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Jüdische Zeitung · 1909-03-26 · 9 (26.3.1909) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
9 (26.3.1909)
Date
1909-03-26
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 9 Herr Dr. Ofner auf der Zionistenjagd. ln Wien hat es der Abgeordnete der Leopoldstadt bisnun unterlassen, den Zionisten öffentlich zu begegnen. In seinen Wählerversammlungen wurde vorerst den Leuten, die als Nationaljuden „verdächtig“ schienen, das Wort prinzipiell nicht erteilt, späterhin wurde die „deutschdemokratische“ Versammlungstechnik dahin ausgestaltet, daß den Zionisten der Zutritt zu diesen „allgemein zugänglichen“ Versammlungen überhaupt verwehrt wurde. Ofner zog es vor, die Abschlachtung in geschlossenen Zirkeln vorzunehmen. Und als er kürzlich über Einladung des Vereines der deutschliberalen Juden in Teplitz-Schönau den Zionismus in Böhmen bekämpfte, hat er dies, seiner „freiheitlichen“ Gewohnheit treu, in einem Vortrage ohne Diskussion getan. Vor unangenehmen Berichtigungen sicher, erging er sich in den seichtesten Gemeinplätzen: „DerZionismus ist eine gefährliche Theorie und kein Feind derjuden könnteeine gefährlichere ersinnen!“ Daß die zionistische Bewegung Herrn Dr. Ofner und seinen geliebten „Deutschen jüdischen Glaubens“ sehr gefährlich erscheinen muß, ist zu verstehen ... Er do zierte weiters: „Die Deutschen jüdischen Glaubens haben keine Ursache, den bisherigen Weg zu ve'rlassen.“ Wir s e t z e n S tolz gegen Stolz. Unser Denken und Fühlen ist deutsch. Das lassen wir uns durch die Zionisten nicht verkümmern!“ — Dieser Satz ist etwas rätselhaft. Hat der bisherige Weg der deutschliberalen judenpolitik durch gar so prächtige Gegenden und zu einem herrlichen Ziele geführt? Ward das Festhalten an dieser Politik durch großartige Erfolge belohnt? Wir wissen nur, daß der deutsche Antisemitismus kräftiger gedeiht denn je, daß es heute im Parlament überhaupt keinen freisinnigen Deutschen mehr gibt. Wie lange ist es her, daß die deutschjüdischen Abgeordneten, Herr Ofner inbegriffen, aus der Vereinigung der Deutschfreisinnigen wegen ihres Judentums hinausgeworfen wurden und der „deutschliberale“ Führer Pergelt den Tschechen allseine jüdischen Mitarbeiter schenken wollte? Stolz gegen Stolz? Bisher haben die Deutschliberalen gegen Fußtritte nur knechtische Unterwürfigkeit zu setzen gewußt. Mit dem deutschen Denken und Fühlen des Herrn Ofner hat es auch so ein eigenes Bewandtnis. In der böhmischen Provinz spielt er den Germanen, in Wien aber läßt er solchen Mumpitz bleiben, vermeidet es ängstlich, die deutschnationale Walze einzulegen. Jargon Versammlungen hat er in der Leopoldstadt abhalten lassen, mit hebräisch gedruckten Jargon auf rufen hat er seine „deutschen“ Wähler überschüttet, der gute, deutschdenkende und deutschfühlende alte Herr! Goldschmied wird zum Soldaten gepreßt. Der Dajon ist gerächt . . . Die zweite Tochter soll ihn trösten. Was sich zwischen seiner Frau und Schlomes Vater zugetragen, ahnt Reb Jankef nicht. Schlome aber ist sein Lieblingsschüler, soll bald das Rabbinerdiplom bekommen und ist in Sara, die zweite Tochter, verliebt Von seinem ersten Weibe, mit dem er nur kurze Zeit zusammengelebt, will er sich scheiden lassen. Aber wie das anstellen? Sein Weib willigt in die Scheidung nicht ein. Eine jüdische Frau kann zur Einwilligung nicht gezwungen werden. Eine erzwungene Scheidung ist ungiltig. Es bleibt nur ein Mittel: Wenn 23 Rabbiner der Vierländer-Synode, Lithauen, Polen, Zamoscie und Rußland eine gewaltsame Scheidung erlauben, so erlangt der „Get“ (Scheidungsbrief) Giltigkeit Schlome begibt sich auf die Reise zu den 23 Rabbinern. Schlome fährt von Stadt zu Stadt Es dauert lange, bis er die ungewöhnliche Erlaubnis erwirkt hat Endlich nach vielen Monaten, im Jahre 1831, hat er die nötigen 23 Unterschriften und Siegel beisammen. Im Lande tobt ein Krieg, ein Volksaufstand. Das empörte Polen hat sich in ein Schlachtfeld verwandelt ln Polen wohnen die Juden, aber sie befinden sich auf dem Kriegsschauplätze als fremde, ln Wien hat er zu hunderten Malen erklärt, weder der Nation noch dem Glauben nach Jude zu sein, in Teplitz ist er Deutscher „jüdischen“ Glaubens. — Komisch wirkt es, wenn er bemerkt: „Das nationale Nurjudentum ist nichtsAnderesalseineStufe, auf der sichder jüdische Klerikalismuserhebt!“ Bekanntlich macht der Zionismus das Judentum des Einzelnen vom Glauben unabhängig. Herr Ofner aber kennt die Juden nur als „Deutsche jüdischen Glaubens“. Während der letzten Kultuswahlen hat seine Partei in Wien zusammen mit der Kultusclique und den Orthodoxen gegen die „religionslosen“ Zionisten gekämpft! Herr Ofner liebt es, so bekannte Details zu verschweigen. Er vergißt eben, daß Lügen kurze Beine haben, daß man auf die Dauer nicht mit Verdrehungen kämpfen kann, auch unter „Ausschluß der. Oeffentlichkeit“ nicht. Er hat auf seinem letzten Kriegszuge gegen die jüdischen Nationalen in Böhmen reichliches Lob seitens der deutschnationalen Presse geerntet, der es momentan angenehm ist, wenn die Juden das Maul halten und der Sache Opfer bringen, aber zur Ausrottung des Zionismus hat er herzlich wenig beigetragen. __ Ein türkischer Dreyfus. Das Saloniker Blatt „La Epoca“ erzählt einen Fall, der lebhaft an die Affäre Dreyfus erinnert. Der Held der Geschichte, ein Jude, ist Dr. Josef Effendi Carmona. Im Jahre 1886, bei seiner Rückkehr von Iwak (Arabien), wohin er entsendet wurde, um eine bei den Truppen ausgebrochene Seuche zu bekämpfen, wurde er zum Stabsarzt befördert und an das Militärspital Adrianopel berufen. Die Eifersucht zweier Kollegen und der Haß des Kaimakams zogen ihm eine Anklage wegen eines Verbrechens, das er nicht begangen hatte, zu. Das Konstantinopeler Kriegsgericht verurteilte ihn zur Degradation. Dr. Carmonas Vater, Davitchon Effendi Carmona, Mitglied des Staatsrates, Expenator und Präsident des Jüdischen Konsistoriums zu Konstantinopel, starb, darüber vor Gram. Dr. Carmona, der Adrianopel nicht verließ, sondern dort weiterpraktizierte,scheutekeine Anstrengung, um die Revision seines Prozesses zu erzielen. AmMorgennach der Proklamation der Verfassung begriff Dr. Carmona, daß der entscheidendeMoment gekommen sei. Erfuhr nach Konstantinopel und erneute seine Anstrengungen. Sie waren endlich von Erfolg gekrönt und der Kriegsminister ordnete die Revision des Prozesses an. Das Kriegsgericht kassierte bei der neuen Verhandlung das frühere Urteil und sprach Dr. Carmona frei. Er wurde zum Generalstabsarzt ernannt. Die „Epoca“ schließt mit den Worten: Es gibt noch Rich- 1 ter in der Türkei! teilnahmslose Zuschauer. Sie suchen friedlichen Unterschlupf — und finden ihn nicht. Sie werden bald von russischer, bald von polnischer Seite bekämpft. Auch Schlome wird von einer Kugel getroffen. Er befand sich auf der Heimreise, hatte die von den 23 Rabbinern gesiegelte und gefertigte Erlaubnis. Auf dem Wege wird er von Aufständischen überfallen und verwundet In diesem Augenblicke erscheint ein russischer Soldat, vertreibt die Aufständischen und rettet Schlome. Schlome ist aber dem Sterben nahe und haucht in den Armen des Soldaten seine Seele aus. Wer ist der russische Soldat? Der Goldschmied, der von Reb Jankef unter die Soldaten gesteckt wurde ... Ein glücklicher Zufall ermöglichte es dem Goldschmiede, sich vor dem Ablauf der Dienstzeit vom Militär freizumachen. Er kehrt heim und bringt die Kunde von Schlomes traurigem Ende. Im Hause Reb Jankefs ist der Tod eingekehrt. Rachel, des Dajon Weib, ist vor Gram gestorben. Die Kinder sind Waisen. Die ältere Tochter ein verheiratetes, die zweite ein verwitwetes Mädchen. Riwke kann das Geheimnis ihrer Mutter nicht wahren uud erzählt, daß Schlomes Vater Vorjahren die Mutter zum Weibe genommen und daß Gott die Sünde der Mutter gestraft und verhindert hat, daß Schlome und Sara als Geschwister ein Paar würden. Die rechtliche Stellung der Juden in der Türkei*). Gewisse Bestimmungen des Kodex des Theodosius lassen darauf schließen, daß schon zu Lebzeiten dieses Herrschers (408—450) in Konstantinopel Juden lebten. Dieses Gemeinwesen soll sich nach Angabe der jüdischen Historiker unter der Regierung Justinians (527—567) trotz der Ausnahmegesetze, die dazu bestimmt waren, seine Ausbreitung aufzuhalten, weiter entwickelt haben. Aus Dokumenten des Benediktinermönchs Bandarus geht hervor, daß unter Andronicus dem Alten (1282 bis 1328) in Konstantinopel eine Synagoge existiert hat. Jedoch stammen die meisten Juden in der Türkei von den im 15. Jahrhundert zusammen mit den Arabern massenhaft aus Spanien vertriebenen Juden ab, von denen ein großer Teil nach dem ottomanischen Reiche seine Zuflucht nahm. Als die Hauptstadt des byzantinischen Reiches unter die Herrschaft der Ottomanen kam, stand an der Spitze der jüdischen Gemeinde in Konstantinopel der Großrabbiner Moi'se Capsali. Diesem sollen, auf Befehl Mohammeds II., nicht nur seine amtliche Funktion belassen worden sein, sondern er soll sogar im kaiserlichen Diwan nach dem Mufti und dem griechischen Patriarchen als dritter einen Sitz erhalten haben. Derselbe Sultan soll den Israeliten zweierlei Arten von Steuern auferlegt haben: Die eine war der Kharadsch, während die andere dazu gedient haben soll, die Besoldung der Rabbiner zu decken. Wenn man diese Angaben als richtig anerkennt, so muß man daraus folgern, daß schon in ganz alter Zeit die israelitische Gemeinde in Konstantinopel einen Firman besessen habe, wodurch ihr dieselben Rechte zuerkannt werden wie den anderen Nationen. Indes ist der Text und das Datum eines solchen Firmans nirgends zu finden.! Die offizielle Anerkennung der jüdischottomanischen Gemeinde bildet heute ein durch ein kaiserliches Irade erlassenes Reglement, das vom 28. Schewal 1281 (1. Februar 1864) datiert und im zweiten Band Detours abgedruckt ist. Die Geschäfte der Gemeinde werden auf Grund dieses Reglements (Kakhamhanenozamnamessi) geleitet. Es enhält eine Aufzählung von zivilen und administrativen Privilegien, die sich, wie folgt, zusammenfassen lassen: *) Uebersetzt und zusammengestellt Vom Palästinaamte in Jaffa, nach dem Buche „De la Situation ldgale des sujets ottomans non musulmans“ des Grafen F. van den Steen dejehay, belgischen Ministerpräsidenten in Konstantinopel (Brüssel 1906). Der alte Dajon hört das Geheimnis. Sein alter Zorn erwacht: „Eine derartigeTrauungist ungiltig!“ schreit er gellend. Wenn er das gelten ließe, so müßte er zugeben, daß seine Ehe ein beständiger Ehebruch gewesen und seine Kinder — im Ehebruch gezeugt sind. Schlomes Vater begibt sich, wie vorher sein Sohn, auf die beschwerliche Reise in das Vierländergebiet — Lithauen, Polen, Zamoscie und Rußland — um von 23 Rabbinern die Giltigkeit seiner vor vielen Jahren vollzogenen Trauung mit der toten Rachel aufheben zu lassen, um auf diese Weise Reb Jankef von der Totsünde zu befreien, seine Kinder von der Schmach des Bastardentums zu reinigen und die Ehe Riwkes, des Goldschmieds Weib, zu lösen. Den alten Dajon hat ein Hiobsschicksal ereilt. Indes, sein Trotz ist nicht gebrochen. Riwke soll niemandes Weib werden. Der Goldschmied darf nicht über die Schwelle. Reb Jankef rührten nicht Riwkes trauriger Blick und ihre gramgebeugte Gestalt. Sein Eigensinn ist nicht niederzuringen .... Er hat nur eine Hoffnung: Schlomes Vater wird heimkehren und den gesiegelten und gefertigten Beweis mitbringen, daß er, Reb Jankef,. der Dajon von Chaßlawitsch, im Rechte ist. Dann wird Riwke frei sein und einen Gelehrten heiraten.

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