Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 8 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 IÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 8 Juden nach Ungarn Front zu machen. Der Abgeordnete B e n i c z k y brachte in dieser Angelegenheit eine Interpellation ein. „Der galizischen Einwanderung muß vorgebeugt werden führte er aus — und sollten zu diesem Zwecke, wenn 100 Grenzpolizisten nicht genügen, 1000 Polizisten an die Grenze gesendet werden. Auch England hat gegen die Judeneinwanderung ein Gesetz geschaffen. Wenn wir vom Mittelalter überfallen werden, müssen wir die Waffen des Mittelalters anwenden. Eine enorme Razzia muß im nordöstlichen Teile des Landes unternommen werden . . .“ Einst war Ungarn ein Dorado für das jüdische Volk, das heißt, es wurde hierzulande weniger bedrängt als in den übrigen Ländern. Böhmen und Mähren haben einen Teil ihrer Juden an Ungarn abgetreten, später wanderten viele aus Galizien, weniger aus Rußland ein. Es kann behauptet werden, daß sich drei Viertel der ungarischen Juden erst im Laufe des XIX. Jahrhunderts hier ansässig gemacht haben. Nun ändern sich die Zeiten. Die ewig fortschreitende Kultur und höhere Gesittung erfordern jetzt, daß Ungarn, welches sich stets „liberal“ zu nennen pflegt, vor den armen gehetzten Juden die Tore schließe. Das ist der Lohn, der den Juden zuerkannt wird, dafür, daß sie sich um das Aufblühen des Landes unbestreitbare Verdienste erworben haben und stets für die ungarische Sache eingetreten sind. Um gerecht zu sein, kann nicht verschwiegen werden, daß auch die A s s i m i 1 a nten an diesem Umschwünge in der sogenannten „öffentlichen Meinung“ Schuld tragen, da ihre Blätter Hetzartikel gegen die galizischen Juden veröffentlichten und freimütig erklärten, daß „die vaterländischen Israeliten mit dem galizischen Schnorrerpack nichts zu tun habe n“. Nicht genug. Das Organ der P e s t e r israelitischen Kultusgemeinde und der israelitischen Landeskanzlei, das sattsam bekannte „Egyen lös eg“, hatte die Vermessenheit, einen Artikel aus der Feder eines Nichtjuden zu veröffentlichen, in welchem die polnischen Juden an den Pranger gestellt wurden. Die größte Schmach ist es, daß sich die magyarischen Politiker in ihren Angriffen auf die Juden der Aussagen dieser „Israeliten“ bedienen können . . . Auf die Interpellation des Abgeordneten Beniczky hin wird zwar in Ungarn augenblicklich noch kein Einwanderungsgesetz gegen die Juden geschaffen werden, wenn aber die ungarischen Juden noch lange dem Treiben des Feindes müßig zusehen, wird das Gesetz nicht lange auf sich warten lassen. Auf die 20 Abgeordneten jüdischer Konfession, die im ungarischen Parlamente sitzen, können wir nicht rechnen, da diese Herren viel zu sehr in die ungarischnationale Politik verwickelt sind, als daß sie sich um das Schicksal „galizischer Schnorrer“ bekümmern könnten! B. Parteinachrichten. Sitzung des Zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich. Sonntag, den 14. Februar fand in Wien eine Sitzung des Zionistischen Zentralkomitees für Westösterreich statt. Der Präsident Herr Dr. Isidor M a r g u 1 i e s, erstattete einen ausführlichen Bericht über die Tätigkeit des Zentralbureaus und teilte den Mitgliedern die von der Zentralleitung eingelangten Berichte über die Situation und die zur Ausführung gebrachten Aktionen mit Die Schekelsammlung ergab für Böhmen und Mähren-Schlesien erhebliche Steigerung, die Gesamtschekelsumme für Westösterreich beträgt K 3360 50. Der Bericht wurde genehmigend zur Kenntnis genommen. Die anwesenden Distriktsleiter erstatteten Bericht über die Arbeiten und die Situation in den einzelnen Distrikten, aus denen sich ergibt, daß die Arbeiten überall in erfreulichem Fortschreiten begriffen sind. Den Anträgen des Zentralbureaus entsprechend, wurde beschlossen, den Monat März als Schekelmonat zu bestimmen, einen Schekelaufruf zu erlassen und ein Schekelflugblatt zu edieren. Für die Herausgabe einer vom Zentralbureau vorgelegten, von Herrn Adolf Böhm verfaßten Palästinabroschüre wurden die erforderlichen Mittel bewilligt. Das vom Zentralbureau provisorisch eingerichtete In'ormationsbureau für Palästina in Wien wurde genehmigt. Die weiter gefaßten Beschlüsse betreffen Palästinapublikationen und interne Propaganda. Der NF.-Kommissär. Dr. Egon Zweig berichtete, daß an dem in Nr. 3 der „Welt“ und Nr. 5 der .Jüdischen Zeitung“ bereits spezifizierten Aufschwung Oesterreichs in seinen Leistungen für den Nationalfonds und die Oelbaumspende, Westösterreich redlich teilgenommen hat. So weit die Spenden ortschaftsweise festgestellt werden konnten, hat Westöstnrreich im Jahre 1S08 K 22.900, Ostösterreich (Galizien und Bukowina) K 34.000 aufgebracht, beziehungsweise per Kopf ihrer Judenschaft-1 Westösterreichs h 6.93 und Ostösterreich h 3.75. Die einzelnen DistrikteWestösterreichs brachten absolut und relativ auf: Innerösterreich K 7900, also h 4.69 per Kopf; Böhmen K 7500, also h 8.03 per Kopf; Mähren- Schlesien K 6601, also h 11.75. Diese relativen Leistungen, nach der Volkszählung von 1900 berechnet, würden sich nach dem derzeitigen Bevölkerungsstande noch mehr zu ungunsten Wiens und Innerösterreichs verschieben. An sonstigen Eingängen für zionistische Zwecke (Parteifonds, Bezalel, Aktien etc.) vereinnahmte die Sammelsteile aus Westösterreich im Jahre 1908 weitere K 7916'49. Der Aufschwung Oesterreichs, Westösterreich eingeschlossen, werde voraussichtlich auch 1909 andauern. * ' * * Jüdische Techniker, Kommilitonen! Ein jüdischer Technikerverband ist im Gründen begriffen. Er soll der Zersplitterung und Desorganisation der jüdischen Techniker ein Ende machen. Bis jetzt konnten wir von jedem, ja selbst von Lehrenden, beleidigt werden, ohne daß wir sie durch eine Organisation zur Rechenschaft ziehen konnten. Die technischen Fachvereine sind zum großen Teile deutschnational, aber selbst die nichtnationalen verwehren uns Juden den Eintritt. Der Unterstützungsverein gewährt in letzter Zeit an Juden keine Subventionen mehr. Dem soll und muß ein Ende gemacht werden! Der Verband soll die Interessen der jüdischen Technikerschaft nach jeder Richtung hin wahren;1 durcjlT Gründung einer technischen Bibliothek und ‘ Abonnement auf Fachzeitschriften, sowie durch Veranstaltung von Fachvertretungen, das Studium ^fördern und erleichtern. Kollegen! Es ist Pflicht eines jeden jüdischen Technikers dem Verbände beizutreten. Mitgliedsbeitrag für das Semester 2 Kronen. Anmeldungen und Zahlungen an Cand. ing. Fritz Spitzer, IV., Technik. Für die provisorische Leitung: Cand, ing. Emst Stark. Cand. mech. Josef Sachs. * ■* * Vollversammlung des Odessaer Komitees. Montag, den 9. Februar begann in Odessa in Gegenwart von 500 Delegierten unter dem Vorsitze des Ing. U s s i s c h k i n die Versammlung des Odessaer Komitees. Den Rechenschaftsbericht erstattete Ussischkin, der den Inhalt der Arbeit des Odessaer Komitees in drei Schlagworten zusammenfaßte: Erwerbung von Land, Beschaffung von Arbeitskräften und Gründung von Schulen. Die Debatte über den Rechenschaftsbericht dauerte einen vollen Tag. Die nächste Sitzung war der Debatte über das Referat Ussischkins „Die Lage im Orient und die Aufgaben desOdessaer Komitees in Palästin a“. Hierauf erstattete Agronom Lussmann ein Referat über „Die -Bodenfrage in Pajlästina“. Nach diesem Referate wurden Resolutionen in Verhandlung gezogen. 1. Betreffend die Vereinigung aller durch außenstehende Personen aus Rußland in Palästina gemachten Landkäufe in den Händen des Komitees; 2. Betreffend die Notwendigkeit der Begründung einer Agrarbank; 3. betreffend die zu unternehmenden Sammlungen und Ausgabe von Anteilscheinen. Diese Resolutionen wurden einer Kommission überwiesen. Außerdem gelangten noch folgende Punkte zur Verhandlung: Die Arbeiterfrage, das Infonnationswesen, das Schulwerk, die Organisation der palästinensischen Judenschaft. Auf die Beschlüsse der Versammlung werden wir noch ausführlich zurückkommen. Palästina. Palästinakurse. Die vom Verein „Theodor Herzl“ veranstalteten Palästinakurse nehmen Samstag, den 20. Februar ihren Anfang und dauern bis inklusive Mittwoch. Die Kurse finden im Anatomischen Institut, IX., Währingerstr. 13 und im Chem. Institut, IX., Währingerstr. 10 statt. Der Stundenplan ist von der Vereinsleitung zu beziehen. Die Inskriptionsgebühr beträgt K 10.—, für Studenten, K 5.—. Anmeldungen werden in der Zeit von 7—9 Uhr abends im Vereinslokale VIII., Alserstr. 7 entgegengendmmen. Der Eintritt ist nur gegen Vorweisung der Legitimation gestattet. * * * Jacobus Kann: Erez Isral, das jüdische Land. Jüdischer Verlag, Köln. Herr Jacobus Kann im Haag, Mitglied des Engeren Aktionskomitees ist, in der Oeffentlichkeit weniger bekannt, als seine Kollegen Wolffsohn und Warburg. Der stille und kluge Mann entstammt einer der vornehmsten jüdischen Familien Hollands und genießt in seinem Vaterlaride, dessen bedeutendster Bankier er ist, dank seiner Stellung und seiner persönlichen Vorzüge das größte Ansehen. Im Aktionskomitee entfaltet er eine stille, aber darum nicht weniger nützliche Tätigkeit. Nicht nur in finanziellen Fragen — namentlich in jenen, welche sich auf die Bank beziehen — ist sein Rat und seine Mitwirkung immer von großem Werte gewesen, auch in der allgemeinen zionistischen Politik hat er stets einen mäßigenden und vermittelnden Einfluß ausgeübt und so zur Kräftigung der Organisation beigetragen. Im Frühjahre 1907 unternahm Herr Kann eine dreimonatliche Reise nach Palästina, um sich über die Verhältnisse an Ort und Stelle zu informieren. Seine Beobachtungen veröffentlicht er soeben in einem vornehm ausgestatteten Buche unter dem Titel: j,Erez Israel, das jüdische Land“, das im Jüdischen Verlag, erschienen ist. Kann ist nicht nur als begeisterter Zionist nach Palästina gezogen, sondern auch als praktischer Geschäftsmann, dessen Blick geschärft ist für die Realitäten des Lebens. Sein Buch zeigt davon. Nirgends wird eine Schönfärberei versucht, ja es scheint sogar — namentlich in dem Abschnitt über jüdische Kolonisation — daß Kann sich absichtlich eine gewisse Reserve auferlegt, um nicht parteiisch zu erscheinen. Es zeigt von dem richtigen Urteil und von der allseitigen Bildung des Verfassers, daß er, der praktische Geschäftsmann, wie er sich selbst mit Vorliebe nennt, vollkommen klar erfaßt hat, was der jüdischen Bevölkerung jetzt am meisten nottut: gute Schulen. Er verbreitet sich ausführlich über den Lehrplan, der anzuwenden wäre und zeigt sich dabei als ausgezeichneter Kenner sowohl der .palästinensischen Verhältnisse als der modernen Erziehungsgrundsätze. An die Schilderung seiner Reise und die ausführliche Besprechung der jüdischen Kolonisation schließt Kann ein Kapitel über den Zionismus. Diese Methode: den Zionismus nicht auf Grund von Theorien zu predigen, sondern ihn aufzubauen auf die ausführlich geschilderten Möglichkeiten Palästinas, ist heute die einzig richtige und erfolgreiche für unsere Agitation. Das Buch Kan ns, aus welchem dem Leser eine ungemein sympathische und kluge Persönlichkeit entgegentritt, wird auch dem Zionismus zweifellos sehr viele neue Freunde gewinnen. Wir wollen der Lektüre nicht dadurch vorgreifen, daß wir aus dem Inhalte etwas herausgreifen. Mit besonderem Nachdruck wollen wir nur . hervorheben, daß Kann sich in seinem Buche auch über den Inhalt der „Charterpolitik“ verbreitet und darlegt, in welcher Weise er sich die Erwerbung der großen Konzession und ihre Ausnützung denkt. Wie immer man über die Charterpolitik denken mag, so muß man Kann äußerst dankbar dafür sein, daß er klipp und klar ausspricht, wie er sich dieselbe vorstellt. Denn alle Anhänger dieser Politik hüllten sich bisher in Schweigen und selbst in de»'