Jüdische Zeitung
- Journal
- Jüdische Zeitung
- Volume
- 3 (1909)
- Issue
- 8 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 8 Aus dem jüdischen Leben. Dreihundert jüdische Familien in Messina. Wien. Bekanntlich wurde nach dem schrecklichen Erdbeben in Italien allgemein behauptet, daß in Messina fast gar keine Juden gewohnt hätten. Nun erklärt Dr. Leon Album im „American Hebrew“, daß diese Behauptung nicht den Tatsachen entspricht. Er selbst habe Messina noch vor wenigen Jahren besucht. Da er sich stets für seine Glaubensgenossen interessiere, habe er auch für die Juden in Messina sich interessiert, und gefunden, daß damals dort ungefähr dreihundert jüdische Familien gelebt haben, die aus den verschiedenen Ländern stammten. Er habe dort russische, österreichische, griechische, rumänische und italienische Juden gesehen. Wie von anderer Seite berichtet wird, habe der Rabbiner in Neapel in den dortigen Spitälern bis jetzt zwei jüdische Verwundete entdeckt, ein junges Mädchen aus Modena und einen Herrn aus Mantua. Das ist alles, was sich bis jetzt an jüdischen Opfern der Katastrophe ausfindig machen ließ. * * * Die Juden in Schweden. Wien. In einem interessanten Aufsatze des Petersburger „Fraind“ wird erzählt, daß Schweden, aus Furcht vor den Juden, Gesetze gegen diese erließ, bevor noch Juden im Lande wohnten. Die betreffenden Gesetzesparagraphen lauteten: „Kein Jude darf in Schweden wohnen, Ware kaufen oder verkaufen. Führt ein Schiff einen Juden an Bord, und dieses Schiff wird in der Nähe einer schwedischen Küste beschädigt, so muß das Schiff so schnell als möglich repariert werden, damit es so schnell als möglich denjuden Wiederaus dem Lande bringe. Wird ein Jude auf seiner Durchreise in Schweden krank, so sollen ihm die besten Aerzte und die teuersten Medikamente gesandt werden, damit er rasch gesund werde und das Land verlassen könne.“ Der erste Jude, der in Schweden Fuß faßte, war der hervorragende Graveur Ahron Isak, gebürtig aus Treunbitzen bei Berlin. Mit Empfehlungsschreiben von Kunden aus dem hohen Adel ausgerüstet - unter anderem hatte er eine warme Empfehlung an den König von Schweden - wagte der seinen Beruf im Umherziehen Ausübende 1774 die gefahrvolle Reise. Seine schwedische Reiseroute lautete: Uster, Malmö, Christianstadt, Gothenburg, Stockholm. Ueberall wurde er wegen seiner in Schweden seltenen Kunst gut aufgenommen, nach einigen Wochen aber ausgewiesen, und nur in Stockholm gelang es ihm unter vieler Mühe und nur auf besonderen königlichen Befehl, sich dauernd niederzulassen. Er stand bei dem königlichen Hofe bald in solch hoher Gunst, daß er auch für seinen Bruder Mordechai und den Silberhändler Abraham Pak mit deren Familien das Wohnrecht erwirkte, womit er den Grundstock zur Stockholmer jüdischen Gemeinde legte. * * ♦ Also darum! Berlin. Aus Petersburg wird der „N. J. K.“ von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: In einem Interview mit dem Vertreter eines innerrussischen Blattes hat der Dumapräsident Chomjakow wieder einmal Gelegenheit genommen durch Aeußerungen über die Judenfrage zu beweisen, daß er das Zeug zu einem hervorragenden Staatsmanne besitzt. Er sagte: „Ich betrachte die jüdische Frage folgendermaßen: Den Juden ist so manches verwehrt, sie dürfen nicht überall wohnen etc., aber wenn der Jude etwas Geld hat, so gelingt es ihm leicht, alle Hindernisse zu umgehen, und der Unterschied zwischen uns Russen und den Juden besteht eigentlich nur darin, daß die Juden für v i e 1 e s zahlen müssen, was wir Russen umsonst haben. Offen gesagt, wenn wir hier auf unsere Polizei Rücksicht nehmen wollten, dann dürften wir das Projekt der Abschaffung des jüdischen Ansiedlungsrayons nicht annehmen. (Denn das Bestehen aller dieser Beschränkungen ist natürlich für die russischen Polizeibeamten eine dauernde Quelle regelmäßiger Bestechungseinnahmen, die in Rußland so alltäglich sind, daß man sie als völlig selbstverständlich betrachtet. Der Referent.) Wollten wir aber der Polizei einen Schabernack spielen, so müßte die Reform durchgeführt werden." Diese profunde Staatsweisheit gibt der Präsident in der russischen Reichsdiima dem aufhorchenden Rußland zum besten! Bekanntlich hat derselbe Herr sich früher einmal dahin geäußert, daß er sehr froh sein würde, wenn er eines Morgens erwachte, und es in Rußland keine Juden mehr gäbe. Aber diese sympathische Gefühlsäußerung war doch immer noch erheblich ernster als die Albernheiten, die Herr Chomjakow jetzt zu verzapfen geruht. * 1 * * Jüdisch-Dramatischer Klub. Lemberg. Unsere sogenannte „jüdische Bühne“ läßt schon seit Jahren um . sich gelinde auszudrücken — sehr viel zu wünschen übrig. Und alle Bemühungen sowohl seitens der jüdischen Presse wie auch seitens mancher Privatpersonen, Freunde der jüdischen Kunst, können, dank der Starrsinnigkeit der Theaterdirektoren und ihrer Furcht vor schlechten Kassaerfolgen keine Besserung herbeiführen. Gesinnungsgenosse cand. jur. Spitzer beantragte vor zwei Jahren die Gründung eines jüdischen Theaterkomitees, bestehend aus Akademikern und sonstigen Freunden der jüdischen Kunst, welches dem Theater gute Stücke und auch ein zahlreiches Publikum zuführen sollte. Auch sollte ein Mitglied des Komitees, ein sehr begabter Dilletant, die Regie dieser Stücke übernehmen. Es wurden Unterhandlungen mit dem Direktor eingeleitet, aber allerhand Hindernisse ließen das Unternehmen scheitern. Und jetzt wurde die Idee von ihrem Initiator neuerlich aufgenommen. Innerhalb des jüdisch-akademischen Unterstützungsvereines „Ognisko“ bildete sich ein jüdisch-dramatischer Klub, dem es gelang, mit der Direktion des jüdischen Theaters ein Uebereinkommen zu erzielen, daß in gewissen Zeitabschnitten bessere Stücke aufgeführt werden und der Klub sich verpflichtet, für einen entsprechenden Besuch zu sorgen. So werden wir schon in diesem‘Monate Gelegenheit haben, das Drama von Perez' Hirsch bein unter dem Titel: „Der T’kias Kaf“ auf dem jüdischen Theater vorgeführt zu sehen. Wir wünschen diesem Unternehmen des jüdisch-dramatischen Klubs den besten Erfolg. — m. —n. .* . * Moskauer Willkür. Moskau. Der Moskauer Generalgouverneur verweigert jetzt seit einiger Zeit den jüdischen Aerzten konsequent die Erteilung der Erlaubnis zur Errichtung von Sanatorien, und den jüdischen Zahnärzten verbietet er überhaupt die Eröffnung von Zahnateliers. Das ist eine Willkür, die keinerlei gesetzliche Grundlage hat, und die sogar in Rußland sich nur der Generalgouvemeur von Moskau erlauben darf, weil in Moskau die Juden überhaupt für beinahe vogelfrei gelten. * * * Neue Methoden der „echten Russen.“ Wilna. In Hornel hielt der Vorsitzende des dortigen „Vereines der echten Russen“ eine Rede, die hauptsächlich darin gipfelte, daß alle bis jetzt zur Ausrottung der Juden, dieser an allem Elend in Rußland schuldigen Blutsauger, gebrauchten Mittel sich als unwirksam erwiesen hätten: auch die Niedermetzelung durch die Pogrome hätten nicht den gewünschten Erfolg gehabt. Es gebe daher nur einen Weg, den verhaßten Juden beizukommen, nämlich, sie auf wirtschaftlichem Gebiete zu bekämpfen und unschädlich zu machen. Daher verfolge auch der Homeler Verein keine politischen, sondern ausschließlich ökonomische Ziele. Daß jedoch der Verband auch den politischen Kampf nicht verschmäht, geht aus der Rührigkeit hervor, mit der er in Minsk unter der Aegide des famosen Schmidt für die bevorstehenden Stadtverordnetenwahlen agitiert. * * * Der Kadett Roditschew über die Judenfrage. Petersburg. Gelegentlich der Beratungen über den Terrorismus in der Dunia hat kürzlich der bekannte Abgeordnete, der Partei der Volksfreiheit (sogenannte „Kadetten“) Roditschew, eine Rede gehalten, die außerordentlich wohltuend absticht von der Art, in der früher die Kadetten die Judenfrage in der Duma zu behandeln pflegten. Von der Rechten des Hauses war natürlich bei dieser Gelegenheit auf Kadetten, Revolutionäre und Juden weidlich geschimpft worden und namentlich den Juden wurde die Hauptschuld an dem Entstehen und Umsichgreifen des revolutionären Terrorismus zugeschrieben. Dagegen wendet sich Roditschews Rede, in der er unter anderem folgendes sagte: „Man macht uns darauf aufmerksam, daß das Zentrum des Terrors die jüdische Agitation sei und daß alle Revolutionäre und Terroristen Juden seien oder von Juden abstammen. Meine Herren! Es ist eine Unwahrheit! Aber wenn dem so wäre, Sie hätten kein Recht, sich darüber zu wundern! Denn so lange die Rechtslosigkeit und die Verfolgung der jetzt unterdrückten Bevölkerungen des Reiches andauern wird, so lange werden sie auch den Terror nicht abschaffen können. Wenn Sie den politischen Morden ein Ende machen wollen, so gibt es nur ein einziges Mittel, daß Sie nämlich Gerechtigkeit üben. Verletzen Sie nicht fortwährend das Rechtsbewußtsein, eines bedeutenden Teiles der Bevölkerung.“ Auf einen Zwischenruf hin fuhr Roditschew mit erhobener Stimme fort: „Jawohl, meine Herren, wir sind hier erschienen, um die Gleichberechtigung der Juden zu erkämpfen! Machen Sie der fortgesetzten Ungerechtigkeit ein Ende und Sie werden solche gesellschaftliche Bedingungen schaffen, unter denen politische Attentate als Massenerscheinung unmöglich sein werden. Für Rußland ist die Frage der Gleichberechtigung eine Grundfrage, und ohne diese Frage gelöst zu haben, werden Sie kein neues Rußland erleben! Nur mit der schleunigen Beendigung des alten Systems können Sie jene Stunde herbeiführen, in der Rußland eine neue Epoche des Fortschrittes und des Friedens beginnen wird.“ * * * Jüdischer Farmerkongreß. — Vom jüdischen Gemeindebund. New-York. Der „erste jüdische Farmerkonvent in den Vereinigten Staaten“, wie sich eine Tagung nannte, ist soeben hier abgehalten worden. Es waren 5000 Landwirte durch Delegierte vertreten, letztere durchweg kräftige, breitschulterige Gestalten, von denen manche schon in der zweiten oder dritten Generation ihren Unterhalt durch Ackerbau und Viehzucht erwerben. Es wurde eine dauernde Organisation gebildet und beschlossen, während des nächsten Laubhüttenfestes hier eine landwirtschaftliche Ausstellung zu arrangieren, um der Weit zu zeigen, was jüdische Farmer auf diesem Gebiete zu leisten vermögen. — Die 21. Jahrestagung der Vereinigten Jüdischen Gemeinden Amerikas hat sich gegen das Bibellesen in den öffentlichen Schulen erklärt. In neuerer Zeit sind nämlich viele junge Schullehrerinnen dazu übergegangen, vor Beginn des Unterrichtes eine Art Religionsübung stattfinden zu lassen, wobei gewöhnlich ein Kapitel aus dem neuen Testament verlesen wird. Gegen diese Gepflogenheit, die gegen die direkte Vorschrift, daß die Schule religionslos bleiben soll, verstößt, haben sich schon früher Freidenker- und Turnvereine erklärt. * * * Jüdische Kindergärten in Saloniki. Saloniki. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat in Saloniki einen Kindergarten begründet, der am 7. Februar in Gegenwart der angesehensten Mitglieder der städtischen und jüdischen Gemeinde und des Kindergartenkomitees feierlich eingeweiht worden ist. Der Kindergarten steht unter-der Patronanz des Großrabbiners Jakob M e i r. Außer ihm gehören dem Komitee des Kindergartens an: Gemeindevorsteher Jakob K a s i s als Vorsitzender, Redakteur F1 or e n t i n als Sekretär, Leon G o t i n e i n, Schulleiter, Rabbiner Baton nnd Salvador Gachon, Rechtsanwälte M. Chalfon und M. Cohn. Der Hilfsverein der Deutschen Juden hat zwei bisher an seinen Kindergärten in Jerusalem tätige Kindergärtnerinnen, die des Hebräischen mächtig sind, nach Saloniki entsandt. In den Kindergarten, der aus drei Abteilungen bestehen soll, werden zunächst 150 Kinder aufgenommen. Es ist in hohem Grade erfreulich, daß die Idee, die der Hilfsverein im Orient zur Durchführung gebracht hat, Kindergärten als Fundament des Erziehungswesens einzuführen, in immer weiterem Maße Boden gewinnt und daß die Bevölkerung an diesem Werke der Jugenderziehung im Orient nach modernen Grundsätzen solchen warmen Anteil nimmt.