Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2438141-2438220-2438230--1060-2440624- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
Nr. 10 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5 ßeren Kultüsge'meinden Galiziens würden Volksversammlungen in Lemberg, Krakau, Buczacz, Jaroslau, Kolomea, Rzeszöw, Sambor, Stryj und Zloczöw abgehalten, auf denen Beschlüsse für die allgemeine österreichische Kultusgeineinde-Organisation gefaßt wurden und Protest erhoben wurde gegen die Sonderstellung der Kultusgemeinden Galiziens. Es ist auch anzunehmen, daß die 230 kleineren Kultusgemeinden ihrerseits gegen die Bevormundung der Herren aus den Kultusstuben in Lemberg und Krakau ihre Stimme erheben werden. Es stellte sich bei dieser Gelegenheit heraus, daß die Assimilanten im Judentum schon g a n z isoliert sind. Die am 24. Februar abgehaltene Sitzung des Organisationskomitees des österreichischen Gemeindebundes teilte auch die Meinung der jüdischen Bevölkerung Galiziens. Am österreichischen Kultusgemeindetage, der am 27. April in Wien stattfinden wird, wird ein allgemeiner Kultusgemeinde - Bund gegründet werden. * * * Brandunglück in Konstantinopel— Galata. Berlin. (Mitteilung des Deutschen Bureaus.) Am Sonntag Abend hat in Galata ein schweres Schadenfeuer zahleiche Menschenleben vernichtet. Die Opfer sind russische Juden, auch Frauen und Kinder. Ein Teil kam in den Flammen um, andere zogen sich tötliche Verletzungen zu, indem sie aus den Fenstern sprangen. Die Zahl der Verunglückten wird auf 20 angegeben. * * * Von der Generalversammlung des Odessaer Komitees. Odessa. Unter den vielen Begrüßungsschreiben, welche anläßlich der Versammlung an das Komitee gelangten, fanden sich auch folgende: „Ich schicke den Teilnehmern der Versammlung meine brüderlichen Grüße und wünsche ihrer Arbeit vollen Erfolg. Nissim Mazliach. Abgeordneter des ottomanischen Parlaments.“ „Ich ersuche der Versammlung herzliche Grüße und Wünsche zu übermitteln. Der Chacham Basch i derottomanischenjudenschaf t.“ * * * Eine Dumadebatte über die Progrome. St. Petersburg. In der Dumadebatte, die sich anläßlich der Beantwortung der Azew-Interpellation durch Stolypin entspann, richteten die Abgeordneten der Rechten scharfe Angriffe gegen die Revolutionäre und besonders gegen die Juden. Die Minorität benützte gleichfalls die Gelegenheit, um die Polizei wegen der Veranstaltung von Judenprogromen anzuklagen. Besonders scharf sprachen der Kadettenführer Roditschew und der jüdische Deputierte Nisselowitsch. Beide bewiesen durch Anführung von Tatsachen, daß sowohl die Regierung als auch die Polizei an der Veranstaltung der Pogrome lebhaften Anteil genommen haben. Ob das aber viel nützen wird? Die blutige Meute, ein Purischkiewiez und Bobinski, läßt sich ebensowenig überzeugen, wie Schneider und Gregorig. * * * Wohin mit den finnischen Juden? Petersburg. Das Ministerium des Innern beabsichtigt, Maßnahmen zu treffen, um den Zuzug der finnischen Juden nach Petersburg zu verhindern, Bis jetzt hatten nämlich diejenigen Juden, die ein Jahr in Finnland wohnten, das Recht, unbehindert nach Petersburg zu kommen und sich dort niederzulassen. Nun soll ihnen dieses Recht genommen werden. Nur eine spezielle Erlaubnis des Stadt- hauptmanns, die natürlich nur die ganz Reichen werden erwerben können, soll in Zukunft die finnländischen Juden zum Aufenthalt in Petersburg ermächtigen. Wie gehässig diese Verordnung ist, wird klar, wenn man bedenkt, daß eben jetzt eine große Anzahl von Juden aus Finnland ausgewiesen worden sind und also zum großen Teil direkt gezwungen sind, in Petersburg vorübergehend Aufenthalt zu nehmen. Schließlich ist es ja wahr, es gibt in Finnland kaum mehr als 30(10 Juden, und mehr als zwei Drittel von diesen werden wohl auch die antisemitischen Freiheitsbettler in Finnland im Laufe der Zeit nicht ausweisen können, aber auch diese paar tausend Juden kann man doch nicht auf der Straße umkommen lassen? Aber wer wollte eine solche Erwägung einem russischen Ministerium zumuten! * * * Die Abschaffung der Bibel. Kiew. Die echt russischen Chauvinisten haben sich in ihrem heiligen antisemitischen Eifer hier kürzlich zu einem Schritt verstiegen, der sogar in ihren eigenen Reihen nicht ohne Widerspruch blieb. In einer Generalversammlung der hiesigen Gruppe des echtrussischen Verbandes wurde von einem bekannten Vertreter der echtrussischen „Idee“ ein Vortrag gehalten mit dem Titel „Das Judentum’und die Bibel“. Die Quintessenz der Ausführungen. des Redners bildete die Frage: „Schickt es sich denn, daß wir, denen doch die Juden so verhaßt sind, als Grundlage unserer Ethik die jüdische Bibel wählen? Steckt nicht darin das Geheimnis der jüdischen Allmacht?“ In Beantwortung dieser Fragen schlägt der Redner dann den einfachen Ausweg vor, die Bibel abzuschaffen 1 Das war aber doch auch einigen „Echtrussen“ zuviel, und einer hatte sogar den Mut, die Versammlung darauf aufmerksam zu machen, daß ja auch die Entstehung des Christentums einen gewissen Zusammenhang mit der Bibel und dem jüdischen Volke habe. Der Redner wiederholte darauf einfach seinen Vorschlag, die Bibel zum wenigsten aus dem Programm der mittleren und niederen Schulen ganz auszuschließen und erklärte zum Schluß: „Ich kann auf keine Weise den Gedanken von einem Zusammenhänge zwischen Christentum und Judentum zulassen, und wer so denken kann, der ist selber Jude!“ * * * Jüdisches Leben in Palästina. Jaffa. Die neue Gesellschaft „Schiloh“, welche die Erkenntnis verbreiten will, daß die Judenfrage ohne eine großzügige Ansiedlung von Juden in Palästina unter dem rechtlichen und staatlichen Schutz der ottomanischen Regierung nicht gelöst werden könne und in diesem Sinne durch Massenerklärungen von türkischen Juden besonders auf die JCAfJewish Colonization Association, die Verwalterin des Millionenvermögens des Baron Hfrsch, das bekanntlich für jüdische Kolonisationszwecke bestimmt ist!) zu wirken strebt, arbeitet hier sehr erfolgreich und gewinnt immer mehr Anhänger. Sie veranstaltet hier häufig große, öffentliche Versammlungen, in denen eine entsprechende Erklärung von zahlreichen Personen unterzeichnet wird. — Hier ist ein jüdischer Maurerverband ins Leben gerufen worden, der auf eine gründliche Erlernung des Baufachs bei den jüngeren Arbeitern hinarbeiten will und die Nachahmung der Interessen der jüdischen Maurer in seinem Programm hat. — Mit den letzten Schiffen sind hier zahlreiche jüdische junge Leute eingetroffen, die sich nach den Kolonien begeben wollen, um daselbst als Arbeiter beschäftigt zu sein. Die jüdische Arbeiterorganisation „Hapoel Hazair“ bemüht sich eifrig, ihre Mitglieder zur Erlangung der türkischen Naturalisation zu veranlassen. Verein „Jüdische Bühne“. Sonntag den 2S. Februar fand die VI. Vereinsvorstellung statt. Zur Aufführung gelangte außer den bereits besprochenen und günstig aufgenommenen Einaktern „Schwestern“ von Perez und „Vom Glück vergessen“ von Pinski, die Satire „Der getaufte Enkel“ von Beda. Der Name Beda hatte ein zahlreiches Premierepublikum herbeigelockt. Man war neugierig, ob Beda auf der Bühne ebenso schneidig, packend und frisch sein werde, wie in seinen Gedichten und fühlte sich in seinen Erwartungen nicht getäuscht. Beda führte uns in das Haus der Frau Rosa Großmann, deren Kinder der bereits römischkatholische Dr. Paul Groller und Frl. Sieglinde sind. Wir lernen die ganze Familie während einer Jause kennen, die im Hause Großmann veranstaltet wird. Ein seniler Professor, ein süßholzraspelnder Vortragskünstler, der gleichfalls „Professor“ ist, eine „naive“ Schauspielerin, ein näselnder Leutnant, der nur Pferde kennt, und der Vizekonsul von Guadeloupe, auf den Namen Kohn hörend, sind erschienen. Erwartet wird nur noch der Staatssekretär Herr v. Rollinger, dem zuliebe eigentlich die Jause veranstaltet wird, da Frau Groß mann seine Protektion für ihren Paul, der gerne ins Ministerium käme, in Anspruch nehmen will. In dieser Idylle patzt plötzlich Frau Großmanns Vater. Herr Samuel Mayer, der Typus eines unverfä’schten biederen Provinzjuden, hinein. Er wird von Tochter und Enkel sofort ins Schlafzimmer geleitet, damit die illustre Gesellschaft ihn nicht bemerkt. Samuel Mayer aber kann nicht schlafen, und auf seiner Suche nach der Tochter findet er den Staatssekretär Rollinger, welcher im Geld schuldig ist. Er erfährt von ihm, daß Paul ins Ministerium kommen will und bereits römisch-katholisch sei. Samuel Mayer hat nun eine Idee: Er wird den Schuldschein vernichten, wenn Rollinger seinem Enkel als Juden, aber nur als Juden die Stelle verschafft. Rollinger erklärt sich einverstanden und Paul meint, als man ihm davon erzählt, daß es ihm „darauf nicht ankomme“, Jude zu werden. Das Stück ist flott geschrieben, hat guten Gelegenheitswitz, scharf gezeichnete Gestalten, wie Samuel Mayer, Groller und Frau Rosa. Die Darstellung war ausgezeichnet. Besonders zu erwähnen Herr Becher (Staatssekretär) Lunzer, Christian, Frl. Webers und Herr Hermann. Es gab viel Beifall. Der Autor wurde einigemal vor die Rampe gerufen und förmlich bejubelt. W. Rechenschaftsbericht der Reichsratsabg. Dr. Gabel und Stand. Im Anschluß an die am 21. Februar in Lemberg stattgefundene Parteikonferenz veranstaltete das Lentberger zionistische Lokalkomitee am 22. d. M. eine jüdische Massenversammlung, in welcher die Abgeordneten Dr. Gabel und Stand die gegenwärtige politische Lage besprachen und über die Tätigkeit des Jüdischen Klubs Bericht erstatteten. Als erster sprach Abgeordneter Dr. Gabel. Er führte aus, daß wohl das Volksparlament bis jetzt keine großen praktischen Erfolge aufzuweisen habe, aber seine Wirkung auf das allgemein politische Empfinden der breiten Massen unverkennbar ist. Für die Juden bedeutet das Volksparlament die Zeit der Feuerprobe der jüdischnationaien Idee. Die neue jüdische Politik hat bei den meisten Völkern Verständnis gefunden und hat auf die Juden außerhalb der Monarchiegrenzen Einfluß geübt. Am bemerkbarsten aber ist der Einfluß auf die jüdischassimilatorischen Politiker in Oesterreich. So hat zum Beispiel der Abgeordnete Dr. Ofner, der markanteste Repräsentant der deutschliberalen Assimilation anläßlich der letzten Konferenz betreffs der bosnischen Juden, im Gegensätze zum Abgeordneten Dr. K u r a n d a, welcher für den Zusammenschluß der Juden mit den Protestanten eintrat, erklärt, daß die Juden nur auf ihre eigene Kraft vertrauen müßten. Die jüdischnationale Idee hat fast die gesamte Judenschaft in der Bukowina um ihr Banner geschart, in Galizien hat sie Position um Position erobert und Bevölkerungsschichten ergriffen, die sich früher entweder von der Politik vollständig fernhielten oder assimilatorisch wirkten. Im weiteren Verlaufe seiner Rede kritisierte der Abgeordnete Dr. Gabel das Verhalten der Polenklubjuden, die die jüdische Bevölkerung Galiziens weder gegen die Schikanen der Behörden verteidigt, noch ihre wirtschaftiichen, nationalen und kulturellen Interessen der Juden vertreten haben. Weder in der Schänkerfrage, noch in der Einbeziehung der jüdischen Kleinhändler in die Sozialversicherung hat ein Polenklubjude irgend etwas unternommen. Als Dr. Straucher eine Interpellation betreffend die Wegtaufen jüdischer Mädchen den Polenklubjuden zur Unterschrift vorlegte, da konnten und wollten sie diese Interpellation nicht unterschreiben, da sie zuvor die Erlaubnis der Abgeordneten G 1 o m b i n s k i und S t a p i n s k i einholen mußten. Zu den gegenwärtigen politischen Verhältnissen übergehend, betonte Dr. Gabel die scharfe oppositionelle Haltung gegenüber der Regierung B i en e r t h. Im Kampfe der Slaven mit den Deutschen wird der Jüdische Klub Neutralität bewahren, für keinen Fall aber mit den deutschen Parteien, welche durchwegs antisemitisch sind, zusammenzugehen. Die Rede des Abgeordneten Dr. Gabel wurde mit stürmischem Beifalle aufgenommen. Hierauf sprach Reichsratsabgeordneter Adolf Stand und erklärte, daß er sich nicht bloß als der Abgeordnete seines Wahlkreises, sondern als der Sachwalter des gesamten österreichischen Judentums betrachtet. Der jüdische Klub hat gegen die Rekrutenvorlage, welche eine Erhöhung des Rekrutenkontingentes um 5000 Mann verlangte, und gegen das Arbeitsministerium, zu dessen Leitung Dr. Geßmann berufen war, gestimmt. Hingegen ist er für das Gesetz betreffend die Unterstützung der Reservistenfamilien eingetreten. Ebenso hat er die Dringlichkeitsanträge betreffs der Wahlschwindeleien in Ga-