Mannheim
Compact Memory

Jüdische Zeitung · 1909-03-12 · 11 (12.3.1909) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
11 (12.3.1909)
Date
1909-03-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2438141-2438220-2438231--1070-2440635
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Sei:e 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 11 Rechte ein Opfer bringen wird. Daraus muß man _den Schluß ziehen: es bleibt den Juden in Österreich nichts anderes übrig, als die Verteidigung ihrer Rechte selbst in die Hand zu nehmen. Es gibt nun Leute, welche glauben, es sei dies ein vergebliches Beginnen. „Wir sind ja überall — so heißt es — eine einflußlose Minorität!“ Aber auch eine Minorität kann ihren Einfluß geltend machen, wenn sie einig auftritt. Sie bildet dann einen Machtfaktor im öffentlichen Leoen, und das ist heute, wo überall nur Mandatspolitik getrieben wird, von großer Wichtigkeit. Nur in der Desorganisation der jüdischen Wähler liegt der Grund, daß in der letzten parlamentarischen Session eine Interpellation der jüdischen Abgeordneten wegen Kindesraub in Galizien nicht die nötige Anzahl von 15 Unterschriften erlangen konnte. Nicht einmal die Juden der verschiedenen Parteien selber wollten unterzeichnen. Sogar ein Baron Hock, der doch nur von Juden gewählt wurde und ein Kuranda, der selbst einen jüdischen Wahlkreis vertritt, haben ihre Unterschrift versagt Und das war doch eigentlich keine jüdische Sache, sondern eine Sache der einfachen Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Könnte dergleichen Vorkommen, wenn beispielsweise unsere böhmischen und mährischen Juden einig vor einer Wahl dem Kandidaten, der sich um ihre Stimmen bewirbt, die entsprechenden Bedingungen stellen würden? Doch genug von diesen Reflexionen! Es wäre Undankbarkeit, zu sagen, daß der 13. März nicht für uns Juden ein Tag der Auferstehung unserer Rechte als Menschen und Staatsbürger gewesen wäre. Man muß bedenken, daß beispielsweise in Wien — eine kleine Anzahl tolerierter Familien ausgenommen — Juden bis zum Jahre 1848 nicht mehr als 48 Stunden verweilen durften, daß den jüdischen Staatsbürgern beinahe alle Erwerbsarten verschlossen waren. In manchen Orten war sogar die An- * zahl der Juden, die sich verehelichen durften, beschränkt. In meiner Heimat in Westösterreich, in Hohenems, damals die einzige Judengemeinde in Tirol und Voralberg, durften nur 80 Familien heiraten und manches Brautpaar ist steinalt geworden, bis es endlich durch den Tod anderer Anwärter aus den Fesseln des Zölibats erlöst wurde. Mit dem Jahre 1848 sind diese Beschränkungen gefallen, und wenn auch nachher ein Teil der gewährten Freiheiten wieder zurückgenommen wurden, schließlich sind sie uns — wenigstens dem Gesetze nach — wieder zuteil geworden. Es gibt heute jüdische Beamte, jüdische Offiziere und — den dort angelegt Dieser Boden wird vom Audschaflusse aus mittels Maschinen bewässert, welcher Umstand die Annahme berechtigt, daß gute Erfolge von der Baumwollkultur zu erwarten sind. Vor kurzem wurden in der Nähe des Dorfes Hedscha der Kolonie 2000 Dunam angegliedert, auf welchen die neue Arbeiterkolonie „A i n G a n i m“ entstand. Petach Tikwah zählt gegenwärtig 2000 Seelen. 200 jüdische Arbeiter finden in der Kolonie fast das ganze Jahr hindurch Arbeit; freilich muß bemerkt werden, daß die Zahl der arabischen Arbeiter zeitweise 1000—1500 beträgt. Viele von den früheren Arbeitern und auch manche von den neu hinzugekommenen siedeln sich stabil in der Kolonie an. Ebenso günstig entwickelt sich die Kolonie in kultureller Beziehung. Sie besitzt eine von der örtlichen Jugend gegründete allgemeine Bibliothek, außerdem eine solche für Arbeiter, ein Arbeitsvermittlungsbureau und ein eigenes Orchester. Die Schule bessert sich bedeutend. Viele neue Häuser werden gebaut und Gärten und Alleen angelegt, so daß die Kolonie von Tag zu Tag einen schöneren Anblick bietet Eine Wasserleitung führt zu allen Häusern und Gärten, ein sehr günstiger Umstand für die Hebung der Reinlichkeit und der sanitären wenn auch mit Schwierigkeiten — stehen uns doch alle Berufe offen. Also seien wir gerecht und feiern wir den 13. März mit allen freiheitlichen Menschen Oesterreichs als einen Tag der Wiedergeburt der Menschenrechte! Unsere Aufgabe ist es, von denjenigen Rechten, die uns geblieben sind, von der Preßfreiheit, von der Vereinsfreiheit und dem Wahlrechte den richtigen Gebrauch zu machen und durch mannhaftes Beharren und unerschütterliches Festhalten an den Grundsätzen der Männer vom Jahre 1848 uns die Rechte zu erkämpfen, die uns ungerechterweise vorenthalten werden. Einen Lichtpunkt in den derzeit vorherrschenden unerfreulichen Zuständen bildet die Haltung unserer Jugend, wenigstens der studentischen Jugend. Nicht durch faule und schwächliche Kompromisse, nicht durch Verhüllen ihres Judentums und Anbiederung an andere Nationen, sondern durch offenes Bekenntnis ihrer Abstammung haben sie sich Anerkennung und Gleichberechtigung an den Hochschulen verschafft. Die Studenten waren es auch, welche in erster Linie im Jahre 1848 die Führer der ganzen Bewegung waren. Das erste Todesopfer des 13. März war ein jüdischer Techniker, namens Spitzer. Das erste freie Wort in Oesterreich floß von den Lippen eines jüdischen Arztes,Dr. Adolf Fischhofs.Selbst unsere Gegner haben dies anerkannt und der sattsam bekannte Abgeordnete Steinwende r, welcher sich rühmt, der erste Antisemit Oesterreichs gewesen zu sein, hat (im Kärntner Landtage) den bezeichnenden Ausspruch getan, die Freiheit sei eine Erfindung der Juden. Es muß also nach alledem Widerspruch erwecken, wenn jüngst in einer Rede eines der vier jüdischen Abgeordneten in Teplitz die Bemerkung fiel, daß wir Juden den Deutschen in Oesterreich die Freiheit und daß wir ihnen auch die Kultur zu danken haben. Wenn übrigens die Juden von der sogenannten deutschen Kultur viel profitiert haben, so haben sie gewiß auch viel zur Entwicklung derselben beigetragen, und wenn man hier eine Rechnung machen könnte, so würde man herausfinden, daß wir ihnen nichts schuldig geblieben sind. Zu einer Dankbarkeit der Juden gegenüber den Deutsch-Oesterreichern — zumindest der heutigen Generation — ist wirklich kein Anlaß vorhanden, am allerwenigsten auf politischen Gebieten. Wer sich die Mühe nehmen will, die Geschichte des Jahres 1848 zu studieren, der wird finden, daß die einzige Gegnerschaft gegen die Emanzipation der Juden in jenen Kreisen zu finden war, welche man heute als die Altliberalen bezeichnet. Sie hatten damals Zustände in der Kolonie. Es wurde auch ein Weinkeller errichtet. Zwecks gemeinschaftlichen und konkurrenzfreien Absatzes der Orangen haben die Kolonisten eine Verkaufsgenossenschaft unter dem Namen „Pardess“ gegründet. Laut letzter Mitteilungen wird der Orangenhandel heuer großen Gewinn abwerfen. Die Hälfte der Orangen, die in diesem Jahre geerntet wurden, ist bereits nach England versendet, wo sie mit 10—11 Frcs. pro Kiste bezahlt werden. (Eine Kiste enthält 140 Orangen.) Ein solcher Preis wurde bisnun noch nicht erzielt. Die Beförderung einer Kiste von der Kolonie nach London kostet 3 Frcs. Es bleiben somit 7—8 Frcs., wovon der Lohn und die Zinsen des Anlagekapitals in Abzug gebracht werden müssen. Der diesjährige Gewinn wird nicht nur die Zahlung hoher Dividenden für das laufende Jahr ermöglichen, sondern auch zur Deckung des Defizits des vergangenen Jahres beitragen. In Petach Tikwah wird man heuer 40.000 Kisten Orangen ernten. In den übrigen jüdischen Kolonien beträgt die Ernte zirka 15.000 Kisten. Dies macht aber nur einen kleinen Teil der vom ganzen Lande exportierten Anzahl von einer Million Kisten aus. Die Beteiligung der Juden an diesem Export vergrößert sich jedoch glücklicherweise nicht die- Macht und das Ansehen, um durchzudringen ... Feiern wir also den 13. März mit vollem Bewußtsein als den Beginn der Emanzipation der Juden, wie auch aller übrigen Völker Oesterreichs! Wir haben damals nur durch unseren Idealismus, durch begeisterungsvolle Hingebung an die Ideen der Freiheit und Gleichheit den Erfolg errungen. Heute möchte ich meinen jüdischen Mitbürgern in Oesterreich zurufen: Nur im Kampfe um diese Güter können wir das erreichen, was damals unsere Väter erstrebt und zum Teil mit ihrem Blute bezahlt haben: Die volle und endgültige Gleichberechtigung und Gleichbewertung unseres Volkes! Lucian Brunner. Deutsch-akademische Roheit. Wie die deutschen Politiker, so stehen heute auch die deutschen Studenten bereits unter dem Kommando der Christlichsozialen. Alle Aktionen und Kundgebungen der deutschnationalen studierenden Jugend stellen sich als durchaus in christlichsozialem Stile gehaltene Machtwerke dar. Der Geist der neuen Führer und Lehrmeister, der Geist Luegers und Schneiders spricht unverkennbar aus ihnen. Das Vorgehen der Deutschnationalen den nichtdeutschen, insbesondere den jüdischen Kollegen gegenüber war in früheren Perioden brutal, aber nunmehr weist diese Roheit einen Zug ins Feige und Bestialische auf. Sie wenden sich gegen Weiber, Kranke und Gäste. Schon anläßlich der letzten Wiener Aulakrawalle haben die nationalen Heldenjünglinge jüdische Studentinnentätlichmißhandelt und arme jüdische Kollegen aus der Mensa vertrieben. Was damals in der Hitze des Gefechtes unternommen wurde, wird jetzt kalten Blutes, auf Grund reichlicher Ueberlegung förmlich festgelegt. In der letzten Sitzung des Allgemeinen akademischen Krankenunterstützungsvereines wurde über Antrag und mit den Stimmen der Deutschnationalen beschlossen, AusländerundweiblicheHörer vom Vereine und dem Genüße der UnterstützungimKrankheitsfalle auszuschließen. Ein weiterer Antrag auf Aus sch li eßung der inländischen jüdischen und slavischen Hörer wurde, wie der Vorsitzende ausdrücklich bemerkte, aus rein formellen Gründen zurückgestellt und wird bei nächster Gelegenheit zum Beschlüsse erhoben werden. Die Ehre des deutschen Volkes wird durch solche Gewalttaten befleckt, das schwarz-rot-goldene Banner das in längst vergangenen Zeiten ein Sinnbild des Kampfes um die Freiheit war, wird in den Händen solcher Träger ein Fetzen, hinter welchem sich Niedertracht und knechtische Denkart birgt. Sehen die Deutschen dies Alles ruhig mit, so ist das ihre Sache. Wir haben keinerlei Veranlassung, von Tag zu Tag. Nach Ablauf von 5 Jahren, wenn sämtliche Gärten von Petach Tikwah Früchte tragen werden, wird dieseKoloniealIein500.000 Kisten jährlich exportieren können. Der schöne Erfolg weckt in den Kolonisten gute Hoffnungen für die Zukunft. Es wird ihnen dadurch die Erlangung des Kredits für die weiteren Unternehmungen erleichtert. Außerdem hat das vergangene, schlechte Jahr gelehrt, sparsam zu sein. In Petach Tikwah ist man der Ansicht, daß mit der Zeit schon beim Erlös von 4 Frcs. per Kiste eine genügende Rente entfallen wird. Es wurde in diesem Jahre der Versuch gemacht, außerhalb Englands Absatzgebiete für die Orangen zn finden. So wurden kleinere Quantitäten nach Deutschland, Australien und Konstantinopel versendet. In Deutschland verzeichnet man einen kleinen Verlust; in Australien wurden gute Preise erzielt; die Resultate aus Konstantinopel sind noch unbekannt. Wenn die von der türkischen Regierung geplante Eisenbahn nach Aegypten gebaut sein wird, wird sich dem Orangenanbau ein neues großes Absatzgebiet eröffnen. Der genaue Stand der Kolonie ist aus der nachfolgenden Tabelle, die von Fachleuten zusammengestellt wurde, ersichtlich :

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.