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Jüdische Zeitung · 1909-02-19 · 8 (19.2.1909) · p. Seite 5

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
8 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 8 JÜDISCHE ZEITUNG. Seite 5. Falsche Alarmberichte. Wien. Die „Jüdische Zeitung“ erhielt vom „H. d. D. J.“ aus Berlin folgende Zuschrift: „Der Hilfsverein der Deutschen Juden erhält über die von einigen Zeitungen gemeldeten Ausschreitungen gegen österreichische Untertanen jüdischen Glaubens in Safed (Palästina) folgendes Telegramm: Eine Reihe von österreichischen Untertanen jüdischen Glaubens wurden von der türkischen Regierung als türkische Untertanen reklamiert und die Entrichtung der Militärsteuer von ihnen verlangt. Türkische Beamte drangen in die Wohnung ein, um diese Steuer, die die österreichischen Untertanen zu entrichten sich weigerten, mit Gewalt zu erheben. Bei diesem gewaltsamen Vorgehen kam es zu Mißhandlungen einer Anzahl Juden. Der Bruder des österreichischen Konsularagenten in Safed, der kein Jude ist, versuchte durch persönliches Dazwischentreten zu intervenieren und wurde dabei durch Säbelhiebe schwer verwundet.“ Demgegenüber meldet uns die „Neue jüdische Korrespondenz“: Aus Jaffa (Palästina) erhält die „N.J. K.“ von ihrem dortigen Korrespondenten unter dem 15. Februar folgendes Telegramm: „Die von verschiedenen Zeitungen verbreitete Meldung von Judenverfolgungen in Safed, wie auch die vom Hilfsverein der Deutschen Juden gegebene Darstellung entspricht nach meinen authentischen Informationen in keiner Weise den Tatsachen. Es ist nichts derartiges vorgefallen und das ganze Gerücht ist lediglich dadurch entstanden, daß der Kaimakam einige Juden wegen rückständiger Steuern pfänden lassen mußte. Die zuerst von der Wiener „Neuen Freien Presse“ verbreitete Nachricht, die also vollständig erfunden ist, stammt offenbar aus Kreisen, die ein Interesse daran haben, die türkische Regierung — besonders auch in jüdischen Kreisen — zu di skr e d i t i ere n. Die Juden in Heer und Marine. ' Unter dem Eindrücke der Verwicklungen im Siidosten haben die Reformbestrebungen der Armeeverwaltung und Marine ein beschleunigtes Tempo eingeschlagen. Die gebesserte Finanzlage des Gesamtstaates trug dazu bei, die durch den bloßen allgemeinen Fortschritt gebotenen Erweiterungen und allgemeinen Durchbildungen des Wehrkörpers durchzuführen. Die Reorganisation der Gesamtarmee stellt sich vorläufig als ungarischer ballon d’essai dar, womit gesagt sein soll, daß es sich bei den diesbezüglichen Publikationen des „Magyarorszag“ durchaus nicht um eine bloße Ente handelte. Es ist die Rede davon, daß bei einer Erhöhung des Friedensstandes von 93 auf 125 Mann per Kompagnie 51 neue Fußregimenter errichtet werden sollen, ferner dementsprechend drei neue Korpskommanden, sowie ein Berufsunteroffizierskorps. Der Stand der beiden Akademien in Wr. Neustadt und Mödling, sowie die Zahl der Ober-und Stabsoffiziere soll eine Erhöhung erfahren. Abgesehen von diesen Projekten ist die Standeserhöhung des militärärztlichen Offizierskorps bereits erfolgt. Im Zusammenhänge mit der projektierten Reform des Militärstrafprozesses sowie wegen der Häufung der militär-juristischen Agenden steht die Aufstellung einer juridischen Sektion im Reichskriegsministerium unmittelbar bevor. Dadurch ist die erste Vorrückung des Auditoriats in die vierte Rangsklasse und eine Standeserhöhung bedingt. Gleichzeitig wurde vom Kaiser eine Vermehrung in den einzelnen Chargen der Auditoren genehmigt, und zwar um 34 Personen, eine verhältnismäßig hohe Zahl. Auch im Marineoffizierkorps wird nach den neuesten organischen Bestimmungen der Friedensstand des Seeoffizierkorps, das heißt der für die Schlachtflotte disponiblen Offiziere, 741 betragen, ferner 82 Aerzte. Dabei sind Ingenieure und Beamte nicht gezählt. Durch diese Reorganisation, die im Interesse der Wehrmacht und der Großmachtstellung der Monarchie liegen, wird mit einem Male hunderten von Intelligenzen die Möglichkeit eines ehrenvollen Lebensberufes geboten, es werden hunderte neue Stellen geschaffen, die nach dem Gesetze allen Staatsbürgern in gleicher Weise zugänglich sein sollen. Das ist ein Umstand, der für uns Juden in Oesterreich von besonderer Bedeutung sein sollte. Nicht um ein „Eindringen des jüdischen Elementes“ in die Armee und Marine handelt es sich, sondern um die Erschließung neuer Berufe, neuer Existenzmöglichkeit für die jüdische Intelligenz, die bei einem Volke ohne Bauernschaft und Industriearbeiter dominiert. Die Gleichberechtigung der Juden ist zwar nach der Assimilantentheorie schon 61, respektive in vollem Umfange, 42 Jahre alt, in der Praxis ist aber der Kampf darum jederzeit aktuell. Es wäre vielleicht höchste Zeit, diesen Kampf jetzt frisch und fröhlich aufzunehmen. Vor allem müssen der jüdischen Oeffentlichkeit einige Aufklärungen gegeben werden. Aus der unbedingten Beförderung geeigneter jüdischer Aspiranten zu Reserveoffizieren darf nicht auf Judenfreundlichkeit geschlossen werden, vielmehr erscheint der Bedarf an ausgebildeten Reserveoffizieren für den Mobilisierungsfall, vor allem bei der Traintruppe, niemals voll gedeckt, wozu noch die schwer zu umgehenden Bestimmungen des Wehrgesetzes kommen. Daß im Berufsstande nach einer kurzen oesserung nach dem Okkupationsfeldzuge eine planmäßige Zurücksetzung und Verdrängung des jüdischen Elementes aus dem Offizierskorps der Wehrmacht bald zur völligen Judenreinheit derselben führen wird, ist maxime notum und braucht daher weder erörtert noch bewiesen zu werden. Analog dem Zivilstanddienst wird dieser Zustand durch Präterierung, Schikanen und Nichtzulassung zum Zögling, Kadetten oder Berufsoffiziersaspiranten erreicht. Der ehemalige Chef des Auditoriats und der Chef des militärärztlichen Offizierskorps GOSt. A. Dr. v. Uriel machten aus ihren Bestrebungen keinen Hehl. An Aspiranten wurde die direkte Aufforderung gerichtet, den Taufschein beizubringen. Man steht hier vorläufig noch auf dem Standpunkte, hie und da getaufte Juden aufzunehmen. In gewissen militärischen Körpern, zum Beispiel Garde, Generalstab und Marine, wird es selbst Renegaten schwer oder unmöglich gemacht, unterzukommen. Die Generalität war bis vor kurzem Juden ganz verschlossen, und man darf sich mit den drei erfolgten Ernennungen nicht begnügen, da zwei davon im Ruhestande erfolgten und im dritten Falle das Verhalten der „Kameraden“ das baldige Ausscheiden des Ernannten aus der Aktivität herbeiführte. Das Verdienst hiebei gebührt wohl ausschließlich dem Gerechtigkeitssinn des obersten Kriegsherrn. In der Marine stellte sich die Erhebung des Ingenieurs Spitzer in den Generalsrang als letzter Versuch dar, diese Weltkapazität im Schiffbau der k. u. k. Marine zu erhalten. Verfasser dieses, dem die Geschichte der Juden in der Wehrmacht ziemlich geläufig ist, kennt nur einen jüdischen Seeoffizier, der der Marine übrigens vor Jahrzehnten angehört hat, Linienschiffskapitän Fink (oder P i c k). Nach Anführung dieser vielfach bekannten Tatsachen sei an die jüngsten Bestrebungen erinnert, die hier Wandel schaffen wollen. In den Delegationen des letzten Kurienparlamentes erhob zuerst Dr. Straucher seine Stimme gegen die Zurücksetzung der Juden im militär-ärztlichen Dienste. Wie später der österreichische Minister für Landesverteidigung, verfiel gegenüber seiner Interpellation der Reichskriegsminister auf die unglückliche Idee, den Prozentstandpunkt einzunehmen. Erstens stimmte die Rechnung schon an und für sich nicht und dann haben ja die Juden nach dem Gesetze nicht nur Anspruch auf das Aerztekorps. Was würde der Minister sagen, wenn dem Prozentsätze entsprechend in die Arcierengarde ein Jude, in den Generalstab Juden aufgenommen werden, wenn Juden nach dem Prozentsätze zu Generalen der Infanterie oder Kavallerie ernannt werden müßten? Bei der Marine sind diese Prozente durch Jahrzehnte derart angewachsen, daß sie selbst ohne Zinseszins ein mehrfaches des ganzen Korps ausmachen würden. Seit wir Juden in Oesterreich als Volk im Parlament vertreten sind, sind wir in der Lage, den Kampf um unsere Gleichberechtigung in der Wehrmacht auf legale und loyale Weise zu führen. Wir dürfen aber nicht nach der Manier unserer Vorfahren in der Politik die Humanität, den Fortschritt anwinseln, sondern, ebenso wie die Deutschen in Böhmen, uns auf den Standpunkt stellen, daß wir unserer Steuerleisfung entsprechend Berücksichtigung verlangen. Es ist ja nicht schön, daß man uns vom Offiziersstande ausschließt, aber in der Politik herrscht nicht das Gefühl, sondern nur die Macht. Und es kann zu einer Abstimmung im Volkshause kommen, die die Wehrmacht betrifft und bei welcher die vier jüdisch-nationalen Stimmen den Ausschlag geben. In keinem Staat wird soviel verwaltet wie bei uns. Dementsprechend ein Heer von Beamten, deren Zahl und Bezüge wiederholt vermehrt werden. Die Juden schließt man aus. Nun sollen hunderte von Offiziersstellen, zum Teil aus jüdischen Steuergeldern, geschaffen werden. Es muß unter den Juden in Oesterreich die Parole ausgegeben werden, daß sich ein neuer Berufszweig für sie eröffnet, und energisch muß der Widerstand mit unseren täglich anwachsenden politischen Machtmitteln bekämpft werden. Man muß den jüdischen Offizier ebenso häufig finden, wie in den beiden romanischen Armeen, deren jüdische Staatsbevölkerung bei weitem geringer ist als in Oesterreich- Ungarn, das zirka zwei Millionen Juden zählt. Wenn diese Tendenz den Deutschen in Böhmen abgelauscht ist, dann muß zum Schlüsse eine ethische Seite berührt werden. Nicht Erwerbsucht ist es, die den Juden zum Offiziersstande führt, es ist der ethische und intellektuelle Hochstand des Volkes, es steckt in vielen Individuen die Lust zum Stande und die Liebe zu Oesterreich. In einer Zeit, wo ein Graf Adalbert Sternberg in das Dragonerregiment des künftigen Thronfolgers aufgenommen wird, sei daran erinneit, wieviele tausend Juden, Offiziere und Mannschaften, auf den Schlachtfeldern in Italien, Schleswig-Holstein und Böhmen, wie viel im Okkupationsfeldzuge und in der Krivoscie gekämpft und geblutet, wie viele ihren letzten Seufzer für Oesterreich ausgehaucht haben. Sie haben darum gekämpft, daß von unserer Generation die Schmach genommen werde. Hanns F. Budapester Brief. . Von unserem Korrespondenten. Die Führer der im Zeichen der christlichen Nächstenliebe wirkenden katholischen Volkspartei scheinen an Größenwahn zu leiden. Da laut den geheimen Satzungen der ehrwürdigen Partei wahrscheinlich kein Tag vergehen darf, ohne daß den Juden ein Hieb versetzt wird und die Debatte über die Steuervorlage bereits erschöpft ist, galt es diesmal gegen die Masseneinwanderung der

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