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Jüdische Zeitung · 1909-02-19 · 8 (19.2.1909) · p. Seite 3

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
8 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 8 Ein Brief Dr. Nordaus. Dem in Saloniki erscheinenden, von Spaniolen herausgegebenen „Journal“ entnehmen wir folgendes: „In der letzten Zeit sind wir mit den bedeutendsten Führern der jüdisch-nationalen Bewegung der ganzen Welt in Briefverkehr getreten, um sie zu versichern, daß die Juden fortan in der Türkei als in jeder Beziehung freie Bürger leben und sich normal entwickeln können. Wir gaben gleichzeitig der Meinung Ausdruck, daß die Idee von der Eroberung Palästinas aufgegeben werden müsse. Wir haben unter vielen anderen auch von den Herren Schabotinski und Sokolow Antwort erhalten. Nachstehend die wuchtige Antwort des Herrn Dr. Max Nordau, eines der vornehmsten Parteiführer: Paris, am 14. Dezember 1908. Lieber Herr Stammesgenosse! Ich danke Ihnen sehr für Ihr sehr sachliches Angebot, welches ich an die zuständige Stelle leiten werde. Die Rede des Herrn Schabotinski entspricht vollständig meinen Anschauungen über die Beziehungen zwischen dem zionistischen Judentume und dem regenerierten ottomanischen Reiche. Wenn ich nach dem Herrn Schabotinski denselben Gegenstand behandeln wollte, so müßte ich das von ihm Gesagte wiederholen. Indes kann ich nicht einen unglücklichen Ausdruck Ihres Briefes gelten lassen und muß ihn hervorheben. Sie sagten: „Er (der Zionismus) hat nicht mehr nötig, an die Eroberung Palästinas zu denken.“ Oh, lieber Herr Stammesgenosse, sprechen Sie ernsthaft oder wollen Sie einen Witz von zweifelhaftem Geschmack machen? Wer hat je an „die Eroberung Palästinas“ gedacht? Eine solche Eselei wurde uns noch nie selbst von unseren ärgsten Feinden vorgeworfen, die sich doch nicht gescheut haben, uns zu verleumden und die blödesten und infamsten Gerüchte über uns zu verbreiten. Wir sind weder Kinder, noch Verrückte und Kretins. Eine Idiotie, wie die Eroberung Palästinas ist uns nie eingefallen und ich kann keineswegs zugeben, daß jemand ein Wort oder eine Zeile irgend eines verantwortlichen Zionisten zitiere, welche die Annahme, daß wir jemals so einen blöden Einfall gehabt hätten, rechtfertigt. Seien Sie, lieber Herr Stammesgenosse, meiner aufrichtigen Sympathien versichert, Ihres ergebenen Dr. Max Nordau. JÜDISCHE ZEITUNG. Brief aus Galizien. Von unserem Korrespondenten. Der unabhängige Dr. Groß. — Auflassung einer Baron Hirsch-Schule. Dr. Adolf Groß, Reichsratsabgeordneter von Krakau, ist die Seele der „Partei“ der unabhängigen Juden und stellt einen besonderen jüdischen Typus Galiziens dar. Er ist kein Assimiiant und ist kein Zionist, er ist kein Mittelstandspolitiker, er ist kein Sozialdemokrat, sondern bald Assimiiant, bald Zionist, bald Kleinbourgeois und bald Sozialist. Nicht nach Bedarf; sondern aus Ueberzeugung. Das Malheur eben ist, daß in seiner Brust viele Ueberzeugungen nebeneinander wohnen. Von Stimmung und Umständen hängt es dann ab, welche von ihnen dominierend wird. In seinem polnisch geschriebenen „Tygodnik“ schillert Dr. Groß in sozialistisch-assimilatorischen Farben. In der jüdisch geschriebenen Beilage ist er kleinbürgerlich-nationalistisch. Und doch ist alles bei ihm Ueberzeugung und ehrlicher Wille- Den Gipfelpunkt der Verworrenheit erreichte Dr. Groß in einem großen Aufsatz in der Krakauer Monatsschrift „Krytyka“, die vom polonisierten Juden und Literaturmakler Wilhelm F e 1 d m a n n herausgegeben wird. Dr. Groß predigt Frieden und verlangt Eintracht. Dagegen wäre nichts einzuwenden. Er verlangt, daß innerhalb der jüdischen Parteien jede die ehrliche Ueberzeugung der anderen hochhalten müsse. Auch das ist unbestreitbar vernünftig. Er verlangt, daß alle jüdischen Parteien Zusammenwirken. Dr. Adolf Groß spricht uns aus dem Herzen. Dr. Groß weist an vielen Stellen auf den Antisemitismus der polnischen Parteien hin und empfiehlt, sich in acht 2u nehmen. Stimmt. Er sagt das, was wir hundertmal gesagt haben. Hierauf predigt Dr. Groß in vefhiillter Form die Annäherung an die Polen. Da haperts. Denn die logische Folgerung aus dem oben Angeführten ist das doch nicht. Schließlich fordert er zum Kampfe gegen die Unehrlichkeit auf jüdisch-nationaler (!) und assimilatorischer Seite auf. Wie reimt sich das mit dem salbungsvollen Wunsche, Eintracht und Frieden zu wahren? Was für eine Unehrlichkeit liegt im jüdisch-nationalen Prinzip? Wie ist es möglich, zu gleicher Zeit Zusammenschluß aller jüdischen Parteien zu fordern und Annäherung an die Polen zu verlangen? Sollen etwa die„Daitschen“Kuranda und Ofner Polen werden? Auf Herrn Dr. Groß läßt sich das Heinesche Wort anwenden : „Kein Talent, doch ein Charakter.“ * « Seite 3 Um die Analphabeten unter den galizischen Juden zu vermindern und das Gewerbe zu fördern, wurden vom Baron Hirsch eine Anzahl von Volksschulen in kleinen galizischen Städten gegründet. Diese Schulen werden zwar nicht volkstümlich-jüdisch geleitet, doch entsprechen sie dem Milieu der jüdischen Kleinstädte mehr als die polnischen Volksschulen. Dort werden die jüdischen Schüler in einer ihnen unverständlichen Sprache unterrichtet und obendrein werden durch den Besuchszwang am Samstag die Judenkinder förmlich von dieser Schule feingehalten. Es ist daher bedauerlich, daß jetzt manche dieser Hirschschulen aufgelassen werden. In den letzten Wochen inspizierte Dr. Ascher aus Wien, ein Mitglied des Kuratoriums, in Begleitung freier polnischer Inspektoren die galizischen Schulen der Baron Hirsch-Stiftung. Dieser Inspektion fiel die Schule in Za leszczyki zum Opfer. Unvorsichtigerweise plauscht das „Slowo polski“ das Geheimnis aus, warum eigentlich diese Schule geschlossen wurde- Es schreibt nämlich: „Diese Schule war ein Brennpunkt der zionistischen Agitation. Zur Zeit der Reichsratswahlen agitierten die Lehrer für die jüdisch-nationalen Kandidaten.“ Wir können kaum glauben, daß das Kuratorium die Schule aus diesen Ursachen geschlossen hat. Aber ausgeschlossen ist der Fall nicht. Jedenfalls ist Dr. Ascher der Oeffentlichkeit eine Erklärung schuldig. * . * * Der Schänkeraufruf. Im jüdischen Lemberger „Tagblatt“ vom 14. d. M. veröffentlicht die Leitung des „Landesverbandes der Schänker“ einen Aufruf, in welchem die galizischen Schänker zum Beitritte zum Verbände eingeladen werden. Der Verband will der Gefahr Vorbeugen, daß im Jahre 1911, in welchem das Propinationsrecht erlischt, der gesamte Schänkerstand durch ungerechte und von schlecht informierter Seite herausgegebene Verordnungen an den Bettelstab gebracht werde. Er will Schritte unternehmen, um ein Uebergangsstadium zu schaffen. Wenn man auch vom sozialpolitischen Standpunkte aus die in Galizien herrschende Trunksucht bekämpft und daher die Auflassung vieler Schänken freudig begrüßt, so muß man jedoch Vorsorge treffen, daß ein ganzer Stand nicht vom grünen Tische aus durch Verordnungen brotlos gemacht werde. Der Verband der Schänker ist daher notwendig und seine Arbeiten verdienen Förderung. w.elche das Böse zu zerstören oder aufzuheben haben: In seinem Streben nach einer vollkommenen Welt 'schuf er den Tiger, aber der Mensch muß ihn tödten. Er hat die Bazillen erschaffen und der Mensch muß sie bekämpfen. Nur durch den Menschen kann die volle Macht Gottes in Erscheinung treten und nur durch eine riesige Kraftanstrengung der Menschen kann Gott wirklich zum Gott werden, durch Gutwerden mit dem vollkommenen Menschen. B ra i n i n: Ist das die Idee, welche Sie durch Ihre Werke zu verkünden trachten? Shaw: Ich mag ihr bisher keinen klaren Ausdruck gegeben haben, obzwar sie der Höllenszene in „Mensch und Uebermensch“ zugrunde liegt. Aber ich arbeite jetzt an einem Werke, welches meine religiösen Ideen klar aussprechen soll. Mein Wunsch, daß eine neue Rasse kommen möge, ist der Grund, aus welchem ich Sozialist bin, denn eine neueAera kann nur durch das Prinzip der Gleichheit herbeigeführt werden, durch Zerstörung der Klassenunterschiede, die nur der Sozialismus bewirken kann. Heute hat ein Mann, der wünscht, eine bessere Nachkommenschaft hervorzubringen, nur die Wahl zwischen etwa vier Frauen und vielleicht haßt er alle vier. Bei dem Prinzip der Gleichheit in der Gesellschaft hätte er vielleicht die Wahl unter 20 Millionen Frauen. B r a i n i n: Ich wage die Behauptung, daß das jüdische Volk sich der Erfüllung ihres Ideals, eine höhere Rasse zu produzieren, nähert. Durch die gräßlichen Leiden, die es erduldete, sind die Schwachen untergegangen und die Ueberlebenden sind durch den Kampf gestählt worden. Es mag Sie interessieren, daß Ihre größten Bewunderer am Kontinent Juden sind. Shaw: In England ist es ebenso. Juden sind die großherzigsten Förderer aller Art von Kunst. Mit einer kurzen Debatte über Shaws Schreibweise schloß die interessante Unterredung. Allerlei. Die Juden in Bagdad. Bagdad zähit unter seinen 100.000 Einwohnern etwa 40.000 Juden, über die im „Tour du Monde“ einige Angaben gemacht werden. Darnach ist die Kolonie nicht nur zahlreich, sondern auch mächtig und hält sich abseits von der übrigen Bevölkerung, während die christlichen Chaldäer, Syrier und Armenier (etwa 10.000 in Bagdad) sich sozial mit der mohammedanischen Bewohnerschaft mischen. Bis ins vorige Jahrhundert hielten die häufigen Kriege und die Feindseligkeiten der umwohnenden Stämme die Juden innerhalb der Mauern ihres Stadviertels eingeschlossen. Mit dem Fall der Mameluken wurden sie frei. Manche wurden Mäkler der Defterdare, mit der Finanzverwaltung der Provinz beauftragt, und bereicherten sich dadurch. Ein Jude namens David Sassun verließ 1837 infolge eines Zwistes mit seinem Chef Bagdad, machte in Buschir und später in Bombay einen Laden auf und brachte es schließlich zur Gründung eines angesehenen Handelshauses in London. In neuerer Zeit erlangte der Jude Daniel Menahem einen großen Einfluß in Bagdad; er wurde mit seinem Getreidehandel zum reichsten Grundbesitzer des Landes. Die ganze Judengemeinde warf sich nach Befreiung mit Eiter aufs Handelsgeschäft und jetzt führt sie es zum großen Teil. Ermutigt durch die wiederkehrende Sicherheit schwärmten sie in die Städte und Dörfer der Provinz aus. Das Glück David Sassuns war das Vorbild und so haben mehrere Bagdadjuden in Manchester und Marseille Handelshäuser errichtet. Ein beständiger Abstrom findet auch nach Osten statt: die jungen Leute gehen nach Indien, nach Rangoon, Singapore, Hongkong und Shanghai. Die von der Alliance Israelite in Bagdad gegründete Schule besteht seit 1865 und wird von Juden aus Bagdad, die draußen ihr Glück gemacht haben, reich unterstützt. Sie zählt gegen 1000 Schüler, die erst später (1890) errichtete Mädchenschule 420 Schülerinnen. Ferner gibt es eine Talmud-Thora-Vorbereitungsschule, die von 1200 Kindern besucht wird. Obwohl nun die Bagdadjuden sich in der Welt umsehen, verhalten sie sich dennoch äußeren Einflüssen gegenüber ablehnend. Sie tragen noch lange Kleider und einen besonderen Turban mit farbigen Mustern. Die Frauen gehen stets in den lzaro eingehüllt, das Gesicht durch einen langen Schirm verborgen, aus und empfangen keine Besuche.

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