Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sei;e 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 10 Z Si! I ». I I I I % S I i -< 4 Ansehen der Zionismus heute bei bedeutenden Nichtjuden sieht. Der Verlauf der Kurse war ein glänzender. In der kurzen Zeit von fünf Tagen konnte das Thema natürlich nicht im entferntesten erschöpft werden. Immerhin wurde eine Fülle belehrenden und interessanten, teilweise ganz neuen Materials gegeben und falls irgend jemand noch an der vorzüglichen Eignung Palästinas für jüdische Kolonisation gezweifelt hätte, haben ihn diese Kurse gewiß eines Besseren belehrt. Die Art, wie die Kurse abgehalten wurden, war nicht minder erfreulich. Dozenten und Hörer waren mit Lust und Liebe bei der Sache. Man merkte, daß da kein totes Wissen vermittelt wurde, sondern daß der Stoff Lehrern wie Hörern ans Herz gewachsen war. Die Vortragenden wurden bejubelt. Besonderen Enthusiasmus erweckte aber jener Dözent, der aus Palästina selbst kam, wo er lebt und wirkt: Aaronsohn. Aaronsohn! Ein Kind jüdischer Kolonisten von Zichron Jakob (bei Haiffa) und in Paris gebildeter Agronom, der seine Kenntnisse in Palästina nicht nur wissenschaftlich verwertet — er hat sich durch die Entdeckung des Urweizens einen Namen in der Gelehrtenwelt erworben — sondern der auch praktisch für die jüdische Landwirtschaft in Palästina Bedeutendes leistet — dieser Mann war so recht geeignet, der Heros der Studentenschaft zu werden. Jung, kräftig, im Auftreten selbstgewiß und doch bescheiden, voller Liebe für unser Ideal und doch mit scharfem Blick für alle in Palästina gemachten Fehler begabt, wirkte er auf die Studenten zündend, verkörperte er doch ein Ideal, das ihnen selbst vorschwebt: Nach Erwerbung gediegener Kenntnisse diese für unsere Sache in Palästina zu verwerten. Auch in einem weiteren Kreis — am Begrüßungsabend und in der Versammlung des Zentralvereines — wirkten die Dozenten mächtig auf die Anwesenden. Selten haben wir in Wien so stark besuchte und interessante Veranstaltungen, wie es diese beiden waren, gesehen. Dem Verein „Theodor Herzl“ gebührt alle Anerkennung für die gelungene Veranstaltung. Sie war ein vielversprechender Anfang für eine systematische Weiterbildung unserer Studentenschaft. Soll das Gewonnene erhalten, die erworbenen Kenntnisse vertieft werden, so muß anschließend an die Kurse von jetzt ab unablässig gearbeitet werden. Hoffentlich werden sowohl die leitenden Komitees als auch die Studentenschaft selbst ihre diesbezüglichen Aufgaben erkennen und den Palästinismus zu immer weiteren Eroberungen verhelfen. a. b. Dann wird unsere Freude aufrichtig und unsere Lustigkeit echt sein! Eine höhere Freude als Purimfreude. W. Allerlei. Die Zahl der Juden in der Welt Nach der offiziellen Statistik des Je wisch Year Boot beträgt die Zahl der über den Erdball verstreuten Juden ungefähr 11,081.000. Von dieser Ziffer entfallen auf Europa 8,748.000, auf Amerika 1,556.000, auf Afrika 354.000, auf Asien 342.000 und auf Australien 17.000. In Europa verteilen sich die Juden auf die einzelnen Länder folgendermaßen: 5,100.000 auf Rußland, 2,100.000 auf Oesterreich-Ungarn, 600.000 auf Deutschland, 400.000 in die Balkanstaaten, auf Belgien und Holland 105.000, 80.000 auf Frankreich, 40.000 auf Italien. Die am stärksten von Juden bevölkerten Städte sind: Newyork mit 700.000 Juden, Wien mit 170.000, Berlin mit 95.000, London mit 80.000 und Jerusalem mit 50.000. Die Juden in China. In der Novembemummer der Zeitschrift „The International“ erschien ein Artikel: „Die Juden in China.“ Der Verfasser dieses Artikels stellt fest, daß die erste zuverlässige Aufzeichnung über Juden in diesem Lande von tartarischen Reisenden des neunten und vierzehnten Jahrhunderts gegeben wurde und bemerkt: Durchzügler. Alljährlich, wenn die Schwalben wieder kommen, sehen sie eine Anzahl von Zionisten, die nicht mehr da sind. Mattherzige erschrecken sehr darob und meinen, daß das jammerschade sei. Natürlich: man hat sie düpiert, durch zu scharfes Vorgehen in ihren Gefühlen verletzt oder ihnen kein Betätigungsfeld eingeräumt. Man sollte es •doch endlich lernen, niemanden vor den Kopf zu stoßen. Und wenn jemand „was ist“ — insbesondere in puncto Geld — dann darf man schon ein Auge zudrücken — der großen Idee zuliebe . . . Sehen wir uns einmal die Zionisten von gestern an! Zunächst gibt es eine große Anzahl, die glauben, mit dem Schekel und dem Vereinsbeitrag ein gebuchtes Recht auf fortdauernde Abendunterhaltung mit dem Programm „Assimilantenkorrüption“ erworben zu haben. Aerger kann man eine Idee schon nicht mehr herabwürdigen. Sie kamen in unsere Versammlungen wie zu einem Stiergefecht oder wie zu einem Kabarettabend. Gab es dann stille interne Arbeit, verzogen sie sich gähnend. Gottlob! Sie hatten nichts mit uns gemein. Nicht die ehrliche Entrüstung, nicht die Not, die nach Befreiung ringt, und am allerwenigsten die Liebe! Geht wieder zu Eisenbach! Dann gibt es viele, die mit der Pose des edlen Wohltäters kamen. Als großartige Volkserretter zogen sie in die neue Partei ein. Aber wehe über den unvernünftigen und undankbaren Zionismus, der sie nicht sofort auf den Schild hob! Anstatt sie, die doch wo anders eine bedeutende Rolle spielen könnten, in Watte zu wickeln und wie ein Kleinod zu hegen, scheidet die gesunde Bewegung automatisch aus, was nicht organisch zu ihr gehört. Rasch haben sie da ihr Weltbürgertum entdeckt oder ihren Individualismus, der den Parteitritt nicht vertrage, oder daß sie ja schließlich und endlich doch bei Goethe und Fichte aufgewachsen wären. Man wird ihnen keine Träne nachweinen. Zwischen dieser Spezies und uns besteht ein unüberbrückbarer Gegensatz. Sie offenbarten sich dem Volke in der Meinung, daß das Judentum sie brauche. Wir aber wurden Zionisten, weil w i r das Judentum brauchen. Vor der großen Gruppe der Vernachlässigten, Gekränkten und Uebersehenen, von den Vielen, welche eine fertige Theorie mit sich herumtragen, die sie im jungen Zionismus anzubringen hoffen, und von den noch Zahlreicheren, die jeden neuen Sport eine Zeitlang mitmachen müssen, braucht man nicht gesondert zu sprechen. Sie sind noch keiner neuen Richtung erspart geblieben. „Jesaja prophezeit im 1. Kapitel, V. 12: Diese werden von fernher kommen und diese vom Norden und Westen, und diese aus dem Lande „Sinom“, womit zweifellos, wie Menasseh den Israel übersetzt, China (Sina) gemeint ist. Und trotz der Uebersetzung der Septuaginta mit „Persien“ und der Uebersetzung der Vulgata mit dem „Land des Südens“ können wir die Prophezeihung Jesajas als Beweis dafür annehmen, daß schon vor der Erbauung des zweiten Tempels sich Juden in China angesiedelt hatten. Der Verfasser gibt eine Uebersicht über die Berichte verschiedener Reisenden und Missionäre von den Juden, in welchen deren Sitten und Gebräuche beschrieben sind. Dann weist der Verfasser auf die Forschung von Juden in Schanghai hin, welche einige jüdische Eingeborenen aus Kai-feng-fu dorthin gebracht hatten. Der Berichterstatter, der diese interessanten Leute sah, lernte verschiedene charakteristische Typen unter ihnen kennen. Die Gesichtsbildung der Juden, mit welchen er zusammentraf, war ganz chinesisch, außer einem Jungen von 17 Jahren, dessen Gesicht einen ganz besonders jüdischen Typus hatte. Was die schwierige Frage betrifft, wann und wie die Juden in China einwanderten, so nimmt der Verfasser die Theorie von den verlorenen zehn Stämmen an. Er Hebt hervor, daß die Juden in China niemals unter Intoleranz zu leiden hatten und bezüglich der Assimilation der Juden in diesem Die Verzagten, die diesen Abfall nicht verwinden können, mögen doch erwägen, daß es sich immer nur um Leute handelt, die nur der Partei angehörten — niemals der B e w e g u n g. Nur wer durch die Bewegung in die Partei gelangt ist, steht mit beiden Füßen, drinnen. Darum mag man immer wieder betonen, was uns die Bewegung bedeutet. In einer Welt von Feinden, fremden und verschämten Freunden haben wir vegetiert. Die Jugend ward uns von tausend Bitternissen vergällt und die Brust des jungen jüdischen Menschen zum Friedhof der besten Empfindungen gemacht. Ein Aufwachsen ohne aufrichtige Neigung Gleichalteriger, ohne teilnehmendes Begreifen Aelterer, ohne ein Fünkchen Verständnis in der Familie, Und das Mannesalter traf uns dann in ewiger Fechterposition oder quälender Vereinsamung oder häßlicher unwürdiger Verstellung. Da kam der Zionismus wie eine Erlösung, gab uns eine Vergangenheit mit einem Volkstume, eine Gegenwart voll heiligster Arbeit und eine Zukunft mit einem Heimatlande. Wen diese neue Lebenswelle in die zionistische Partei hinübergetragen hat, dem ist nicht bange, wenn der oder jener den Rücken kehrt oder wenn ein Strohfeuer erlischt. Der verwächst um so inniger mit ihr, je schwerer sie sich vorwärts ringt. Die Kleinmütigen aber können ruhig schlafen. Unsere Idee wirbt ständig, dringt täglich in neue Kreise und hat schon das ganze jüdische Leben durchsetzt. An der neuen Methode unserer Gegner kann man ersehen, wie groß der Aufschwung der Bewegung ist. Sie spielen den Zionismus gegen uns aus. Ist das nicht die letzte Etappe vor dem Zusammenbruche? Uns dünkt es so. Wer drüben rasch und billig zu Ansehen und Einfluß gelangen- -will, braucht nur zionistischer Renegat zu sein. Der Kahal schenkt ihm jede Aufnahmsprüfung, jede Probedienstzeit. Er darf sich sogar weiter Zionist nennen. Verlangt wird nur, daß er mit dem „System“ nicht einverstanden ist. Inzwischen füllt der Nationalfonds, dieses kostbare Mosaik, das keine zweite Richtung im Judentum, ja wohl auch sonst keine Bewegung aufzuweisen vermag, die letzten Seiten der zionistischen Organe und erobert sich .immer neue Zeitungsspalten. Studiert sie genau, diese Spalten, ihr Zaghaften und Mattherzigen! Seht euch dieses Werk an, an dem tausend liebevolle Hände arbeiten und ihr werdet euch beruhigen. Vielleicht wird euch dann eine andere Sorge beängstigen, die, weiß Gott, schon lange an uns nagt: Lande wirft er die Frage auf, woher es kommt, daß sie von den Chinesen und nicht von den Christen absorbiert wurden. Er gibt die sehr einleuchtende Antwort hierauf, daß die Bewilligung uneingeschränkter Emanzipation und Freiheit die praktischesten Mittel dazu sind, um wahre und aufrichtige Freundschaft zu schließen mit einer Minorität von eingewanderten Ausländem oder selbst einer untergeordneten Nation, während Bedrückung, Einschränkung und Verfolgung Erbitterung und Feindschaft entfachen. „Die Chinesen gaben den Juden alle Vorrechte und Rechte und schlossen Freundschaft mit ihnen, so daß die Juden keinen Grund dafür sahen, sich von den Chinesen abzusondern; sie näherten sich gegenseitig, heirateten untereinander, und nach und nach erwies sich — leider — die b e q u em e r e Religion als die überdauernde.“ Der V erfasser meint, es dürfte eine interessante Aufgabe — nicht nur interessant für die Juden als Nation, als auch für die Wissenschaft im allgemeinen — sein, wenn man einen kompetenten Mann beauftragen würde, in Kaifung die gegenwärtige Stellung der dort noch lebenden Juden zu erforschen. Er fühlt es sicher, daß die halb assimilierten Juden noch einmal zu ihrem alten Glauben zurückkehrten, wenn zur Erleichterung ihrer Unterhaltung beigetragen würde. Die Juden, die er in Schanghai traf, waren froh und glücklich bei schwerer Arbeit und fanden Trost und Zufriedenheit in dem Bewußtsein, dem alten Stamme Israel auzugehören.