Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 9 (26.3.1909)
- Date
- 1909-03-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 9 „Selbstverständlich müssen wir alle Türkisch können, als die offizielle Sprache des Reiches, aber unsere altvertraute heilige Sprache soll in unseren Häusern, in unseren Familien, unter unseren Kindern weiter blühen. Wir waren Juden und müssen Juden bleiben, ottomanische Juden, treue Bürger unseres verehrten ottomanischen Reiches, aber Juden!“ Mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die Türkei und das jüdische Volk schloß der Redner seine wirkungsvolle Ansprache. : * * * Prompte Gerechtigkeit. Jaffa. Vor einigen Tagen hat sich hier ein merkwürdiger Zwischenfall ereignet. Mehrere Araber überfielen einen ruhig seines Weges gehenden Juden, der einen Kolonialwarenladen besitzt, und mißhandelten ihn unter der Beschuldigung, daß er vergiftete Bonbons unter arabische Kinder geworfen hätte. Es entstand ein großer Menschenauflauf und der Jude wurde in das Gefängnis abgeführt, aber da er russischer Untertan ist, bald wieder freigegeben und von dem russischen Konsul in Gewahrsam genommen. Auf das sehr energische Eintreten des Konsuls wurde sofort eine chemische Untersuchung der im Laden des Juden vorhandenen Bonbons vorgenommen und es erwies sich, daß die Beschuldigung der Araber vollständig aus der Luft gegriffen war. Darauf wurde der Jude aus der konsularischen Haft entlassen und die vier Araber wurden verhaftet. Es schwebt jetzt gegen sie ein Verfahren wegen .Mißhandlung und Aufreizung, das wahrscheinlich mit einer empfindlichen Strafe der Schuldigen enden wird. Unklar bleibt allerdings bis jetzt, aus welchen Gründen die Araber zu ihrem Vorgehen gelangt sind. Das hiesige Komitee „Union et Progres“ hat sich der Sache angenommen, um festzustellen, auf welche Einflüsse die Handlungsweise der Araber, zurückzuführen ist. * * * Yemenitische Juden in Jaffa. Jaffa. Vor einigen Tagen kamen 150 yemenitische Juden, ICO Männer und 50 Frauen nach Jaffa. Die Leute kommen aus einer kleinen Stadt inmitten der arabischen Wüste, zwanzig Tagreisen vom Hafen Hodeida entfernt. Das Land um diese Stadt herum trägt, wie sie berichten, den Namen „Ostland“, weil es den Osten der türkischen Besitzungen am Ufer des Toten Meeres bildet. Es wird ganz selbständig - verwaltet, unabhängig von der Konstantinopeler Zentralregierung. Nach den Angaben der jetzt nach Jaffa gekommenen Juden sollen dort insgesamt 5COO Juden wohnen, die sehr arm und von den arabischen Oberen unterdrückt würden. Zwei Monate vor ihrer Abreise, so erzählen sie, habe eine Versammlung von etwa hundert Juden stattgefunden, in der die Teilnehmer beschlössen hätten, das Land zu verlassen und nach Palästina zu übersiedeln. Da sie absolut keine Mittel hatten, so wandten sie sich an den reichsten Juden der Gegend und baten ihn um Hilfe. Der Mann verkaufte sein ganzes Besitztum für etwa 30X00 Francs und zog mit den anderen zusammen nach Palästina. Alle Einwanderer sind gesunde und arbeitskräftige Leute, zum großen Teil Schmiede, zum Teil such Ackerbauer. Sie hoffen, in den Kolonien oder in den Städten Arbeit zu finden und wollen, wenn es ihnen gelingt, festen Fuß zu fassen, die in der Wüstenstadt zurückgebliebenen Juden nachkommen lassen. Nach ihren Gewohnheiten und ihrer Lebensart erinnern sie sehr an die nomadisierenden Beduinen Mittelarabiens. Einige von ihnen haben mehrere, manche sogar bis zu vier Frauen. * * * Die jüdische Nationalbewegung in der Türkei. Konstantinopel. Die Wirkung des neuen Regierungssystems in der Türkei auf die Entwicklung des national-jüdischen Gedankens und seiner praktischen Bestrebungen wird immer' klarer. Unterredungen' mit verschiedenen Abgeordneten, Artikel in Zeitungen aller Parteirichtungen beweisen, daß die öffentliche Meinung in der Türkei dem Zionismus1 wohlgesinnt ist und daß man einer Förderung der jüdischen Kolonisation in Palästina -nichts in den Weg stellen will. Aber auch die Juden der Türkei wenden sich immer mehr einer national-jüdischen Tätigkeit zu JÜDISCHE ZEITUNG. und zeigen bei jeder Gelegenheit, daß sie nunmehr als freie Männer auch freie selbstbewußte Juden sein wollen. So haben sich in der letzten Zeit verschiedene jüdische Vereine zum Zionismus offen bekannt und sich von ihren bisherigen, mehr aus Zaghaftigkeit angenommenen Tendenzen losgesagt. — Die Schüler der hiesigen Schul.-n haben sich vereint zu einem Verbände mit dem Namen „Jüdischer Nationalfonds“. Der Zweck dieses Verbandes besteht in erster Reihe in der Propagierung der Nationalfonds-Idee und der Vergrößerung der Mittel des Nationalfonds. Außerdem haben sie hebräische Sprachkurse eingerichtet, an denen sich alle diese Schüler mit großem Fleiße beteiligen. Der Verein hat schon jetzt zweihundert Mitglieder und hat bereits gewisse Erfolge zu verzeichnen. Außerdem wurde eine jüdische Vereinigung unter dem Namen „Achwah“ begründet. Dieser Verband besteht hauptsächlich aus Sephardim, also aus denjenigen Juden, die bis jetzt jeder organisierten national-jüdischen Tätigkeit abgeneigt waren. Es wurden zionistische Redner berufen und der Verein geht auch daran, ein nationales Programm auszuarbeiten für eine planmäßige jüdische Politik. In dem seit vierzehn Jahren hier bestehenden „Israelitischen Turnverein“, dessen Mitglieder aus den bekannten halbassimilatorischen Typen sich zusammensetzen, beginnt ebenfalls die nationale Bewegung einzudringen. Es ist interessant, daß gerade die spart i o 1 i s c h e n Juden gefordert und durchgesetzt haben, daß der Assim i 1 a n t en-Jargon, der sich schon im Namen kundtut, abgeändert wird und daß der Verein von jetzt ab „Jüdischer Turnverein, Makkabäer“ heißen soll. Auch wurde das Hebräische als die offizielle Sprache eingeführt anstatt der bisherigen deutschen Sprache. Als Wappen des Vereines wurde der „Mögen Dawid“ eingeführt. - Auch in den Provinzstädten wird eine rege Agitation für die jüdisch-nationalen Bestrebungen geführt, und es ist von höchstem Interesse, zu sehen, wie sich unter dem neuen Regime auch die zielbewußt jüdischen Bestrebungen immer weitere Kreise erobern. * * * Josef Israels und der Bezalel. Jerusalem. Der bekannte hoiländisch-jüdische Maler Josef Israels hat anläßlich seines 85. Geburtstages, den er am 2. Jänner dieses Jahres feierte, der jüdischen Kunstgewerbeschule Bezalel in Jerusalem sein Selbstporträt zum Geschenk gemacht. Josef Israels beweist damit ebenso sehr das Interesse für die Ausbreitung jüdischer Kunstindustrie in Palästina wie seine Anerkennung für die Leistungen der Schuie Bezalel, die bekanntlich unter der Leitung des Professors Boris Schatz steht und deren Lehrer unter anderen auch der jüngst verstorbene Maler Samuel Hirszenberg war. Die Kunstgewerbesshule Bezalel erfreut sich übrigens auch bei ihren Schülern und bei solchen, die os werden möchten, einer wachsenden Beliebtheit. Die Direktion in Jerusalem sieht sich sogar jetzt veranlaßt, mitzuteilen, daß gegenwärtig alle Plätze in der Schule besetzt sind und daß daher davor gewarnt werden muß, ohne vorherige Anfrage bei der Schule nach Palästina zu reisen, in der Absicht, im Bezalel aufgenommen zu werden. * * * Ritualmordmärchen in Rußland. Wilna. Vor acht Tagen hatte sich vor dem Wilnaer Gerichtshöfe der Jude W i k k e r, ein angesehener Hausbesitzer des Städtchens Budwidz — acht Meilen von Wilna gelegen — wegen Mordes zu verantworten, vollführt an einem chrislichen Knaben — zureligiösenZ wecken! Die Vorgeschichte, die sich immer gleich bleibende. Im vorigen Jahre um die Osterzeit wurde in einer am äußersten Ende von Budwitz, in einer vollständig abgelegenen und schwer zugänglichen Gegend befindlichen Hütte ein Bauernknabe mit durchschnittener Kehle vorgefunden. Sofort bemächtigte sich der ganzen Bauernschaft des Städtchens und der Umgegend eine heftige, von geheimnisvollen Persönlichkeiten geschürte Erregung; das Gespenst der Blutlüge tauchte unheilvoll und schreckendrohend auf. Die Mutter des ermordeten Knaben erklärte unter dem Einflüsse der Einflüsterungen des Vorstehers der Semstwo mit Bestimmtheit, der Mördermüsseeinjudesein: der Geistliche Seite 5 des Ortes, die Polizeibeamten: alle bekannten sich offen zu ihrer Meinung, in einigen Orten begannen schon Pogromversuche. Eine mit dem größten Eifer betriebene „Untersuchung“ hatte natürlich bald das gewünschte Resultat: nur auf die Aussage der achtjäh rigcn(l) Schwester des Ermordeten hin wurde Wikker als des Mordes verdächtig verhaftet und nach dem Wilnaer Untersuchungsgefängnis abgeführt. Obgleich gegen den Angeschuldigten keinerlei Beweismaterial vorlag, wurde diese Angelegenheit doch als eine äußerst wichtige behandelt und gegen Wikker mit der größten Strenge verfahren; der Vertreter der öffentlichen Anklage erhob die Anschuldigung wegen Ermordung eines christlichen Knaben. Die Anklagekammer jedoch fand, daß keine genügenden Ursachen vorlägen, VV. vor Gericht zu stellen und beschloß, das Verfahren gegen ihn sofort einzustellen. - So wurde W. nach achtmonatlicher schwerer Kerkerhaft als gealteter und gebrochener Mann wieder in Freiheit gesetzt. Doch seine Leidenszeit hat ihr Ende noch nicht erreicht: er weiß nicht, was er jetzt anfangen, wo er bleiben soll; denn nach seiner Heimat kann er nicht zurück: die Bauern würden ihn töten. Denn für sie ist er für immer mit dem Odium des Ritualmordes behaftet, daran hat auch kein richterlicher Spruch etwas zu ändern. Der „Verband der echten Russen“ hatte aus den ihm eigenen lauteren Motiven diese ganze Angelegenheit möglichst aufgebauscht und beabsichtigt sogar, sie durch seinen Vertreter in der Duma, Samyslawski, zum Gegenstand einer Interpellation zu machen. Budapester Brief. Von unserem Korrespondenten. Die Gemüter, die durch die Erscheinung der Denkschrift der ungarischen Zionisten in Aufruhr gebracht wurden, haben sich noch immer nicht beruhigt. In diesem Tohuwabohu hat das Schreiben des Reichstagsabgeordneten Herrn Alexander Bab o c s a y allgemeines Aufsehen erregt. Die Worte Babocsays, der Vizepräsident der parlamentarischen Linken, ist. als Aeußerung eines Nichtjuden, der unserem Volke aufrichtige Sympathie entgegenbringt, müssen festgehalten werden. Der Brief lautet: Budapest, am 25. Jänner 1909. An das Landeskomitee der ungarländischen Zionisten Budapest. Ich danke Ihnen für die liebenswürdige Einsendung Ihrer Denkschrift. Die zionistische Idee faßte ich immer so auf, wie in der Denkschrift auseinandergesetzt wird. Trotzdem ließ mir die ausgezeichnete, kluge und liberale Motivierung die Idee in einem noch günstigerem Lichte erscheinen. Auf Grund der Erfahrungen eines ganzen Lebens kann auch ich bekräftigen, daß das jüdische Volk die Eigenschaften besitzt, welche es befähigen, die zionistischen Pläne zu verwirklichen. Mit vorzüglicher Hochachtung Alexander B a b o c s a y, Reichstagsabgeordneter. * * * Es ist gewiß keine angenehme Sache, über die Lage der ungarischen Juden stets Trauriges mitteiien zu müssen. Man fühlt instinktiv, daß diese Briefe wie Kinoth anmuten dürften und doch tut es not, all* die Zurücksetzungen zu registrieren, die den Juden hierzulande zu Teil werden. Lichte Momente, höchstens die Assimilanten werden dem Umstand, daß sich die Regierung bei der Bestattung des Juden Baron Ferdinand Beck durch den Staatssekretär Szterenyi, einen Täufling vertreten ließ, einen solchen erblicken. Doch das Verhalten der Regierung und der ungarischen Oeffentlichkeit in einem anderen Falle war ganz unerhört. Es handelt sich um den Fall Prof. AlbertSturm, der als Journalist seit 40 Jahren im Dienste der ungarischen Presse stand und seit 15 Jahren als Chefredakteur des offiziösen Blattes der ungarischen Regierung wirkte, wurde vorige Woche zu Grabe getragen. Bei der Bestattung - es waren kaum 50 Personen erschienen - ließ sich weder die Regierung, noch die politische Welt vertreten. Dies war die Belohnung, die ihm die ungarische Nation zu Teil werden ließ, weil er, der in der Blütezeit der Assimilation wirkend, jeder jüdischen Bewegung