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Jüdische Zeitung · 1909-03-26 · 9 (26.3.1909) · p. Seite 4

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
9 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 9 I | I 1;ü 1 -i* * den, welche im Prinzip der Hohen Pforte das Recht bestreiten, irgendeinem ihrer Staatsangehörigen die Einwanderung zu verweigern. Der Umweg. Es war einmal — vor langer Zeit — Eine jüdische Angelegenheit. Man brauchte, ich glaube, ein Lokal Oder einen Fonds — das ist ja egal Und bleibe gänzlich dahingestellt; Auf alle Fälle brauchte man Geld! Die unerfahrenen Enthusiasten, Die sich mit dieser Sache befaßten, Betrieben sie in großem Stil Und glaubten, es sei ein Kinderspiel. Doch alles, was sehr leicht erscheint, Ist immer schwerer, als man meint Das mußten auch die Herren erfahren, Die allzu hoffnungsfreudig waren. — Denn kommt der Jude zum Juden ins Haus, Dann sieht er meistens schofel aus, Besonders für einen jüdischen Zweck Kriegt man --- doch darüber geh’ich hinweg! So sind die Armen mit Bangen und Hoffen Direkt marathonisch herumgeloffen, Und wenn sie mit zerquetschten und lahmen Gliedmaßen abends zusammenkamen, Bewiesen sie ihre Wanderfahrten Mit Haufen von Tramway- und Omnibuskarten. Und jeder erzählt’, wo er überall war. Doch keiner brachte zwei Kronen bar. Zwar fand sich noch mancher (Gott sei Dank!) Mit einem Namen von Rang und Klang, Derts Judentum auf keinen Fall läßt — Doch solche Leute sind meistens bedallest. Sie zeigen gewöhnlich ein reges Interesse Und geben Ezes und manche Adresse — Doch wenn man sich bei der Adresse beworben, Erfährt man, der Adressat ist gestorben. Die andern aber waren zumeist Geschäftlich vergeben oder krank und verreist; Bei anderen wieder war voll das Budget Und manche sprachen: „Was? J üdisch? Adieu!“ Und ein Muskulöser erschien an dem Pfosten Und hob prophetisch die Hand gen Osten, Was deutlich war und außerdem Für den Gemeinten unangenehm, Denn peinlich i s t ge wöh n 1 i ch ein Hinausgeworfen worden sein! Doch am empfindlichsten wurde es Beim Enkel des Rabbi Fleckeies — Der litt als Macher der „Freien Schule“ An Klerikalismus und schwerem Stuhle Und sprach ^on Freiheit und anderen Sachen, Die die Verdauung leichter machen; Dann sprach er von Mommsen, Hock und Goethe — Da schimmerte schon die Morgenröte. Und als der Jüngling Abschied genommen, Da war er um Schlaf und paar Kilo gekommen. So kam es, daß die edlen Scholaren Erwiesenermaßen betroppezt waren, Und keiner hätte noch etwas getan, Wärt nicht gewesen Herr Muckerzahn. Das war ein Mann, der trug eine Glatze, Sowie ein Herz am rechten Platze; Und entwickelte frank und stramm Ein funkelnagelneues Programm. Zuerst, da haben alle gelacht Und nur geglaubt, daß er Witze macht; Doch später wurde es ihnen klar Und sie erteilten ihm plein pouvoir. Und bald begab sich Herr Muckerzahn Zu dem Prälaten G e n o v i a n, Dem klugen Obmann des Vereins Füi Kirchenbau, Ortsgruppe I, Dem hat er frei und ungeniert Den neuen Kriegsplan expliziert. Und Dignität bewiesen große Verständnisinnigkeit für Parnosse. Und als die Vesperglocke erscholl, So wußte jeder was er soll. Der Jud’ übernahm die Sammelbüchsen Des kirchenbaufreundlich gesinnten Christen Und übernahm für sein Komitee Die Wege am Schotten ri ng, Salzgries und Kai. Und von der Summe der Judenpräsente Entfielen auf seinen Verein zehn Prozente — Es ist erstaunlich, wie sich die Stadt Mit einem Mal verändert hat. — Die Herren Verreisten sind dagewesen, Die Sterbenskranken plötzlich genesen, Die Gröbsten wurden zu Engelsgestalten (Weil man sie nebbich für Christen gehalten!) Und bald verwirklichte das Komitee Die schöne, hohe, edle Idee. Und als die Sache zu Anseh’n gekommen, Da haben sie die B. B. übernommen. Gleichzeitig hat Seine Eminenz Mit Pomp und großer Assistenz Solemnibis verbis und tief bewegt D e n G r u n d st e i n zu einer Kirche gelegt! Beda. Aus dem jüdischen Leben. Ein jüdischer Marineminister. Wien. Laut Mitteilungen aus Amerika wurde vor einiger Zeit in Aussicht gestellt, daß im neuen Kabinett der Präsident Taft, dem bisherigen Privatsekretär Roosevelts, Wilhelm L o e b, ein Ministerportefeuille anvertrauen dürfte. Nunmehr erhalten wir aus Washington die Nachricht, daß in der Tat L o e b zum Leiter eines Ministeriums, und zwar des Marineamtes ausersehen sei. Loeb ist die rechte Hand Roosevelts; er hat seit jeher die Ausbildung des Marinewesens als seine wichtigste Aufgabe bezeichnet. * * * Unentwegte deutsche Märtyrer mosaischer Konfession. Prag. Vorderhand besteht die Beschäftigung der Prager im Warten auf den Sonntag. Wird es Krawalle geben, wird der Graben gesperrt sein oder geräumt werden? Prag lebt den ersten Teil der Woche von Berichten und Erzählungen vom vorigen Sonntage, den zweiten Teil von Vermutungen bezüglich des kommenden. Genährt wird die Spannung durch die „energischen Schritte der deutschen Studenten beim Polizeipräsidenten“. Den Jüdischliberalen widerfährt hie und da eine der bekannten Brüskierungen seitens der „Arier“, Ablehnungen, die unsere stolzen „Israeliten“ still hinzunehmen schon gewohnt sind, die sie eigentlich immer erwarten, weil sie doch so selbstverständlich sind. Ein Beispiel: Die „deutschen“ Assimilanten gehen als Erste zum Polizeipräsidenten um mitzuteilen, daß sie als „Deutsche“ unter keinen Umständen auf den Bummel verzichten können. Und unbedingt auf dem aufgerissenen Graben werden sie bummeln! Bald darauf kommen die deutschnationalen Antisemiten zum Präsidenten, hören, was die Juden beschlossen haben und erklären, sie würden am kommenden Sonntag den Grabenbummel unterlassen. Die Katholiken, die ja auch ihr Deutschtum beweisen müssen, wollen sich zuerst doch auf dem Graben sehen lassen, verzichten aber darauf, wahrscheinlich in der Besorgnis, mit der sogenannten „freisinnigen“ Studentenschaft in einen Topf geworfen zu werden. Und so sind die liberalen Juden plötzlich unangenehm vereinsamt. Diesen Sonntag gab es schon eine reinliche Scheidung. Auf dem Graben bummeln die „israelitischen“ Deutschen, die vom Rechte des deutschen Volkes keinen Fußbreite vom Graben verfallen lassen wollen. Und die Deutsch antisemitischer und klerikaler Couleur ziehen zu Markierungszwecken den Wenzelsplatz hinauf und hinunter. Nächsten Sonntag werden die freisinnigen Deutschen wahrscheinlich wieder den Ariern nachgezogen sein, um der „Einigkeit“ des deutschen Volks willen. Bis die Arier sie dann wieder allein lassen. Diese Nachlaufkomödie nimmt kein Ende. Die Arier werden sich durch keinen „gemeinsamen“ Feind mit den deutschen Juden zusammenschweißen lassen. Aber die Assimilanten wollen nicht daran glauben. Elha. * * * Russische Rechtssprechung in Oesterreich. Brüx. Ueber ein famoses Urteil weiß die „Brüxer Ztg.“ zu berichten: „Anläßlich des Kaiserjubiläums wollte auch die Gemeinde T1 u s t i t z Fahnen hissen. Da sie keine österreichische besaß, wurde auf dem Kirchturme eine solche in Landesfarben angebracht. Die Ortsnotablen hielten es aber für nötig, eine österreichische Fahne anzubringen. Eine solche besaß der im Orte wohnende jüdische Kaufmann T a u s s i g und lieh sie auch her. Damit war aber der Arbeiter Ungar nicht einverstanden und riß die Fahne herab. Vor dem Prager Senate verantwortete er sich dahin, daß er die Farben als jüdisch nicht auf der Kapelle dulden wollte. Darum habe er sie herabgerissen und in den Bach geworfen. Landesgerichtsrat Svasta sprach ihn — frei.“ Eine jüdische Konsumgenossenschaft. Bukarest. Die „Vereinigung der rumänischen Juden“ beschloß, eine jüdische Konsumgenossenschaft zu gründen und hat ein Aktienkapital von 1CO.OOO Franks zur Verfügung gestellt. Die Genossenschaft wird zunächst ein Holz- und Kohlendepot, dann ein Kolonialwarenmagazin gründen, wo die wenig bemittelte Bevölkerung ihren Bedarf gegen Bezahlung von Monats- oder Wochenraten wird decken können. Eröffnung des ersten hebräischen Kindergartens. Saloniki. Der sechzehnte Schewat war für die Juden Salonikis ein wichtiger Tag. Wurde doch an ihm die Eröffnung einer Anstalt festlich begangen, die vielleicht berufen ist, für die geistige und nationale Entwicklung unserer Brüder im Orient, insbesondere in der Türkei, einmal eine große Rolle zu spielen. In Saloniki, wo bisher unter den Juden der Geist der Alliance vorherrschend war, ist dieser Tage der erste hebräische Kindergarten eröffnet worden. Welch einem Bedürfnis der Hilfsverein der Deutschen Juden mit der Gründung dieser Anstalt entgegenkam, beweist am besten der große Zudrang der Kinder, der sich schon vor der Eröffnung bemerkbar machte. Schon jetzt reichen die Räume des Kindergartens nicht mehr aus. Es konnten vorläufig nur 100 Kinder aufgenommen werden, mindestens ebensoviele mußten zurückgewiesen werden, sodaß man bereits jetzt an eine Erweiterung der Anstalt denken muß. Die Eröffnungsfeier verlief höchst eindrucksvoll. Das Gebäude des Kindergartens, das die jüdische Gemeinde zu diesem Zwecke gekauft hat, war mit Fahnen in den j üdischen und türkischen Farben geschmückt. Der geräumige Hof war von einer erwartungsvollen Menge angefüllt. Um halb 3 Uhr nachmittags begann sich der Saal mit den angesehensten Mitgliedern der jüdischen Gemeinde zu füllen. Von einer Tribüne herab hielt der Chachambaschi eine sehr eindrucksvolle Ansprache, die durch den nationalen Grundzug sehr bemerkenswert ist. Er stellte in Aussicht, im nächsten Jahre eine Elementarschule zum Unterricht in der türkischen, hebräischen und deutschen Sprache anzugliedern und führte aus:

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