die keine eigenen Hochschulen haben, frequentiert. Ihre Hörer sind nicht bei den Deutschen zu Gaste, sondern sitzen im eigenen Heime, am eigenen Tische. Ein Mahnruf ist weiters an die jüdische Bürgerschaft zu richten, die dem Kampfe der jüdischen akademischen Jugend nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkt, ihn teilnamslos mitansieht, ln Toasten und Festreden die „Jünger der Wissenschaft“ verherrlichen, die „geistige Blüte des Volkes“ anzustrudeln, die „tiefgefühltesten Sympathien“ auszudrücken, die Töchter auf jüdische Studentenbälle zu schicken u. dglm., heißt noch lange nicht, die jüdische Studentenschaft unterstützen. Der jüdische Bürger muß in seinem gesellschaftlichen und politischen Verhalten bestrebt sein, die Zwecke seiner Studentenschaft zu fördern. Er darf keine politische Richtung unterstützen, welche der jüdischen Studentenschaft feind ist. Der jüdische Vater in der Provinz gibt den deutschnationalen Abgeordneten seine Stimme und derselbe Abgeordnete hetzt in Wien gegen den Sohn; der Vater fördert eine Politik, deren Vertreter den Sohn aus der Aula vertreiben, vom Freitische fortjagen, ja aus dem Krankenbette reißen wollen. Der jüdische Vater unterstützt gedankenlos Institutionen, deren Zwecke sich gegen die jüdische Jugend richten, den deutschen Schulverein, dessen Vertreter für den Antrag Schmied stimmen, die Mensa in Wien, deren Kuratorium erst jüngst dem antisemitischen Freitischvereine tausend Kronen aus Judengeldern bewilligt hat. Und es ließen sich noch Hunderte von Fällen anführen, welche krasse Illustrationen der Pflichtvergessenheit jüdischer Väter darstellen. Der jüdische Bürger hat an der unseren studierenden Jugend viel verbrochen. Es ist hoch an der Zeit, daß er sich seiner Pflicht besinnt. Streiflichter aus der Bukowina. (Original-Korrespondenz der „Jüdischen Zeitung“.) Die letzten im Monate Februar durchgeführten Ergänzungswahlen für den Gemeinderat der Landeshauptstadt Czernowitz wurden unter in der Bukowina und speziell in Czernowitz ungewöhnlichen Verhältnissen und Erscheinungen durchgeführt. Zum ersten Male trat eine organisierte antisemitische Partei auf den Plan, welche mit den verwerflichsten und brutalsten Mitteln agitiert und gekämpft hat. Das Gros dieser Partei besteht aus den Rumänen und aus einem Teil der deutschen christlich-sozialen Antisemiten und — ebenso charakteristisch als traurig — aus den kleinen Beamten. Überhaupt macht sich der sogenannte Beamtenantisemitismus in Czernowitz und in der Bukowina höchst unangenehm und peinlich fühlbar, namentlich der Antisemitismus der Beamten in den Steuer- und Finanzämtern, aber auch speziell im Süden des Landes, in den Wahlbezirken des Herrn Grafen Bellegarde und Aurel von O n c i u 1. Suczawa scheint den Mittelpunkt der neuen Bewegung zu bilden. Schon die nächste Zeit dürfte manches ans Tageslicht bringen, was auf die Justiz und manche richterliche Personen im Süden der Bukowina ein eigentümliches Licht wirft. Die antisemitische christlichsoziale Partei in der Bukowina und speziell in Czernowitz wurde von dem politischen Chamäleon Josef Wiedmann, dem pensionierten Magistratsdirektor und Regierungsrat, geschaffen. Dieser Mann, der erst bei den letzten Reichsratswahlen, da er noch ein politisches Mandat zu ergattern hoffte, die von Wien nach der Bukowina entsendeten antisemitischen Apostel, die Abgeordneten Dr. Geßmann und Axmann und die ganze christlichsoziale Bewegung auf das heftigste bekämpfte — ist, nachdem er vom Gegenkandidaten, dem nunmehrigen Abgeordneten Anton Keschmann besiegt worden war, schmählich in das antisemitische Lager eingeschwenkt. Mit den verwerflichsten und schändlichsten Waffen kämpft die antisemitische Clique von Czernowitz mit ihrem Parteihäuptling Josef Wiedmann und dem schändlichen Parteiblatt „Bukowinaer Volksblatt“ gegen die Juden und alles, was nicht antisemitisch ist. In allen Versammlungen wird die politische Entrechtung und Vernichtung der Juden, ja direkt Mord und Totschlag, gepredigt, ohne daß die berufenen Behörden eingreifen würden. In diesem Milieu gingen nun die letzten Gemeinderatswahlen in Czernowitz vor sich. Der gut und stramm organisierten jüdischnationalen Partei unter Führung Dr. Strauchers gelang es, mit der jungruthenischen Partei, den gemäßigten freiheitlichen Deutschen und einem Teile der Polen eine Koalition zu bilden und gemeinsame Kandidaten aufzustellen, welche alle nach erbittertem, schweren Wahlkampfe siegreich aus der Wahl hervorgegangen sind. Der Gemeinderat von Czernowitz, der aus 50 Mitgliedern besteht, zählt nun 18 Juden, die in einem eigenen jüdischen Klub vereinigt sind, gesinnungstüchtige und fähige Elemente. Zu den bisherigen jüdischen Gemeinderäten, Abgeordneter Dr. Strau eher, Abgeordneter Wilhelm Tittinger, Stadtrat A. M. B r u n n s t e i n, Hausbesitzer Gerschon 0 e 1 g i e ß e r, Zahntechniker Elias Kampetmacher, Bankdirektor Jakob Kindler, Prokurist Adolf Harth, Kaufmann Elias Wender und Großindustrieller Hersch Trichter sind nun folgende neun neue jüdische Gemeinderäte gewählt worden: Vizebürgermeister Dr. Salo W e i s s e 1berger, Inspektor Dr. Neumann Wender, Stadtbaumeister Julius Bochner, Apotheker Philipp Töllenbaum, Advokatenkammer-Präsident Dr. Heinrich K i e sler, Zentralinspektor Emauel Krasa, Kultusrat Bernhard F1 e m m i g e r, Bankier Karl B i 1 g r e y und Advokat Dr. Leo K i e sler. Die meisten dieser Gemeinderäte gehören der jüdischnationalen Partei an, sind im Kampfe für die jüdische Sache wohlbewährte Männer, mit hervorragenden Kenntnissen ausgestattet und erfreuen sich allgemeiner Achtung. Besonders einzuschätzen ist die harte schwere Arbeit, welche bei der Organisation der jüdischen Partei, dem Abschlüsse der Wahlbündnisse mit den anderen Parteien und der gesamten Durchführung der Wahlagitation Abgeordneter Dr. Straucher geleistet hat. Es war aber ein erfreuliches Zeichen, daß die gesamte jüdische Partei bis auf einige wenigeStreber und Abfalljuden gut diszipliniert im Wahlkampfe dastand und geschlossen für die aufgestellte Liste stimmte. Als ein Beweis hiefür mag die Tatsache dienen, daß von den 442 jüdischen Wahlberechtigten im zweiten Wahlkörper nicht weniger als 426 zur Wahlurne schritten und von diesen mehr als 380 einmütig und geschlossen für die von der jüdischen Parteileitung aufgestellten Koalitionsliste gestimmt haben. Aus dem jüdischen Leben. Ritualmordgerüchte. Prag. Die Ritualmordgerüchte bezüglich der Radeschowitzer Mordtaten werden von Tag zu Tag phantastischer und verbreiten sich. Man erzählt in der Umgebung des Tatortes die unglaublichsten Dinge, die aber bei der Bevölkerung Glauben finden. So verlautet, daß der Vater Skalas, des 13 jährigen Mörders, jüdischer Abstammung sei und früher Feldmann(l) geheißen habe. Im Tabelle des Besitzstandes der Kolonie „Petach Tikwah“ samt „Katar Sabah“. Orangen Mandeln Weingärten | Oliven i Brachliegender Boden Gebäude und Plätze Inventar Lebendiges Totes Gern. Besitz Zahl der Dunanis | Bestandzeit Jahre | Wert 1 Dunanis in Frcs. 1 Gesamtwert j Zahl der Dunams j 1 | Bestandzeit Jahre | Wert 1 Dunanis Oesamtwert Zahl der Dunams | Bcstandzeit j Wert 1 Dunams Gesamtwert Zahl der Dunams Bestandzelt Wert 1 Dunams Gesamtwert o ■o o £3 C V t£ c eS o Plantationsboden Qetrcideboden n o o ca w Qi -o s es Cfl Wert 1 Dunanis Qi 5 <U o Zahl der Privatgebäude Qi n 3 13 *3 •o *3 3 O Fläche der Plätze in Dunams Wert 1 Dunams Gesamtwert Pferde Kühe Gesamtwert 925 i 650 601.250 100 1 90 9/0’ 525 6 160 34.000 912 12 200 182.400 1700 150 255.000 355 102.7CO 163 40.759 200.000 45.000 1584 2 830 1314.720 125 2 120 15 000 2158 12 180 388.440 2909 80 232.000 9 93.000 1500j 150.000 657 3 1000 657.000 2325 3 140 325300 6370 69 382.200 601 200 1212C0! 183 4 1100 201300 910 4 160 150.400 3557 20 71.140 i i 1347 6 1300 1751.100 3125 6 140 437300 i l 4'96 4,525370 6615! 937.400 2683 472.440 912 182.400 1703 29C0 6370 3557 910310 601 I 315.9C0 | 190.750 2 0.0C0 45.000 Die Kolonie umfaßt 30.034 Dunam. Davon sind bebaut 14.906, brach 14.527, Bauplätze 601. Bisherige Ausgaben: 8,733.900*), davon an eigenen Kapitalien investiert 7,984.580, davon Schulden (an d. I. C. A., Chowewe Zion und Private) 749320. Bei Annahme einer natürlichen Wertsteigerung hat die Kolonie einen Wert von 12 Millionen Frcs. *) Unter Ausgaben versteht man Arbeitslöhne, Gebäude und Inventar, nicht Zinsen und Lebensunterhalt bis zum £rtrag von den Kolonien. (Mitgeteilt vom Palästina-Informationsbureau in Wien.)

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