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Jüdische Zeitung · 1909-02-19 · 8 (19.2.1909) · p. Seite 2

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Journal
Jüdische Zeitung
Volume
3 (1909)
Issue
8 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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JÜDISCHE ZEITUNG. Nr. 8 erlangen, im Geschrei der beutelüsfernen Majorität verhallen. Von der Regierung ist in dieser Richtung wenig zu erwarten, denn sie ist ihrer Zusammensetzung nach ultrareaktionär. Und so müssen auch wir Juden uns mit dem Zustande abfinden, daß unter solchen Umständen unseren Vertretern und nationalen Abgeordneten die Möglichkeit einer gedeihlichen parlamentarischen Arbeit bis auf weiteres benommen ist. Doch eröffnet sich ihnen jetzt ein anderes großes Feld für ersprießliche nationale Arbeit, für die Arbeit im Volke. Nie bot sich eine günstigere Gelegenheit, die Juden aus den fremdnationalen Lagern zu reißen und für die j ii d i s c h n a t i o n a 1 e Sache zu gewinnen. Nie ist die Verlogenheit all dieser „freisinnigen“ Parteien so deutlich zutage getreten, als gerade jetzt. All diese Parteien, denen die Juden Jahrzehnte hindurch treue Gefolgschaft geleistet, liegen jetzt im Schlepptau der antisemitischen Reaktion, nie hat man weniger daran gedacht, den Opfermut des jüdischen Parteigenossen zu belohnen, als gerade jetzt. Wer heute an die österreichischen Juden herantritt, um sie an ihre nationalen Pflichten zu erinnern, ihr völkisches Bewußtsein zu wecken, braucht nur auf die brutale Wirklichkeit hinzuweisen und muß siegen. _ st. Die jüdische Bevölkerung in Wien. Laut den vom Matrikelamt der Wiener Kultusgemeinde gemachten provisorischen Aufstellungen über die Bewegung der jüdischen Bevölkerung Wiens im Jahre 1908 sind 603 Personen aus dem Judentum ausgetreten, 151 Personen haben die jüdische Religion angenommen; 2240 Personen sind gestorben; lebend Geborene gab es im Jahre 1908 2673, Totgeburten ungefähr 250. Der natürliche Zuwachs beläuft sich somit auf 2824, die Abnahme auf 2848. Es ergibt somit ein natürlicher Gesamtverlust von ungefähr 24 Seelen. Tatsächlich dürfte die Zahl der jüdischen Bevölkerung Wiens durch den Zufluß aus der Provinz zugenommen haben. Zu bemerken wäre, daß die natürliche Abnahme vornehmlich der Verminderung der Geburten zuzuschreiben ist, da seit einigen Jahren die Zahl der zum Judentum Uebergetretenen (meistens Rücktritte) steigt, die der Austritte auf derselben Höhe bleibt und die Zahl der Sterbefälle nur geringfügigen Schwankungen unterworfen ist. Gesinnungsgenossen! Unter den günstigsten Auspizien treten wir in das Jahr des 9ten Kongresses. Die Umwandlung der Türkei in einen Verfassungsstaat hat die Vorbedingungen für die rechtliche Sicherheit, sowie für die Autonomie einer jüdischen Siedlung in Palästina wesentlich verbessert, die Vorurteile vieler jüdischer Kreise gegen die Verhältnisse der Türkei beseitigt und nicht zuletzt die Aera einer planmäßig geförderten wirtschaftlichen Entwicklung des Reiches eröffnst. Durch die zu gewärtigenden raschen Fortschritte, welche die Türkei auf allen Gebieten machen wird, ist nicht nur zu erwarten, daß die schon jetzt bestehende, in kräftigem Aufblühen begriffene jüdische Siedlung in Palästina sich in noch schnellerem Tempo entwickeln wird, sondern auch, daß ein weiteres Einströmen jüdischen Kapitals, jüdischen Unternehmungsgeistes und jüdischer Arbeitskräfte den Bedürfnissen des Landes und den Wünschen der Regierenden entsprechen, daher in immer steigendem Maße erfolgen wird. Mit froher Zuversicht nimmt das jüdische Volk Anteil an der Verjüngung des Türkischen Reiches, die seine eigenen Hoffnungen aufs kräftigste belebt. Mit frischem Mute verdoppeln wir unsere Anstrengungen, unsere Arbeit für die nationale Wiedergeburt unseres Volkes. Indes unsere politische Leitung erfolgreich bemüht ist, Parlament und Regierung der Türkei über unsere Pläne zu unterrichten und für unsere Arbeit wichtige Konzessionen zu erlangen, schreitet unsere praktische Arbeit in Palästina rüstig vorwärts. Der großartige Plan der Landentwicklungsgesellschaft (The Palestine Land Development Co.) — jüdische Proletarier in immer steigender Zahl zu Bauern in Palästina zu verwandeln, ist in Ausführung begriffen, das Palästinaamt entwickelt sich zu einer wertvollen Zentralstelle unserer planmäßigen Arbeit, der Nationalfonds trägt zur Förderung der jüdischen Wirtschaft das Seinige bei. Die Bank dehnt ihre unschätzbare Tätigkeit in Palästina immer mehr aus und hat durch Errichtung einer Niederlassung in Ko n st an ti n ope 1 festen Fuß im Zentrum des türkischen Reiches gefaßt, die Kolonien und das Schulwesen entwickeln sich aufs beste und zu der geplanten Technischen Hochschule in Haiffa haben die zionistischen Institutionen nach Kräften beigetragen. Gesinnungsgenossen! Mit Freude und Stolz müßt Ihr heute Euere zionistische Gesinnung durch das unerschütterliche Bekenntnis des Baseler Programms und die Zahlung des Schekel dokumentieren. Groß und imposant muß die Zahl derer sein, die bei der Heerschau des 9ten Kongresses der zionistischen Organisation angehören. Keiner von Euch versäume durch Zahlung des Schekels sein Wahlrecht und damit das Recht, bei den wichtigen Verhandlungen des nächsten Kongresses seine Stimme in die Wagschale zu werden, zu wahren.! Gesinnungsgenossen! Benützet die günstige Zeit zur Zerstreuung der Vorurteile die in manchen jüdischen Kreisen noch gegen den Zionismus bestehen und werbet neue Anhänger! Wir haben den Monat März als Schekel monat bestimmt und rufen Euch zur fleißigen Schekelsammlung auf. Wir vertrauen auf Euren bewährten Eifer. An die Arbeit! Mit Zionsgruß Zionistisches Zentralkomitee für Westösterreich Der Präsident: Dr. Isidor Margulies. sondern bei Engländern. Der Grund liegt in der 'Geistesschärfe der Juden. Der Engländer liebt die Geistesklarheit nicht und schreckt sogar vor ihr zurück. Er liebt die Unklarheit. Es ist damit so, wie Cromwell sagte: „Niemand geht so weit, als derjenige, der nicht weiß, wie weit er geht.“ In der Tat: den Engländer verwirrt seine Unklarheit. Antonio im „Kaufmann von Venedig“ war kein typischer Engländer; er wußte nicht, was der Schein enthalte und wurde wütend, als er darauf kam. So fern es sich um geschäftliche Abmachungen handelt, fand ich die Juden höchst korrekt und bin nie von ihnen getäuscht worden, was ich von Engländern, mit denen ich zu tun hatte, nicht behaupten kann. Daraus können Sie meine Meinung über die Juden entnehmen. Ich war sehr betrübt, daß sich Dr. Nordau wegen eines Briefes von mir beleidigte, der voriges Jahr in einer deutschen Zeitung erschien. Ich hatte nicht im mindesten eine beleidigende Absicht, aber offenbar leben die Menschen auf dem Kontinent in einer so empfindsamen Atmosphäre, daß das Wort „Jude“ einen Beigeschmack von Geringschätzung hat, während ich es als Kompliment auffaßte. B r a i n i n: Ich las den Brief, den Sie erwähnen, und war betrübt, daß Nordau sich über ihn beleidigt, obzwar ich darin nichts Beleidigendes finde. — Ich würde gerne .von diesen rein jüdischen Angelegenheiten auf solche allgemeinen Interesses übergehen. Ich fühle, wir stehen am Vorabend großer Ereignisse, an der Schwelle eines großen Ideenumschwunges. Können Sie uns sagen, wie sich diese neue Aera in Ihrem Kopfe malt und wie Dramatiker ihr Nahen beschleunigen können? Welche Botschaft künden Sie der Welt? Shaw: Ich sehe weder solch eine Gährung, noch habe ich der Welt irgend etwas zu verkünden, auch sehe ich nicht die Entwicklung einer neuen Rasse. Nebstbei bemerkt, ist Fortschritt nicht durch Sprünge möglich, sondern nur durch langsame Entwicklung. Mir scheint, daß die brennende Frage heute die Lösung jenes sozialen Problems ist, welches durch die Anhäufung der Menschen in den Grosstädten entsteht. Die moderne Wohlfahrtsbewegung kann es nicht töten. Deshalb brauchen wir eine neue Rasse, eine Rasse von Uebermenschen. Brainin: Auf welchem Wege hoffen Sie diese neue Rasse zu erzielen? Shaw: Diese Frage sollte einem Gott, nicht einem Menschen gestellt werden. Erstens sind wir uns nicht klar, was für Art Mensch wir brauchen. Es genügt nicht, zu wissen, daß es keine Narren und Trunkenbolde sein sollen. Und wenn Sie sagen, wir brauchen gute, tugendhafte Männer, frage ich: Was ist gut, was ist Tugend? Es ist kein Zweifel, daß, bevor wir neue Ideen fassen können, wir mit einer Menge alter brechen müssen. Zum Beispiel müssen wir die darwinistischen Ideen über Fatalismus und Determinismus aufgeben, jene Ideen, die bereits fünfzig Jahre geherrscht haben und die dadurch, daß sie alles als „vorher bestimmt“ erklärten, der Menschheit Wille, Vorsatz und Energie raubten. Brainin: Das gebe ich gerne zu und als Jude, welcher die Wiedergeburt seines Volkes wünscht, fühle ich die Notwendigkeit, diese Ideen zu zerstören. Shaw: Um die neue Aera zu unterstützen, müssen wir auch mit der Vorstellung eines furchtbaren und allmächtigen Gottes brechen, an deren Verbreitung die Juden am meisten schuld sind. Brainin: Aber im alten Testament wird fortwährend von einem gütigen Gott gesprochen und die kirchliche Vorstellung von Gott als unserm Vater wurde vom Judentum übernommen. Shaw: Aberder jüdischeGlaube siehtGott nicht "als schwach und hilflos an; das wäre jene Vorstellung, welche ich laut verkünden möchte. Gott ist tatsächlich ohnmächtig und kann nichts allein vollbringen. Er wirkt durch die Hände und Köpfe der Menschen

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