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Jüdische Zeitung · 1909-03-05 · 10 (5.3.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
10 (5.3.1909)
Date
1909-03-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 10 fragten uns selbst, aus welchem Grunde wir allein keinen Vertreter haben sollten? Was haben wir verbrochen? Wir sind uns dessen voll bewußt, daß wir stets ein arbeitsames und fiiedliebendes Volk waren, treu und loyal gegenüber unserem Herrscher, Staate und Lande. Wir haben an zuständiger Seite nach dem Grunde gefragt und man hat uns zu wissen gegeben: daß wir an Zahl zu gering wären. Die Antwort hat uns noch schmerzlicher berührt, da wir uns dessen noch lebhaft erinnern, daß wir zur Zeit der ottomanischen Herrschaft über Bosnien und Herzegowina — als wir ein noch kleineres Häuflein waren, nämlich um die Hälfte weniger als heute — eine Vertretung als Konfession genossen, und zwar in jedem Meslis oder jeder Korporation. In das erste ottomanische Parlament in Konstantinopel entsandten wir bosnisch-herzegowinischen Juden zwei Vertreter, von denen heute noch einer — unser hochangesehener und allgemein verehrter Salomon effendi Salom — am Leben ist Ich berufe mich bloß auf das allerhöchste Handschreiben, in welchem es heißt, daß die zu schaffende Landesvertretung den konfessionellen Verhältnissen Rechnung zu tragen habe und gemäß der bestehenden sozialen Ordnungzusammengesetzt sein soll. Wir bitten daher, daß dies unser angestammtes, ererbtes Recht allseits respektiert werde und unsere Konfession nicht zurückgesetzt werden möge. Wir fordern für die Juden, nachdem sie hauptsächlich in den Städten wohnen: eine separate jüdische Kurie im Rahmen der städtischen Kurie.“ * * * Am 19. Februar wurde dem Ziviladlatus Baron Benko ein von Jesua D. Salom und Dr. Moritz Rothkopf unterfertigte Petition überreicht, die folgenden Wortlaut hat: „Wir beantragen, daß den Juden in Bosnien und der Herzegovina im Rahmen der städtischen Kurie der Landesvertretung ein separater Wahlkörper mit der ihnen nach der Anzahl der Wähler gebührenden Vertreterzahl gewährt werde. Die Juden waren seit jeher im Lande ein konservatives und staatserhaltendes Element. Die Juden haben in diesen Ländern auf dem Gebiete des Handels, der Industrie und des Gewerbes eine hervorragende Stelle seit jeher eingenommen. Vor der Okkupation waren sie in allen Verwaltungskörpern vertreten, Abgeordnete des alten ottomanischen Parlamentes waren hierländische Juden. Die Landesvertretung wird eine Interessenvertretung sein, die einzelnen Interessengruppen sollen vertreten sein und abgesondert in konfessionellen Wahlkörpern wählen. Bei der Feststellung der Anzahl der Vertreter für die einzelnen Konfessionen in den einzelnen Kurien, in den Interessengruppen, kann nicht das Verhältnis der Angehörigen einer Konfession zur Gesamtbevölkerung in Betracht kommen, sondern nur das Verhältnis der einer Konfession angehörigen Wähler einer Gruppe zu der Gesamtzahl der zu dieser Gruppe gehörigen Wähler maßgebend sein. Das Wahlrecht aller Wähler einer Kurie muß ohne Rücksicht auf die Konfession ein gleiches sein. Wenn in Betracht gezogen wird, daß die Juden in den Städten wohnen, so haben sie einen Anspruch auf einen separaten Wahlkörper in der städtischen Kurie. — Die Gesamtbevölkerung in Städten beträgt nämlich höchstens 300.000 Einwohner, die Anzahl der Juden beträgt aber über 11.000. Die Stadtbevölkerung wird die Hälfte aller Mandate erhalten müssen, um das Gleichgewicht der agrarischen Interessen und derjenigen der anderen Stände zu erhalten. Wenn dies erwogen wird, haben die Juden einen zweifellosen Anspruch auf gewählte Vertreter. Die Vertretung durch einen Virilisten, der übrigens nurdie religiösen Interessen zu wahren berufen ist — ist keine hinreichende, da damit der Anspruch der Juden auf Gewährung des Wahlrechtes als eines eminent politischen Rechtes nicht zurGeltung gelangt. Dies haben auch die Vertreter aller Konfessionen bei der Enquete einhellig anerkannt und sie haben ihre Wohlmeinung für die Gewährung eines jüdischen Wahlkörpers abgegeben. Die Juden können sich einem anderen konfessionellen Wahlkörper nicht anschließen, weil der Anschluß an eine Konfession, zu Reibungen Anlaß geben könnte, die die schwersten Folgen (Boykott, Aussperrungen etc.) für das jüdische Element haben würden. Die Petition, die gleichzeitig ein eklatanter Beweis für die Solidarität der aschkenasischen und sephardischen Juden in Bosnien und Herzegowina, ist, wird Baron Benko dem gemeinsamen Reichsfinanzminister Baron Burian überreichen. Zu diesem Behufe begibt sich Ziviladlatus Baron Benko bereits dieser Tage nach Wien. Stiftungsfest der „Unitas“. Am 26. und 27. v. M. beging die jüd. akad. Verbindung „Unitas“ in festlicher Weise die Feier ihres 30semestrigen Bestandes. Am 26. v. M. versammelten sich nach dem Festkonzert bei einem Bankett im Hotel de France die Vertreter der jüdischnationalen Couleurs fast sämtlicher Hochschulen Oesterreichs. Am 27. fand um 12 Uhr mittags die Auffahrt der jubilierenden Verbindung zur Universität, unter lebhaftester Anteilnahme der jüdischnationalen Studentenschaft und: als eine demonstrative Betonung der Gleichberechtigung der jüdischnationalen Korporationen an den Wiener Hochschulen statt. Den Höhepunkt des Festes bildete der am 27. im Kursalon veranstaltete Ball, der durch die Teilnahme der akademischen Behörden einen besonders feierlichen Charakter erhielt. Der Saal war von einem der besten Wiener jüdischen Gesellschaft angehörigen Publikum dicht gefüllt Um '/* 10 Uhr' betrat unter den Klängen des Gaudeaumus seine Magnifizenz der Rektor der technischen Hochschule Prof. D o 1 e z a 1 den Saal und wurde vom Senior der Verbindung, Herrn cand. jur. Ernst Skutezky zum Ehrenplätze geleitet. Bald darauf erschien lebhaft begrüßt der A. H. der Verbindung R, A. Professor Dr. Mahler. Die Polonaise würde von Frl. Pauline H e r z I, der Tochter unseres Dr. Theodor H e r z I mit dem Senior der Verbindung Herr cand. jur. Emst Skutezky eröffnet. Der Kotillon wurde von Frau Dr. Po Hak und Sr. Maginfizenz eröffnet und von den Damen und Herren des Komitees getanzt, und gab den Anlaß zu einer spontanen lebhaften Ovation für die jubilierende Korporation. Die Unterhaltung währte bis in die frühen Morgenstunden. Der Rektor verließ das Fest um 1 Uhr Nachts, wobei er dem Präses der Verbindung in herzlichster Weise zu dem Gelingen des schönen Festes gratulierte. Die Damenspende stellte eine Busennadel in Form eines Schlägers in den Farben der Verbindung dar. Das Tanzbuch enthielt als Einleitung ein von Theodor H e r z 1 der Couleur gewidmetes Tanzlied. Unter den Anwesenden bemerkte man den Obmann und den Schriftführer der i.-ö. D. K. die A H. A. H. der Verbindung, Dr. Carl Pollak und Rudolf Sternlicht, kais. Rath Alf. Messinger, die Vertreter der Verbindungen „Ivria“, „Kadimah“, „Makkabäa“ Wien, „Barrissia“ Prag, „Charitas“ Graz, „Emunah“ Lemberg, „Veritas“ Brünn und sämtlicher Wiener Korporationen. Es ist zu hoffen, daß das Gelingen des Festes auch für das jüdische Studentenheim einen Schritt nach vorwärts bedeutet. nd. Aus dem jüdischen Leben. Aus dem „liberalen“ Ungarn. Wien. Die „Welt“ bringt folgendes erbauliches Stimmungsbild aus Budapest: „Die antisemitische Presse führt eine systematische Hetze gegen alles Jüdische, ohne daß es dem Staatsanwalt in den Sinn käme, einzugreifen. „Altkotinäny“ zum Beispiel bringt seit Wochen tagtäglich angeblich wissenschaftliche Artikel, in welchen auf Grund „künstlich“ kombinierter statistischer Daten nachgewiesen wird, daß die Juden ganz Budapest in Besitz genommen haben, und daß Ungarn von galizischen Einwanderern regiert würde. Das Blatt geht in seinen Anfeindungen sogar so weit, das statistische Amt der wissentlichen Fälschung zugunsten der Juden zu zeihen. Dem gesellschaftlichen Antisemitismus folgt der gouvernementale auf dem Fuße: Jüdische Mittelschullehrer erhalten, sofern sie keinen Taufschein beibringen, keine Anstellung; die Ernennung von jüdischen Richtern gehört zu den größten Seltenheiten im autonomen Verwaltungsdienste (Komitat und Stadt) gibt es überhaupt keine Juden. Ueberdies ist die Regierung bestrebt, die Juden aus ihren alten Positionen zu verdrängen. Im Finanzministerium werden jüdischen Schankwirten systematisch die Schanklizenzen entzogen, unter der Patronanz des Ackerbauministeriums; werden überall Konsumgenossenschaften gegründet und auf diese Weise Tausend jüdischer Existenzen an den Bettelstab gebracht. Gegenwärtig wird im Parlamente ein neues Steuergesetz verhandelt, das die Mittel zur Deckung der ungeheuren Lasten des.letztjährigen Budgets herbeischaffen soll. Die Steuerreform ist so gedacht, daß das riesige Plus der Lasten auf die Schultern der Merkantilen Obergewalt, — hingegen den Agrariern von ihren Lasten ein Teil abgenommen werde. Da aber in Ungarn Merkantiler und Jude synonyme Begriffe sind, wird die Steuerreform hauptsächlich nur von Juden verspürt werden und bedeutet daher einen neuen Schritt auf dem Wege ihrer fortschreitenden Verelendung. Und doch wagte von den 21 jüdischen Abgeordneten, die im Parlamente sitzen, bloß ein einziger, Sändor Päl, gegen diesen neuersten Angriff sein Veto zu erheben. Das Stillschweigen der übrigen jüdischen Abgeordneten in dieser, sowie in allen anderen jüdischen Fragen ist um so auffallender, als sonst in jeder Debatte gerade die Juden eine führende Rolle spielen.“ * * * Eine Sympathiekundgebung für die österreichische zionistische Studentenschaft. Wien. An die zionistischen Verbindungen Wiens ist zu Händen der Verbindung „Unitas“ folgendes Schreiben eingelangt: Die im „Bunde Jüdischer Korporationen“ und „Kartell Zionistischer Verbindungen“ vertretene jüdische Studentenschaft Deutschlands spricht durch die gegenwärtig in Freiburg und München tagenden Kartelltage den jüdischen Verbindungen in Wien ihre wärmste Sympathie aus in dem Kampfe gegen die feig-übermächtige „deutschnationale Studentenschaft und bewundert ihr heldenmütiges Verhalten bei dem ehrenvollen Versuch der Selbsthilfe gegen ihre rohen Feinde. Verein Jüdischer Studenten Berlin, Verbindung „Hasmonaea“ Berlin, Verein Jüdischer Studenten Breslau, Verbindung „Jordania“ München, Verein Jüdischer Studenten Charlottenburg, Verbindung „Ivria“ Freiburg i.Br., Verein Jüdischer Studenten Straßburg, Verein jüdischer Studenten Königsberg, Verein jüdischer Studenten Frei bürg, Verein Jüdischer Studenten Maccabäa (Berlin), Verein Jüdischer Studenten München, Verein Jüdischer Studenten Marburg. * * * '* Mauschel- und Stanczykenfrechheit. Lemberg. Der jüdische Rigorosantenverein, eine humanitäre Studentenorganisation, bezog seitJahren von der Lemberger Stadtgemeinde die lächerlich geringe Jahressubvention von 100 Kronen, Der Rigorosantenverein, zu dessen Gründern der verstorbene Abgeordnete Dr. Emil Byk gehörte, war jahrzehntelang ein Bollwerk der Assimilation, hat aber in der letzten Zeit insofern sein Aussehen verändert, als seine Leitung in zionistische Hände kam. Doch ist der Verein nach wie vor eine rein humanitäre Institution geblieben. Nichtsdestoweniger fand sich heuer im Lemberger Gemeinderate ein obskurer Mauschel, namens Feldstein, welcher die Streichung der Post von 100 Kronen verlangte. Dieser Antrag war selbst den Erzassimilanten Dr. Aschkenzy, Dr. Schleicher und Jonaß zu viel und sie traten mit aller Entschiedenheit für die Erteilung der Subvention ein. Ihr Eintreten nützte aber nichts. Die polnische, und das ist leider in den meisten Fällen, die antisemitische Majorität stimmte dem Anträge des Gemeinderates Feldstein zu, und die Subvention wurde dem Rigorosantenverein entzogen. In derselben Sitzung wurde aus Gemeindemitteln, zu welchen die Juden den Löwenanteil beitragen, ein hoher Beitrag für einen Kirchenbau bewilligt. * * * Ein Gordinabend. Lemberg. Mittwoch den 24. d. M. veranstaltete die Toynbee-Halle zu Ehren des Reformators der jüdischen Bühne, Herrn Jakob G o r d i n, im jüdischen Theater einen Abend. Zur Aufführung gelangte Gordins „DerwildeMensch“. Vor Beginn der Vorstellung erschien Gesinnungsgenosse Leon Wechsler vor der Rampe und würdigte in längerer Rede die Verdienste Jakob Gordins um das jüdische Theater. * * * Organisation der österreichischen Kultusgemeinden. Lemberg. Als Protest gegen die bekannte Resolution des Lemberger Konventikels der. 17 grö-

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