Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 10 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 3 Daß eines schönen Tages alle Durchzügler und Renegaten zurückkommen werden. Davor bewahre uns der liebe Himmel] Dr.- 0. A. Brief aus der Türkei. (Von unserem türkischen Korrespondenten). Saloniki, am 25. Februar 1909. Hier ist augenblicklich alles sehr still. Aus Konstantinopel erhielt ich eben folgenden Bericht: Dr. Riza Tewfik, Abgeordneter der Stadt A d r i a n o p e 1, hielt am Samstag, den 20 Februar, vor einem zahlreichen Publikum, welches sich vornehmlich aus der jüdischen Jugend zusammensetzte, einen Vortrag. Bei der im Anschlüsse eröffneten Diskussion stellte ein Anwesender folgende Frage: „Kann ein ottomanischer Jude, wenn er Jungtürke ist und diese seine Ueberzeugung nicht verletzen will, Zionist sein“, worauf Dr. Riza Tewfik antwortete: „Ganz gewiß, denn ich selbst bin Z i o n i s t“. Der Zionismus ist nichts anderes, als das Resultat des Solidaritätsgefühles, welches das jüdische Volk charakterisiert. Er umfaßt das ganze jüdische Volk in Liebe. Er will den Juden ein besseres Vaterland schaffen, wo sie als freie Menschen leben und ihre Talente und Kräfte -richtig verwenden werden. Die Mittel des Zionismus sind durchwegs friedlicher Natur. Palästina ist das Land derjuden, mehr als das unsrige. Wir sind bloß die Herren dem Gesetze nach und haben das Land Jahrhunderte nach der Expropriation in Besitz genommen. Es ist nur ein Dienst, den die Juden unserem Vaterlande erweisen, wenn sie Palästina kolonisieren und fruchtbar machen. Die Juden haben bedeutende Fähigkeiten für den Handel und sind dabei sparsam. Ihre Eigenschaften werden auch der Türkei zugute kommen. Der Jude als Zionist wendet all seine Fähigkeiten auf, um das so vernachlässigte Land neu zu beleben und tritt somit in die Dienste unseres Landes. Ich werde, soweit eben mein Einfluß reicht, nie verfehlen, all das zu tun, was die zionistische Sache fördern kann. Pointu. Angriffe aus dem Hinterhalte. Die Zionisten werden, je nachdem es die Gelegenheit gerade fordert, als Erzklerikale oder aber als Religionsstörer verschrien. Bald wird ihnen der freisinnige, bald der orthodoxe Prügel zwischen die Füße geworfen. Diesmal haben die geehrten Herren Gegner die fromme Walze einzulegen beliebt. Das Stiftungsfest der zionistischen Verbindung „U n i t a s“ hat, wie im Vorjahre das der „K a d i m a h“, wieder einigen „anonymen und gesetzestreuen“ Einsendern Anlaß bieten müssen, in diversen Blättern über das gottschänderische Treiben der zionistischen Jugend herzufallen. Die „Unitas“ hat nämlich anläßlich ihres 30 semestrigen Stiftungsfestes am vergangenen Samstag, dem studentischen Brauche gemäß, eine Auffahrt vor der Universität veranstaltet. Ueber dieses Beginnen junger Leute, deren ganzes Streben dem Wohle und der Zukunft des jüdischen Volkes gewidmet ist, hebt man in drei, vier Blättern ein Zeter und Mordio an. Wir sind die letzten, welche den Wert studentischer Bräuche überschätzen, aber da nun einmal die zionistischen Verbindungen studentisch sind, bleibt die Uebung akademischer Sitte ihr gutes Recht, und die Entscheidung, inwieweit sie auf dieses Recht verzichten wollen, bleibt einzig und allein ihrem Ermessen überlassen. Unsere Studentenverbindungen sind zionistisch und nationaljüdisch. Sie stehen daher auf dem Standpunkte, daß die Religion, respektive die Einhaltung ritueller Bräuche, Privatsache jedes Einzelnen ist. Niemand darf zur Verletzung seiner religiösen Gefühle gezwungen werden. Parteiveranstaltungen, die die Teilnahme alter, also auch der gesetzestreuen Zionisten erfordern, dürfen und werden nie in einer Weise arrangiert werden, daß die Teilnahme mit Preisgabe religiöser Gefühle verbunden ist. Wenn aber freidenkende Akademiker, die sich nie als religionsgesetzestreu ausgegeben haben, am Samstage die interne Feier einer jahrelangen, aufopferungsvollen Tätigkeit im Dienste des jüdischen Volkes begehen, darin keine Entheiligung des Nationalruhetages erblicken, so verstoßen sie nicht gegen national jüdische und zionistische Prinzipien, denn sie haben Niemanden vergewaltigt und nur ein Recht in Anspruch genommen, das der Zionismus jedem gewährt: Freiheit in religiösen Angelegenheiten. Von diesem Grundsätze wird die zionistische Partei nie und nimmer abweichen. Das mögen sich die Herren Gegner endgiltig gesagt sein lassen. Nie sind es die ehrlichen Frommen, welche von Leuten, die nicht religiös sind, die Uebung religiöser Bräuche erzwingen wollen. Das tun nur Fanatiker oder aber böswillige Heuchler, die eben jede Gelegenheit benützen wollen, um dem Zionismus hinterrücks eins zu versetzen, die selber keine religiöse Vorschrift einhalten, aber koscherer tun als irgend einer. Wir halten es nicht für notwendig, uns mit solchen Widersachern in lange Diskussionen einzulassen, wenn es aber gerade die Gelegenheit erheischen sollte, können wir mit ganz erbaulichen Histörchen, von orthodoxen Rabbinern, die am Sabbath die Eisenbahn benützen, bigott tuenden Redakteuren „konfessioneller“ Blätter, die die Vorzüge eines Schweinebratens gut zu würdigen wissen, von „sehr“ frommen Familien, deren Sprößlinge sich taufen lassen u. dgl. m. dienen. Für heute sei wiederholt: Wir blicken mit Stolz auf unsere zionistischen Akademiker, ihr aufopferungsvolle Tätigkeit im Dienst der jüdischen Sache erfüllt uns mit Freude. Wir werden von ihnen immer nationale Betätigung fordern, aber nie Handlungen, die ihrer Denkart nicht entsprechen, nie rein äußerliches Frommtun, wo die Frömmigkeit fehlt. st. Das Wahlrecht der Juden in Bosnien. Von Ed. Singer. Die erste Kundgebung des Ministers Freiherrn von Burian über die geplante Einteilung der Wählerkurien nach Konfessionen hat unter der gesamten Judenschaft, insbesonders in Bosnien und der Herzegowina, großes Aufsehen hervorgerufen, weil Herr von Burian bei Aufzählung der in Betracht kommenden Gruppen diejuden nicht genannt hat. Inzwischen erschienen unter anderen Deputationen auch die der bosnisch-herzegowinischen Judenschaft vor dem Kaiser und sie konnte von einem äußerst wohlwollendem Empfange berichten. Jetzt erst fand es Herr von Burian opportun, die besorgten jüdischen Bewohner der annektierten Provinzen mit der Versicherung zu beruhigen, daß er gelegentlich jener Kundgebung nur deshalb nicht auch die jüdische Konfession genannt habe, weil damals eben nur von dem Wahlrechte der verschiedenen christlichen Kulten im Verhältnis zu der mohammedanischen Bevölkerung die Rede war, daß sohin jener Ausspruch keineswegs gegen die volle Gleichberechtigung der jüdischen Bevölkerung gerichtet war. Diese „Beruhigung“ fiel in eine kritische Zeit: die Stimmung der Bosniaken und der Herzegowiner schien trotz vieler Loyalitätsversicherung noch nicht geklärt, die Erregung, von außen geschürt, mußte gedämpft werden und zu diesem Geschäfte eignen sich die treuen und intelligenten Juden da unten ganz vorzüglich. Diese haben auch, auf die Korrektur jener Kundgebung vertrauend, ihre Schuldigkeit getan, und sie werden auch in Zukunft voll und ganz ihre Pflichten gegenüber dem neuen Vaterlande erfüllen, trotzdem die in Sarajewo stattgefundenen Konferenzen über die zukünftige Verwaltung der beiden Provinzen keinen Anhaltspunkt dafür boten, daß die bosnisch-herzegowinischen Juden sich der uneingeschränkten Gleichberechtigung werden erfreuen können. Gleichwohl ist der wohlwollende Empfang der Judendeputationen in der Hofburg nicht gering einzuschätzen. Wir vermuten, daß die warmen Worte, welche der Kaiser an die bosnischen Juden gerichtet hat, dem persönlichen Empfinden des Herrschers entsprangen, ein Empfinden, hervorgerufen durch die Erinnerung an Vorgänge während des Okkupationskrieges vor dreißig Jahren. Da erzählte man, es sei dem obersten Kriegsherrn ein Reservatbericht des Generals Jovanovicz unterbreitet worden, in welchem gesagt wurde, daß der in Fachkreisen so sehr bewunderte entscheidende Höhenmarsch des genannten Generals „dank dem Vorhandensein genügender j üd i s c h e r Elemente, die als Flügelmänner Bravouröses geleistet haben“, mit Erfolg ausgeführt werden konnte. Und weiters wurde damals in Abgeordnetenkreisen im Zusammenhang mit der ersten Wiener Antisemitenversammlung ein Kaiserwort kolportiert, dessen Ohrenzeuge der damalige Ministerpräsident Graf Ta affe war. Darnach soll der Kaiser dem Grafen Taaffe ein Schriftstück gezeigt haben, in welchem die Namen „von mehr als siebenhundert braver jüdischer Soldaten, welche sich als Offiziere und Chargen im Okkupationskriege ausgezeichnet haben“, verzeichnet seien. „Es sei ein Unrecht“ — soll der Kaiser bemerkt haben — „die Gefühle dieser Braven zu verletzen.“ Das vorzügliche Gedächtnis unseres Kaisers ist ja bekannt. Man darf annehmen, daß er sich in dem Augenblicke, als die bosnischen Juden für ihre Glaubensgenossen die kaiserliche Unterstützung erbaten, der jüdischen Soldaten erinnerte, die ihr Leben in die Schanze schlugen, die mitgeholfen haben, das Land zu erkämpfen! Herr von Burian scheint weniger dankbar und feinfühlend veranlagt zu sein. Aber er ist immerhin einer der besten unter seinen Amtsgenossen, den Herren österreichischen Ministern. Vielleicht haben die Juden in Bosnien vom Freiherrn von Burian doch noch Günstiges zu erhoffen. Der Kampf der bosnischen Juden um das Wahlrecht. Mitte Februar fand in Sarajewo die sogenannte Verfassungsenquete statt, in welcher über die Grundprinzipien der zu schaffenden Verfassung Bosniens und der Herzegowina beraten wurde. Der Enquete wurden bekanntlich auch jüdische Vertreter zugezogen. In der Enquetesitzung vom 16. Februar kam auch die Judenfrage zur Sprache, wobei sich alle Teilnehmer ausnahmslos zugunsten einer jüdischen Kolonie aussprachen. Wie die zionistische „Zidovska smotra“ (Esseg) berichtet, sind von jüdischer Seite der Bankier Josua D. S a 1 o m (Sepharde) und Advokat Dr. Moritz Rothkopf (Asehkenase) energisch für die Schaffung einer jüdischen Kolonie eingetreten. Von den Nichtjuden waren es insbesonders Großkaufmann und Grundbesitzer Adern Aga M e s i c aus Tesanj, Bürgermeister Essad Effendi Kulovic, Vizebürgermeister Advokat Dr. Nikola M a n d 1 i c und Dr. Lazar Dimitrijcwic, die ebenfalls mit warmen Worten die Forderung der Juden nach einer eigenen würdigen Vertretung befürworteten. Ziviladlatus Baron B e n k o versprach, die Wünsche der bosnisch-herzegowinischen Judenschaft kompetenten Ortes zur Kentnis zu bringen und auch seinerseits zu unterstützen. Nachfolgend die Rede des Bankiers Jesua D. Salom in wortgetreuer Uebersetzung: „Ew. Exzellenz! Sehr geehrte Herren! Die ersten Zeitungsnachrichten, wonach der Landtag auf konfessioneller Basis zusammengesetzt werden soll, wir Juden aber keine konfessionelle Kurie zu gewärtigen hätten — hat uns alle schmerzlich berührt. Wir Juden traten zu einer Konferenz zusammen, berieten über diesen merkwürdigen Umstand und